9punkt - Die Debattenrundschau

Die Bedeutung von Geschlecht

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.06.2020. J.K. Rowling antwortet in einem großen Essay in ihrem Blog auf Angriffe der Transgender-Community und beharrt darauf,  "dass Frauen ihre eigene biologische Realität haben ". Die Zerstörung von Statuen ehemaliger Sklavenhalter stößt auf Zustimmung und Kritik. Nochmal zur Mbembe-Debatte: Perlentaucher Thierry Chervel antwortet auf den FAZ-Autor Ralf Michaels. In Zeit online fürchtet der Juraprofessor Lawrence Douglas, dass Donald Trump eine mögliche Wahlniederlage nicht akzeptieren wird.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.06.2020 finden Sie hier

Gesellschaft

J.K. Rowling steht im Sturm. In einem Tweet hatte sie sich lustig gemacht über das Tweet einer Organisation, die trotz der Coronakrise die Welt besser machen wollte für "Menschen, die menstruieren". Rowling hatte darauf geschrieben: "'People who menstruate.' I'm sure there used to be a word for those people. Someone help me out. Wumben? Wimpund? Woomud?" Es folgte ein Tsunami der Entrüstung über die Unverschämtheit, dass Rowling ihre Existenz als Frau gegen eine genderisierte Sprache verficht, die alle Grenzen auflösen zu wollen scheint. Nun hat Rowling sich nochmal verteidigt, berichten die Agenturen (hier bei  Spiegel online). Und sie sagt, dass sie sich dem Transaktivismus nicht beugen wolle. Frauen, schreibt sie in ihrem Blog, leben in einer frauenfeindlicheren Welt denn je. Die Infragestellung biologischer Weiblichkeit durch Transaktivisten zählt sie dazu: "Es reicht für Frauen nicht aus, an der Seite von Trans-Menschen zu stehen. Frauen sollen akzeptieren und bekennen, dass es keinen materiellen Unterschied zwischen Transfrauen und ihnen selbst gibt." Sie habe alle Argumente "über Weiblichkeit gelesen, die nicht im geschlechtlich definierten Körper liege, und alle Behauptungen, dass biologische Frauen keine gemeinsamen Erfahrungen hätten, und ich finde sie ebenfalls frauenfeindlich und regressiv. Eines der Ziele der Leugnung der Bedeutung von Geschlecht ist ganz klar auch, die angeblich separatistische Idee zu untergraben, dass Frauen ihre eigene biologische Realität haben oder - ebenso bedrohlich - dass sie gemeinsame Realitäten haben, die sie zu einer politischen Klasse machen."

Welche Statuen der späteren Zeit werden noch gestürmt?, fragt Thomas Kielinger in der Welt mit Blick auf den Sturz der Statue von Edward Colston in Bristol (Unser Resümee), den er leider wenig konkret und die Geschichte des britischen Sklavenhandels resümierend als "Lynchjustiz" verurteilt: "Selbst am Churchill-Denkmal vor dem Parlament in London strichen Erregte den Namen Churchill durch und malten darunter '… war ein Rassist'. Am Balliol College in Oxford tobt seit Jahren ein heftiger Kampf um das in Stein gemeißelte Ganzkörperbildnis von Cecil Rhodes, dem Imperialisten par excellence, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts Afrika vom Süden bis Norden als von der britischen weißen Rasse zivilisiert erträumte. 'Denkt daran, dass ihr Engländer seid und damit den ersten Preis in der Lotterie des Lebens gewonnen habt', pflegte er zu verkünden. Weiße Engländer, natürlich, von anderen Hautfarben war nicht die Rede. Als nächster Kandidat für einen Statuen-Sturm dürfte Robert Clive herhalten, sichtbar aufgestellt vor dem Foreign Office in London wie auch in zahllosen Stadtzentren der Insel. Lord Clive, Militär und Politiker, war im 18. Jahrhundert der erste Gouverneur Bengalens und brachte weite Landstriche Indiens mit brutalen Methoden unter britische Kontrolle."

Der britische Theologe Anthony G. Reddie rechtfertigt in der taz den Abriss von Sklavenhalter-Skulpturen, wie jüngst in Bristol geschehen: "Höfliche Petitionen, die Statue Colstons und anderer zu entfernen, wurden ignoriert. Lange bevor ein sogenannter Pöbel die Statue in den Fluss warf, hatten schwarze Aktivisten darum gebeten, solche Denkmale in Museen unterzubringen, wo die hingehen können, die sie unbedingt sehen wollen, uns aber die Demütigung der Beleidigung unserer unterdrückten Vorfahren erspart bleibt. Weiße Behörden haben unseren Anspruch darauf ignoriert, denn unser Leben zählt nicht, und mit Blick auf die selbstzufriedene Geringschätzung Weißer uns gegenüber zählen offensichtlich auch unsere Gefühle nicht."

In einem wütenden Gastkommentar in der NZZ verurteilt der Unternehmer Simon M. Ingold Gegner der Globalisierung als Kulturpessimisten und "Puristen, die nur reine, ursprüngliche Formen kultureller Expression anerkennen": "Das bestimmende Merkmal unserer Zeit ist nicht etwa ein Mangel an kultureller Vielfalt, sondern deren übermäßige Zersplitterung in enge Subkulturen und selbstgewählte Nischen. Das Resultat ist die totale Unübersichtlichkeit. Laufend entstehen neue Mikro- und Nanomilieus, jedes mit seiner eigenen Identität und Ideologie. Was sie besonders auszeichnet, ist das stark ausgeprägte Territorialgefühl ihrer Anhänger. Sie beanspruchen für sich, als Teil einer Bewegung wahr- und ernst genommen zu werden, beseelt von der Überzeugung, eine überlegene Sicht auf die Dinge zu haben. Dieser Hang zur unbedingten Selbstbehauptung ist der Motor derjenigen Identitätspolitik, die den Grundton der öffentlichen Debatte zu Gesellschaftsthemen fast überall dominiert."
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Ideen

Der Rechtsprofessor Ralf Michaels schrieb in der FAZ vom 9. Juni, die Debatte um Achille Mbembe sei fehlgelaufen, weil sie versuche, ein deutsches Narrativ über den Holocaust zu universalisieren und statt dessen den ganz anderen Blick Mbembes auf den Holocaust als antisemitisch zu brandmarken. Thierry Chervel, der auf den Historikerstreit rekurriert hatte, antwortet im Perlentaucher: "Michaels nennt es bezeichnend, dass die Mbembe-Debatte mit dem Historikerstreit verbunden wird, 'als bestünde kein Unterschied zwischen dem Versuch des Deutschen Ernst Nolte, die deutsche Verantwortung zu relativieren, und dem Versuch des Afrikaners Mbembe, den Holocaust in eine umfassendere Verantwortung einzuordnen'. Aber sowohl bei Nolte wie bei Mbembe fällt der Wunsch auf, ein Ereignis, das im Innersten keinen Sinn hat und dessen einzige Botschaft es ist, dass es niemals hätte stattfinden dürfen, in eine Kontinuität einzuordnen."

Im Englischen bezeichnet "race" ein "Gruppe von Menschen, denen einende physische Charakteristika zugeschrieben werden", in Deutschland ist der Begriff "Rasse" hingegen "biologistisch konnotiert", hält Jakob Biazza auf Sueddeutsche.de fest und kritisiert die Übersetzung von "race riots" mit "Rassenunruhen": "Er schreibt Menschen tendenziell Charakterzüge zu, die sich angeblich aus einer biologischen Grundlage speisen sollen. Ein Framing, das hier in mehrfacher Hinsicht falsch ist: Zunächst einmal, weil die Rassenlehre rassistischer, menschenverachtender Unfug ist. Zum anderen aber auch, weil es ja eben gerade keine einenden physischen Merkmale bei den Demonstranten gibt, die in den USA (und in vielen anderen Ländern) gegen Rassismus, Diskriminierung und (Polizei-)Gewalt protestieren. Es sind Menschen nahezu aller Ethnien, Glaubensrichtungen, Hautfarben, sozialer Schichten oder Nationalitäten, die wegen der systemischen Ungleichheiten auf die Straße gehen." Er plädiert für die Übersetzungen "Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus" oder "Demonstrationen gegen Ungleichheit und Diskriminierung".
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Politik

Eine Wahlniederlage wird Donald Trump bei der kommenden Präsidentschaftswahl nicht akzeptieren, glaubt im Zeit-Online-Interview mit Heinrich Wefing der amerikanische Juraprofessor Lawrence Douglas. Er spekuliert: "Wenn wir das alles in Gedanken durchspielen, müssen wir auch berücksichtigen, dass Trump währenddessen ununterbrochen wütend twittern würde, die radikalen Demokraten und die linken Mainstream-Medien versuchten ihn um seinen Wahlsieg zu betrügen, das Ganze sei ein Putsch, er allein sei der legitime Präsident der Vereinigten Staaten. Und er würde seine Anhänger aufrufen, zu protestieren, es würde vermutlich Gegendemonstrationen geben, Gewalt ist denkbar, sogar wahrscheinlich, und wir haben gerade erst in den vergangenen Tagen gesehen, wie dieser Präsident auf Proteste und Unruhen reagiert. Mit Gewalt, mit dem Militär. Das ist beängstigend."

Außenminister Heiko Maas besucht Israel. Hauptthema werden die annoncierten Annexionen im Jordantal sein, gegen die sich die EU ausgesprochen hat. Die taz-Korrespondentin Judith Poppe schreibt dazu: "Wem Israel am Herzen liegt, der sollte sich .. überlegen, mit wem genau er oder sie solidarisch sein will. Mehr als die Hälfte der Israelis ist gegen eine Annexion, weil klar ist, dass eine Annexion nicht nur für die Palästinenser*innen, sondern auch - ja vielleicht vor allem - für die Israelis katastrophale Folgen haben kann. Sie würde die Region destabilisieren, möglicherweise das Ende der Friedensabkommen mit Ägypten und Jordanien und weiteres Blutvergießen bedeuten."
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Geschichte

Einst war der Kniefall eine Geste der Demut (Willy Brandts historischer Warschauer Kniefall) -  seit der amerikanische NFL-Spieler Colin Kaepernick auf die Knie sank, statt aufzustehen und die amerikanische Nationalhymne zu singen, ist der Kniefall zum Symbol des Protests gegen Rassismus geworden, schreibt Joachim Güntner in der NZZ und blickt zurück auf die Geschichte der Geste: "Was ist der Kniefall, historisch betrachtet, nicht alles gewesen: bei Besiegten das Eingeständnis ihrer Niederlage, bei Vasallen ein Ritus der Verpflichtung gegenüber ihren Lehnsherren, bei Zaren, Kaisern und Königen der Moment vor der Selbstvergötterung, in der Gottesverehrung ein Zeichen hoher Demut, bei Gnaden- und Bittgesuchen eine Bekräftigung des Flehens. Ausdruck von Widerstand, Kampf, Oppositionsgeist war er nie und ist es erst nun."
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Stichwörter: Kniefall, Rassismus

Medien

Bemerkenswert ein kurzer Nachruf der Spiegel-Chefredakteurin Barbara Hans auf den Kollegen Christoph Sydow, der sich das Leben genommen hat - bemerkenswert, weil Sydows Familie ausdrücklich nicht wollte, dass der Grund für seinen Tod verschwiegen wird: "Es ist der Wunsch von Christophs Familie, dass hier nicht zu lesen ist, Christoph sei 'plötzlich und unerwartet' verstorben. Dass wir uns nicht verstecken hinter Floskeln und so doch nur Gerüchten und Spekulationen den Weg bereiten. In Deutschland sterben in einem Jahr mehr Menschen durch einen Suizid als durch Verkehrsunfälle, Drogen und HIV zusammen - aber nur selten wird darüber gesprochen."
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Stichwörter: Suizid, Der Spiegel