Zurück zu Angela Schaders "Vorwort".==================
Nordwärts nach Harlem. Je weiter der Bus nach Norden kam, umso grauer wirkte alles: Gebäude, Straßen, Menschen. Billigläden für Bekleidung, Möbel und Haushaltsgeräte:
Zehn Monate Ratenzahlung! Beste Konditionen! Die Beleuchtung in den Cafés wurde schummriger, die Straßen schmaler und lauter, und auf den Gehwegen waren immer mehr Kinder zu sehen. Arbeitslose Männer, die nicht wussten, wohin mit sich, standen müßig und verdrossen beieinander. Aus schummrigen Cafés und den offenstehenden Fenstern abweisender Hotels schallte arabische Musik. Und mit einem Mal patrouillierten überall Polizisten, herausfordernd in jedes Gesicht blickend, Maschinenpistolen über der Schulter.
Wie in Harlem, dachte Simeon, nur dass es dort nicht so viele Polizisten gab, aber vielleicht war auch das nur noch eine Frage der Zeit. Wie in Harlem, wie in allen Gettos dieser Welt. Die Männer hatten zwar hellere Haut, und ihre Haare waren weniger kraus, aber trotzdem ähnelten sie den Schwarzen. Sie nahmen die gleichen Posen ein, standen "weggeduckt" am Straßenrand, auf "Scherereien" gefasst, die jederzeit drohten, mit mürrischem, misstrauischem Blick, trugen weite, an den Knöcheln eng zulaufende Bundfaltenhosen, extravagante Hemden, spitze Schuhe. Fast konnte er sie sagen hören: "Was los, Kumpel?" - "Nichts weiter, Mann, will mir bloß den Bluthund da vom Hals halten und kein Aufsehen erregen." Der Bluthund patrouillierte mit seinem Maschinengewehr die Straße auf und ab. Simeon beobachtete alles ganz genau, fühlte sich an die South Street und die Lombard Street erinnert, nahm die gleiche unerträgliche Ernüchterung wahr, die gleiche Wut, die gleiche Angst, den gleichen Trotz. Wer wusste von alldem hier? Was wussten
die Anderen über all das, was wussten sie schon?
Wer außer uns, die wir hier in der Tiefe die gespenstischen Narren über uns ihre leichtfertigen Spiele spielen sahen, war
lebendig und spürte das Feuer und die Last des Lebens in seiner allzu wirklichen Gegenwart?
Straßenverkäufer riefen ihre Waren aus: Obst, Gemüse, Bekleidung. Er erinnerte sich an seine Kindheit, an die Handkarren auf der Tenth Street, an die schwitzenden Männer, die Löcher in die Wassermelonen bohrten, damit man sie probieren konnte, oder Fische abschuppten und ausnahmen oder in den Morgenstunden riefen: "Lumpen? Altpapier? Alteisen?" Und er erinnerte sich an die Essens- und Fäulnisgerüche, die sich in der Luft vermischten: Hühnchen und Kohl, Abfälle, die sich in den Nebenstraßen und Rinnsteinen anhäuften und nicht abgeholt wurden. Arabische Musik überall. Blues. Wo war hier die Stimme des Blues? Die Männer in den trostlosen Cafés spielten Flipper oder Kicker oder standen am Tresen und starrten vor sich hin, geleerte Kaffeetassen vor sich. Nirgendwo Frauen. Mit versteinerter Miene gingen die Polizisten die Straße auf und ab.
Simeon merkte, dass Ahmed ihn nicht aus dem Blick ließ und mit der Neugier eines kleinen Jungen seine Reaktionen beobachtete, wie an jenem Tag, als Hossein nach Simeon gerufen hatte.
"Wo bist du mit deinen Gedanken?", fragte Ahmed.
"Zu Hause."
Sie stiegen aus und bahnten sich ihren Weg durch die vollen, engen Straßen bis zu einem großen Café-Restaurant. Sofort fühlte sich Simeon unwohl in seinem sorgfältig gebügelten amerikanischen Anzug und dem weißen Hemd mit dem gestärkten Kragen. Männer in zerschlissenen Hosen und abgetragenen Tennisschuhen starrten ihn an, nicht feindselig, sondern fragend. Aber konnte er da sicher sein? In einer Welt, die wie ein Dschungel war? Einer der Männer hatte fast die gleiche Hautfarbe wie Simeon, aber seine Augen und seine Haare waren nicht die eines Schwarzen. Harlem! Harlem! Simeon war enttäuscht, so als hätte er erwartet, dass die Algerier lächeln, ihn in die Arme schließen und "Bruder!" rufen. Stattdessen blieben sie auf Abstand, betrachteten ihn zurückhaltend, wie einen Franzosen - oder einen Amerikaner.
Sie setzten sich, und Ahmed bestellte. Der Kellner brachte eine große Platte mit dampfendem Couscous und Hammelfleisch, darüber wurde eine rote scharfe Gemüsesoße gegossen. Simeon hatte dieses arabische Gericht noch nie zuvor probiert. Seine Zunge brannte, wie beim Hot Barbecue auf der South Street und der Lennox Avenue. Er sah sich um. Niemand achtete mehr auf ihn, er fühlte sich jetzt viel wohler.
"Ist es in den Vierteln der Schwarzen so wie hier?", fragte Ahmed.
"Ja." Simeon dachte kurz nach. "Aber die Schwarzen lachen mehr."
"Weil sie keinen Krieg führen. Keinen, in dem geschossen wird."
"Das stimmt."
Ahmed sah nicht so aus wie die anderen Algerier. Er war besser gekleidet, ausgelassener, nahm mehr Raum ein als die anderen Männer.
"Kommst du aus einer wohlhabenden Familie?", fragte Simeon.
Ahmed wurde rot. "Ja, aus einer kabylischen Händlerfamilie. Ich kann mich glücklich schätzen. Sie schicken mir Geld, damit ich studieren kann." Er sah sich um. "Die Hälfte der Männer hier ist arbeitslos. Wer Glück hat, verdient als Hilfsarbeiter sein Geld, hebt Gräben aus oder macht irgendwas anderes, wofür sich die Franzosen zu schade sind. Billige Arbeitskräfte. Dreißigtausend Franc im Monat. Wie viel ist das in Dollar?"
"Ungefähr fünfundsechzig."
"Das ist wenig, aber noch immer sehr viel mehr, als sie in Algerien verdienen würden. Ein Fünftel aller Algerier lebt von dem Geld, das diese Männer nach Hause schicken."
Wo Maria wohl war? Simeon wusste nicht, warum sie ihm plötzlich einfiel und warum er nicht schon früher an sie gedacht hatte. Wahrscheinlich war sie in Enghien, mit ihrer Pariser Mutter, im Kasino. In einer anderen Welt.
"Ist bestimmt nicht einfach, ohne die Frauen", sagte Simeon.
Ahmed nickte. "Die Frauen bleiben zu Hause. Sie würden hier nur kosten. Wahrscheinlich fragst du dich, wie es die Männer mit anderen Frauen halten."
"Ja."
"Sie kommen weitgehend ohne Frauen aus. Manche Männer gehen am Zahltag zu einer Prostituierten, wenn sie eine finden, die sie nimmt. Die meisten Französinnen würden mit einem Algerier nicht einmal ausgehen. Frauen mit starkem Charakter vielleicht, aber die sind in der Minderheit."
Simeon fiel ein, dass er noch nie einen Algerier an der Seite einer Französin gesehen hatte. Am linken Seineufer sah man ständig schwarz-weiße Paare, aber die Schwarzen in der Stadt, die aus Afrika, Westindien oder den Staaten kamen, waren keine Hilfsarbeiter und selten arm. Sie waren Studenten, Künstler, Akademiker. "Respektable" Leute.
Simeon war unruhig, sein Leben in Paris war ihm zu bequem geworden. Am Nachmittag hatte er den letzten von insgesamt sechs lächerlichen Artikeln über das Liebesleben der Impressionisten abgeschlossen und an die Redaktion von
He-Man geschickt. Aber so lächerlich diese Artikel auch waren, sie gaben Simeon das Gefühl, wenigstens irgendetwas geleistet zu haben. Schließlich grassierte der Stillstand unter den Exil-Parisern wie die Pest. In einer Woche etwa würde er einen Scheck erhalten. Dann konnte er wieder seine Miete zahlen, sich in Cafés die Zeit vertreiben, ins Theater und in guten Restaurants essen gehen, wann immer er wollte. Er sah sich um und dachte an Hossein.
"Ich würde Hossein gern wiedersehen", sagte er.
Ahmed lächelte. "Ich habe ihm gesagt, dass wir ihn vielleicht besuchen kommen. Er wohnt ganz in der Nähe."
"Und der Mann, mit dem ich aneinandergeraten bin?" Jetzt, da er den Vorfall erwähnte, schämte er sich wieder.
"Ist verschwunden."
"Verschwunden?"
"Überrascht dich das? Das passiert hier jeden Tag. In Algerien noch öfter als hier, aber hier in Frankreich auch. Wahrscheinlich haben sie ihn bei einer Razzia mitgenommen und in ein Konzentrationslager gesteckt."
Simeon war wie vor den Kopf gestoßen, auch von der Beiläufigkeit, mit der Ahmed sprach.
"Ist das dein Ernst? Konzentrationslager? In Frankreich?"
Ahmed wirkte überrascht. "Das wusstest du nicht? Sogar die Zeitungen schreiben darüber. Sie sagen 'Internierungslager' dazu, aber das ist alles nur Wortklauberei. Es gibt zwei Lager in der Nähe von Paris, die anderen sind in Zentralfrankreich und im Süden. Ich dachte, alle wüssten davon. Jeden Tag verschwinden Algerier, und irgendwann erfährt man, dass sie in irgendeinem dieser Lager gelandet sind. Die Lager sind kein Zuckerschlecken, sag ich dir. Gaskammern gibt's dort natürlich nicht, aber die Aufseher und die anderen Leute, die dort arbeiten, tragen keine Samthandschuhe. In Algerien ist es noch schlimmer. Die haben es dort in der Kunst des Folterns sehr weit gebracht. Sollen wir unseren Kaffee austrinken und zu Hossein gehen?"
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Nagel und Kimche