9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.06.2026 - Gesellschaft

"Ausgrenzung oder Übergriffe erleben alle", sagt Stella Leder, Leiterin des Instituts für Neue Soziale Plastik im SZ-Interview. Sie arbeitet mit in Deutschland lebenden jüdischen und israelischen Künstlern zusammen. Antisemitismus gehört für diese mittlerweile zum Alltag: "Ich erlebe inzwischen, dass ohne Schamgefühl antisemitische Ressentiments ausgesprochen und offensiv vertreten werden, auch mit drastischen Statements wie: 'Wir wollen mit Juden im Moment nichts zu tun haben.'" Sie wisse "von jüdischen Künstlern, die sich nicht deutlich als Juden zu erkennen geben, weil sie Nachteile für ihre Arbeit befürchten. Es gibt Künstler, die in ihren biografischen Angaben inzwischen entsprechende Hinweise streichen. Vor einigen Monaten hat mir eine Künstlerin gesagt, dass sie zögert, sich bei einer Ausstellung in einem jüdischen Museum zu beteiligen, weil das der erste öffentliche Hinweis darauf wäre, dass sie vielleicht Jüdin ist. Das Klima eines latenten Antisemitismus im Kunst- und Kulturbetrieb hat sehr deutliche Auswirkungen auf das Leben und die Arbeitsmöglichkeiten jüdischer Künstler in Deutschland."

"Der Kulturkampf gegen alles, was linksgrün, irgendwie woke und, vor allem, ausländerfreundlich war, hat also zwei Verlierer hervorgebracht", stellt Claudius Seidl in der SZ fest. "Zum einen die, gegen die er sich gerichtet hat, die 'linken und grünen Spinner', wie Friedrich Merz seine Gegner im Wahlkampf nannte", zum anderen Liberale und Konservative selbst. Gewonnen habe eigentlich nur die AfD, die nun in den Umfragen stärkste Kraft ist: "Seit Friedrich Merz regiert und Alexander Dobrindt sein Innenminister ist, sind die Grenzen zwar nicht geschlossen; es kommen aber viel weniger Menschen ins Land. Den besorgten Bürgern sind es immer noch zu viele - so wie es überhaupt zum Wesen solcher Sorgen gehört, dass sie mit den Mitteln der Politik nicht zu vertreiben sind. Irgendwas ist immer. Die Lebensmittel sind zu teuer. Der Bus fährt nur noch alle halbe Stunde. Die jungen Frauen sind alle in die Großstadt gezogen. Die Eisheiligen haben die Apfelblüten erfrieren lassen."

In Frankreich herrscht gerade eine verfrühte "Canicule", in einigen Regionen steigen die Temperaturen auf 40 Grad. Und da entbrennt eine Debatte, die für Laurent Joffrin von librejournal.fr wie ein Zerrbild der heutigen polarisierten Öffentlichkeit erscheint. Die Rechtspopulisten wollen eine massive Klimatisierung von Gebäuden, die Linkspopulisten lehnen dies vehement ab: "So entsteht eine karikaturhafte Debatte, deren einzige Wirkung darin besteht, das Duell zwischen Rassemblement national und dem Unbeugsamen Frankreich erneut in den Vordergrund zu rücken - was die beiden Histrionen der Radikalität als vorteilhaft für ihre Parteien erachten. Und das aus gutem Grund: Die geschickt inszenierte Polemik drängt die Befürworter rationalerer und daher von den Medien weniger beachteter Lösungen in den Hintergrund, nämlich die republikanischen Parteien, die sich bemühen, durchdachte und realistische Pläne vorzuschlagen. In Zeiten extremer Temperaturen liegt die Parole auf der Hand: Tod den Lauwarmen!"

Auf der "Gegenwart"-Seite der FAZ macht der Politologe Wolfgang Schroeder einen originellen Vorschlag. Er konstatiert ein Problem der "Shrinking Spaces", es gebe immer weniger Orte, an denen sich die Menschen begegnen: "Eine politische Initiative zur Rettung oder Neugründung von 10.000 Kneipen wäre also ein Demokratieprogramm, eine niedrigschwellige Antwort auf den Verlust öffentlicher Räume."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.06.2026 - Gesellschaft

"Wieder wird ein exklusives Netzwerk enthüllt, von dem die Öffentlichkeit nichts erfahren soll", seufzt in der SZ Philipp Bovermann. "Dialog" soll es heißen. Kein Wunder, dass Verschwörungstheoretiker im Aufwind sind: "Maia Arson Crimew, eine Schweizer Hackerin, hat eine Liste mit 113 Namen veröffentlicht, sie steckte offenbar, peinlich, peinlich, offen zugänglich im Code der Website der Geheimbündlerzunft [mehr im Hollywood Reporter]. Dem Tech-Magazin Wired wurde eine ergänzende Liste mit 222 Namen von Teilnehmern eines für August geplanten 'Retreats' in Dublin übergeben. Es sind illustre Namen - die Spitzen aus Politik, Wirtschaft, Medien und Unterhaltungsbranche, Leute aus verschiedenen Lagern, hier Trump-Vertraute, dort etwa Reid Hoffman, Linkedin-Mitgründer und der drittgrößte Spender an die Demokraten im vergangenen US-Wahlkampf. Was macht der zusammen mit Trumps Schwiegersohn Jared Kushner und mit Jens Spahn auf der Einladungsliste zu einem Retreat, das laut Wired Programmpunkte hat wie 'Bau dir eine Sekte', 'Atomkraft wieder einführen', 'Durch den Dritten Weltkrieg kommen' und 'Wie ist dein Sexleben?'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.06.2026 - Gesellschaft

Warum interessiert sich #metoo eigentlich nur für die Frauen in den Mehrheitsgesellschaften des Westens, fragt in der Welt Güner Balci. Schließlich gebe es auch noch eine andere "Welt, in der Sexualität kein individuelles Recht ist. Eine Welt, in der nicht das Mädchen oder die Frau, sondern Verwandte, Väter, Onkel und Brüder darüber entscheiden, wer wen lieben darf und was geschieht, wenn es anders kommt." Balci bezieht sich in ihrem Artikel auch auf eine Dunkelfeldstudie, wonach weniger als 5 Prozent der Partnerschaftsgewalt zur Anzeige gebracht werden. "Für nahezu alle untersuchten Gewaltformen kommt die Studie zu dem Befund, dass Frauen mit Migrationshintergrund häufiger Opfer von Gewalt werden als Frauen ohne Migrationshintergrund. Warum das so ist, ist eine Frage, die uns umtreiben sollte. Doch davon sind wir weit entfernt. Es würde uns abverlangen, auch kulturelle und religiöse Rollenmuster zu hinterfragen und eine klare Haltung einzunehmen, die sich nicht mit jeder Art von Toleranz gegenüber dem vermeintlich Anderen vereinbaren lässt".

Sie sei als Kind "jeden Tag mit Angst aufgewacht. Und die psychische Gewalt, diese Angst vor der Gewalt, fand ich noch viel, viel schlimmer", erzählt die Schauspielerin Sibel Kekilli, selbst türkischer Herkunft, in der Zeit. "Ich erinnere mich, wie ich, als ich drei oder vier war, eines Nachts aufgewacht bin und Schreie hörte. Mein Kinderzimmer lag neben unserem Wohnzimmer. Und dort ist ein junges Mädchen, meine Großcousine, im Kreis verprügelt worden, weil sie einen Freund hatte. Sie hat vor Schmerzen geschrien. Die Frauen der Familie standen dabei und sahen zu." Auch sie selbst sei misshandelt worden. Hilfe von den Müttern sei eher nicht zu erwarten: "Die Frauen wissen: Die Tochter wird von mir erzogen. Und wenn sie was Falsches macht, ist die Schande auch für mich sehr groß. Sie denken: Ich habe versagt als Mutter. Das heißt, sie verpetzen ihre Töchter und kontrollieren sie dann noch mehr." Auch sie kritisiert, dass Gewalt in migrantischen Familien oft bewusst nicht thematisiert werde: "Wenn man von den Menschen hier verlangt, sich zu integrieren, dann aber sagt, Moment mal, bei Gewalt, da gucken wir nicht genau hin - das erschüttert mich."

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Der Perlentaucher druckt aus dem "Jahrbuch Sexualitäten 2026" ein Gespräch Jan Feddersens mit der Wiener Aktivistin und ehemalige Grünen-Politikerin Faika El-Nagashi vorab. Sie erzählt von ihren zwei Coming Outs, eins als Lesbe, nicht einfach gegenüber ihren Eltern, das zweite als queerkritische Feministin. Die Brüche, die von der Frauenforschung zu den Gender Studies und dann den alles überwölbenden Queer Studies führten, hatten auch mit direktem politischen Druck zu tun, erzählt sie: "Ich war Ende der 2010er Jahre in einem Lesbenverband, dort war ich im Vorstand die Schatzmeisterin. Wir wollten 2019 eine Konferenz in der Ukraine organisieren. Ich wollte mein Unbehagen am Queerfeminismus diskutieren, das war aber nur mäßig erfolgreich, weil die Organisatorinnen noch Fördergelder gesucht hatten. Die Fördergeber stellten jedoch als erste Frage: 'Seid ihr transinklusiv?' Für eine Frauen- oder Lesbenorganisation wurde das zu einer Überlebensfrage. Im nächsten Schritt hatten sie auch noch zu beantworten und zu dokumentieren: Wer sitzt bei euch im Vorstand? Wer spricht auf Konferenzen? Wer darf teilnehmen und wer nimmt auch wirklich teil? Du musst wirklich deine Organisation komplett öffnen und unterwandern lassen, auf jeder Ebene. Sonst kannst du diesen Beweis nicht antreten, dass du transinklusiv bist, und sonst bekommst du keine Fördergelder."

In der SZ berichtet Peter Laudenbach über eine Zunahme antisemitischer Übergriffe in Deutschland, die die Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (Rias) dokumentiert hat. Die Zahlen haben sich seit dem Überfall der Hamas verdreifacht. Auch im Kulturbetrieb kommt es immer wieder zu antisemitischen Vorfällen, so Laudenbach und beschreibt einige konkrete Fälle. "Wenn zum Beispiel in einer Ausstellung in Potsdam ein Bild auftaucht, das Anne Frank mit arabischer Kufija zeigt, wird die im Nationalsozialismus ermordete Jüdin symbolisch umstandslos mit den Palästinensern gleichgesetzt. Indirekt rückt das Bild damit das Vorgehen der israelischen Armee in Gaza auf eine Ebene mit dem Völkermord an den europäischen Juden. Die obszöne Relativierung des Holocaust geht im Radical Chic der zeitgenössischen Kunst offenbar als coole Provokation durch. Das muss man nicht zensieren - aber ein paar Fragen an das Weltbild der Ausstellungsmacher und andere Akteure des Kulturbetriebs stellen sich schon."

In Berlin sollen nach einem erfolgreichen Volksbegehren 220.000 Wohnungen vergesellschaftet werden. In der Zeit fragt sich Ijoma Mangold, ob die Befürworter die Konsequenzen verstehen: "Die Grundlage jedes prosperierenden Gemeinwesens von Singapur bis zur Schweiz ist Rechtssicherheit. Deutschland hat lange in dieser Liga mitgespielt. Man wusste sich in diesem Land vor willkürlichen Enteignungen geschützt. Wenn Berlin jetzt im großen Stil vergesellschaftet, wird sich jedoch jeder Investor künftig fragen, ob er in Deutschland noch Immobilien entwickeln möchte. Sozialistische Eigentumskonzepte sind traditionell der Weg in die Mangelwirtschaft." Und schlimmer noch: "Wenn alles im Namen des Gemeinwohls in Volkseigentum überführt werden kann, ist der Bürger in totaler Weise dem Staat ausgeliefert. Dass man durch beherzte Enteignungen die Zustimmung des Volkes gewinnen kann, hat Götz Aly gerade in seinem Bestseller 'Wie konnte das geschehen?' am Beispiel der Arisierung jüdischen Eigentums gezeigt."

Den meisten Deutschen geht es wirtschaftlich ganz gut, doch empfinden sie laut einer jüngsten Forsa-Umfrage den gesellschaftlichen Zusammenhalt als schlecht und fürchten, dass es mit Deutschland bergab geht. Der Soziologe Gert Pickel erklärt im Interview mit dem Tagesspiegel, warum das kein Widerspruch ist, warum vor allem die Rechten vor dieser Stimmungslage profitieren, und er dennoch einen gewissen Optimismus hegt, dass die Polarisierung überwunden werden kann: "Man sieht es immer wieder in Ländern, die in Demokratisierungsprozessen einen neuen Zusammenhalt entwickeln - von den Maidanprotesten in der Ukraine bis zum arabischen Frühling. Ich bin sicher, dass es auch hierzulande zu Gegenbewegungen kommt. Wenn die AfD in Sachsen-Anhalt irgendwann die absolute Mehrheit gewinnt, werden sich viele Leute dagegenstellen. Viele, die heute dem Völkischen zuneigen, gehen davon aus, dass ihre eigene Freiheit nicht angetastet wird. Sie dürften böse überrascht werden, wenn zum Beispiel Betriebsräte oder auch ihre Kirchengemeinde als überflüssig angesehen werden und das Recht auf freie Meinungsäußerung eingeschränkt wird. Sichtbar wird eine Reaktion aber oft erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2026 - Gesellschaft

"Ein städtisches und vom Land subventioniertes Theater holt sich also die Debatte über die bedrohte Meinungsfreiheit auf die Bühne und entzieht im selben Atemzug einer Meinung die Bühne": Mirna Funk kann in der Welt nur den Kopf schütteln über ihre Ausladung aus dem Kölner Theater Comedia, in dem sie im Rahmen der phil.cologne zum Thema "Meinungsfreiheit" sprechen sollte, bis der Theaterchef Manuel Moser sich dagegen entschied. Als Grund führte er einen Artikel aus Funks Welt-Kolumne an, in der diese von einer Gefahr für Juden ausgehend von "in Deutschland lebenden Arabern, Türken und der Sympathisanten" sprach (unser Resümee): "Hätte ich denselben Satz mit umgekehrtem Vorzeichen geschrieben - die größte Gefahr für Juden gehe von rechten Deutschen aus -, hätte niemand etwas weggeschnitten. Im Gegenteil. Man hätte mich gefeiert, auf Podien geladen, als mutige Stimme zitiert. Es ist der Satz, den alle hören wollen. Wer die Gefahr dort benennt, wo sie unbequem ist, wird boykottiert; wer sie dorthin verlegt, wo man sie sich wünscht, wird ausgezeichnet. Das Verrückteste ist, dass ich genau diese Dynamik in jener Kolumne bereits beschrieben habe."

In der FR wirft der Professor für Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien Aram Ziai der deutschen Politik vor, Kritik an Antisemitismus als politische Waffe zu instrumentalisieren. Die Frage, ob jüdisches Leben in Deutschland bedroht ist, beantwortet er mit "möglicherweise ja", aber zum Glück hätten "nicht alle" genozidale Absichten, wie er der Polizeistatistik entnehmen kann: "Der Großteil der Delikte entfällt auf Propagandadelikte und Volksverhetzung, das heißt, sie beinhaltet zum Beispiel den kriminalisierten Slogan 'From the river to the sea, Palestine will be free', der von einem Berliner Gericht als Erkennungszeichen der in Deutschland als Terrororganisation verbotenen Hamas eingestuft und als Aufruf zur Vernichtung des Staats Israel und zur Tötung und Vertreibung seiner jüdischen BürgerInnen interpretiert wurde. Allerdings war der Slogan schon lange vor Gründung der Hamas in Gebrauch und die Freiheit Palästinas ist auch im palästinensischen Befreiungskampf keineswegs für alle mit genozidalen Absichten verbunden, wie die jüdischen Holocaust-Forscher Alon Confino und Amos Goldberg anmerken."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.06.2026 - Gesellschaft

Marko Martin berichtet für die Welt von der Gay Pride in Tel Aviv und fragt sich, ob es nicht gerade die Komplexität dieses Landes ist, die die hiesigen "Queers for Palestine" in ihre Raserei führt: "Wo sonst in der von Hass und Hader zerfressenen Region könnte ein Freund wie R. mit seinem Partner aus Ramallah auf diese Weise feiern gehen? Und was die Verlängerung von dessen Aufenthaltsstatus betrifft: Der Vater von R. hat sich bereits um einen guten Rechtsanwalt gekümmert und bürgt persönlich für den jungen Mann aus den besetzten Gebieten - und das, obwohl er selbst stolzes ultraorthodoxes Familienoberhaupt ist und seit Jahrzehnten Stammwähler der eher dubiosen Schas-Partei."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2026 - Gesellschaft

Das Kölner Comedia-Theater hat beschlossen, eine Lesung der jüdischen Autorin Mirna Funk nicht in seinem Haus stattfinden zu lassen, meldet die Kölnische Rundschau. "Das teilte die Festivalleitung der 'phil.Cologne' mit. Demnach informierte die Comedia-Hausleitung die Veranstalter wenige Tage vor dem Termin und mehr als einen Monat nach Veröffentlichung des Programms über die Entscheidung. In der Geschichte der phil.Cologne sei das ein einmaliger Vorgang, 'der unserem Verständnis eines kontroversen, aber offenen Debattenraumes diametral entgegensteht'. Das Theater begründet seine Entscheidung mit angeblichen "pauschalisierenden" Äußerungen Funks, die "aus Sicht der Hausleitung bestimmten Menschengruppen gegenüber diskriminierend" seien.

Auf ihrer Website enthält sich die phil.Cologne einer Stellungnahme  und belässt es bei der trockenen Mitteilung:



In der FAZ erklärt Eva Goldbach, was es mit dem modischen Begriff des "Heterofatalismus" auf sich hat, nämlich dass stimmt, was vermutet wird und die üblichen Verdächtigen tatsächlich die Schuldigen sind: "Viral ging auch ein Satz des Kriminalbeamten Dirk Peglow im 'heute-journal' des ZDF in einem Beitrag über die Statistik der Gewalttaten in Deutschland und die steigende Zahl häuslicher Gewalt. Als Antwort auf die Frage nach einem Rat an Frauen empfahl er, besser keine Beziehung mit einem Mann einzugehen. Wenn ein staatlicher Funktionär das öffentlich rät, dann hat freilich nicht der Feminismus versagt, sondern das System."
Stichwörter: Heterofatalismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.06.2026 - Gesellschaft

Die Pädagogikprofessorin Sabine Andresen beleuchtet in der FAS die bildungspolitischen Vorstellungen der AfD, besonders in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, wo die Partei Chancen auf eine Regierungsbeteiligung hat. Und sie warnt - gerade die Bildungspolitik ist für die AfD ein Vehikel: "In der Bildungspolitik werden viele Entscheidungen, etwa über Lehrpläne oder den Einsatz von Lehrkräften, in Kultusministerien getroffen. Wer also die Führung in einem Kultusministerium innehat, kann relativ eigenständig agieren. Hier kann die AfD, wenn sie in einer Koalition mitregieren sollte, zügig in ihrem Sinne Erfolge erzielen. Das hat sie als strategisch hilfreich erkannt, und das sollte andere Parteien aufhorchen lassen. Strategisch wird auch die häufige Unzufriedenheit von Eltern mit dem Bildungssystem aufgegriffen, für Systemkritik instrumentalisiert und mit den ideologischen Positionen verknüpft."

Beleidigung von Politikern hat in Deutschland einen besonderen Rechtsstatus, erläutert Reinhard Müller in einem FAZ-Leitartikel zu Meinungsfreiheit. Anders als bei einer "einfachen" Beleidigung "kann die Staatsanwaltschaft im Fall von mutmaßlich beleidigten Politikern von sich aus tätig werden. (Der Betroffene kann allerdings einer Strafverfolgung widersprechen.) Das führt dann zu einer Durchforstung sozialer Medien nach einer vermeintlich ehrabschneidenden Äußerung, zu Durchsuchungen gar. ... Eine unselige Rolle spielen auch öffentliche und scheinprivate 'Meldestellen' im weiteren Sinn, deren Geschäftsmodell das Aufspüren ihnen nicht passender Äußerungen ist." Müller macht einen Vorschlag zur Rationalisierung: "Schafft der Gesetzgeber die Politikerbeleidigung ab, wäre das ein Zeichen: nicht noch eine neue Norm, sondern eine weniger, mit der Folge einer Entlastung der Justiz. Es bliebe immer noch der Grundtatbestand der Beleidigung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.06.2026 - Gesellschaft

Eins ist klar, das Telefonieren kommt komplett aus der Mode, beobachtet Adrian Lobe in der NZZ: "Bei Banken und Versicherungen werden Kundenhotlines durch KI-Chatbots ersetzt. Die Telefonkabinen, die vom Smartphone absorbiert wurden, sind aus den Innenstädten längst verschwunden, und die Callcenter werden bald folgen. Das Telefon, ein Relikt des analogen Zeitalters, stirbt einen leisen Tod. Allein in Großbritannien ist laut einer Untersuchung der britischen Medienaufsichtsbehörde Ofcom die Zahl der Gesprächsminuten (mobil und Festnetz) zwischen 2008 und 2022 um 54 Milliarden gesunken. Das sind fast 103.000 Jahre, die man sich nicht erzählt hat. Eine Ewigkeit!"
Stichwörter: Telefon

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.06.2026 - Gesellschaft

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Die Autorin Veronika Kracher beschäftigt sich in ihrem Buch "Bitch Hunt" mit Misogynie im digitalen Raum. Im FR-Interview mit Klaus Walter erklärt sie außerdem, wie Antifeminismus und Antisemitismus zusammenhängen: "Antifeminismus ist ein Türöffner in die extreme Rechte und argumentiert strukturell bis offen antisemitisch. Das reicht zurück zum Nationalsozialismus und ins Fin de Siècle. Da ist die Rede von jüdischen Eliten, auch vom Kulturmarxismus, der steht für die Frankfurter Schule, also jüdische Kommunisten. Der Kulturmarxismus habe den Feminismus erfunden, so das Narrativ, um Frauen zu Feministinnen zu machen und Männer zu verweichlichen, zu 'degenerieren'. Die weißen Geburtenraten sinken und am Ende steht das Aussterben der weißen Rasse. Deswegen musst du deine Männlichkeit zurückerobern und gegen Feminismus kämpfen, um dein Volk zu retten."

Bei der Transition in ein anderes Geschlecht kann viel schief laufen, darüber sprechen mag kaum einer, sagt im Interview mit der NZZ Christian Brönimann, der nach dreißig Jahren als Frau nun wieder als Mann lebt. Die Operationen haben seine Sexualität vollkommen zerstört, sagt er. "Kein Mensch kommt im falschen Körper zur Welt", hat er gelernt. Auch deshalb will er eine erneute körperliche Angleichung diesmal nicht mehr machen: "Ich habe nie verstanden, warum manche Transmenschen ihre gesamte Vergangenheit ausradieren möchten - bis hin zum Namen, dem sogenannten 'Deadname', den man nicht mehr aussprechen darf. Nadia hat 30 Jahre lang existiert. Sie hat Schönes und Trauriges erlebt, und vieles war rückblickend sicher auch irrational oder unüberlegt. Dennoch möchte ich meinem vergangenen Ich mit Respekt und Wertschätzung begegnen."

Der berühmte Bierdeckel von Friedrich Merz sollte die lästigen Regeln der Steuererklärung vereinfachen.

Das LWL-Museum Kloster Dahlheim zeigt die Sonderausstellung "Die Macht der Regeln - Zwischen Freiheit und Kontrolle", in der Alexander Menden (SZ) den Sinn und Unsinn von Regeln in menschlichen Gemeinschaften bestaunen darf. "Nun ist es natürlich leicht, sich über Regelwut lustig zu machen. Kaum etwas wird in Deutschland ja so hitzig diskutiert wie 'Überregulierung'." Den Kuratoren gehe es dabei vor allem um die Frage: "Wer stellt Regeln auf, welchem Zweck dienen sie, wo schaden oder nützen gegebenenfalls Regelverstöße? Anlässe für diese Betrachtung gibt es genügend, schließlich setzen internationale Regelbrecher wie Wladimir Putin und Donald Trump derzeit die Agenda, während alle, die auf eine regelbasierte Weltordnung pochen, hinterherzuhecheln scheinen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.06.2026 - Gesellschaft

"Das Geraune über die vermeintlichen Risiken und die Falschbehauptungen über Yad Vashem sind unangemessen", meint der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Volker Beck in einem Streitgespräch mit Meron Mendel in der SZ. Mendel hatte vor Einflussnahme israelischer Politiker auf die Einrichtung gewarnt, auch deshalb weil ihr Leiter vom Ministerpräsidenten, dem Rechtsextremisten Dani Dayan direkt ernannt wird (unsere Resümees). Das heißt aber nicht, dass die Einrichtung nach dessen Pfeife tanzt, so Beck: "Als Netanjahu behauptet hat, der Großmufti von Jerusalem habe Hitler die Idee mit der Shoah ins Ohr geblasen, da hat ihm die Chefhistorikerin von Yad Vashem, Dina Porat, deutlich widersprochen. Richtig so. Und als sich der israelische Botschafter bei den Vereinten Nationen einen gelben Stern ans Revers geheftet hat, hat Dayan ihn ebenfalls scharf kritisiert." Mendel hält entgegen: "Wir haben doch die Versuche der Einflussnahme nicht erfunden. Einmal wurde sehr knapp verhindert, dass ein ausgewiesener Rechtsradikaler Vorsitzender von Yad Vashem wird, Effi Eitam. Die Vorstellung, dass es beim nächsten Mal klappt und dieser oder ein anderer Rechtsradikaler dann in der Außenstelle in München und Leipzig das Sagen hat, ist angesichts der heutigen politischen Konstellation in Israel keine Science-Fiction."