9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

1129 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 113

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.04.2019 - Gesellschaft

Christiane Schlötzer besucht für die SZ in Istanbul das Museum für den armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink, der 2007 in Istanbul auf offener Straße von einem türkischen Ultranationalisten erschossen wurde: "'23,5 April' heißt nun der Erinnerungsort, den die Hrant-Dink-Stiftung in Istanbul eingerichtet hat. Die ehemaligen Redaktionsräume der von Dink 1996 gegründeten zweisprachigen Zeitung Agos wurden in ein anspruchsvoll gestaltetes Museum verwandelt, das auch eine Begegnungsstätte für junge Menschen sein soll. Die Zeitung ist dafür umgezogen. Die Stiftung hat damit in der Türkei etwas bisher Einmaliges geschaffen: einen intimen und doch öffentlich zugänglichen Ort, der an eines der großen Traumata des Landes erinnert."
Stichwörter: Dink, Hrant, Türkei

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2019 - Gesellschaft

Die Kluft zwischen Arbeiterkindern und besser Gestellten ist im deutschen Bildungssystem immer noch besonders groß, schreibt Deana Mrkaja bei den Salonkolumnisten in einem persönlichen Essay. Und sie wird durch Habitus verschärft: "Für Kinder aus bildungsfernen Haushalten ist der Sprech, der an Unis gebräuchlich ist, alles andere als verständlich. Wir können nicht folgen, fühlen uns fehl am Platz und fragen uns, ob eben die Krankenschwesterausbildung, die Mutter doch so gut fand, nicht die bessere Entscheidung gewesen wäre. Doch es ist nicht nur die Sprache, sondern auch die Themen, Diskussionen, der Verhaltenskodex, die uns alle völlig fremd sind, auf die wir uns erst einmal einstellen müssen. Lange Zeit fühlen wir uns wie Aliens, die auf einem neuen Planeten gelandet sind und bis zu Schluss haben wir das Gefühl, nicht ganz dazuzugehören."

In der Welt hat Cigdem Toprak die Nase voll von dem Gerede über "alte weiße Männer". Dass das Quatsch ist, hat sie schon an der Uni gelernt: "Während meiner Arbeit an einem wissenschaftlichen Institut, das sich mit Gender- und Rassismusfragen beschäftigt, wurde ich von jenen, die ständig von antimuslimischem Rassismus schrien, die alles und jeden gendern wollten, die white supremacy kritisierten, genauso schlecht behandelt wie früher von unseren rassistischen Nachbarn, die meine Eltern dafür hassten, dass sie zu ihren Nachbarn geworden waren. Die Menschen an diesem Institut begannen, mich schlecht zu behandeln, als sie merkten, dass ich selbstständig denke, mich nicht an Ideologien hänge. Dass ich selbst bestimmen möchte, wann ich von Diskriminierung betroffen bin und wann nicht. Als ich nicht mehr Opfer sein wollte, wurde ich zum Opfer gemacht - woraufhin ich kündigte."

Mark Siemons schreibt in der FAS eine Art Nachruf auf den Fußgänger, der inzwischen auch auf den Bürgersteigen seine Freiheit verloren hat und sich vorsichtig bewegen muss, um jenen auszuweichen, die stets Recht haben: "Die Schonungslosigkeit und Härte, mit der manche und nicht so wenige Fahrradfahrer sich nicht nur ihren Weg bahnen, sondern diesen auch mit Ausbrüchen von Wut und Aggression begleiten, wäre kaum denkbar ohne das zutiefst gute Gewissen, das sich im Einklang mit den Hauptströmungen der Zeit weiß. Da Fahrradfahren umweltschonend, gesund und vergleichsweise schwerelos ist, gehört ihm die Zukunft, und jeder einzelne Radfahrer kann sich nicht nur als Durchsetzer seiner eigenen Interessen im Straßengetümmel fühlen, sondern als Vertreter eines höheren Rechts, das Rechtsverstöße im Einzelnen als verschmerzbar erscheinen lässt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.04.2019 - Gesellschaft

Eindringlich protestiert Simone Schmollack in der taz nochmal gegen die deutsche, von den Kirchen definierte Gesetzeslage zur Sterbehilfe, über die vor dem Bundesverfassungsgericht gerade zwei Tage lang verhandelt wurde: "Der Erfahrung von Mediziner*innen aus Ländern mit legaler Sterbehilfe zufolge sinkt die Selbsttötungsrate, sie steigt nicht, wie hierzulande von manchen befürchtet wird. Und niemand, schon gar nicht Mediziner*innen, Pfleger*innen und Angehörige werden 'einfach so töten', wie Ärztekammerpräsident Frank Ulrich Montgommery behauptet. Erwiesen ist auch, dass sich Menschen besser fühlen, wenn sie, statt zu einem Sterbehilfeverein in die Schweiz reisen zu müssen und so den eigenen Tod unmittelbar vor Augen zu haben, ihren Todeszeitpunkt durch eine Spitze selbst bestimmen und auch wieder verschieben zu können."
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Stichwörter: Sterbehilfe, Paragraf 217

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.04.2019 - Gesellschaft

hpd.de dokumentiert die Intervention des Philosophen Michael Schmidt-Salomon von der Giordano-Bruno-Stiftung im Prozess des Bundesverfassungsgerichts zum Sterbehilfegesetz der Bundesregierung (Paragraf 217), das "geschäftsmäßige" Beihlife zum Suizid bekanntlich verbietet. Damit habe der Staat seine weltanschauliche Neutralität verletzt, so Schmidt-Salomon: "Denn dieser Paragraf privilegiert die Sittlichkeitsvorstellungen einer religiösen Minderheit und diskriminiert all jene, die diese Vorstellungen nicht teilen. Man mache sich diese Ungeheuerlichkeit bewusst: Während 80 Prozent der Bürgerinnen und Bürger für mehr Selbstbestimmung am Lebensende plädierten, beschlossen deren parlamentarische Vertreter die massive Beschneidung dieses Selbstbestimmungsrechts, indem sie kompetente Freitodbegleitungen unter Strafe stellten."

Im SZ-Interview mit Susanne Klein fordert die Gesamtschullehrerin und Autorin Julia Wöllenstein den Verzicht von Religionsunterricht an Schulen und ein Kopftuchverbot bis zum 16. Lebensjahr: "Das wäre ein klares Zeichen dafür, dass wir hier Staat und Religion trennen. Bei der Herkulesaufgabe, sich in einem fremden Land zu integrieren, braucht man Orientierung. Ich frage mich manchmal, wie es wäre, wenn ich mit meinen drei Kindern nach Iran ziehen würde. Welchen Rahmen bräuchte ich, um reinzukommen in die Kultur?" Und: "Mädchen bekommen mit dem Kopftuch die Verantwortung für Sexualität aufgelastet. Das spüren sie auch, sie sagen zum Beispiel: Wenn ich ohne Kopftuch rausgehe und mir dann etwas passiert, bin ich selber schuld. Mädchen sollten aber nicht durch Verhüllen signalisieren müssen, dass sie sexuell nicht verfügbar sind."

Weiteres: 2018 wurde insgesamt 1083 antisemitische Vorfälle in Berlin erfasst, 14 Prozent mehr als 2017, zitiert Frank Jansen im Tagesspiegel die Bilanz der "Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (Rias). Projektleiter Benjamin Steinitz "betonte, es gebe 'eine zunehmende Bereitschaft, antisemitische Aussagen mit Gewaltandrohung zu verbinden oder auch Gewalt folgen zu lassen'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.04.2019 - Gesellschaft

Auf Zeit online hat Ramona Raabe kein Problem mit der Frage, woher kommst du. Schon richtig: "Den meisten, die munter drauflosfragen, scheint nicht bewusst zu sein, dass ein sichtbarer Migrationshintergrund sich nicht verstecken lässt ... Aber wieso sollte unser eigenes kulturelles oder nationales Selbstverständnis durch eine einfache Frage so leicht angreifbar sein? Wir ethnisch pluralen, bunten, auch deutschen Menschen mit Migrationshintergrund können mit allem Recht unsere Zugehörigkeit unumstößlich voraussetzen - weil wir es sind, die das Beispiel leben und zwar schon seit Jahrzehnten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.04.2019 - Gesellschaft

Große Verunsicherung bei den katholischen Geistlichen, die im Erzbistum Köln zu einem Präventionskurs verpflichtet werden, bevor sie mit Kindern arbeiten dürfen, berichten Tim Niendorf und Tobias Schrörs. Darf man denn ein Kind, das seine Mutter verloren hat, noch tröstend in die Arme nehmen? "Einer steht da mit gesenktem Kopf, sagt, der Missbrauch gehe ihm in den Körper, in die Seele. Ein anderer sagt: Priester und Missbrauch, das habe er sich nicht vorstellen können. Und nun? Wie umgehen mit Kindern auf Jugendfahrten? Darf man einem Messdiener noch durch die Haare wuscheln? Keine leichten Fragen, die gestellt werden. Sie stehen im Kontrast zu einer extremen Aussage, die nach den Worten eines Referenten in einem anderen Kurs gefallen ist. Da habe einer gesagt: Na ja. Wenn ein Mann ein Mädchen auf dem Schoß hat und dann Lust verspürt, ist das ja nicht so schlimm, solange das Mädchen nichts merkt."
Stichwörter: Sexueller Missbrauch

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.04.2019 - Gesellschaft

Zahlreiche Künstler und Wissenschaftler haben eine mit Blick auf die inzwischen eingestellten Ermittlungen gegen das Zentrum für politische Schönheit initiierte Petition gegen die Kriminalisierung politischer Kunst unterschrieben, meldet Zeit Online. Sie fordern unter anderem eine Entschuldigung von Thüringens Landesjustizminister Dieter Lauinger: Die Ermittlungen seien "'ein bedrohlicher Angriff auf die Meinungs- und Kunstfreiheit. Wir protestieren!', heißt es in der Petition, die von der Intendantin des Maxim-Gorki-Theaters, Shermin Langhoff, angestoßen wurde. Zu den Erstunterzeichnern des Briefs gehören der Musiker Herbert Grönemeyer, der Satiriker Jan Böhmermann, der Journalist Deniz Yücel, die Initiatorin des Holocaustmahnmals in Berlin, Lea Rosh, die Schauspielerin Katja Riemann, der Politikwissenschaftler Herfried Münkler und viele andere." Im Welt-Interview mit Per Hinrichs ordnet der ehemalige Richter am Bundesgerichtshof, Thomas Fischer die Ermittlungen juristisch ein.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.04.2019 - Gesellschaft

Alles nur "Theaterdonner" entgegnet in einem wütenden Welt-Essay der ostdeutsche Philosoph und evangelische Theologe Richard Schröder der These der Migrationsforscherin Naika Foroutan, Ostdeutsche und muslimische Migranten seien demselben Rassismus der westdeutschen Mehrheitsgesellschaft ausgesetzt. (Unsere Resümees). "Die ehemalige DDR, heute Ostdeutschland genannt, hat unter allen ehemals sozialistischen Ländern das große Los gezogen", schreibt er und hält den Vergleich für "abwegig": "Ostdeutsche und Westdeutsche verbindet dieselbe Sprache, dieselbe Geschichte, die lediglich 40 Jahre getrennt verlief, aber auch dieselbe Kultur einschließlich der Trivialkultur von Songs und Schlagern oder etwa der Mode. Uns trennen auch keine Speisevorschriften. Nur hinsichtlich der Christlichkeit gibt es markante, aber wohl doch eher quantitative Unterschiede, wenn wir Hamburg mit Leipzig vergleichen. Muslime dagegen haben nicht 40, sondern 1500 Jahre eine andere Kultur entwickelt und auch sich selbst als das andere gegenüber dem christlich geprägten Europa verstanden, das zu unterwerfen unbedenklich erschien. Zweimal standen die Osmanen vor Wien, und Erdogan preist die Eroberung des christlichen Konstantinopel."

So schnell wendet sich das Blatt: Nachdem die Ermittlungen gegen das "Zentrum für politische Schönheit" eingestellt wurden, erhärtet sich die Kritik gegen den mutmaßlich AfD-nahen Staatsanwalt Martin Zschächner, wie Matthias Meissner im Tagesspiegel resümiert: Der nordrhein-westfälische Linken-Bundestagsabgeordnete Niema Movassat hat wegen des Verfahrens gegen das ZPS nun Strafanzeige wegen Rechtsbeugung erstattet und Dienstaufsichtsbeschwerde eingereicht, so Meissner. Und: "Kommilitonen von Zschächner aus Heidelberg erinnern sich an ihn als jemand, bei denen allen 'sonnenklar gewesen' sei, dass er schon in der Studienzeit 'rechtsaußen' gestanden habe. Der Rechtsanwalt Kim Manuel Künstner aus Frankfurt am Main twitterte: 'Ach Du Sch... Der hat mit mir in Heidelberg studiert. Wir nannten ihn nur den 'Jura-Nazi'. Wer hat denn den zum Staatsdienst zugelassen? Jemanden, der nur 50 Prozent so links ist wie der rechts, würde man nie einstellen.'"

Im Interview mit Ijoma Mangold in der Zeit erklärt Philipp Ruch sein "Zentrum für politische Schönheit" zur Konkurrenz von Amnesty International: "Die Politik hat die Menschenrechte vor Jahrzehnten an den zivilgesellschaftlichen Sektor wegdelegiert. Dort sind sie in der zittrigen Hand von Amnesty International. Meine Oma spendet dort immer fleißig Geld hin und glaubt: Die tun was! Wenn ich ihr dann erkläre, dass Amnesty in keinem Land, das im Diktaturen-Ranking ganz oben auftaucht, auch nur ein Büro betreibt, ist sie etwas überrascht."

Impfpflicht und Organspende sind keineswegs Privatsache, entgegnet Johan Schloemann im Aufmacher des SZ-Feuilletons jenen, die kritisieren, der Staat greife zu sehr in die Autonomie der Bürger ein: "Der demokratische Staat, in dem formell alle die gleichen Rechte haben, ist ein Zwangssystem zur Ermöglichung von Freiheit. Über die Mittel, mit denen man die Rahmenbedingungen zur Entfaltung dieser Freiheit schafft, ja, worin diese überhaupt besteht, wird heiß gestritten, sonst wäre es ja keine Demokratie. Aber ohne Eingriffe des demokratischen Staates in die persönliche Freiheit, die zur Verbesserung allgemeiner Zustände beitragen, und damit auch wieder zu mehr Freiheit, kommt auch die liberale Ordnung nicht aus." Schloemann wünscht sich außerdem "Tempolimit, Plastikverbot, Begrenzung von Flugstunden, Fahrverbote, weniger Düngung, teurere Lebensmittel" etc.

Im Interview mit Harry Nutt (Berliner Zeitung) unterstützt auch der Schriftsteller David Wagner, selbst Empfänger einer gespendeten Leber und für seinen Organspende-Roman "Leben" 2013 mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnet, die von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vorgeschlagene Widerspruchsregelung.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.04.2019 - Gesellschaft

Anetta Kahane polemisiert in ihrer FR-Kolumne gegen die These der Migrationsforscherin Naika Foroutan, es gebe so etwas wie Rassismus gegen Ostdeutsche (unsere Resümees): "Sich diskriminiert fühlen und diskriminiert werden sind sehr verschiedene Dinge. Rassismus ist Alltag, die Benachteiligung Ostdeutscher ist sozial - also nicht so unveränderlich wie Hautfarbe oder Name bei Migranten. Aber auch Migranten und antirassistische Gruppen machen die Identitätsreiterei mit. Wenn ihr Ziel nicht in der Idee von Gleichwertigkeit liegt, bei der jede Abwertung geächtet wird, also die von Migranten ebenso wie die durch Migranten, dann finde ich sie ebenso nervend wie fehlgeleitet."

Es gibt auch andere Stimmen zur Frankfurter Ausstellung "Contemporary Muslims Fashions". Natürlich, man kann diese sogenannte "modest fashion" auch "züchtig" nennen, statt "modest" mit "maßvoll" oder "dezent" zu übersetzen, wie es Kolja Reichert von der FAS oder der Ausstellungsmacher Matthias Wagner K bevorzugen (unsere Resümees), aber "das klingt ja nicht nur etwas altväterlich, es weist auch unangenehm deutlich darauf hin, dass dort, wo es züchtige und sittsame Kleidung gibt, es logischerweise auch unsittliche und unzüchtige Kleidung geben muss", meint Oliver M. Piecha bei mena-watch.de, "sonst würde das Unterscheidungskriterium 'modest' gar keinen Sinn ergeben. Aber dann wäre man ja schon wieder halb in so einer hässlichen politischen Diskussion über den Islam, den Kopfbedeckungszwang und all das, wo man doch lieber über 'Halal Mode' als Gegensatz zur 'Fast Fashion' sprechen möchte." Leider muss Piecha auch nach Lektüre des Katalogs den eminent politischen Charakter dieser so harmlos tuenden Schau bestätigen: "Der Zwang zur Verschleierung ist wie gesagt nur eine Fußnote, Frauen, die damit zu kämpfen haben, kämpfen offensichtlich den falschen Kampf."

Das Bild zeigt laut Piecha ein iranisches Propagandaplakat für den Hidschab. Auf dem ausgepackten Bonbon landen die Fliegen.


Dass die Ausstellung klar ein politisches Programm vertritt, meint auch Alexandra Colligs in der Jungle World: "'Contemporary Muslim Fashions' normalisiert und etabliert eine Praxis als muslimische Mode, die religiösen Bedeckungsgeboten folgt, wodurch die, die sich nicht so kleiden, als Abweichlerinnen erscheinen. Die Ausstellung macht Politik für einen konservativen Islam und für die privilegierte Gruppe derer, die sich entscheiden können, das Kopftuch zu tragen oder auch nicht."

In der Welt versteht Alexander Jürgs die Debatte nicht: "Dezente" Mode, wie er es nennt, ist doch "ein Riesengeschäft, das sich niemand entgehen lassen will."

In der SPD darf sich kein Arbeitskreis säkularer SozialdemokratInnnen gründen (unsere Resümees). Daniela Wakonigg unterhält sich bei hpd.de mit Adrian Gillmann, dem Ko-Vorsitzenden des potenziellen Arbeitskreises, der nichts auf seine Partei kommen lässt: "Wir haben auch Mandats- wie FunktionsträgerInnen, die uns unterstützen. Zugegeben noch nicht alle so offiziell, wie wir uns das wünschen, aber alles braucht seine Zeit."

Würde eine gendergerechte Sprache zu mehr Gleichberechtigung führen? Der Linguist Josef Beyer bezweifelt es in der NZZ stark, Umbenennungen hätten noch nie geholfen: "Ein Altenheim, das in Seniorenstift umbenannt worden ist, bleibt für die Insassen weiterhin ein reichlich tristes Ambiente."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.04.2019 - Gesellschaft

Die Kopftuchdebatte wird auch andernorts geführt. Die amerikanische Kongressabgeodnete Ilhan Omar, die bisher eher durch israelkritische Äußerungen auffiel (unsere Resümees), verteidigt in der Vogue - wo sonst? - die "züchtige" beziehungsweise "dezente"  Mode: "To Me, the Hijab Means Power, Liberation, Beauty, and Resistance." Für Omar ist eigens ein 181 Jahre altes Verbot für Kopfbedeckungen im Kongress aufgehoben worden. Nächster Artikel in der Vogue: "Warum Michael Kors' neuer Hidschab eine tolle Nachricht für muslimische Frauen ist."

"Es gibt zwei Arten von Hidschab", antworten die iranischen, im Exil lebenden Aktivistinnen Masih Alinejad und Roya Hakakian in der Washington Post, den kleidsamen, zu dem sich frau nett schminken kann, und den aufgezwungenen, den Ilhan Omar in der Vogue zu erwähnen vergaß: "Wir fordern unsere Schwestern in der Welt auf, die iranischen Frauen im Kampf gegen den verordneten Hidschab zu unterstützen. Wir fordern die amerikanischen Frauen auf, die prominenteste Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotoudeh zu unterstützen, die zu 38 Jahren Gefängnis und 148 Peitschenhieben verurteilt wurde, weil sie Frauen verteidigte, die in friedlichem Protest gegen den Hidschab aufbegehrten."

Im pakistanischen Himal-Magazin erzählt Zoya Anwer, welche Aufmerksamkeit es erregte, dass sie auf dem Foto in einem Facebook-Post ganz unmodest rittlings auf einem Mofa saß: "Dies ist natürlich ganz anders als bei Frauen, die sich dem patriarchalischen Druck anpassen, seitwärts zu sitzen, auch wenn das auf Kosten ihrer Sicherheit geht; ich habe viel zu viele Unfälle erlebt, bei denen Frauen im Damensitz mit dem Gesicht nach unten gestürzt sind. ... Einmal wurde ich von einem Fahrer mitgenommen, der fasziniert war, eine Beifahrerin zu haben. Ich konnte seine Aufregung spüren und nickte zu all seinen Fragen, bis er mich bat, meinen Kopf zu bedecken. Als jemand, die ihren Kopf ein Jahrzehnt lang freiwillig bedeckt hatte, bevor sie aus persönlichen Gründen damit aufhörte, wurde ich stinksauer und bat ihn, mich an der nächsten Haltestelle abzusetzen. Stattdessen hieß er mich sofort abzusteigen. Ich war erschüttert von dem, was gerade passiert war, und von dem Anspruch eines Mannes - dessen Aufgabe es war, mich gegen Bezahlung zu fahren - meinen Wert auf meine Kleidung und Haltung reduzieren zu können."

Das Ermittlungsverfahren gegen das Zentrum für politische Schönheit ist eingestellt worden, meldet Markus Reuter auf netzpolitik. Der Geraer Staatsanwalt Michael Zschächner hatte die Ermittlungen gegen das Zentrum wegen des Verdachts auf Bildung einer terroristischen Vereinigung eingeleitet, was für große Empörung sorgte. War auch alles nur heiße Luft: "Laut einer Pressemitteilung des Thüringer Justizministeriums wird das Verfahren nun eingestellt, weil es keinen hinreichenden Tatverdacht gibt." Zschächner "wird auf eigenen Wunsch vorläufig bis zur endgültigen Klärung der medial gegen ihn erhobenen Vorwürfe mit anderen Aufgaben in der Staatsanwaltschaft Gera betraut. Ebenso wird er von seinen Aufgaben als Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Gera entbunden." Reuter ist zufrieden, fragt sich aber auch, "welche Überwachungsmaßnahmen die Staatsanwaltschaft gegen die Aktionskünstler unternommen hat, ob die Erkenntnisse mit anderen Behörden geteilt wurden und wie es sein konnte, dass dieses Ermittlungsverfahren überhaupt eröffnet wurde und dann so lange lief."