9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.03.2024 - Gesellschaft

Wie lebt man im Untergrund? Markus Wehner unternimmt für die FAZ eine vergleichende Untersuchung der Methoden der NSU-Terroristen und der RAF-Terroristen der dritten Generation. Vieles ist vergleichbar: "Das NSU-Trio, das nur hundert Kilometer von seinem früheren Wohnort untergetaucht war, lebte in dreizehn Jahren der Illegalität in sieben Wohnungen. Eine Lösung fanden sie schließlich, indem sie eine Wohnung von Bekannten übernahmen. Das Unterschlüpfen in bestehende Mietverhältnisse entbindet von Mietverträgen und gefährlichen Fragen, wie sie mit der Abrechnung von Gas, Strom oder der GEZ auftauchen können. Klette wohnte in einer Wohngemeinschaft, wo solche Dinge von Mitbewohnern übernommen werden können."

Im FR-Interview mit Michael Hesse glaubt der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar nicht, dass die Festnahmen von RAF-Mitgliedern der dritten Generation neue Erkenntnisse bringen werden, wie das zum Beispiel bei Mitgliedern der zweiten Generation 1990 funktioniert hat. "Im Unterschied zu ihnen schweigen sich jedoch fast alle anderen RAF-Mitglieder aus und sind gegenüber staatlichen Behörden nicht bereit, irgendwelche Aussagen zu machen. Journalisten gegenüber mögen sie vielleicht hin und wieder eine Ausnahme machen. Ein Mitglied wie Brigitte Mohnhaupt etwa, die einstige Chefin der zweiten Generation, achtet jedoch nur zu genau darauf, dass niemand von ihnen auspackt. Es gibt jedenfalls Presseberichte, in denen geschildert wird, wie Mohnhaupt etwa Verena Becker daran gehindert habe, Aussagen zu machen, indem sie ihr mit verschiedenen Dingen drohte. Das Schweigegebot dürfte vermutlich auch heute noch weiter gelten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.03.2024 - Gesellschaft

99,5 Prozent der amerikanischen Eliteuniversitäten seien links orientiert, und als progressiv gelte alles, was sich um Identitäten dreht, also "Rassen", Ethnien, Gender und LGBTQ, beklagt der in den USA lehrende Soziologe Andreas Wimmer im NZZ-Gespräch. Dabei sei die wirtschaftliche Ungleichheit viel maßgeblicher: "Die Aspekte Einkommen, Vermögen und die Verteilung von Bildungschancen sind für das Verständnis der USA zentral. Wenn man Ungleichheit in der amerikanischen Gesellschaft untersuchen will, ist das wichtigste Kriterium immer noch die Schichtzugehörigkeit, also Klasse, und nicht Rasse oder Geschlecht. Es sind bezeichnenderweise vor allem schwarze Forscher, die auf diesem Punkt insistieren, zum Beispiel der Politologe Adolph Reed aus marxistischer Sicht oder aus liberaler Perspektive der Soziologe William Wilson. Denn einerseits ist es für weiße Akademiker politisch gefährlich, sich dem herrschenden Rasse-Diskurs entgegenzustellen, andererseits ist es für afroamerikanische Forscher frustrierend, dauernd bloß als Repräsentanten der schwarzen Bevölkerung auftreten zu müssen. Es ist auch eine Entwertung ihrer Individualität und ihrer eigenen Leistung, wie der Linguist John McWorther in seinem Buch 'Die Erwählten - Wie der neue Antirassismus die Gesellschaft spaltet' betont."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.03.2024 - Gesellschaft

In der SZ rechnet Ronen Steinke ab mit linken Jüdinnen wie Deborah Feldman oder Susan Neiman, die über jüdische Menschen in Deutschland spotten. Vor allem Feldman beschreib die jüdische Gemeinde in Deutschland als "bloß mit Konvertiten künstlich aufgefüllte, weitgehend hinterwäldlerische Veranstaltung, die mit 'authentischem' Judentum wenig zu tun habe", erinnert Steinke: "Sie kommen aus einer Welt, in der Juden keine strauchelnde Minderheit sind, sondern gut etablierter Teil der Gesellschaft. Feldman hat mit ihrer Familie zu Hause Jiddisch gesprochen. Sie hat großes religiöses und kulturelles Wissen angehäuft, in einem Alter, in dem jüdische Kinder in der deutschen Provinz vielleicht eher noch verunsichert versucht haben, einen Spagat zwischen Adventskalender und Chanukka-Leuchter hinzubekommen. Oder mit den muslimischen Kindern gemeinsam im Ethikunterricht abgestellt waren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.02.2024 - Gesellschaft

Die Hamas hat gegenüber israelischen Frauen grausamste Kriegsverbrechen in Form von Vergewaltigungen und Verstümmelungen verübt. Ein Aufschrei deutscher Feministinnen blieb aus. Psychologe Louis Lewitan erklärt diese Stille in der Zeit auch mit Verdrängungen und Traumata, die noch aus dem Zweiten Weltkrieg herrühren. Frauen hätten in der Nazizeit ihren Anteil an der Verrohung ihrer Söhne gehabt. "Die emotionale Taubheit half den Deutschen auch nach Kriegsende. Wer in den Ruinen der Trauer verfiel, konnte nicht überleben. Und so verwandelten Antisemiten sich in Scheindemokraten. Die grausamen Sexualverbrechen der Wehrmacht waren vergessen: ihre Bordelle voll Zwangsprostituierter, ihre Massenerschießungen entkleideter Frauen und Mädchen. Dazu passt, dass deutsche Frauen, die von Alliierten vergewaltigt wurden, kaum über ihr Leid sprachen. Das Schweigen traf auf die weiblichen Opfer der Nazis ebenso zu wie auf die weiblichen Opfer der Siegermächte. Diese Frauen unterdrückten ihre Scham und Wut, verbargen ihre Trauer und Einsamkeit, vertuschten ihren Schmerz. Der Schutzmechanismus erstickte jedoch oft auch Gefühle von Liebe und Wärme."

Daniela Klette liebt die Natur. Ein Bild von ihrer noch online stehenden Facebook-Seite als "Claudia Ivone".
Der Polizei ist es gelungen die frühere RAF-Terroristin Daniela Klette festzunehmen, die, wie eine Recherche in der Welt zeigt, die letzten dreißig Jahre quasi öffentlich gelebt hat. In ihrer Wohnung wurde eine Granate gefunden, meldet der Deutschlandfunk. Michael Buback, Sohn des von der RAF ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback, erhofft sich von Klette im Tagesspiegel-Interview mit Christopher Ziedler nur wenig Aufklärung zum Tod seines Vaters. "Ein Appell von meiner Seite wird RAF-Täter kaum erreichen und sie höchstwahrscheinlich nicht beeindrucken. Die Hoffnung auf ein 'Auspacken' ist sehr gering geworden, aber vielleicht hinterlegen Täter Informationen bei ihren Rechtsanwälten. Unsere Hoffnung ist auch deshalb gering, da es ein Zusammenwirken von Terroristen mit staatlichen Stellen, etwa dem Verfassungsschutz, gegeben hat, das in aller Regel mit der Gewährung von Schutzzusagen verbunden ist."

Frank Bachner ruft uns im Tagesspiegel zu, dass die "Verklärung der RAF als Kämpfer gegen Kapitalismus und Ausbeutung" sofort beendet werden sollte. Nur weil es die Unterstützer-Szene noch gibt, hätte Daniela Klette trotz der unaufgeklärten Morde der RAF unbehelligt Capoeira trainieren können. "Zu Recht ging ein Aufschrei durch die Gesellschaft und die linke Szene, als klar wurde, dass ein Netzwerk von Gesinnungsgenossen die rechtsradikalen NSU-Mörder jahrelang geschützt hatte. Aber Terror ist Terror, ob er von rechts oder von links kommt. Wer Terror entlang ideologischer Weltbilder definiert, verhöhnt die Opfer und deren Angehörige."

Viel lockerer sieht es Jürgen Gottschlich in der taz, der bei diesem Thema beste Achtziger-Jahre-Prosa auspackt: "Sobald es um die RAF geht, herrscht immer noch Hysterie und Härte statt Vernunft. Daniela Klette, Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub sind schon lange für niemanden mehr eine Bedrohung, man hätte ihnen schon vor 25 Jahren einen Rückweg in die Legalität anbieten können." Und Helmut Höge, ein Ex-Situationist wie Dieter Kunzelmann (über den Höge 1991 hier schrieb) schließt einen Artikel über seine selbst erlebten Schmonzetten aus der Zeit des Deutschen Herbstes so: "In der linken Szene dürften jedoch viele davon ausgehen, dass die staatlichen Fahnder einem so schönen 'Gegner' wie der alten RAF einfach nicht zugestehen wollen, dass es ihn nicht mehr gibt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.02.2024 - Gesellschaft

In der FAZ regt sich Jürgen Kaube über das Canceln im Allgemeinen und die Umbenennung der Otfried-Preußler-Schule in Pullach (mehr dazu hier) im Besonderen auf: "Es ist wie bei anderen Beispielen für das Canceln: Sie sind von einer solchen Dummheit, dass es wehtut. Der Name des größten deutschsprachigen Kinderbuchautors, er soll nicht mehr zu einer Schule passen. Und Jim Knopf, ein Buch gegen Rassismus durch und durch, wird in Text und Bild so lange nachbearbeitet, bis man glaubt, keinen Vorwurf aus der Abteilung des 'sensitivity reading' fürchten zu müssen. Den Nachweis, dass die um Worte wie 'Neger' (verwendet nur von einer als 'Untertan' bezeichneten Figur) oder 'Indianer' bereinigten Ausgaben zu mehr Toleranz, weniger Vorurteilen und weniger Verletzungen führen, erspart man sich. Hauptsache, die Erwachsenen haben ein gutes Gewissen."
Stichwörter: Preußler, Otfried

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.02.2024 - Gesellschaft

Frank Trentmann wuchs in Hamburg auf und lehrt seit vielen Jahren Geschichte in London und Helsinki. Er wirft also gewissermaßen von außen einen Blick auf Deutschland und sieht: eine ausgeprägte Jammerkultur, die nur den Extremisten hilft. Vielleicht sollte man sich gelegentlich auch mal vor Augen halten, "wie gut es uns vergleichsweise geht, nicht nur im Vergleich zu unseren Vorfahren, sondern auch hier und heute im europäischen Vergleich", empfiehlt er in der FAZ. "Wir brauchen mehr als eine Schönwetterdemokratie. Zu lange wurde Verantwortung ausgelagert und verschoben, weg von den eigenen Bürgerinnen und Bürgern - auf die USA für die militärische Sicherheit; auf fossile Energien aus dem Ausland für mollig warme Wohnungen und schnelle Autos; auf Italien und Griechenland für die vielen Migranten. Diese bequemen Strategien, die auch ein Stück Realitätsverweigerung waren, funktionieren nicht mehr."

Von 1967 bis 1976 vermittelte der Sexualforscher Helmut Kentler in Berlin mit Unterstützung von Mitarbeitern der staatlichen Jugendhilfe "Jungen, die er als 'sekundärschwachsinnig' einschätzte" in die Obhut pädophiler Pflegeväter. Das sollte ihre Persönlichkeitsentwicklung fördern. Die Uni Hildesheim hat jetzt einen Bericht dazu veröffentlicht, den der Berliner Senat 2018 in Auftrag gegeben hatte, berichtet Heike Schmoll in der FAZ, und darin zeigt sich, dass die Missbrauchsstruktur weit über Berlin hinaus reichte: "von Göttingen über Lüneburg nach Tübingen, über die inzwischen geschlossene Odenwaldschule in Heppenheim bis in Institutionen der evangelischen Kirche. Die Aktenanalyse habe gezeigt, dass von einer 'Institutionalisierung der Gewalt' gesprochen werden könne, während die Behörden die Unterbringung systematisch duldeten und selbst bei einschlägigen Hinweisen nicht misstraisch wurden, berichten die Forscher."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.02.2024 - Gesellschaft

In ihem Buch "Unorthodox" erzählte Deborah Feldman beeindruckend von ihrer Selbstbefreiung aus einer ultraorthodoxen jüdischen Sekte in New York. Das Buch wurde zum Bestseller und einer erfolgreichen Netflix-Serie. Aber heute fragen Nicole Dreyfus und Philipp Peyman Engel in der Jüdischen Allgemeinen: "Gibt es eine Person im Literatur- und Medienbetrieb hierzulande, die in ihren öffentlichen Statements - man muss es so deutlich sagen - niederträchtiger und bösartiger auftritt als Deborah Feldman?" Feldman tingelte eine Zeitlang durch die Talkshows, wo sie behauptete, ihre gegen einen angeblichen jüdischen Mainstream gerichtete Meinung werde unterdrückt. Und nun? "Verschwörungstheorien, Menschenhass pur, 'Witze' mit selbst erstellten Fake-Goebbels-Zitaten, das Markieren von Personen als Feinde, öffentliche Aufrufe zum Denunzieren und zur Demontage von israelsolidarischen Aktivisten: Was die Öffentlichkeit in den vergangenen Wochen auf Social Media beobachten konnte, war die veritable Selbstdemontage einer einstmals geachteten Schriftstellerin in Echtzeit. Es ist ein beunruhigender, höchst irritierender Prozess einer Selbstradikalisierung, der sich vor aller Augen vollzogen hat und in dem Social Media eine ganz zentrale Rolle spielt."

Für die Welt hat Frederik Schindler mit dem jüdischen FU-Studenten Lahav Shapira gesprochen, der von einem arabischstämmigen Lehramts-Kommilitonen angegriffen und schwer verletzt wurde. Shapira schildert das brutale Ausmaß des Angriffs, unterlegt ist der Artikel mit Auszügen aus WhatsApp-Gruppen und Instagram-Stories, die belegen, wie Stimmung gegen Shapira gemacht wurde. Von der Uni hat er bisher lediglich eine Mail erhalten: "Die Unileitung hat den israelfeindlichen Gruppen viel zu viel Spielraum gewährt. Jüdische Kommilitonen und ich hatten das FU-Präsidium lange vor dem Angriff auf mich aufgefordert, diese Gruppen zumindest zu beobachten. Bei einem Gespräch mit dem Präsidium wurden uns Lösungsansätze versprochen, dann wurden wir ignoriert. Man wollte sogar uns Verantwortung übergeben. Wir sollten Ankündigungen israelfeindlicher Demos weiterleiten und wurden dazu animiert, Plakate oder Schmierereien selbst zu entfernen. Wir werden vorgeschickt, weil die Uni sich offenbar nicht traut, sich darum zu kümmern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.02.2024 - Gesellschaft

Das von der Bundesregierung geplante Demokratiefördergesetz bezweckt eine Art Verbeamtung der Zivilgesellschaft (unsere Resümees). Organisationen wie die "Neuen deutschen Medienmacher" oder Meron Mendels "Bildungsstätte Anne Frank" müssten dann nicht alle paar Jahre neue Gelder beantragen und sich lästigen Evaluierungen unterziehen, sondern würden dauerhaft finanziert. Ijoma Mangold von der Zeit ist nicht ganz wohl dabei. "Kommt es zu dem geplanten Gesetz, wird die Exekutive entscheiden, welche Vereine und Organisationen in den Genuss der Steuergelder kommen. Das treibt den Schulterschluss zwischen Regierung und Nichtregierungsorganisationen stärker voran, als es für die urliberale Trennung von Staat und Gesellschaft bekömmlich ist."
Stichwörter: Demokratiefördergesetz

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.02.2024 - Gesellschaft

Lothar Müller verdeutlicht in der SZ, wie absurd es ist, dass jüdische Menschen von heutigen Israelkritikern als Teil der "White Supremacy" wahrgenommen werden. Mit den Studien des Historikers Sander L. Gilman vollzieht er den geschichtlichen Wandel nach, der dazu führte, dass Juden in den USA immer mehr der "Blackness" entrückt wurden, der sie im 19. Jahrhundert zugeordnet waren und stattdessen "der symbolischen Herrschaftsordnung der 'Whiteness'" zugerechnet wurden. Es ist "offenkundig und bizarr zugleich", konstatiert Müller, dass heutige Aktivisten Israel als "White Supremacy state" wahrnehmen: "Offenkundig, weil sie sich dies harmonisch einfügt in die Kritik Israels als Apartheidstaat. Je weißer der Staat Israel, desto leichter geht die Gleichung zwischen Palästinensern und den schwarzen Südafrikanern in der Ära Mandelas auf. Bizarr ist diese Übersichtlichkeit nicht lediglich im Blick auf die multikulturelle Zusammensetzung der israelischen Gesellschaft und ihre internen Konflikte, die Debatten über den antiarabischen Rassismus innerhalb der aktuellen Regierung einschließt. Bizarr ist er auch im Blick auf den Antirassismus der Aktivisten selbst. Hier betreiben Leute, die wahrscheinlich bei jedem 'Blackfacing' an die Decke gehen, ein radikal uniformierendes 'Whitewashing'."

"Wer wissentlich eine rechtsextreme Partei wählt, ist ein Rechtsextremist", schreibt Robert Misik, der in der taz vor allem mit dem "verstunkenen Kleinstbürger-Konservatismus" der Rechten mit Blick auf die Emanzipation abrechnet: "Wo immer die radikalen Neurechten etwas zu sagen haben, wird die Uhr für Frauen zurückgedreht. Abtreibungen werden erst erschwert, dann verboten. Um die natürliche Geschlechterordnung wiederherzustellen, werden die Frauen aus den Arbeitsmärkten herausgedrängt. Nachdem die rechtsextreme FPÖ in Salzburg vergangenes Jahr in eine Koalitionsregierung mit den Konservativen eingezogen ist, war das Erste, was sie verwirklichten: eine Prämie für Frauen, die ihre Kinder selbst daheim betreuen. Verständlich, dass Studien regelmäßig ergeben, dass junge Frauen heute markant linker wählen als junge Männer. Für diesen Trend gibt es ja schon seit Jahren starke empirische Daten. Und mag der Trend bei den jungen Kohorten besonders markant sein, zieht sich dieser Frauen-Männer-Gap beim Wahlverhalten doch über die verschiedensten Generationen. Also nicht nur die Enkelinnen, auch die Omas wählen signifikant progressiver als die Männer."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.02.2024 - Gesellschaft

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Gestern war der Jahrestag des rechten Terroranschlags in Hanau. Einer der fünf Überlebenden, Said Etris Hashemi, hat ein Buch darüber geschrieben, "Der Tag, an dem ich sterben sollte", das Diana Zulfoghari für die Ruhrbarone gelesen hat. Fassungslos, wie sie erzählt: "Wer blond und blauäugig war, wurde verschont. Keineswegs 'blindwütig', sondern gezielt und geplant. Von einem Täter, der Kontakt zur AfD-Frontfrau Alice Weidel hatte, sie aber nicht radikal genug fand. Der alle Sarrazin-Bücher gelesen hatte und der immer wieder Anzeigen erstattet, Verschwörungsfantasien äußert, durch Stalking und Gewalttaten auffällt, Nazi-Pamphlete veröffentlicht und dennoch problemlos einen Waffenschein bekommt. Dem gegenüber erleben die späteren Opfer vom Kindergarten an sämtliche Abstufungen von Alltagsrassismus, von Ungleichbehandlung, Willkür bis zur Täter-Opfer-Umkehr. Das schildert Hashemi fast beiläufig, weil es normal ist in der Vorstadt von Hanau, dass man als Kind afghanischer oder türkischer Einwanderer stets verdächtig ist. Beweisen muss, dass man einer von den Guten ist, kein Krimineller, nein, einer mit deutschem Pass, mit Schulabschluss, abgeschlossener Berufsausbildung - so wie Said Etris' jüngerer Bruder Nesar. Der mit 21 Jahren im Kugelhagel stirbt."

Marc Reichwein (Welt) erkennt in dem Fall um Ronya Othmann, die vom pakistanischen Karachi Literatur Festival ausgeladen wurde (unser Resümee), wie "Israelhasser in Deutschland und Europa international Stimmung über soziale Medien machen, im Fall von Othmann bezog sich der Protest der pakistanischen Unterzeichner ja an keiner Stelle auf ihr literarisches Werk, sondern auf Kolumnen, in denen sie unter anderem geschrieben habe, Kern aller islamistischen Bewegungen sei der Antisemitismus. Deshalb, so Othmann gegenüber dem DLF, vermute sie, dass der pakistanische Protestbrief seinen entscheidenden Impuls aus Deutschland bekommen haben muss. Kaum jemand aus einer pakistanischen oder englischsprachigen Community, die sich für das Karachi Literatur Festival interessiert, dürfte von sich aus Kolumnen hinter der Paywall einer deutschsprachigen Zeitung zur Kenntnis nehmen."

"Wer sich in der Angelegenheit am meisten Zeit ließ, eine Haltung zu erkennen zu geben, war das Goethe-Institut Karachi, das Othmann mit eingeladen hatte", bemerkt Julia Encke in der FAZ. Es brauchte drei Tage für eine bedauernde Stellungnahme: "'Es ist absolut nicht hinnehmbar, wenn Personen mit falschen Beschuldigungen öffentlich angeprangert werden.' Sie seien dabei, den Vorfall mit dem Festival 'kritisch aufzuarbeiten', und glaubten 'an die Sinnhaftigkeit von Dialog und kontroverser Diskussion gerade jetzt'. Auf die Inhalte der Auseinandersetzung wollte das Goethe-Institut offenbar lieber nicht eingehen." In der taz berichtet Jan Feddersen, der mit der Autorin gesprochen hat.