9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

1694 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 170

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.07.2021 - Gesellschaft

Ob Gelbwesten, Querdenker oder Kapitolstürmer, für Nils Minkmar in der SZ ist das große Kennzeichen dieser neuen populistischen Bewegungen, dass sie sich aus einsamen Menschen zusammensetzen, die ihre politischen Meinungen nicht mehr mit anderen abgleichen, sondern vor ihrem Rechner und wie im Hobbykeller selber zusammenzimmern: "In dem sehr aufschlussreichen sechsteiligen Podcast 'Cui bono: WTF happened to Ken Jebsen?' über die Geschichte des Querdenker-Idols kann man dieses Muster gut studieren: Jebsen wurde umso radikaler, je weniger er an Institutionen, journalistische Redaktionen oder Freundeskreise gebunden war. Das war ein längerer Prozess: Vom Fernsehen wechselte er zum Radio, eigentlich wollte man ihn überall loswerden. Als sich auch enge Weggefährten abwandten, weil seine Positionen zu Israel immer abenteuerlicher wurden, als er also isoliert arbeitete, zündete er eine neue Stufe seiner Verschwörungs- und Misstrauensproduktion: Seine erfolgreichsten Videos zeigen ihn ganz allein beim flüsternden Agitieren und spiegeln damit die Rezeptionssituation seiner Anhänger. Maximale Radikalisierung klappt am besten in maximaler Isolierung."

Der Philosoph Martin Seel kann sich in der NZZ auch nicht erklären, warum sich die Menschen nach den Monaten eines quälenden Lockdowns nur nach der alten Normalität zurücksehnen: "Sich im eigenen und gemeinsamen Tun und Lassen, Wünschen und Wollen, Gelingen und Misslingen in einiger Sicherheit lebendig fühlen zu können - das macht für Kant die Norm einer unverstellten Normalität des Lebens aus. Eine Korrektur aber legt die Kur der Pandemie nahe. Denn zur Lehre aus der leeren Zeit der vergangenen anderthalb Jahre gehört, dass durch Aktivitäten gleich welcher Art angefüllte Zeiten gar nicht das allein Erfüllende sind. Man muss die eigene Lebenszeit nicht mit Vorhaben zuschütten, um sie als sinnvoll zu erfahren. Sich, die eigenen Ambitionen und Erwartungen, auch einmal sein zu lassen, ist selbst eine Spielart des Lebendigseins, ein Break im Rhythmus der Normalität, der ihm einen heilsamen Dreh verleiht. Ohne Episoden einer mit wachen Sinnen erfahrenen leeren Zeit ergibt sich keine erfüllte Zeit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.07.2021 - Gesellschaft

Karl-Markus Gauß (SZ) geht das Gerede von den "Impfdissidenten" auf die Nerven, das selbst einige Medien übernehmen würden. Rebellen oder Dissidenten, erinnert er, waren einst bereit "für ihr Dissidententum mit ihrer beruflichen und privaten Existenz einzustehen und Ächtung hinzunehmen. Ausgerechnet indem sie aus der Gesellschaft ausgestoßen wurden, haben sie im reglementierten Staat die Interessen der Gesellschaft verfochten und diese geradezu repräsentiert." Jetzt hingegen würden Menschen "zu Dissidenten nobilitiert, einzig weil sie den Weg, der für alle aus der Pandemie herausführt, persönlich nicht gehen wollen. Wer sie als Impfdissidenten bezeichnet, huldigt ihrer Weigerung, das Ihre aus Obsession oder Egoismus zum Nutzen der Gesellschaft beizutragen, und wirft damit eine Tradition kritischen Aufbegehrens unbedacht über den Haufen."

Auf Zeit online denken die Wirtschaftsethiker Thomas Beschorner und Martin Kolmar darüber nach, ob eine Impfpflicht ethisch gerechtfertigt wäre. Beide meinen, ja - nachdem alle anderen Maßnahmen ausgereizt sind. Mit Moral habe das nichts zu tun: "Es ist eine ethische Begründung einer Pflicht. Und Ethik als rationale Ableitung konkreter Pflichten aus allgemeinen Prinzipien ist das Gegenteil eines 'Bauchgefühls', wenn es um moralische Fragen geht. ... 'Der einzige Zweck, zu dem Macht rechtmäßig über ein Mitglied einer zivilisierten Gemeinschaft gegen seinen Willen ausgeübt werden kann, ist, Schaden von anderen abzuwenden', formulierte der liberale Philosoph John Stuart Mill."

In der SZ ist Hilmar Klute noch in der Phase, in der er über die Berliner Verwaltung verzweifelt, deren Lahmarschigkeit und Dumpfheit erstaunlicherweise nie zu einem Aufstand geführt hat: "Der CDU-Abgeordnete Christian Gräff hat kürzlich eine Anfrage an den Senat gerichtet, wie es um die Zukunft der Berliner Verwaltungen bestellt sei. Er bekam griffige Zahlen: Von den insgesamt 123 812 Mitarbeitern gehen 44 257 in den nächsten acht Jahren in Rente. Werden die Stellen dann neu besetzt? Nein, eher nicht. Niemand möchte hinter einem der vielen Schalter dieser Stadt sitzen und sich den Hass von Leuten anhören, die keine Termine, aber dafür Mahnungsbescheide bekommen, weil sie ihr Auto nicht umgemeldet haben."

Und: Hans Hütt liest heute für die SZ das Wahlprogramm der Linken: "In solcher Prosa hat auch der Perserkönig Xerxes das böse Meer auspeitschen lassen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.07.2021 - Gesellschaft

Die Klimakatastrophe ist nach Hause gekommen, schreibt Manfred Kriener in der taz: "Abgerissene Giebelfronten gestatten Einblicke in unsere ehemals heile Welt, die ihre offenen Wunden zeigt... Die mit viel Verdrängungsenergie gefütterte Hoffnung, dass es uns jetzt und heute nicht erwischen wird, dass sich die Erde nur langsam erwärmt und die großen Verheerungen irgendwann woanders auftreten werden - sie liegen unter dem Schutt und Schlamm begraben, den die Flut zurückgelassen hat. Die Klimakatastrophe findet nicht nur in Bangladesch statt, nicht nur in Australien, Kalifornien und an den Polkappen, sondern gleich nebenan bei Müllers und bei Maiers. Sie droht nicht in der zweiten Jahrhunderthälfte, wenn die Generation Fridays for Future erwachsen geworden ist, sondern ganz akut. Es ist fünf nach zwölf."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.07.2021 - Gesellschaft

Demnächst bricht das vierte Semester an, in dem Studenten über Zoom und Skype lernen und kommunizieren müssen. Viele haben die Uni noch nie von innen gesehen, viele sind deprimiert, oder brechen ab, schreibt Alex Rühle in der SZ. "Die Unis waren in Zeiten ohne Impfstoff schon deshalb zu schließen, weil sie ja nicht wie die Schulen in festen Klassenkohorten strukturiert sind, sondern sich alle eineinhalb Stunden alle neu mischen, was Idealbedingungen für die Virusverbreitung bietet. Jetzt aber ist genug Impfstoff da, auch für die Studierenden, die sich aufgrund ihrer Jugend lange brav hinten anstellen mussten."

Dominik Baur erinnert in einer ausführlichen taz-Reportage an das Attentat von München vor fünf Jahren. David Sonboly, ein 18-jähriger Deutsch-Iraner erschoss damals neun Menschen, die meisten türkischer Herkunft. Baur erzählt, wie lange die Münchner Polizei brauchte um anzuerkennen, dass es sich um ein rechtsextremes Attentat handelte, und welche Bedeutung diese Einordnung für die Überlebenden und Angehörigen hat. Und er erzählt von den Verletzten, deren Trauma bleibt: "Lumnije Azemi hat einige Monate nach dem Attentat einen Platz für eine Traumatherapie gefunden. Doch dann wechselte der Therapeut in eine Anstellung im Krankenhaus. Nach einer längeren Behandlungspause fand sie eine neue Psychologin. Dann kam Corona. Seit über einem Jahr hat sie nun keine Sitzung mehr gehabt. Die kleinen Fortschritte, die sie gemacht hatte, seien dahin, klagt Azemi. Die seelischen, aber auch die körperlichen Schmerzen werden wieder mehr. Sie kann nur noch mit Mühe gehen, auch langes Sitzen schmerzt sie. Die drei Kinder, mittlerweile elf, zehn und sieben Jahre alt, waren beziehungsweise sind ebenfalls in Therapie. Sie sind sehr schreckhaft, trauen sich nicht an die Tür, wenn es klingelt."

Auch Sebastian Balzter und Matthias Wyssuwa erinnern in der Sonntags-FAZ (die ja samstags erscheint) an ein rechtsextremes Attentat, das von Utoya vor zehn Jahren, und auch hier geht es um jene, über die sonst kaum gesprochen wird, die Überlebenden: "Vor ein paar Monaten konnte Tarjei Jensen Bech zum ersten Mal wieder joggen gehen. Zum ersten Mal seit dem 22. Juli 2011, als ihn eine Kugel aus dem Gewehr von Anders Behring Breivik ins linke Bein traf."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.07.2021 - Gesellschaft

In Deutschland sind über achtzig Menschen bei einer Unwetterkatastrophe umgekommen, die allgemein mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht wird. Die Meldung ist auch in der New York Times oder im Guardian ziemlich weit oben (hier und hier). Ezra Klein träumt in der New York Times von der Revolution: "Ich habe das Wochenende mit der Lektüre eines Buches verbracht, mit dem ich mich in der Öffentlichkeit nicht ganz wohl gefühlt habe. Andreas Malms 'How to Blow Up a Pipeline' ist nur leicht unpassend benannt." Und er zitiert aus Malms Buch: "'Hier ist, was diese Bewegung der Millionen tun sollte, um erstmal anzufangen', schreibt Malm. 'Verbote verkünden und durchsetzen. Neue CO2-emittierende Maschinen beschädigen und zerstören. Setzen Sie sie außer Betrieb, nehmen Sie sie auseinander, demolieren Sie sie, verbrennen Sie sie, sprengen Sie sie. Lassen Sie die Kapitalisten, die weiter in das Feuer investieren, wissen, dass ihre Grundstücke vernichtet werden.'"

Gestern hat die Polizei Räume des Peng-Kollektivs, einer sich als künstlerisch verstehenden Aktionsgruppe, durchsucht, berichtet Markus Reuter bei Netzpolitik: "Die Durchsuchung gegen die Aktionskünstler:innen steht im Zusammenhang mit der Webseite TearThisDown.com, die Peng gemeinsam mit der 'Initiative Schwarze Menschen' in Deutschland veröffentlicht hat. Die Webseite zeigt eine Karte von Orten, an denen der Kolonialismus weiterlebt - und ruft zu Aktionen gegen diese auf. Einer der Anlässe war wohl dieser Text auf der Website: 'Wer wird da eigentlich wofür geehrt? Verbrecher für Verbrechen, das geht nicht! Kopf ab, Runter vom Sockel, Farbe drauf, Schild drüber - die Möglichkeiten sind vielfältig. Aber markieren reicht nicht, wir suchen andere Formen. Vieles kann ein Denkmal sein und im Zweifelsfall macht es sich im Wasser treibend auch ganz gut.'"

Der Publizist Reinhard Mohr fragt sich in der NZZ, ob es nach den Wahlen in Deutschland wieder eine offene, kontroverse, aber nicht von "Tugendfuror" geprägte Debatte geben kann: "Ja, es könnte so einfach sein. Wenn man nur wollte. Wenn man die eingeübten Reflexe, links wie rechts, endlich ablegen könnte. Wenn der allgegenwärtige strukturelle Moralismus nicht mehr als Ersatzreligion, als Lückenbüßer für Selbstbewusstsein und Staatsräson gebraucht würde, obwohl er mit nationalistischem Größenwahn mehr gemeinsam hat, als einem lieb sein kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.07.2021 - Gesellschaft

Jan Feddersen kritisiert in einem Essay, den der Perlentaucher vorabdruckt, den Begriff "queer", der immer häufiger an die Stelle des Begriffs "schwul" tritt: "Die Entschwulung der Sprache zugunsten des Wörtchens 'queer' bedeutet, alles in allem, nicht nur die Entkörperlichung der Bilder, die mit 'schwul' aufgerufen werden; in 'queer' ist alles getilgt, was an Begehren eben im Sexuellen unhintergehbar, mit Freud gesprochen, triebschicksalhaft ist.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.07.2021 - Gesellschaft

Eigentlich sagen die Klimaaktivistinnen Christiana Figueres und Luisa Neubauer in ihrem FAZ-Feuilletonaufmacher, in dem sie das Ende des Verbrennungsmotors fordern, nichts Neues, bemerkenswert ist nur, dass sie dafür eben diesen Aufmacher bekommen. In einem Absatz machen sie deutlich, dass es um mehr geht als Autos: "Ein wichtiger Teil dieses Wandels besteht darin, sich von Ideen zu verabschieden, die einst den Fortschritt der Menschheit voranzutreiben schienen, sich jedoch zu einem großen Problem entwickelt haben. Der Verbrennungsmotor ist eine dieser Ideen, von denen wir uns verabschieden müssen."

Wer die Umweltprobleme der Welt beheben will, muss das Bevölkerungswachstum eindämmen - und das geht nur, indem Mädchen und Frauen wesentlich mehr Rechte und Bildung gegeben werden, schreibt der Schweizer Aktivist Benno Büeler bei hpd.de. Die Hälfte der Schwangerschaften bei afrikanischen Mädchen sei ungewollt, nur in vier afrikanischen Ländern gebe es ein liberales Abtreibungsrecht. "Zu groß ist die Angst vor dem Vorwurf des Neokolonialismus, zu groß der Einfluss der Kirchen... Als weitere Ausrede für das Nichtstun wird auch gerne auf erzwungene Verhütungsmaßnahmen in Indien oder China verwiesen. Tatsächlich aber geht es in Afrika darum, dass Frauen endlich selbstbestimmt über Verhütung und Schwangerschaft entscheiden können. Heute werden viele Mädchen und Frauen daran gehindert, so dass sie gezwungen werden, ungewollte Schwangerschaften mit allen daraus folgenden Konsequenzen zu ertragen. Die Selbstbestimmung über den Körper ist ein grundlegendes Menschenrecht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.07.2021 - Gesellschaft

Antisemitismus von links ist en vogue und nach der jüngsten Gewalt in Israel noch mehr, sagt die Autorin Mirna Funk, die linken Antisemitismus schon in der Zeit thematisiert hatte (unser Resümee) im Gespräch mit Till Schmidt von der taz. "Antizionismus hat sich einfach sehr gut eingepasst in den allgemeinen Trend des woken Gerechtigkeitskämpfers. Früher waren linke Antizionisten vor allem klassische, und daher nicht besonders coole Linke. Jetzt aber hat sich das unter anderem durch Black Lives Matter, MeToo oder Fridays for Future vollständig geändert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.07.2021 - Gesellschaft

"Nichts freut die Gaffer mehr als die Massenkarambolage", weiß Stefan Kornelius in der SZ, um dann aber doch noch mal Annalena Baerbock um die Ohren zu hauen, wie einfallslos ihr Buch "Jetzt" im Grunde sei: "Wie kann eine Politikerin, die Bundeskanzlerin werden will und aus einem schier unerschöpflichen Sympathiereservoir schöpft, ein derart klägliches Bewerbungsschreiben abgeben?" Moritz Baumstieger trifft ebenfalls in der SZ den Plagiatsjäger Stefan Weber.

In der taz stört sich Stefan Reinecke dagegen an dem alles überlagernden Konsens-Denken der Grünen, an der Anpassung an die Mitte, die keinen Konflikt mehr kennt: "Die neue grüne Botschaft lautet: Wir sind die Mitte, unaggressiv und freundlich. Wir sind individualistisch, aber nicht zu sehr, anders, aber nur ein bisschen. Das zwischen Biedermeier und Sperrmüll-Ästhetik oszillierende Wohnzimmer mit oranger Couch, das den digitalen Parteitag möblierte, bebilderte dieses Konzept. Die zweite Botschaft lautet: Wir tun das Nötige, aber es wird nicht wehtun. Man kann die Welt retten, darf aber trotzdem Dosenbier trinken und SUV fahren, bei Tempo 130 natürlich. Volkspädagogik und Elitenkritik sind vorbei."
Stichwörter: Baerbock, Annalena

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.07.2021 - Gesellschaft

Im SZ-Feuilleton hat Hilmar Kluthe die Nase voll von achtsamer Sprache, die er ohnehin für das Symptom einer Gesellschaft hält, "die unter ihrer watteweichen Konsenssprache einen steinharten Untergrund hat, auf dem immer neue Kulturkämpfe und identitätspolitische Landgewinnungsversuche stattfinden". Der Blick in den "Leitfaden für wertschätzende Kommunikation der Stadt Köln" gibt ihm den Rest: "Dort schlage man die Praxistipps für eine achtsame Sprache der Stadt Köln auf und findet folgende Handreichung: 'Verhindern Sie Rollenklischees und Stereotype wie beispielsweise Mutter-Kind-Parkplatz sowie Sprachbilder wie 'Not am Mann' oder 'Milchmädchenrechnung''. Es folgen als Vorschläge verkleidete Anordnungen zur inklusiven Sprache, die keine generischen Maskulina, eigentlich auch keine Feminina mehr zulässt. Ein weiteres Kapitel gibt Handreichungen im Umgang mit Behinderten, zum Beispiel, dass man blinden Menschen bitte nicht schreiben sollte: 'In der Anlage sehen Sie', sondern: 'In der Anlage finden Sie', eine Anregung, auf die man ohne Ratgeber womöglich von selbst gekommen wäre."