9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2019 - Gesellschaft

Der Versuch, ein so großes und ernstes Thema wie die Rettung des Klimas in ein privates und ideologisches Schlachtfeld zu verwandeln, hält Thomas Steinfeld in der SZ für völlig verfehlt: "Für jeden Passagier, der von München nach Mallorca fliegt, werden, grob gerechnet, etwa hundert Liter Kerosin verbrannt. Die Menge erscheint als sehr groß, wenn man sie sich etwa in Kanistern abgefüllt vorstellt. Sie erscheint allerdings als winzig klein, wenn man sie am globalen Ölverbrauch misst: Das amerikanische Militär, der größte einzelne Energieverbraucher der Welt, verbraucht 48 Millionen Liter Öl pro Tag, was etwas weniger als einem Siebtel des gesamten deutschen Ölverbrauchs entspricht oder ungefähr so viel ist, wie ganz Schweden in derselben Zeit vernutzt." Er wünscht sich eine weniger moralisierende als eine politische Debatte.

Außerdem: Im Feuilleton der Welt fordert Michael Pilz, dass neu über Atomkraft nachgedacht wird.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.08.2019 - Gesellschaft

Vor zwei Wochen hat der Soziologe Armin Nassehi in der SZ die "soziale Kälte" der Klimaschutzaktivisten angeprangert, die ihre Moral auf Kosten der Armen verabsolutieren wollten (unser Resümee). Das ficht den Ökonomen Niko Paech nicht an: Der Klimawandel lässt sich nur mit drastischen Mitteln aufhalten, erklärt er in der SZ und fordert "eine Obergrenze für den von einem einzelnen Individuum beanspruchten materiellen Wohlstand ... Hierzu bedarf es eines sozialen Regulativs, das darin besteht, im Sinne einer Selbstermächtigung erstens die Missbilligung öko-suizidaler Handlungen und Prozesse angemessen zum Ausdruck zu bringen, zweitens für diese maximalen sozialen Rechtfertigungsdruck aufzubauen und drittens die dabei angelegten ökologischen Maßstäbe durch eine entsprechende Lebensführung praktisch auf sich selbst anzuwenden. So gesehen sind die 'Friday for Future' (wenn deren Protagonisten an der dritten Bedingung noch etwas arbeiten) der beste Demokratieschutz."

Das moralische Überlegenheitsgefühl der urbanen Eliten (zu denen mal wohl die meisten Friday-for-Future-Demonstranten zählen kann) lässt im Osten Deutschlands vor allem ein Gefühl entstehen: Unseren Kindern wird es "in Zukunft schlechter gehen", meint der Zukunftsforscher Daniel Dettling in der taz. Die AfD freut es. Dagegen hilft keine Identitätspolitik, sondern nur eine Ideenpolitik, so Dettling: "Welche Anreize, Regeln und Innovationen braucht es für mehr Wertschöpfung und nachhaltiges Wachstum? Der Osten braucht mehr Freiheit, eigene Wege zu gehen. Sonderwirtschaftszonen und mehr Investitionen in Bildung und Forschung gerade in den ländlichen Regionen bringen gut bezahlte Jobs und mehr Steuereinnahmen. Neue Ideen braucht auch der politische und gesellschaftliche Dialog. Die junge Generation stellt andere Fragen an die Geschichte und die Zukunft als ihre Eltern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.08.2019 - Gesellschaft

"My Burqa is my right aid pride". Unter diesem Motto protestierten In den Niederlanden schwule Sozialdemokraten gegen ein neues Burkaverbot, das für öffentlichen Einrichtungen gilt. Dafür hatten sie Niqabs in allen Regenbogenfarben übergezogen. Absurder geht's wirklich nicht, schreibt Helena Sommer bei hpd.de: "So farbenfrohe Burkas oder Niqabs gibt es in der Realität nicht. Auch wäre ein Bekennen zu diesen Farben und dem, was sie verkörpern, dort nicht möglich: Laut Bundesregierung werden Homosexuelle in sechs Ländern der Welt mit dem Tod bestraft: Im Iran, dem Sudan sowie in Mauretanien, Saudi-Arabien, Jemen, den Vereinigten Arabischen Emiraten und seit kurzem auch in Brunei, dessen Sultan die Todesstrafe nach weltweiten Protesten jedoch wieder aussetzte. Auffällig ist: Alle diese Länder sind muslimisch. Insgesamt sind es 37 Staaten, die gleichgeschlechtlichen Sex gesetzlich verbieten, meist, weil die Scharia ihre Rechtsgrundlage ist."

Für alle, die es noch nicht gesehen haben. Dieses Video handelt von einer wichtigen Überlebenstechnik:

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.08.2019 - Gesellschaft

Der Dirigent Brandon Keith Brown beklagt im Tagesspiegel einen allgegenwärtigen Rassismus in Berlin und sieht ausgerechnet Multikulti als den Kern des Problems an: "Weiße Menschen wissen eben nicht, was alltäglicher Rassismus ist. Nach meiner Erfahrung schweigen sie bei rassistischen Übergriffen. Multikulti macht Weiß-Sein zur Norm und markiert das Fremde. In diesem Land mit seiner fatalen Einwanderungspolitik scheinen Nicht-Weiße für immer Fremde zu sein. Personen mit Migrationshintergrund, auch solche, die in zweiter oder dritter Generation in Deutschland leben, bleiben in der Regel 'Ausländer' in der deutschen Statistik und im öffentlichen Diskurs."

In Berlin hat das Verwaltungsgericht die Klage eines Mädchens auf Zulassung zum Staats- und Domchor (mehr hier) abgewiesen, meldet die FAZ. Gegen das Urteil kann allerdings Berufung eingelegt werden. In der Welt hatte Manuel Brug neulich behauptet, reine Knabenchöre seien wegen ihrer besonderen Stimmen "schützenswertes Kulturerbe" (unser Resümee). Im Tagesspiegel bestreitet das Paul Gäbler: "Auch wenn sich bis heute die Behauptung, Knabenchöre hätten einen ganz besonderen Klang, hartnäckig bei Klassik-Begeisterten hält, so gibt es dafür keinen eindeutigen wissenschaftlichen Beleg. Vielmehr scheint es, als würde sich die unterschiedliche Klangfarbe vorwiegend auf die Intensität der Ausbildung zurückführen lassen. Diese beginnt bei Jungs meist früher als bei Mädchen - schon weil sich mit der Pubertät der Stimmbruch einstellt und die Sänger ihre himmlische Höhe verlieren. Vergleicht man also Mädchen- mit Knabenchören, so vergleicht man früh geförderte Profis mit sanft herangeführten Laien."
Stichwörter: Rassismus, Knabenchöre

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.08.2019 - Gesellschaft

Ausgehend von dem Fall eines neunjährigen Mädchens, dessen Mutter gegen den Berliner Staats- und Domchor klagt, weil ihre Tochter in den reinen Knabenchor nicht aufgenommen wurde (Unser Resümee), erzählt Manuel Brug in der Welt die Geschichte der Knabenchöre, um schließlich zu fragen: "Sind Knabenchöre ein schützenswertes Kulturerbe? Ja, und gerade in ihrem trotzig behaupteten Anachronismus. Sie klingen zudem einfach anders. Klar, durchlichtet, völlig monochrom in der Grundfarbe, bisweilen schneidend kräftig. Manches davon mag Glauben sein, so wie bei der Konzertsaalakustik. Aber auch wenn die Mädchen sogar körperlich zulegen, anatomische Tatsache ist, dass Jungen einen etwas größeren Kehlkopf haben, einen höheren Muskeltonus und damit eine kräftigere und obertonreichere Stimme. Dafür komponierten insbesondere die Meister der Renaissance. Mäandernde Stimmen treffen sich intonationsgenau an einem harmonischen Scheitelpunkt. Das ist Abendland pur."

In der SZ meint auch Helmut Mauró: "Was im Leistungssport sonnenklar ist: dass es nicht nur genderspezifische, sondern genetische Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, das scheint im Kulturbereich, also im Falle der Knabenchöre, für viele nicht nachvollziehbar."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.08.2019 - Gesellschaft

In ihrem neuen Buch "Politischer Islam. Stresstest für Deutschland" - vorabgedruckt in der Zeit - kritisiert die Ethnologin Susanne Schröter die mangelnde Distanz der deutschen Politik Islamisten und Fundamentalisten gegenüber: "Obgleich sie nur eine Minderheit der in Deutschland lebenden Muslime vertreten, haben sie sich als alleinige Repräsentanten ihres Glaubens etabliert. Fatalerweise führte das dazu, dass in Bund, Ländern und Kommunen viele Kooperationen zwischen ihnen und staatlichen Einrichtungen geschlossen wurden." Aber: "Funktionäre des politischen Islams und ihre nichtmuslimischen Unterstützer lassen nichts unversucht, um eine solche Debatte zu verhindern. Zu diesem Zweck haben sie zwei Begriffe entwickelt, die all jene diskreditieren sollen, die es wagen, den politischen Islam zu kritisieren. 'Islamophobie' und 'antimuslimischer Rassismus' nennen sich die Wortungetüme. Hier kann keine wissenschaftliche Dekonstruktion dieser kruden Konzepte erfolgen. Doch so viel sei abschließend bemerkt: Eine freie Gesellschaft lebt von einer freien Debatte, gerade dann, wenn es um eine totalitäre Bewegung geht, die die Fundamente unserer Gesellschaft angreift."

Im anschließenden Zeit-Gespräch mit Evelyn Finger erklärt Schröter, weshalb sie die "Kopftuch-Konferenz" nicht bereut und warum sie das Kopftuch kritisiert: "Ich kritisiere es als Zeichen eines frauenfeindlichen Glaubenssystems, das fordert, weibliche Reize zu bedecken, um Männer nicht zum Sex anzustacheln. Die Konsequenz ist, dass Vergewaltigungen den weiblichen Opfern angelastet werden, auch vor Gericht, etwa in Afghanistan oder Saudi-Arabien. Wenn eine einzelne Frau sich für das Tragen des Kopftuchs entscheidet, akzeptiere ich das voll und ganz. Ich stelle auch Frauen mit Kopftuch am Forschungszentrum 'Globaler Islam' ein."

Ganz von der Hand weisen kann Can Dündar in seiner Zeit-Kolumne die Vorwürfe, die Ai Weiwei gegen die deutsche Debattenkultur erhoben hat (Unsere Resümees) nicht: "Ein Autor, der in der Türkei ziemlich beliebt ist, kehrte nach einiger Zeit nach Berlin zurück. Seine Begründung: 'Die Verlage, bei denen ich mein Manuskript einreichte, sagten: 'Wir hatten anderes von Ihnen erwartet.' Als ich nachhakte, wurde mir klar, dass die Erwartungen sich darauf beschränkten, von mir etwas über die Türkei zu bekommen. Man gab mir zu verstehen, nur deutsche Autoren hätten das Privileg, universale Themen zu bearbeiten.'" Welche deutsche Kultur kritisiert Ai Weiwei eigentlich?, spottet Benedict Neff in der NZZ indes mit Blick nach Berlin: "Die Stadt zeichnet sich gerade durch ihre Distanz zu Deutschland aus, ihre Leitkulturferne."

Zunehmend müssen sich auch schwule, weiße, alte Männer innerhalb der LGBTQI*-Community für ihre Privilegien verantworten, beobachtet Dirk Ludigs im Tagesspiegel und findet das durchaus "erfreulich": "Beim Stonewall-Aufstand in New York standen nämlich mitnichten weiße schwule Männer in der ersten Reihe, sondern trans Frauen of color - später nahezu völlig marginalisiert, in Armut verstorben und über Jahrzehnte fast vergessen. In Berlin waren lesbische Frauen sehr wohl von Anfang an bei der 'Homosexuellen Aktion Westberlin' dabei.  Es waren schwule Männer, die die Vereinsräume über und über mit Penis-Bildern dekorierten, und lesbischen Frauen damit zu verstehen gaben, welche Rolle sie im homosexuellen Aufbruch spielen würden - nämlich allenfalls eine am Rand. Erst danach begannen die Frauen mit dem Lesbischen Aktionszentrum ihr eigenes Ding zu machen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2019 - Gesellschaft

Einen interessanten Fall schildert Hannah Bethke in der FAZ: Die Mutter eines neunjährigen Mädchens klagt gegen den Berliner Staats- und Domchor, der von der Universität der Künste betrieben wird. Das Problem: Der Chor ist ein reiner Knabenchor und hat ihre Tochter nicht zugelassen: "Die UdK streitet ab, dass hier ein Fall von Diskriminierung vorliegt. Zwischen Mädchen- und Jungenstimmen bestünden anatomische Unterschiede, die zu 'differenzierten Chorklangräumen' führten. Alles Quatsch, findet die Anwältin der Klägerin. Die klanglichen Unterschiede seien minimal; Mädchen könnten genauso gut singen wie Jungs; der Anspruch auf gleichberechtigte Teilhabe an staatlichen Leistungen und Förderungen werde verletzt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.08.2019 - Gesellschaft

Hätten die Berliner Verantwortlichen von Grün Berlin, die das Tempelhofer Feld am Sonntag für ein vom muslimischen Verein "Neuköllner Begegnungsstätte" organisiertes, strikt nach Geschlechtern getrenntes "Gebet im Freien" freigegeben haben, das auch für rechte Identitäre getan?, fragt Seyran Ates im Interview mit dem Tagesspiegel. "Für mich handelt es sich bei Muslimen, die Geschlechtertrennung so massiv betreiben, um muslimische Identitäre. ... Dass in den vergangenen zwanzig Jahren immer mehr patriarchalisch-archaische Praktiken zunehmend aus den privaten in öffentliche Räume gebracht wurde, führt dazu, dass sich eine Gesellschaft mit diesem Bild - in Anführungszeichen - immer mehr anfreundet und solche Praktiken als selbstverständlich betrachtet. Diese Idee der Geschlechtertrennung wird immer massiver in den öffentlichen Alltag getragen. Der Rest der Bevölkerung soll sich daran gewöhnen, dass Geschlechtertrennung Identität dieser Menschen sei und dass sie als wichtig empfänden, so zu leben. Das ist absurd, da wir ja auch der anderen Seite für mehr Geschlechter-Gerechtigkeit kämpfen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.08.2019 - Gesellschaft

Ja, ja, Woodstock war cool, geschlechterdemokratisch und ökologisch, gesteht Jan Feddersen in der taz gern ein, aber politisch anschlussfähig findet er es heute trotzdem nicht mehr. Zu viel fehlt bei aller Nostalgie im Bild des Hippie- und Protestfestivals: "Afroamerikanisches Publikum, das seinen Kampf gegen Rassismus seit Langem focht, aber für einen Zwischen-den-Trimestern-Trip nach Upstate New York keine Zeit hatte. Ebenso Menschen aus jenen Schichten, aus denen überwiegend die Soldaten für Vietnam rekrutiert wurden. Männer, die weder über das kulturelle noch über das finanzielle Kapital verfügten, sich vom Krieg in Asien freizukaufen - oder zu desertieren, etwa nach Kanada oder Europa. Es war ein bisschen so, wie es auch die Bilder von den meisten Friday-for-Future-Protesten heute zeigen: Die ihre Ansprüche auf eine neue Welt anmeldenden jungen Menschen sind klassenmäßig privilegiert - jene, die vor 50 Jahren lohnarbeitende Jobs hatten, waren für 'Woodstock' so wenig zu gewinnen wie in diesen Wochen etwa jene, die auf Berufsschulen gehen und freitags keine Zeit haben."
Stichwörter: Woodstock, Rassismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.08.2019 - Gesellschaft

Auch nach siebzig Jahren Demokratie und Grundgesetz gibt es keine Normalität für Juden in Deutschland, schreibt Ronen Steinke in der SZ und will nichts von "neuem Antisemitismus" hören: "Judentum in Deutschland, das ist Religionsausübung im Belagerungszustand", meint er und beobachtet: "Die meisten bemühen sich längst, nicht ohne Not aufzufallen. Kleinere Synagogen verzichten auf Türschilder. Manche verheimlichen auf ihrer Website ihre Adresse. Die Anschrift gibt es nur auf Anfrage. So gut wie alle jüdischen Gemeinden verschicken ihre Mitgliedszeitungen nur im neutralen, blickdichten Umschlag, als wäre es der Beate-Uhse-Katalog."

"Es ist an der Zeit, sich mit Blick auf Ostdeutschland von der Frustrationsthese zu verabschieden", schreibt Matthias Kamann in der Welt: "Von der Vorstellung, dort lebten vornehmlich Enttäuschte und Abgehängte, die in armseliger Passivität darauf hoffen, dass sich jemand um sie kümmert. Stattdessen dürfte in den letzten Jahren etwas entstanden sein, was man Selbstbewusstsein nennen kann. Gäbe es dieses nicht, wäre die AfD längst nicht so stark. Sie profitiert davon, dass viele Bürger den Zustand ratlosen Hinnehmens beendet haben. Wie sich die AfD dies zunutze macht, ist ärgerlich, oft verlogen und widerlich, nicht selten gefährlich."