Müssen die
drei sowjetischen Ehrenmale in Berlin, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind, nicht neu kontextualisiert werden, damit Putin sie nicht für seine Propaganda nutzen kann? Darüber wird derzeit im Berliner Senat diskutiert,
berichtet Martina Mai in der
taz. "Die Menschenrechtsorganisation
Memorial kritisiert, dass das Mahnmal am Treptower Park für die Heldenerzählungen im
sowjetischen Siegeskult stehe und die
Leistungen der anderen Sowjetrepubliken neben Russland an der Befreiung Deutschlands weitgehend und die der Alliierten vollständig ausgeblendet werden. Mehr Totengedenken, weniger Stalin, fordert SPD-Mann Alexander Freier-Winterwerb für den Treptower Park." Ihn stört vor allem, "dass die Interpretation des Zweiten Weltkrieges der damaligen sowjetischen Geschichtsschreibung folgt: Er dauerte von 1941, als die Wehrmacht in die Sowjetunion einmarschierte, bis 1945. Der
Überfall Hitlers auf Polen, Frankreich, Dänemark und viele weitere Staaten kommt da nicht vor, aber auch nicht der Überfall der Sowjetunion auf Ostpolen, das Baltikum und Finnland 1939/40. Der Historiker Jörg Morré hält dagegen: 'Aus der Logik des Siegesdenkmals, als das das Treptower Ehrenmal konzipiert wurde, sind die Jahreszahlen 1941 bis 1945 schon korrekt.'" Er wäre aber unbedingt für "eine augenfällige
Kontextualisierung im Falle der Stalin-
Zitate", zitiert ihn Mai.
In der
Zeit diskutieren die ukrainische Historikerin
Yevheniia Moliar und ihr Kollege
Jörg Baberowski über die Denkmäler. Abschaffen kann man sie nicht, meint Baberowski: "Man kann die Botschaften der Vergangenheit nicht zum Verschwinden bringen, indem man sie löscht. Das Gezeigte muss
vielmehr erklärt werden. Das Denkmal am Treptower Park in Berlin wurde als Zeichen des Sieges errichtet - als
Botschaft Stalins an die Deutschen: Wir haben gesiegt, und ihr sollt euch daran erinnern." Wenn Putin diese Botschaft für Propagandazwecke vereinnahmt, könne man das nicht verhindern, "man kann sie in einer offenen Gesellschaft aber kritisieren". Er plädiert für ein
ergänzendes Museum, über das eine Expertenkommission "mit Historikern aus Deutschland, Westeuropa, der Ukraine und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, auch Russland" beraten sollte. Für ein Museum ist auch Yevheniia Moliar, russische Historiker will sie allerdings nicht dabei haben: "In den besetzten Gebieten der Ukraine ehrt Russland heute gefallene russische Soldaten an sowjetischen Kriegsdenkmälern. Russland nutzt die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, um seinen Angriffskrieg als Kampf gegen vermeintliche Nazis in der Ukraine zu legitimieren. ... Die
russische Sicht hat diese Ehrenmäler lange genug dominiert."
Schon in den 1970ern wurde über den Nahostkonflikt diskutiert, und über den Holocaust. Aber die Debatten fanden jeweils "auf einer anderen Bühne statt", erinnert sich Christian Staas, der in der
Zeit die
Geschichte der Erinnerungskultur im Nachkriegsdeutschland nachzeichnet. Seit den 2010er Jahren ist das anders, seitdem geht es nicht mehr um den Nationalsozialismus, der ist nur noch "eine argumentative Waffe. Die eine Seite macht sich die palästinensische Perspektive zu eigen, die andere die israelische. Beide wechseln damit, in ihrer Wahrnehmung, auf
die '
gute Seite'
der Geschichte. Die 'Nazis' sind die anderen. Aber die Nazis waren und bleiben Deutsche. Es gibt für die deutsche Gesellschaft keine 'gute Seite', auf die sich so einfach wechseln ließe", auch nicht mit einem
multidirektionalen Erinnern, das die nationalsozialistischen Verbrechen mit der Erinnerung an den Kolonialismus zusammenführt, wie es der Historiker Michael Rothberg vorgeschlagen hat. Staas plädiert dagegen für eine Entflechtung der Debatten. "Doch dazu muss der Erinnerungsdiskurs raus aus der Nahkampfzone des Nahostkonflikts."
Im
Interview mit der
taz plädiert die CDU-Politikerin
Verena Mertens dafür, im
Sexualstrafrecht europaweit eine "Nur Ja heißt Ja"-Regelung einzuführen. Allerdings gibt sie zu, dass die EU dafür eigentlich nicht zuständig ist. Und noch etwas gibt sie zu bedenken: "Auch bei einer 'Nur Ja heißt Ja'-Regelung wird die
Beweisproblematik bleiben, die wir jetzt in anderer Form bereits bei 'Nein heißt Nein' haben. Bei beiden Modellen muss erkennbar sein, dass jemand eine sexuelle Handlung will oder nicht. Sicher ist, es darf
keine Beweislastumkehr geben. Es ist ein verfassungsrechtlicher Grundsatz in Deutschland, dass man einem Straftäter seine Straftat nachweisen muss und nicht er beweisen muss, dass er das nicht getan hat. Es braucht also andere Wege... Wenn wir Delikte und Übergriffe verhindern wollen, dann dürfen wir nicht immer nur über Frauen als Opfer denken. Wir müssen auch
Frauen stark machen und sagen 'Ihr könnt lernen, Nein zu sagen'. Und wir müssen Frauen dazu ermutigen, Sexualstraftaten öfter anzuzeigen."
Die Medienforscherin
Maya Götz konstatiert im
FR-Interview einen beunruhigend starken konservativen Backlash unter
männlichen Jugendlichen und jungen Männern, was das Thema Frauenrechte angeht. Das hat viel mit Frustration und Einsamkeit zu tun, deren Ursprung sie auch in der Erziehung ausmacht: "Hinzu kommt, dass Jungen oft wenig Raum bekommen,
über sich selbst nachzudenken. Mädchen setzen sich früh damit auseinander, was für ein Mädchen sie sein wollen. Jungen hingegen gelten einfach als 'Jungen'. Reflexion wird ihnen kaum nahegelegt… oder darüber nachzudenken,
wie Beziehungen funktionieren. Als Gesellschaft denken wir zu wenig über Männlichkeit nach. Und für Männer besteht strukturell
weniger Druck zur Selbstreflexion."