9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

1247 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 125

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.10.2019 - Gesellschaft

Dass die Leute Rassismus nicht erkennen, wo er ist, liegt auch an falschem Geschichtsunterricht, meint Tobias Ginsburg in der taz, der bei diesem Thema Bildungsarbeit macht und bei einer Veranstaltung Björn Höckes just am Tag des Halle-Anschlags lauter Leuten begegnete, die den Raissmusverdacht weit von sich wiesen: "In der Schule liest man 'Die Welle', schaut einen kitschig-schaurigen KZ-Film, lernt Jahreszahlen - und beschwert sich hinterher, dass dieses doofe Dritte Reich und die lästige Ermordung der europäischen Juden viel zu viel durchgekaut wurde. Aber wie ein Rassist seinen Rassismus begründet, wie der Antisemit seinen Judenhass legitimiert, wo die Attraktivität solcher Vorstellungen liegt, damit beschäftigt man sich nicht."

Sie Ostdeutschen sind nicht abgehängt, schreibt der Religionssoziologe Detlef Pollack im Tagesspiegel, auch unter Bezug auf Umfragen. Viele äußerten sich annähernd so zufrieden mit der Demokratie wie die Westdeutschen. Allerdings verdanke sich der in den letzten dreißig Jahren errungene Wohlstand oft nicht eigener Leistung, sondern Transfers aus dem Westen: "Die Ostdeutschen wissen, dass sie ihn nur zu einem Teil den eigenen Anstrengungen verdanken. Wenn man die ostdeutschen Regionen außerhalb der Großstädte besucht, sieht man auf den ersten Blick, dass sich viele von ihnen in den durchsanierten Städten und Gemeinden wie Fremdkörper bewegen, die das, was sie an glänzenden Stahl-, Glas- und Betonkonstruktionen umgibt, nicht als ihr Eigenes erkennen - sofern sie denn überhaupt außer Haus gehen und nicht im Privaten bleiben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.10.2019 - Gesellschaft

Hilmar Klute bilanziert in der SZ, was zwei Jahre #MeToo gebracht haben, und betont, dass an der Aufarbeitung schwerer Verbrechen nicht nur Frauen gelegen sein muss: "Dabei kann es auch für Männer befreiend wirken, wenn dem bräsigen Manspreading-Getue mancher Vorstandsnasen Einhalt geboten wird. Man kann als Mann auch einen Zuwachs an Freude erleben, wenn für paternalistische Affekte, die man an Männern seit jeher verabscheut hat, nun Abmahnungen rausgehen. Das 'Buddytum', eines der roten Tücher der #MeToo-Streiterinnen, war als männliches Gemeinwesen immer eher unerfreulich, insbesondere dann, wenn man selbst kein Buddy sein durfte. Männer machen unter sich aus, wer welchen Posten bekommt - diese alte Steigbügelkultur sollte nach #MeToo passé sein. Ob sie es in Wirklichkeit ist, bleibt noch im Widerspruch verschiedener Studien verfangen."

Snapchat oder Instagram treiben die Schönheitschirurgie an den Rand ihrer Möglichkeiten, berichtet Sarah Pines in der NZZ von einer neuen Stufe des Narzissmus, dem besonders Milennial-Frauen verfallen seien: "Social Media haben eine neue Form von Wahrnehmungsstörung hervorgebracht: die 'Snapchat-Dysmorphie'. Dermatologen der Boston University School of Medicine haben das neue Phänomen kürzlich beschrieben. Patientinnen - es sind tatsächlich vor allem Frauen - suchen Rat bei plastischen Chirurgen, weil sie so aussehen wollen wie die elektronisch gefilterte Version ihrer selbst. Sie wünschen sich vollere Lippen, eine schmalere Nase - oder größere Augen. Der Trend sei alarmierend, sagen die Ärzte. Denn das am Computer mit moderner Bildbearbeitung geschaffene Aussehen sei nicht erreichbar. Auch mit chirurgischen Mitteln nicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.10.2019 - Gesellschaft

"Die radikale Rechte gehört zu den Wiedervereinigungsgewinnern", schreibt der Historiker und Antisemitismusforscher Uffa Jensen in der SZ: "Auch mentalitätsgeschichtlich wirkt die Wiedervereinigung fort. Die Freude über die friedliche Revolution von 1989 wich schnell der Notwendigkeit, ein geeintes Deutschland aufzubauen. Der bis heute anhaltenden Selbsterforschung, ob beide Teile des Landes schon zueinander gefunden hätten, liegt eine nationalistische Schimäre zugrunde: eine echte innere Einheit, ohne Konflikte. Kann es da heute wirklich überraschen, dass rechte Kräfte diese Sinnsuche in ihre Homogenitätsformeln umgießen: 'Wir sind das und vor allem ein Volk!' Juden dienten bei diesem so deutschen Verlangen nach innerer Reichsgründung seit dem 19. Jahrhundert als Gegenmodell. Für die radikalen Rechten verkörpern sie noch immer das antinationale, internationalistische und heimatlose Prinzip, gegen das sich eine gefestigte deutsche Identität behaupten muss."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.10.2019 - Gesellschaft

Bei den Grünen wird weiter über Globuli gestritten, berichtet Ulrich Schulte in der taz. Die Homöopathie-Kritiker in der Partei lehnten den Kompromissvorschlag des Vorstands ab, den Streit auf eine Fachkonferenz zu vertagen: "Eine gesundheitspolitische Fachkonferenz könne nicht die Kompromisslösung der Frage sein, 'ob wir uns zur Wissenschaft bekennen', schrieb das Grünen-Mitglied Tim Demisch auf Twitter. Demisch hat mit über 250 Mitgliedern einen Antrag für den Parteitag im November gestellt, der fordert, die Finanzierung der Homöopathie über die Krankenkassen zu beenden. Schließlich sei jene erwiesenermaßen nicht über den Placebo-Effekt hinaus wirksam. Die Homöopathie-Fans bei den Grünen wollen den Status quo der Kassenfinanzierung beibehalten."
Stichwörter: Homöopathie

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.10.2019 - Gesellschaft

Jonathan Fischer besucht in Timbuktu die malische Lehrerin und Menschenrechtsaktivistin Fatouma Harber, die mit ihrem Blog den Dschihadisten die Stirn geboten hatte und jetzt Frauen darin ausbildet, ihre Rechte auch digital zu verteidigen. Ärger bringt es ihr vor allem ein, wenn sie die Geschäfte der bewaffneten Gruppen stört: "Harbers Aktivismus bleibt nicht im Digitalen. Sie unterstützt die lokalpolitisch engagierten Jugendlichen von "Collectif Tombouctou Reclame Ses Droits" und hat Debattierklubs ins Leben gerufen. Das vorgegebene Thema: Was bedeutet Demokratie? Das entspreche der Tradition der Stadt, in der es in den Koranschulen üblich gewesen sei, dass Schüler ihre Lehrer alles fragen durften. "Warum glauben Sie, haben die Dschihadisten sich ausgerechnet Timbuktu als Zielscheibe gewählt? Weil wir hier Toleranz leben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.10.2019 - Gesellschaft

Dirk von Lowtzow von Tocotronic spricht sich im Interview mit Julia Lorenz von der taz sehr eindeutig gegen die Israelboykottbewegung BDS aus. Das heiße nicht, dass Veranstalter BDS-Künstler grundsätzlich nicht einladen sollten: "Es gibt da ja auch Abstufungen, was die Radikalität betrifft. Aber ein Festival wie die Ruhrtriennale ist ein staatlich subventioniertes Event. Ich finde es schon skandalös, wenn Künstler dort auftreten dürfen, die eine vom Bundestag als antisemitisch eingestufte Organisation unterstützen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.10.2019 - Gesellschaft

Andrea Röpke und Andreas Speit berichten in dem Buch "Völkische Landnahme - Alte Sippen, junge Siedler, rechte Ökos" über eine rechtsextreme Öko- und Siederlszene, die sich besonders im ländlichen Raum festsetzt. Das im Christoph Links Verlag erschienene Buch wird mit Abmahnungen überzogen, berichtet das Börsenblatt: "Zusammen hätten Autoren und Verlag mittlerweile zwölf Abmahnungen ... zu dem Buch erhalten. Darüber hinaus sei Andrea Röpke für Äußerungen bei öffentlichen Präsentationen des Werkes dreimal abgemahnt worden. 'Wertende kritische Einordnungen von Personen, die eigentlich durch die Meinungsfreiheit gedeckt sind, sollen auf diese Weise unterbunden werden', so der Verlag. Der Verlag habe die geforderten Unterlassungserklärungen nicht abgegeben, sondern stattdessen mit seinen Anwälten Schutzschriften erarbeitet und bei Gericht hinterlegt, 'in denen wir unsere Positionen begründen und belegen'."
Stichwörter: Rechtsextremismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.10.2019 - Gesellschaft

Aus den USA kommt die Mode, die eigenen Gene auf die ethnische Herkunft testen zu lassen. Heraus kommt dann meist, dass man zu so und so viel Prozent dieser oder jener Herkunft sei. Die Firmen, die mit diesen Tests Geld verdienen, verkaufen diese Ergebnisse als "antirassistisch", weil sie meist Mischungen offenbaren. Aber Philipp Kröger, der zum Thema forscht, warnt im Blog geschichtedergegenwart.ch: "Gentests schreiben Vorstellungen, nach denen Ethnizität eine natürliche Qualität des Menschen sei, fest und lösen diese nicht auf." Kröger spricht von "biologisiertem Antirassismus, der Gefahr läuft, ein Begehren nach Abstammung und Differenz eher zu festigen als aus der Welt zu schaffen. Kam Rassismuskritik jahrelang ohne die Annahme tatsächlich existierender Rassen aus, fällt der biologisierte Antirassismus dahinter zurück: Er schreibt das kulturelle Artefakt der Ethnizität als natürliches Programm in die menschliche DNA ein."

"Extinction Rebellion", die Klimaprotestbewegung, die in Berlin und anderswo den Verkehr lahmlegt, wirkt auf den Schriftsteller David Wagner in der FAZ alles andere als rebellisch: "Trotz all der Menschen, 1500, zweitausend werden es wohl sein, zeitweilig mehr, trotz der skandierten Parolen und Durchsagen: Es ist dennoch leise im Tiergarten. So leise. Die Blockierer machen keinen Krach und kaum Lärm, nein, im Gegenteil, sie haben den Tiergarten heute befriedet. Nie war so viel Ruhe um die Wipfel. Kein Hauch Fahrtwind vorbeirasender Autos fährt mir durchs Haar."

Etwas weniger idyllisch betrachtet auf Zeit online Sasan Abdi-Herrle die Bewegung, die er geradezu demokratiefeindlich findet: "Der Klimawandel sei größer als die Demokratie, sagt der Mitbegründer der Bewegung, Roger Hallam. Und spricht von einer Revolution, dem Ziel einer politischen Krise. Diese Verachtung des politischen Systems ist gefährlich. Sie impliziert, dass man die Institutionen überwinden darf, wenn man sich auf der Seite einer größeren Sache und damit im Recht wähnt. Solche Gedankenspiele kennt man auch vom rechten Rand. Einen solch totalitären Zugang zur Klimawende kann niemand wollen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.10.2019 - Gesellschaft

Daniel Schulz hatte mit einem Essay über seine Jugend in den Neuen Ländern und den Rechtsextremismus Aufsehen erregt (unser Resümee und Link). In der taz denkt er über die anhaltenden Schändungen von Denkmalen für die NSU-Opfer in Zwickau nach: "Wenn andere Ostdeutsche mir als Ostdeutschem erzählen, Rechtsextremismus sei ein gesamtdeutsches Problem und man solle mal nicht immer auf den Osten zeigen, dann denke ich an den NSU, woher er kommt, wo er gewohnt hat - und ich weiß, dass die Verantwortung der ostdeutschen Gesellschaft an diesen Mordtaten fast nie thematisiert wird."

In Baden-Württemberg gibt es heftigen Streit um eine Ausstellung zur "Nakba", also der Gründung Israels und der damit verbundenen Konflikte und Vertreibungen aus palästinensischer Sicht, berichtet Jannis Hagmann in der taz. DerAntisemitismusbeauftragter des Landes, Michael Blume, fordert eine Überarbeitung der Ausstellung, die vom Evangelischen Entwicklungsdienst (EED), Brot für die Welt und der Stiftung Entwicklungszusammenarbeit Baden-Württemberg gefördert wurde. "Der taz nennt Blume zwei Hauptkritikpunkte: Sowohl die 'Hunderttausendfache Vertreibung von Jüdinnen und Juden aus der arabischen Welt' als auch die 'mörderische Geschichte des arabisch-deutschen Antisemitismus' würden ausgeblendet. Jerusalems Großmufti hatte mit dem NS-Regime kooperiert, was vielfach als Beweis für tief verwurzelten Judenhass von Palästinensern angeführt wird." Die Kuratorin Ingrid Rumpf verwahrt sich gegen die Vorwürfe. Die Ausstellung scheint keine Website zu haben. Die taz verlinkt auf ein pdf-Dokument.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.10.2019 - Gesellschaft

Auf ZeitOnline fordert die Schriftstellerin Leïla Slimani, die zusammen mit der Filmemacherin Sonia Terrab in einem Manifest die überkommenen Gesetze zu außerehelichem Sex und Abtreibungen in Marokko anprangerte (unsere Resümees hier und hier), ein Ende der Heuchelei. Die Mehrheit der Marokkaner, erklärt Slimani, verstoße sowieso gegen eines dieser Gesetze: "Zunächst einmal wollen wir eine Debatte. Wir wollen Menschen helfen, aus der Kultur des Lügens und der Scham auszusteigen: Niemand soll sich schlecht fühlen, weil er Sex hat. Wir kämpfen für das Recht, selbst über den eigenen Körper zu bestimmen. Und natürlich hoffen wir, auch politische Parteien zu überzeugen, die dann ebenfalls dafür kämpfen, dass jeder in diesem Land ein Recht auf Intimität und ein Privatleben hat."