Vorworte

Ein Hexentanz der Vorurteile

Über Bücher, die kommen. Von Angela Schader
19.05.2025. Identität. Intersektionalität. Wokeness. Eine Bewusstwerdung, begonnen im Interesse der Offenheit und Toleranz, droht sich ins Gegenteil zu verkehren und bietet rechtslastigen Kräften damit willkommene Angriffsflächen. Der Zeitpunkt für die Wiederentdeckung von William Gardner Smith könnte besser nicht sein: In zweien seiner Romane geht der Afroamerikaner das Thema Rassismus auf äußerst unorthodoxe Weise an.
William Gardner Smith
Ausgerechnet Deutschland. Ausgerechnet Deutschland anno 1946, kriegsverwüstet und noch im Schatten des nationalsozialistischen Rassenwahns, beschert den afroamerikanischen Besatzungssoldaten ein Erweckungserlebnis. Deutsche Frauen neigen sich ihnen unbefangen zu, ihr dunkler Teint erntet wohlgefällige Blicke, sie bewegen sich als Menschen unter Menschen, so dass einer der GIs vor der Rückkehr in die USA klagt, er werde die dortigen Verhältnisse nie wieder so hinnehmen können wie zuvor. "Es wird mich innerlich verbrennen, vielleicht sogar mit Hass erfüllen. Denn ich werde immer die Ironie in Erinnerung haben, dass ich nach Deutschland gehen musste, um Demokratie zu finden."

Ironie? Das skizzierte Szenario tönt schon eher nach einer ziemlich abgedrehten Satire. Die Ironie liegt - jedenfalls für heutige Leser - vielmehr darin, dass der Roman, der es entwirft, nicht nur ernst gemeint, sondern von gelebter Erfahrung inspiriert war. "Last of the Conquerors", 1948 erschienen und (wohl verständlicherweise) nie ins Deutsche übersetzt, war das Debütwerk des afroamerikanischen Schriftstellers William Gardner Smith (1927-1974), der nun mit "Gesicht aus Stein", seinem 1963 publizierten letzten Roman, der hiesigen Leserschaft vorgestellt wird. Das Original, "The Stone Face", wurde unlängst auch in den USA neu aufgelegt; zuvor war Smith im angelsächsischen Sprachraum weitgehend in Vergessenheit geraten. Dies, obwohl allein schon seine Lebensgeschichte bemerkenswert ist: Man möchte ihr einen ansprechenderen Rahmen wünschen als das eher schmale und typographisch unschön präsentierte "Portrait of an Expatriate", das der Literaturwissenschaftler LeRoy S.Hodges, Jr. 1985 vorlegte.

William Gardner Smith wuchs in South Philadelphia auf, einem Arbeiterquartier, in dem sich neben Afroamerikanern auch europäische Immigrantengemeinschaften angesiedelt hatten. Seinen leiblichen Vater kannte der Junge nicht, sein Verhältnis zum Stiefvater war distanziert, aber die in kargen Verhältnissen lebende Familiengemeinschaft gab ihm Halt. So erinnert sich Smith, wie er und seine Geschwister früh zu arbeiten begannen, "wie wir zusammenspannten, als Clan, dominiert vom starken Geist meiner Großmutter, und wie wir alle unseren Lohn an die Familie abgaben, damit die Familie als Ganzes überleben konnte".

Gerade für William bedeutete das faktisch einen kühnen Spagat. Da ist einerseits der Neunjährige, der als Ausläufer eines Lebensmittelgeschäfts seinen Karren durch die Straßen schiebt, und dann der Heranwachsende, der Zeuge wird, wie seine Altersgenossen in der "sozialen und spirituellen Misere des Ghettos" innerlich aufgezehrt werden. Sie hassen, wie er später schreiben wird, "die ganze Welt, die sie umgibt, die schwarze wie die weiße. Die schwarze, weil sie in dieser schimmligen, lichtlosen, demütigenden, traumlosen Skorpionengrube lebte; die weiße, weil sie sich's gutgehen ließ, mit Licht und Gelächter und Geld und Sorglosigkeit und Überheblichkeit und Prestige, und weil sie irgendwie verantwortlich war für das Leben, das wir führten." Und da ist andererseits der hochbegabte Junge, der nach der Primarschule in die afroamerikanische Barrat Junior High School eintritt, beim IQ-Test stolze 122 Punkte holt und mit entsprechend glänzenden Leistungen aufwartet. Nicht nur das: William ist auch Captain des Fechterteams, Herausgeber der Schülerzeitung und des Jahrbuchs, Richter am Student Court und Delegierter beim Schülerrat. Nach dem Schulabschluss erhält er Stipendienangebote von der Howard- und der Lincoln-Universität - und lehnt ab. Journalist will er werden, weil er glaubt, dass diese Arbeit seinen literarischen Ambitionen zugutekommen wird. Die afroamerikanische Wochenzeitung Pittsburgh Courier empfängt ihn mit offenen Armen; im Februar 1944 tritt er die Stelle an und geht an der Seite eines erfahrenen Kollegen investigativen Themen nach.

Knapp zwei Jahre verbringt er so. Im Dezember 1945 wird er von der Armee einberufen, im folgenden Sommer in die amerikanische Besatzungszone geschickt, wo er für acht Monate als Kompanieschreiber in Berlin amtet. Anfang Februar 1947 kehrt er heim, klemmt sich hinter den Küchentisch und beginnt an dem Manuskript zu arbeiten, das er schon während der Rückreise in die USA in Angriff genommen hatte. Nochmals acht Monate, und er kann das Werk zur Publikation anbieten. Der renommierte Verlag Farrar, Straus and Company meldet sein Interesse gleich per Telegramm. Gerade mal einundzwanzig ist William Gardner Smith, als "Last of the Conquerors" im August 1948 in den Handel kommt.

Worum geht es in dem Buch? Ins Auge springt jene eingangs erwähnte deutsch-afroamerikanische Idylle, die sich im Roman rund um die Beziehung zwischen dem GI Hayes Dawkins und Ilse Mueller entfaltet; die beiden begegnen sich im Berliner Quartier der US-Besatzungstruppen, wo Ilse im Sekretariat arbeitet und Hayes, wie sein Schöpfer, als Kompanieschreiber eingesetzt wird. Doch durch diese Liebesgeschichte weht der immer schärfere Wind, den die dunkelhäutigen Soldaten von der eigenen Seite her zu spüren bekommen. Hayes und seine Kameraden werden von einem Tag auf den andern ins provinzielle Bremburg verlegt, das sich grau und öde unter einen wolkenschweren Himmel duckt. Hier sei die Hölle für ihresgleichen, warnt der schwarze Fahrer, der sie zur Garnison bringt. Und dies nicht der Einheimischen wegen, sondern weil die US Army in dieser Region die afroamerikanischen Soldaten konzentriert, um möglichst unauffällig spezifisch auf Schwarze zugeschnittene, diskriminierende Verfügungen umsetzen zu können. Dazu gehören Alltagsschikanen, später auch ein perfides Vorgehen, das sie bei der Entlassung aus dem Dienst massiv benachteiligt und ihnen - ohne ihr Wissen - den Weg in eine gesicherte Zukunft verstellt.

Brennend gern wüsste man, in welchem Maß das im Buch entworfene Bild der Deutschen den Realitäten entspricht, die Smith während seiner Einsatzzeit antraf. Verweise auf die Gräuel der Nazizeit sind rar im Roman, Missklänge im Austausch zwischen Einheimischen und den Afroamerikaner gibt es kaum. Die Bereitschaft der Frauen, sich auf Liaisons mit den GIs einzulassen, dürfte heutige Leserinnen zumindest insofern irritieren, als es den Männern in der Regel ausschließlich um Sex geht; dass sogar eine als ernsthaft und sensibel gezeichnete junge Frau wie Ilse ihren Verehrer gleich beim ersten Besuch in der Wohnung, wo sie mit Onkel und Tante lebt, auch mit ins Bett nimmt, macht zumindest stutzen. Zum Hochamt der deutsch-amerikanischen Freundschaft gerät dann die opulente Weihnachtsfeier, zu der die GIs in Bremburg die deutschen Ortsansässigen einladen. Das Fest setzt zwar einen Kontrapunkt in jene zunehmend finstere Passage des Romans, aber es hätte nicht geschadet, mit dem Zuckerguss ein wenig zu sparen.

Trotzdem: "Last of the Conquerors" ist ein frappierend eigenwilliger Roman, der quer im historischen Raum steht und gerade deshalb auch Rückschlüsse auf das Ausmaß der Wut und des Leidens zulässt, die hinter dem Szenario stehen. Mit dem Buch machte William Gardner Smith sich einen Namen, und nach seiner Heirat mit der Schul- und Studienfreundin Mary Sewell wurde die Wohnung des jungen Paars Ende der Vierzigerjahre zu einem angesagten literarisch-politischen Salon in Philadelphia. Intellektuelle und Kulturschaffende tauschten sich dort mit Linken jeder Couleur aus, und laut Hodges "schienen auch Liberale, Demokraten, Republikaner, schwarze wie weiße, um William Gardner Smiths Aufmerksamkeit zu wetteifern". In einem anlässlich der amerikanischen Neuauflage von "The Stone Face" erschienenen Essay beleuchtet der Literaturwissenschaftler Alan Wald die politische Dimension von William Gardner Smiths Leben und Denken; der Beitrag ist eine wertvolle Ergänzung zu Hodges' Biografie.

In jenen Jahren arbeitete der Schriftsteller jedoch an einem Roman, der so gut wie nichts mit den Debatten zu tun hatte, die in seinem Wohnzimmer ausgetragen wurden. "Anger at Innocence" heißt das 1950 publizierte Buch, dessen Handlung, mit einer einzigen Ausnahme, von weißen Figuren getragen wird. Die im Titel aufgerufene Unschuld verkörpert Theodore Hall: Von Kind auf zaghaft und fremd im rauen sozialen Klima von South Philadelphia, hegt er später dichterische Ambitionen, verdient sein Geld aber als Nachtwächter. Mittlerweile geht er auf die Vierzig zu und ist fast das halbe Leben mit Sylvia verheiratet, die ihm die körperliche Liebe längst aufgekündigt hat. Dann allerdings bringt eine junge Taschendiebin Theodores Leben in Aufruhr: Zwischen ihm und der attraktiven Streunerin Rodina beginnt ein Magnetismus zu wirken, der den farb- und mutlosen Mann von der Seite seiner Ehefrau reißt. Gerade Theodores unverbrüchliche Güte und Zugewandtheit bindet Rodina an ihn; umgekehrt hat die temperamentvolle Neunzehnjährige alles zu bieten, was der hinter ihrer Biederkeit recht manipulativen Sylvia abgeht. Die treibt ein listiges Spiel mit dem entlaufenen Gatten und einem anderen Mann, auch auf Rodinas Seite treten Rivalen ins Spiel. Der schlagkräftigere, bösartigere ist ihr einstiger Liebhaber Hucks, der tragischere und tückischere der Mexikaner Juarez: Zumindest am Rande trägt er die toxische, aus Leid und Hass gemischte Befindlichkeit diskriminierter Minderheiten ins Geschehen.

Hodges nennt diesen Roman "assimilationistisch" und verweist zu Recht auf Schwächen in Handlungsablauf und Charakterzeichnung; die Rezensionen fielen entsprechend aus. Und während der Entstehungszeit des Buches war auch die Ehe der Smiths brüchig geworden. In der Hoffnung, die Krise in einem neuen Umfeld zu überwinden, übersiedelten sie im Oktober 1951 nach Paris, ermutigt durch das glänzende Zeugnis, das afroamerikanische Expats - etwa der Schriftsteller Richard Wright oder der Journalist und Kriegskorrespondent Roi Ottley - dem liberalen Umgang der Franzosen mit Menschen anderer Herkunft ausstellten. Die zerrüttete Beziehung vermochte der Ortswechsel nicht zu retten; doch immerhin gelang Smith in den ersten zwei Jahren ein Roman, der auf besseres Echo stieß als das Vorgängerwerk.

"South Street", so der Titel des 1954 erschienenen Buches, verschafft einerseits Einblicke in den sozialen Mikrokosmos, in dem William Gardner Smith aufwuchs - die titelgebende Straße war die Lebensader des afroamerikanischen Viertels von South Philadelphia. Im Kaleidoskop der oft kurzen, von Figur zu Figur springenden Unterkapitel bewegen sich harmlosere und bösartigere Gestalten der Halbwelt, ein opportunistischer Lokalpolitiker, aber auch mit weniger scharfem Strich gezeichnete Charaktere wie die sanfte, von allen unterschätzte Margaret oder, als heimliche Seele des Romans, eine namenlose, doch stimmgewaltige Blues-Sängerin.

Andererseits entwirft "South Street" eine Art Gegenbild zur Liebesgeschichte in "Last of the Conquerors": Hier, in Amerika, gerät die Beziehung zwischen dem Afroamerikaner Claude und der weißen Musikerin Kristin von allen Seiten her unter Beschuss und muss am Ende gegen Wunsch und Willen des Paars geopfert werden. Dies nicht zuletzt, weil in Claudes Brust zwei Seelen wohnen: Einst war er ein führender Vertreter der Bürgerrechtsbewegung, verbrachte zudem zwei Jahre in Afrika, wo er am antikolonialen Befreiungskampf teilnahm. Die Begegnung mit Kristin wird dann zu einer Art umgekehrtem Damaskuserlebnis, ihr Geigenspiel weist dem erschöpften und ernüchterten Aktivisten - wenn auch nur vorübergehend - den Weg in eine andere Welt.

Diese manchmal allzu gefühlig wirkende Wende wird zumindest teilweise aufgefangen: nicht nur durch die Schilderung der Anfeindungen, denen das Paar vonseiten weißer wie schwarzer Akteure ausgesetzt ist, sondern auch durch die Konstellation, in welcher Claude antritt. Smith gibt ihm zwei jüngere Brüder zur Seite, Michael und Philip; sie sind zugleich extreme Projektionen der gegensätzlichen Lebensentwürfe, die zur Zerreißprobe für den Protagonisten werden. Michael ist durch und durch der umgetriebene Revolutionär, doch wo Claude als politischer Führer besonnen und mit Autorität aufzutreten wusste, agiert der Jüngere fiebrig und besessen und ist gerade deshalb zum Scheitern verurteilt. Philip wiederum ist innerlich Lichtjahre von den Brüdern entfernt, längst lebt er ganz in der geistigen Welt, die sich Claude erst in der Begegnung mit Kristin erschlossen hat. Er ist es auch, der im Roman ein Kernstück von Smiths eigenem literarischem Credo formuliert: "Der kreative Mensch ist hypersensibel. Er ist eine multiple Persönlichkeit, die - um Dialektik zu schaffen - fähig sein muss, alle Seiten zu sehen, alle Menschen zu sein, alle Ohren, alle Augen."

Dieses Selbstverständnis prägt "Gesicht aus Stein" in besonderem Maß. Nach der relativ schnellen Kadenz, in der die ersten drei Romane erschienen, dauerte es neun Jahre bis zur Publikation von William Gardner Smiths meistgerühmtem Werk. In jener Periode litt der Schriftsteller, der sich mittlerweile fest in Paris niedergelassen hatte, unter der zunehmenden Entfremdung vom amerikanischen Kontext, in dem sein bisheriges Schaffen wurzelte. Zugleich hatte auch die neue Heimat einiges von ihrem Glanz verloren.

Grund war der eskalierende Konflikt zwischen der Kolonialmacht und der algerischen Befreiungsbewegung; Smith realisierte, dass die Grande Nation gegenüber den Arabern praktisch dieselben Mechanismen der Diskriminierung und Repression einsetzte, denen er mit seinem Weggang aus den USA hatte entkommen wollen. In Frankreich gipfelte die Gewalt im "Massaker von Paris" vom 17. Oktober 1961. Damals protestierten die algerischen Einwanderer mit einem großen, aber friedlichen Demonstrationszug gegen eine zuvor über sie verhängte Ausgangssperre. Die Polizei ging mit enormer Brutalität gegen die Teilnehmenden - darunter auch Frauen und Kinder - vor; die genaue Opferzahl ist nicht bekannt, sie reicht von mehreren Dutzend bis zu mehreren hundert Toten. Medien und offizielle Stellen schwiegen lange über das Ausmaß der Übergriffe: Erst sechzig Jahre später bezeichnete Präsident Macron die Verbrechen jener Nacht als unverzeihlich und anerkannte Frankreichs Verantwortung dafür.

Den staatlichen Gewaltakt überträgt Smith mit leicht veränderter Datumsangabe ins Schlusskapitel seines Romans. Er mag dessen dramatischer Höhepunkt sein, aber die interessanteste Bewegung findet auf einer breiter ausgesteckten Ebene statt. Als Hauptfigur schickt der Autor Simeon Brown vor, dessen Geschichte er eigene Erfahrungen einschreibt - nicht nur den Weg von der Euphorie zur Ernüchterung in Paris, sondern auch frühere, gewaltsame Konfrontationen mit dem amerikanischen Rassismus. Im Gegensatz zu Smith ist Simeon davon auch äußerlich gezeichnet, bei einem dieser Übergriffe hat er ein Auge verloren. Die schwarze Klappe, die er seither trägt, steht aber auch für seine anfängliche Blindheit gegenüber den französischen Verhältnissen. Er wird lernen, dass die Vorurteile, die er mit der Übersiedlung hinter sich zu lassen glaubte, sich rhizomartig durch die Gesellschaft fortspinnen und Menschen verschiedenster Zugehörigkeit erfassen.

Zunächst allerdings ist das Eintauchen in den heterogenen Pariser Kosmos eine Offenbarung für den Protagonisten. Es ist ein Landsmann, der gesellige Afroamerikaner Babe, der ihn bei schwarzen wie weißen amerikanischen Expatriates einführt und ihn mit der schönen Maria bekannt macht. Die dunkle Brille, die sie wegen eines Augenleidens trägt, verbindet sie auf metaphorischer Ebene mit Simeon, doch stärker noch als bei ihm reflektiert das Motiv zugleich Trauma und Verdrängung. Wenn die junge Frau gesteht: "Ich will Spaß haben. Sorglos sein. Alles machen, was ich will. Singen, tanzen, bunte Lichter sehen" - dann steht dahinter nicht nur die Furcht, infolge der Krankheit binnen weniger Jahre zu erblinden, sondern auch das Verlangen, der Vergangenheit zu entrinnen. Als polnische Jüdin erlebte Maria eine Kindheit in Krieg, Zerstörung und Angst, dann die Überführung ins Konzentrationslager. Und schließlich den Moment, da beim morgendlichen Appell sie selbst auf die eine, die Eltern auf die andere Seite geschickt wurden. In die Kolonne, die für den Gang in den Tod bestimmt war.

Nicht verorten kann Simeon zunächst die Menschen, die er eher aus dem Augenwinkel wahrnimmt. Sie sind "nicht wirklich weiß und ganz gewiss nicht schwarz", sie blicken mürrisch und tragen schäbige Kleidung. Nachts, in Babes Begleitung, wird er Zeuge, wie ein solcher Mann von einem Polizisten unbarmherzig zusammengeknüppelt wird, die Schreie des Gepeinigten versteht er nicht; es sei wohl ein Araber, erklärt Babe. Wenig später wird Simeon eine Situation falsch interpretieren und selbst einen Algerier gewaltsam angehen. Eine Polizeistreife greift ein - und für den Afroamerikaner wenden sich die Vorzeichen wundersam. Er wird mit erlesener Höflichkeit behandelt. Dem "Kameltreiber" hingegen schenkt man kein Gehör, traktiert ihn mit Schlägen und wirft ihn ins Gefängnis.

Diese Ereignisse inszeniert Smith als Kippmomente: Unmittelbar darauf folgen Erinnerungen des Protagonisten, die ihn - diesmal als Opfer - in vergleichbaren Situationen in den USA zeigen. Solche Engführungen können gelegentlich konstruiert wirken, doch der Autor setzt sie im Interesse der Dichte und Dynamik seiner Erzählung ein. Denn in "Gesicht aus Stein" lässt er ein wahres Karussell rassistischer Ressentiments rotieren. Etwa, wenn ein Algerier, der das zuvor erwähnte Handgemenge zwischen seinem Landsmann und Simeon und den Auftritt des Polizisten beobachtet hat, den Protagonisten tags darauf auf der Straße entdeckt und ihn mit "He! Wie lebt sich's so als Weißer?" anruft. Simeon stellt sich der Begegnung, und der Mann, Hossein mit Namen, setzt nach: "Wir sind hier die Nigger! Weißt Du, wie die Franzosen uns nennen? Bicot, melon, raton, nor'af. Nigger eben, aber auf Französisch." Der Übersetzer Gregor Runge reicht am Schluss eine kurze Erklärung nach, in welcher er den Gebrauch des "n-Wortes" und anderer mittlerweile in Verruf geratener Begriffe einordnet. Generell hat er den deutschen Text achtsam modelliert: Stellenweise sorgen kleine Verknappungen für Tempo und Rhythmus, den harten Straßenszenen in South Philadelphia oder den entspannten Wortwechseln in Babes Umfeld verleiht er das entsprechende sprachliche Kolorit, während er Marias im Original gebrochene Sprache eher dem Standard annähert - wohl im Blick auf die Tatsache, dass sie uns als angehende Schauspielerin vorgestellt wird.

Neben Hossein wird Simeon auch andere Algerier kennenlernen, findet im feinnervigen, sensiblen Ahmed sogar einen Wesensverwandten. Als er mit ihm ein algerisches Wohnquartier am Rande von Paris besucht, hat er das Gefühl, in die eigene Vergangenheit zurückzukehren: Auf diese Reise, bei der sich die schäbigen Bauten, die Billigläden, das Treiben auf den Pariser Straßen mit der Szenerie von Harlem überlagern, lädt unsere Leseprobe ein.

Eine härtere Kollision als die zwischen dem Protagonisten und Hossein ereignet sich zwischen Maria und Simeons algerischen Freunden. Maria präsentiert stolz das Armband, das ihre "Pariser Mutter" - eine begüterte Dame, die sich ihrer annimmt - für sie gekauft hat, beklagt jedoch den ihrer Ansicht nach zu hohen Preis. Sie hätten den Schmuck wohl bei einem "dreckigen Juden" erworben, bemerkt einer der Algerier in Unkenntnis von Marias Herkunft; sie sei selbst eine "dreckige Jüdin", gibt sie zurück. Für Hossein, der ebenfalls am Tisch sitzt, ist das kein Signal, den Mund zu halten. Scheinbar versöhnlich setzt er an: Die Juden seien Semiten wie die Araber und sollten doch eigentlich auf ihrer Seite stehen. Dann aber sackt der Monolog ab und landet binnen weniger Sätze bei den wüstesten antijüdischen Klischees.

Nur wenige Charaktere entkommen dem Hexentanz der Vorurteile, nicht einmal der expansive, großzügige Babe. Als Simeon ihn auf die Situation der Algerier in Frankreich anspricht und sie mit derjenigen der Afroamerikaner vergleicht, wehrt der Freund ab. Das sei etwas ganz anderes, sagt er, zwischen Frankreich und Algerien herrsche Krieg, und überhaupt: "Algerier sind Weiße. Wenn die mit Schwarzen zusammen sind, halten die sich für Weiße, täusch dich da mal nicht. Wir haben schon genug Probleme, wozu auch noch die Weißen in Schutz nehmen?"

Am Ende des Romans wird Simeon in die USA zurückkehren, um sich dort erneut für die Sache der Schwarzen einzusetzen. Das biografische Vorwort, von Adam Shatz für die amerikanische Neuauflage verfasst und auch in der deutschen Ausgabe zu lesen, verrät, dass Smith ursprünglich einen anderen Schluss vorgesehen hatte. Wie zuvor schon Claude in "South Street" sollte Simeon nach Afrika gehen, um sich dort in der Befreiungsbewegung zu engagieren. Und was Smith im Rahmen der Fiktion zweimal ins Auge gefasst hatte, wurde in seinem eigenen Leben Realität: Ende 1963, wenige Monate nach dem Erscheinen von "The Stone Face", lud ihn die Witwe des afroamerikanischen Historikers, Soziologen und Bürgerrechtskämpfers W. E. B. Du Bois nach Ghana ein, wo ihr Gatte seine letzten Lebensjahre verbracht hatte. In dem seit 1957 unabhängigen Land sollte Smith beim Aufbau des ersten staatlichen Fernsehsenders mitwirken.

Mit der Übersiedlung schien sich ein Fenster in die Zukunft aufzutun. "Ich war sofort frappiert von den sichtbaren Zeichen schwarzer Souveränität", schreibt Smith, "von den schwarzen Ministern, Konzernleitern, Kaufhausdirektoren, Zoll- und Bankbeamten, Verkäufern, und von den Produzenten, Regisseuren, Technikern und Journalisten bei Radio und Fernsehen." Er schildert das Land als gut organisiert, mit effizienten öffentlichen Diensten und einer Politik, die sozialistische Ausrichtung mit afrikanischer Tradition amalgamiere. Doch wie zuvor in Paris gewahrte er mit der Zeit auch die Schattenseiten des Nkrumah-Regimes - eine riskante Finanzpolitik und zunehmend repressive Tendenzen. Und die Schatten holten ihn ein. Im Februar 1966 putschte das Militär gegen den Präsidenten; als enger Mitarbeiter der Regierung musste Smith das Land per sofort verlassen.

William Gardner Smith: Gesicht aus Stein
Roman.
Aus dem amerikanischen Englisch von Gregor Runge.
Verlag Nagel und Kimche bei HarperCollins Deutschland, Hamburg. 304 Seiten, gebunden, 24 Euro.

Erscheint am 27. Mai 2025

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Mehr Infos beim Verlag Nagel und Kimche/HarperCollins

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