9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2020 - Gesellschaft

In der FR denken die Politologen Adalbert Evers und Claus Leggewie darüber nach, wie man die Infiltrierung zivilgesellschaftlicher Organisationen - Feuerwehr, Sportvereine, Elternbeiräte, korporative Standesvereinigungen etc. - durch "braune" Mitglieder verhindert. Einfach ausschließen ist keine Option. Geld kann helfen, wenn es richtig eingesetzt wird, "wenn damit nicht bloß ein alternatives Milieu gegen und neben 'den Rechten' gefördert wird, das die braunen Ränder zumeist völlig unbeeindruckt lässt; und es klappt nur, wenn die vor Landtagswahlen eilends einberufenen Bürgergespräche und Bürgerforen, in denen Parteipolitiker den Dialog suchen, nicht ebenso rasch nach der Wahl wieder verschwinden. ... Wenn Verwaltungs-, Verkehrs- und Gesundheitsleistungen ausgedünnt wurden (und man kilometerweit zum nächsten Rat- und Krankenhaus fahren muss), wird das Feld dafür bereitet, dass in analogen wie digitalen Echokammern das Ressentiment blüht. Die Reparatur dieser Infrastrukturen im Hinterland wie in abgehängten Zentren ist eine wesentliche Voraussetzung für die Bewahrung und Wiedergewinnung von Zivilität."

Geht es nach Björn Höcke, läuft das allerdings anders, lesen wir in einer Reportage auf Zeit online über Höckes jüngsten Auftritt bei Pegida in Sachsen (denen fast doppelt so viele Gegendemonstranten gegenüberstanden): "Über die Gegendemonstranten sagt er: 'Im Hintergrund sehen Sie die Opfer der deutschen Bildungskatastrophe.' Die seien auch in Vereinen engagiert, die man nicht mehr tolerieren werde. 'Wir werden diese sogenannte Zivilgesellschaft dann leider trockenlegen müssen.'"

Der Arzt Jérôme Segal, Assistenzprofessor an der Universität Paris-Sorbonne und Viola Schäfer, die Vorsitzende des Vereins "intaktiv", publizieren bei hpd.de einen Überblicksartikel über die Praxis der Genitalverstümmelung beziehungsweise Beschneidung bei Mädchen, Jungen und intergeschlechtlichen Kindern. Sie kritisieren dabei auch das deutsche Gesetz, das die Beschneidung von Jungen erlaubte, um die entstandene Debatte zu beenden: "Den Paragrafen 1631d des bürgerlichen Gesetzbuches, der im Dezember 2012 in Kraft trat und Jungenbeschneidungen auch ohne medizinische Indikation legalisiert bezeichnete Christa Müller, Vorsitzende des von Intact e. V., als Einfallstor für weibliche Genitalverstümmelung in Deutschland. Eltern, die bei ihrer Tochter eine 'kleine Sunna' (Entfernung der Klitoris-Vorhaut und der Klitoris-Spitze) vornehmen lassen wollten, könnten sich vor einem deutschen Gericht mit Berufung auf das 'Beschneidungsgesetz' und den Grundsatz der Gleichberechtigung der Geschlechter das Recht auf diesen Eingriff an ihrer Tochter vermutlich einklagen."

Im Prozess gegen Harvey Weinstein ging es weniger um das Verhalten des Angeklagten als das der Opfer, ärgert sich in der FAZ Verena Lueken. Denn woran zeigt sich, ob jemand ein Opfer war? "Pointiert gesagt: Wer vergewaltigt wird, darf danach nicht frühstücken. Und falls der Täter derjenige ist, der eine Karriere verheißt, darf die Karriere nicht verfolgt werden. Wer den Schaden hat, hat den Schaden. Dass über solcherlei überhaupt diskutiert wird, zeigt, wie wenig die Folgen sexueller Gewalt letztlich zur Kenntnis genommen werden und wie viel den Frauen, die sie erdulden, zugemutet wird: Während der Angreifer die Moral einer Kakerlake haben mag und damit möglicherweise ungeschoren davonkommt, sollen die Opfer sich mit damenhafter Konsequenz den Mechanismen der Industrie, in der sie arbeiten, durch Branchenwechsel entziehen?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.02.2020 - Gesellschaft

Wir haben ein Problem mit dem Altern, diagnostiziert Ariane Bemmer in einem Essay für den Tagesspiegel. Wir haben keine positive Vorstellung davon, darum wollen alle jung bleiben. Aber das hat auch Nachteile: "Dass sich die Gliederung eines Lebens in die klar unterscheidbaren Abschnitte Kindheit/Jugend, Erwachsenen- und Seniorenalter auflöst, zeigt sich auch in der Formel vom 'lebenslangen Lernen'. Dieses von Politik und Wirtschaft herausgegebene Motto transportiert neben möglichen Aussichten auf immer neue Chancen ebenfalls eine Botschaft mit Depressionspotenzial. Sie lautet: Du wirst niemals fertig sein. Wenn aber das Leben als Leistungsaufforderung nicht mehr endet, ist die Gesellschaft letztlich wieder in der Vor-Bismarkschen Zeit angekommen: Schaffenmüssen, bis man ins Grab fällt."

Die Öffentlichkeit erscheint derzeit vor allem deshalb so polarisiert, weil nur die Ränder sich vehement äußern. Die Mitte schweigt, meint David Stadelmann, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth, in der Welt, aus Angst vor sozialer Ächtung: "Viele Bürger schätzen eine intakte Umwelt, aber sie wollen auch günstig und möglichst ungehindert Auto fahren. Ebenso schätzen die meisten den Wert der Gleichberechtigung von Frau und Mann als sehr hoch ein, aber sie sehen nicht, wie das Gendersternchen spezifisch dazu beitragen soll oder ob es gar Geschlechterunterschiede akzentuiert, wo gar keine sind. Sie alle tendieren dazu, im öffentlichen Diskurs zu schweigen und ihre wahren Präferenzen zu verfälschen." Stadelmann plädiert daher für mehr Bürgerentscheide, um dem Willen dieser schweigenden Mehrheit mehr Geltung zu verschaffen.

Im Tagesspiegel plädiert der Jurist Franz Ruland, lange Geschäftsführer beim Verband Deutscher Rentenversicherungsträger VDR, gegen die Grundrente. Denn jeder Versicherte, der für seine Rente "die vollen Beiträge gezahlt hat, ärgert sich zu Recht, weil er die gleiche Leistung großenteils umsonst hätte bekommen können. Dies ist ein Anreiz, nur das Minimum an Arbeit legal zu erbringen und den Rest schwarz, denn jeder Euro mehr mindert die Grundrente. Sie steigert nicht, sie gefährdet die Akzeptanz der Rentenversicherung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.02.2020 - Gesellschaft

Die Debatte um das segensreiche Wirken der Antirassismusexpertin Yasemin Shooman im Jüdischen Museum Berlin geht immer noch weiter, obwohl Shooman inzwischen längst Wissenschaftliche Geschäftsführerin des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM-Institut) ist. Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, verteidigt sie in der taz nochmals gegen den Vorwurf, BDS-Positionen zu vertreten zu haben, der unter anderem von Thomas Thiel in der FAZ vorgebracht wurde (unsere Resümees). "Diese intellektuell dürftige 'Debatte', bei der die FAZ die Gegendarstellungen der Angeklagten sämtlich ignoriert, in der Wissenschaftler*innen und Intellektuelle Journalisten*innen gegenüberstehen, die im Wesentlichen wie Internettrolle agieren, mutet auch deshalb grotesk an, weil sie sich vorgeblich gegen Antisemitismus richtet, dabei aber selbst mit Methoden arbeitet, die an antisemitische Verschwörungstheorien erinnern. Mehr noch: Der Abbruch des jüdisch-muslimischen Dialogs, die dauerhafte Beschädigung jüdischer Institutionen werden dabei ebenso billigend in Kauf genommen wie der Applaus von Rassist*innen vom Schlage eines Sarrazin."

Alle Gesellschaften sind antisemitisch, sagt die französische Rabbinerin Delphine Horvilleur im Gespräch mit Martina Meister von der Welt. Und der Antisemitismus verwandelt sich stets aktuellen Diskursen an: "Wir leben heutzutage in Zeiten absoluter Opferkonkurrenz. Viele Lebensentwürfe funktionieren nur noch als Opfergeschichten. Als ob die Tatsache, dass man etwas erlitten hat, einem besondere Rechte verleihen würde. In diesem psychologischen Kontext wirken die Juden seit der Schoah wie die unweigerlichen Helden des Leids. Weil niemand die Figur des Opfers besser verkörpert als sie, nimmt man ihnen übel, einem auch diese Rolle geraubt zu haben." Horvilleur bestreitet übrigens nicht das Moment von Emanzipation, wenn sich Gruppen zu Wort melden: "Das Problem beginnt, wenn die plötzliche Sichtbarkeit einzelner Gruppen einen Kommunitarismus nährt, der andere ausschließt. Wir sind umgeben von Leuten, die ständig 'wir' sagen: 'wir Muslime', 'wir Juden', 'wir Homosexuelle', 'wir Frauen'. Alle diese 'Wirs' sind gefährlich, weil sie die universellen Werte für weniger wichtig halten." Horvilleur hat jüngst bei Hanser Berlin ihre "Überlegungen zur Frage des Antisemitismus" vorgelegt.
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2020 - Gesellschaft

Niclas Seydack erinnert in der Zeit an den Anschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in München vor fünfzig Jahren, bei dem sieben Bewohner des jüdischen Altenheims verbrannten und das heute seltsam vergessen ist. Nun wird es eine Gedenkveranstaltung geben, die auch dem Kabarettisten Christian Springer zu verdanken ist. Aufgerüttelt durch Wolfgang Kraushaars Buch über den Anschlag, wolle er es wieder stärker ins Bewusstsein rücken: "Er hat dazu ein Handyvideo mit dem Titel Täter, redet endlich! ins Internet gestellt. Am Ende hält er seine Handynummer auf einem Stück Papier in die Kamera. Er finde es unerträglich, sagt Springer, dass wahrscheinlich noch immer Menschen in München leben, die etwas über den Brandanschlag wissen und nichts sagen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.02.2020 - Gesellschaft

Dinah Riese referiert in der taz einige Zahlen der Bundesregierung zu muslimfeindlichen Ausschreitungen, die heute offenbar auch offiziell unter dem Label "antimuslimischer Rassismus" abgelegt werden: "Obwohl die Zahl der antimuslimischen Straftaten insgesamt abnimmt, steigt die Zahl der Gewaltverbrechen. Für 2017 melden die Behörden 56 islamfeindliche Gewaltdelikte mit insgesamt 38 Verletzten. 2018 waren es dann schon 74 Delikte mit insgesamt 52 Verletzten. Darunter sind sogar zwei versuchte Tötungsdelikte... Gerade muslimische Frauen, die Kopftuch tragen, sind besonders bedroht..." Die Rassismus-Expertin Yasemin Shooman äußert sich im Interview besorgt über die Zahlen.

Ausgerechnet in New York, wo der Fellhandel nach wie vor eine große Rolle spielt, wird ein Pelzverbot diskutiert. Besonders wütend darüber sind nicht stinkreiche weiße Bankergattinnen, sondern Minderheiten, erzählt Sarah Pines in der NZZ. "Insgesamt fühlen sich Minderheiten, insbesondere hispanischer und afroamerikanischer Herkunft, von dem Pelzverbot diskriminiert. Lange waren Pelzmäntel - vor allem aus Nerz - für diese Gruppen ein begehrtes Statussymbol: Bei der zweiten Amtseinführung von Barack Obama trugen Beyoncé Knowles und Jay-Z opulente schwarze Statement-Pelze. Je mehr schwarze Frauen sich seit den Befreiungskämpfen der 1960er Jahre und zunehmend in den letzten zwanzig Jahren einen Pelz leisten konnten - so die Sicht der Afroamerikaner -, desto mehr weiße Institutionen wollen ihn nun verboten sehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.02.2020 - Gesellschaft

Manuela Heim unterhält sich mit der amerikanischen Journalistin Antje Joel, die ein autobiografisches Buch über häusliche Gewalt geschrieben hat. In zwei Ehen wurden ihre Männer gewalttätig. Die häufigste Frage, die ihr begegnet, sagt sie, sei die Frage "warum bist du nicht früher gegangen?" Aber so einfach ist das nicht: "Selbst in der vermeintlichen Ruhephase, in der die Gewalt nicht eskaliert, übt der Mann Kontrolle aus. Und selbst wenn die Frauen 'einfach gehen', wie sieht die Zukunft aus? Es gibt zu wenig Frauenhausplätze, 60 Prozent der Väter zahlen keinen Unterhalt. 'Einfach gehen' bedeutet häufig, dass Frauen lange, lange Zeit an der Armutsgrenze leben müssen. Aber jetzt kommt das größte Hindernis: 75 Prozent der massivsten Angriffe gegen Frauen, Mord inklusive, erfolgen in der Trennungsphase oder nachdem die Frau gegangen ist. Es sind nämlich die Männer, die nicht gehen. Sie lassen die Frauen nicht in Ruhe. Das ist ja auch klar, wenn man versteht, was häusliche Gewalt, also Zwangskontrolle ist."

Auch in Deutschland gibt es immer mehr Frauen, die Genitalverstümmelungen erleiden mussten, weil die Einwanderung aus betroffenen Ländern gestiegen ist, berichtet Annika Ross unter Bezug auf einen Bericht der Organisation "Terre des Femmes" in emma.de. Und die Tradition wird in sogenannten "Ferienbeschneidungen", für die die Mädchen ausgeflogen werden, fortgeführt: "Terre des Femmes warnt zudem vor der Verlagerung des grausamen Rituals in Kliniken in Asien und Nordafrika. 'Diese führt dazu, dass der Eingriff verharmlost wird und sogar Akzeptanz findet, weil er ja von medizinischem Fachpersonal durchgeführt wird. Es gibt sogar Bestrebungen, die medikalisierte Verstümmelung als Kompromiss zu legalisieren!', sagt Christa Stolle, Bundesgeschäftsführerin von Terre des Femmes." Ross empfiehlt zum Thema den Film "In Search", der in dieser Woche in den Kinos startet. Auf Zeit online erzählt eine Somalierin von den Beschneidungspraktiken in ihrem Land.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.02.2020 - Gesellschaft

Philipp Esch schickt in der NZZ einen sehr schönen Bericht aus Ghanas Hauptstadt Accra, dessen Viertel sprachlich und religiös streng voneinander getrennt sind: Accras Geheimnis deutete sich ihm schon beim Anflug an: "Betrachtet man Accra nachts aus der Luft, so gleicht die Stadt einem Sternenhimmel. Unzählige Lichtpunkte glimmen nebeneinander: Neonröhren erhellen Hofgevierte, erleuchtete Fenster, Autoscheinwerfer, ein paar Feuer, dazwischen als helle Inseln die Tankstellen. Abgeflogen war ich aus Amsterdam, und diese Stadt sah von oben ganz anders aus, wie ein gleißendes Spinnennetz im Dunkel der Nacht. Die Straßen und Plätze strahlten viel heller als die Wohn- und Geschäftshäuser: Der öffentliche Raum zeichnete sich klar konturiert und hell erleuchtet ab vor dem schwach leuchtenden Hintergrund der nächtlichen Gebäude. Was mir die nächtliche Vogelschau auf die afrikanische Metropole offenbarte, verstand ich freilich erst aus der Froschperspektive, unterwegs zu Fuß, mit dem Fahrrad und im Auto: Diese Stadt ist gar keine Stadt, sondern ein gigantisches Dorf."

In der taz interviewt Doris Akrap den Psychiater Daniel Hell, der beobachtet, dass sich die westlichen Gesellschaften zu Beschämungskulturen wandeln, in denen sich die Menschen nicht mehr selbst kritisch hinterfragen, sondern nur noch den anderen angreifen: "Wer sich schämt, wird nicht übergriffig oder attackiert das Gegenüber. Wer sich hingegen gekränkt und narzisstisch verletzt fühlt, fühlt sich als Opfer und hat oft Rachefantasien... Scham und Schuld stehen nicht mehr im Zentrum der menschlichen Interaktion, sondern zunehmend Kränkungen und Beschämungen. Statt nach der eigenen Schuld zu fragen, führt ein verbreiteter Narzissmus dazu, andere zu kritisieren und zu beschämen. Das zeigt sich in der Politik, der Wirtschaft und sogar der Wissenschaft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2020 - Gesellschaft

taz-Feministin Patricia Hecht ist nicht froh darüber, dass man heute Hatun Sürücüs gedenkt, die vor 15 von ihrer Familie umgebracht wurde, weil sie sich für ein eigenständiges Leben entschieden hatte: "Der Begriff 'Ehrenmord' macht Stimmung, er dämonisiert eine religiöse und ethnische Minderheit, die offenbar archaische Praktiken nutzt." Die weitaus meisten Frauen werden dagegen von deutschen Männern umgebracht, so Hecht: "Jeden Tag versucht ein Mann in Deutschland seine Frau umzubringen, jeden dritten Tag schafft er es. Eine Studie im Auftrag des BKA schätzt hingegen die mögliche Gesamtzahl von Ehrenmorden in Deutschland auf etwa zwölf pro Jahr."

In der NZZ verteidigt der Unternehmer und Autor Hans Widmer das "Grundbedürfnis nach Heimat": "Es ist nicht damit getan, 'America first', AfD, Pegida, Erdogan, Orban, Le Pen zu verachten oder gar zu ächten. Sie als Populisten abzukanzeln und zu meinen, damit sei die Sache erledigt, ist selbst süffisanter Populismus. Ruhige Vernunft hingegen wird die Möglichkeit offenlassen, dass Politiker nicht nur als niedrig geschmähte Instinkte des Volkes anheizen, um ihre eigene Macht zu festigen, sondern auch objektive Defizite ansprechen."
Stichwörter: Ehrenmorde, Heimat, AfD, Femizid

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2020 - Gesellschaft

In Frankreich erhält die 16-jährige Schülerin Mila Morddrohungen, seit sie auf Instagram gesagt hat, dass sie den Islam scheiße finde (unser Resümee) - der Fall sorgt für die heute üblichen aufgeregten Debatten. Die Zeit inszeniert auf ihrer Streit-Seite einen E-Mail-Austausch zwischen Khola Maryam Hübsch von der Ahmadiyya-Sekte und dem Ex-Muslim Ali Utlu. Hübsch erklärt zwar ihre Solidarität mit Mila wegen der Morddrohungen, verlangt aber gleichzeitig eine Verschärfung des Blasphemie-Paragrafen in Deutschland: "Um ein friedliches Miteinander zu gewährleisten, muss der Staat seinen Bürgern ein Mindestmaß an Rücksichtnahme abverlangen. Deswegen finde ich, dass Blasphemie ebenso wie Beleidigungen nicht erst strafbar sein sollten, wenn der 'öffentliche Frieden' gefährdet ist, sondern schon dann, wenn diese Rücksicht grob verletzt wird." Utlu spricht die Asymmetrie der Bedrohungen an: "Islamkritiker müssen auch hier in Deutschland um ihre Sicherheit fürchten, da Todes-Fatwas jeden muslimischen Gläubigen aufrufen, sie umzusetzen. Nehmen wir doch mal konkret die Karikatur des Propheten Mohammed, der eine Bombe im Turban trägt. Ist das für Sie eine Schmähung der Religion oder eine künstlerische Kritik?" Auf diese Frage antwortet Hübsch nicht.

Und Evelyn Finger und Kilian Trotier fassen die aktuelle Kopftuchdebatte zusammen, nachdem eine Schülerin und eine Studentin in Hamburg und Schleswig-Holstein per Gericht erstritten haben, dass sie in Burka zum Unterricht erscheinen dürfen. In Schleswig-Holstein haben die Grünen einstimmig gegen ein Burka-Verbot gestimmt. "Der Hamburger CDU-Mann Ali Ertan Toprak, Sprecher der Initiative Säkularer Islam, sagt: 'In den Augen der Islamisten teilen die verschiedenen Formen der Verhüllung die Frauen noch heute weithin sichtbar in ehrenhafte gläubige und sexuell verfügbare. Wer die Verhüllung der Frau als Norm anerkennt, unterstützt Fundamentalisten, die Druck auf Musliminnen ausüben.' Wer die Entscheidungsfreiheit der Frauen betone, müsse zugleich eingestehen, dass die Zahl derer, die diese Entscheidungsfreiheit nicht haben - in muslimischen Ländern wie auch in frommen europäischen Communitys - eklatant sei." Bei emma.de wird Toprak noch deutlicher: "Diejenigen, die das Recht auf Vollverschleierung verteidigen, verteidigen eigentlich eine Uniform, einen Kampfanzug der Islamisten. Wer im Namen der Religionsfreiheit die Vollverschleierung verteidigt, der verteidigt eine rechtsextremistische Ideologie."

Der Hamburger Fall ist ein Einzelfall, meint hingegen Susanne Klein auf Sueddeutsche.de: "Hier wird auf fiktiven Köpfen über ein 'Problem' gestritten, das es nicht gibt. Wer etwas anderes behauptet und nach Verboten ruft, sorgt sich nicht um vollverschleierte Mädchen."

Ebenfalls in der Zeit glaubt Jutta von Ditfurth nicht, dass man den Klimawandel "mit dem Kapitalismus" kaum wird stoppen können (ein Exemplar von Monika Marons "Flugasche" ist bereits an die Autorin unterwegs).

Der zum Judentum konvertierte ehemalige evangelische Theologiestudent Michael Düllmann ist mit seiner Klage gegen das antisemitische Relief "Die Judensau" an der Wittenberger Stadtkirche vorm Oberlandesgericht in Naumburg gescheitert. (Unsere Resümees) Gut so, schreiben die Feuilletons einstimmig. In der FR meint Stephan Hebel: "So sorgt etwa die Frage, ob aus Astrid Lindgrens 'Pippi Langstrumpf' die rassistische Bezeichnung 'Negerkönig' entfernt werden sollte, regelmäßig für heftigen Streit. Muss das alles weg, weil 'Judensau' und 'Negerkönig' bis heute ansteckend sind? Oder lassen sie sich nicht gerade als Gegenmittel nutzen, wenn an ihrem Beispiel über Antisemitismus und Rassismus aufgeklärt wird?" Malte Lehming ergänzt im Tagesspiegel: Die Kirche sei "dringend aufgefordert, antisemitische Traditionen, die von den Nazis mit mörderischer Konsequenz dankbar aufgegriffen wurden, erheblich eindeutiger zu kommentieren".
 
Die Judensau muss bleiben als "Mahnmal der Schande", sekundiert Alan Posener in der Welt: "Seit dem Holocaust haben Katholiken und Protestanten viel getan, um ihren eigenen Schuldanteil aufzuarbeiten, ihre Theologie zu überprüfen und, wo es geht, zu ändern. Doch darf diese Aufarbeitung, Überprüfung und Veränderung nicht so weit gehen, dass die Christen nicht einmal mehr erkennen, in welcher zwiespältigen Tradition sie stehen."

Auf Zeit online widerspricht der Jurist Volker Boehme-Neßler. Das Urteil ist ein Skandal, ruft er. "Wenn solch ein Machwerk, das in analen und fäkalen Fantasien schwelgt, keine Beleidung sein soll - was dann? Haben die Richter das Relief überhaupt gesehen? Kennen sie nicht die lange politische Geschichte dieses abgrundtief antisemitischen Bildmotivs?"

Das Judentum ist mehr, als es deutsche Debatten über Shoa und Antisemitismus glauben machen, schreibt Monty Ott, Vorsitzender von Keshet Deutschland e.V. auf Zeit Online. Es gab auch widerständige und queere JüdInnen, die allerdings durch den Paragrafen 175 marginalisiert wurden: "Dieses Gesetz war ein Instrument, das Homosexuelle in der öffentlichen Wahrnehmung zu Täter*innen machte. Wenn Jüd*innen also Teil der erst spät entstehenden Erinnerungsnarrative sein sollten, mussten Teile ihrer Identität verschwiegen oder verdrängt werden - denn in diesen konnten sie nicht vermeintliche*r 'Täter*in' und Opfer zugleich sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.02.2020 - Gesellschaft

Seit dem Ausbruch des Corona-Virus werden Chinesen weltweit - auch in Deutschland - gelegentlich mit Misstrauen beäugt oder gar beschimpft und angegriffen oder es wird mit hetzerischen Schlagzeilen vor der "gelben Gefahr" oder dem "Virus - Made in China" (so der Spiegel) gewarnt. Schlimm, meint Franca Lu auf Zeit online, aber das gleich mit dem Rassismusvorwurf zu belegen, führt auch nicht weiter, zumindest nicht auf der individuellen Ebene, weil Ängste nun mal Ängste sind, sogar in China: "In China leiden Menschen, die aus dem Ausbruchsgebiet der Krankheit um Wuhan stammen, in anderen Landesteilen unter Feindseligkeiten." Doch wünscht sie sich statt reißerischer Schlagzeilen mehr Aufklärung: "Das neue Coronavirus ist nicht 'Made in China', genauso wenig wie Ebola 'Made in Africa' ist. ... Solange die Menschen außerhalb Chinas aber kein klares Bild davon haben, werden sie den Ausbruch des Coronavirus nur als einen bedrohlichen Ausnahmezustand sehen, der seinen Ursprung in 'China' hat, einem Land, von dem sie nur eine vage Vorstellung besitzen. 'China' ist schuld! Diese vage Vorstellung von 'China' ist schon in sich eine Form von Tribalismus, weil sie von Stereotypen gespeist wird und nicht aus der Anschauung eines Landes und seiner Bewohnerinnen und Bewohner, den Existenzen und Leistungen von Individuen.
Stichwörter: Der Spiegel, Wuhan, Coronavirus