9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

1923 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 193

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.08.2022 - Gesellschaft

Warum sind in den Debatten über Schwangerschaftsabbrüche eigentlich fast nie Männer zu hören (außer die fundamentalistischen, versteht sich)? Klar, ihr Bauch gehört ihr, da haben viele vielleicht Angst, sie könnten als bevormundend rüberkommen. Aber das muss ja nicht sein, ermuntert die Sozialarbeiterin Wibke Charlotte Gneuß im Zeit-Blog "10 nach 8" werdende Väter: "Ich stelle mir dann beispielsweise vor, wie sich hinter eine der vielen prominenten Frauen, die gegen das Tabu anschreibend über ihren eigenen Schwangerschaftsabbruch berichten, ein Partner stellt und öffentlich bekennt: Ja, WIR haben beim Sex nicht aufgepasst. (Darum geht es nämlich: Verhütet, ihr Süßen, verhütet!). Ich stelle mir einen Mann vor, der seine Frau weder beim Outing noch im Shitstorm alleine lässt. Oder einen, der beschreibt, wie erleichtert er war, dass er mit 16 nicht die Schule und mit 26 nicht das Juraexamen abbrechen musste, weil er zwischendurch zu früh gekommen ist. Last but not least haben doch auch Männer ein Recht, über ihre - bestimmt mitunter - konfliktreichen Erfahrungen mit ungewollten Schwangerschaften und Schwangerschaftsabbrüchen zu sprechen."

Die Schriftstellerin Mirna Funk kann das Jammern über den "Gender Pay Gap" nicht mehr hören. Im Osten gibt's den kaum noch, aber dort gibt's ja auch keinen "westdeutschen Privilegsfeminismus", spottet sie auf Spon. "Dieser behauptet, dass Kinder und Beruf nicht vereinbar wären. Dass Frauen nur in Teilzeit arbeiten könnten oder automatisch die Rolle der Hausfrau übernehmen müssten. Dabei wird weder reflektiert, dass hier aus einer Wohlstandsposition heraus argumentiert wird, bei der offensichtlich auf ein Gehalt verzichtet werden kann, noch, dass ein Drittel dieses Landes völlig irritiert der Debatte beiwohnt, weil bei ihnen Vereinbarkeit seit mindestens drei Generationen gelebt wird. ... Trotzdem sagt ein nicht zu unterschätzender Teil der Frauen dieses Landes weiterhin: Wir haben hier diese ganze Care-Arbeit und Schatzi lässt mich damit allein und deswegen kann ich nicht arbeiten gehen, obwohl ich eigentlich möchte. Und ich frage mich nun, ob diese am Alltagsgeschehen nicht teilnehmenden Männer vorher die tollsten Superdudes waren und dann zu fiesen Ekeln mutierten...?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.08.2022 - Gesellschaft

Dass das aktuelle Transsexuellengesetz nicht mehr zeitgemäß ist, liegt für taz-Autor Jan Feddersen auf der Hand, "weil trans eben nicht als Krankheit zu gelten hat". Das geplante Selbstbestimmungsgesetz, das es jedem ermöglicht, sein Geschlecht selbst festzusetzen, aber nennt er ein "ein krass weitgehendes Reformprojekt, so fundamental ausgreifend, das vor allem unter diesem Umstand jetzt schon leidet und das es Konservativen leicht machen wird, es zu deligitimieren und als Top-Down-Vorschrifterei der akademisch orientierten Politiken zu charakterisieren". Die Bevölkerung folgt laut Umfragen diesem Voluntarismus nicht, so Feddersen: "Diese Zahlen sollten vielleicht die Regierung vielleicht alarmieren, die Aktivist*innen und Fellows aber ganz besonders: Eine Reform, die so wenigen Menschen wirklich nützt, aber so vieles umstülpt - wie soll die akzeptiert werden, nicht nur in woken Kreisen?"

Die Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes", die sich dem klassischen Feminismus verschrieben fühlt und zum Beispiel gegen Zwangsheiraten und Beschneidung von Frauen engagiert, hat unterdessen letzte Woche eine kritisches "Positionspapier Transgender, Selbstbestimmung und Geschlecht" zurückgezogen und von der Website gelöscht. Die Begründung argumentiert nicht unbedingt inhaltlich: "Dem Vorwurf der Transfeindlichkeit, der sich insbesondere auf das Positionspapier bezieht, ist inzwischen mit keinem Argument mehr zu begegnen. Solange das Positionspapier öffentlich ist und nicht transparent zurückgenommen wird, wird dieser Vorwurf bleiben. Dadurch wird unser Auftrag - der Einsatz für Frauenrechte - bis zur Unmöglichkeit erschwert, Kooperationen und wichtige Bündnisse sind und werden aufgekündigt, bereits begonnene Kampagnen können nicht umgesetzt oder müssen abgebrochen werden. Das Thema Transgender und das Positionspapier überschatten alle unsere wichtigen Referatsthemen." Im Google-Cache ist das Positionspapier aus dem Jahr 2020 hier noch zu lesen.

Bei rechtspopulistischen oder -extremen Bewegungen wie etwa unter rechten Impfgegnern werde die Gefahr regelmäßig zunächst nicht ernst genommen, sagt die Expertin Pia Lamberty im Gespräch mit Anna-Lena Ripperger in der FAZ: "Dann gibt es erst einmal Debatten darüber, ob das nicht nur die Ängste und Sorgen der 'normalen Bürger' sind. Dadurch, dass das Ganze nicht eindeutig aussieht wie ein rechtsextremer Protest, wird es in seiner Gefährlichkeit nicht erkannt. Und während die Gesellschaft noch diskutiert, können sich antidemokratische Räume ausbilden. Das hat man bei Pegida gesehen und jetzt auch bei Corona. Da gab es leider bisher keinen Lerneffekt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.08.2022 - Gesellschaft

Die hessische Polizei kann ihr Rechtsextremismusproblem offenbar nicht bewältigen. Wieder haben sich Frankfurter Polizisten in Chats mit dem Austausch von Nazi-Symbolen amüsiert, berichtet Christoph Schmidt-Lunau in der taz. "Für die Führung der Polizei steht das Fehlverhalten von Beamten bereits fest: Fünf Polizisten sind inzwischen suspendiert und dürfen ihre Dienstgeschäfte nicht mehr ausüben. Darunter sind immerhin der Hauptgebietsleiter der Organisationseinheit, der für die Bearbeitung von Amtsdelikten zuständig war, außerdem ein Kommissariatsleiter in der Fahndung der Kriminaldirektion und ein ihm nachgeordneter Ermittlungsgruppenleiter."
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Stichwörter: Rechtsextremismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.08.2022 - Gesellschaft

"Die Abstinenzbewegung ist in meinen Augen ein Medienphänomen. In meiner Bar ist sie noch nicht angekommen", versichert Klaus St. Rainer, Chef der Goldenen Bar in München, der im Interview mit der NZZ nicht nur alkoholfreie Cocktails ablehnt - "mich stört der Beschiss: 40 Euro für 0,7 Liter Tee. So einen Mist wird es in meiner Bar nie geben" - sondern auch erklärt, was einen guten Rausch ausmacht: "Ein guter Rausch ist dynamisch. Er kann bei einem Mittagessen beginnen, wo man eigentlich nur ein Glas Wein trinken will, und sich dann, am besten langsam, steigern. Idealerweise ist man von guten Menschen umgeben, mit denen man kreativ und lustig werden kann. Was ich gar nicht mag, ist schnelles Trinken."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2022 - Gesellschaft

Eva Ladipo erklärt in der FAZ, warum Fahrradfahrer in London so verhasst sind. Es hat etwas mit der Klassenstruktur des Landes zu tun: "Der typische Londoner Fahrradfahrer ist, erstens, männlich. Frauen trauen sich seltener in den Nahkampf auf der linken Spur. Das Geschlechterverhältnis liegt bei etwa sieben zu drei. Zweitens sind Fahrradfahrer überdurchschnittlich wohlhabend - etwa ein Drittel verdient doppelt so viel wie das Durchschnittseinkommen -, was logisch ist, weil die ärmeren Randgebiete Meilen von der Innenstadt entfernt sind und keine Fahrradwege haben. Außerdem haben ärmere Städter mehr gesundheitliche Probleme und keinen Platz, ein Fahrrad unterzustellen."
Stichwörter: Fahrrad, Radfahrer

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.08.2022 - Gesellschaft

Politik und Polizei haben das fanatische Potenzial des Querdenkertums sträflich verkannt, schreibt Anna Wopalensky bei hpd.de nach dem Selbstmord der österreichischen Ärztin Lisa-Maria Kellermayr, die nach Morddrohungen aus der Querdenkerszene Suizid beging (unser Resümee). Wopalensky kommt darauf zurück, dass Querdenker in Demos in Österreich oder auch in Deutschland bei Demonstrationen von der Polizei oft mit prononcierter Milde behandelt wurden, anders als häufig etwa linke Demonstranten. Aber "wenn Morddrohungen ausgesprochen werden und wenn auch vor Gewalt gegen Presse und Andersdenkende nicht zurückgescheut wird - wie bei Demonstrationen oft geschehen -, dann muss sofort und unmissverständlich Schluss sein mit dem Kuschelkurs. Denn wer so weit geht, der ist nicht mehr ohne Weiteres in ein vernünftiges und gesellschaftskompatibles Denken zurückzuholen. Aufgabe des Staates muss es deshalb primär sein, die Gesellschaft vor dieser sich immer weiter radikalisierenden Szene zu schützen, in der Kellermayrs Tod übrigens als Erfolg bejubelt wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2022 - Gesellschaft

"Es ist tatsächlich Gewalt, die von dem virtuellen Raum ausgeht", schreibt Tanja Tricarico  in der taz zum Suizid der österreichischen Ärztin Lisa-Maria Kellermayr, der viel Aufsehen erregt. Kellermayr war in Österreich eine der prominentesten Warnerinnen vor Corona und spielte wohl eine Christian Drosten vergleichbare Rolle. Monatelang war sie bedroht worden. Colette M. Schmidt und Oliver Das Gupta bringen einen ausführlichen Nachruf im Standard: "In ihrer Ordination lässt die Ärztin Sicherheitsvorkehrungen einbauen, die rund 100.000 Euro kosten. Sie schafft das finanziell nicht mehr, und sie hat große Angst, auch um ihre Mitarbeiterinnen. Sie engagiert einen privaten Security-Mann, der immer wieder Praxisbesuchern Butterflymesser abnimmt. Ende Juni schließt Kellermayr ihre geliebte Ordination. Sie holt sich psychologische Hilfe. Sie wendet sich verzweifelt an die Öffentlichkeit, fordert Polizeischutz. Die Landespolizeidirektion Oberösterreich und die Ärztekammer richten ihr aus, sie solle sich doch öffentlich zurückhalten."

Die Dürre betrifft viele wüstennahe Gegenden in den USA natürlich noch viel mehr als Deutschland. Der Staat Nevada hat inzwischen überflüssige Rasenflächen verboten, und das ist richtig so, findet Akin Olla im Guardian. Ob eine solche Diskussion auch nach Deutschland kommt? "Nach Angaben der Environmental Protection Agency macht der Wasserverbrauch im Freien für Rasen und Gärten 60 Prozent des Wasserverbrauchs der Haushalte in den trockenen Gebieten des Landes aus. Und im Gegensatz zum Wasserverbrauch in Innenräumen geht ein großer Teil dieses Wassers durch Verdunstung und Abfluss verloren. Alles in allem verbrauchen amerikanische Rasenflächen jedes Jahr 13 Milliarden Liter Wasser - genug Trinkwasser für Milliarden von Menschen pro Jahr."

Steve Ayan, Psychologe und Redakteur bei Gehirn & Geist hat in der taz zwar duchaus Verständnis für eine gute Absicht hinter dem Gendern, bleibt aber wegen des politischen Drucks, den die neuen Sprachreglungen ausüben, skeptisch: "Das Moralisieren des Mitmeinens (Wer nicht gendert, hat etwas gegen Gleichberechtigung) fördert die Zersplitterung. Oder wie kommt es, dass viele so erbittert um Sternchen und Partizipien streiten? Ist es nicht einfach nur zeitgemäß, sprachliche Konventionen im Sinn der Gleichberechtigung zu reformieren? Das Problem ist die Doppelbödigkeit dieses scheinbar harmlosen Wunsches, denn das Gendern setzt viele Menschen unter Druck. Jeder sieht plötzlich alt aus, der weiter generische Maskulina benutzt. Man fühlt sich an den Rand gedrängt; wird genötigt mitzuspielen oder sich zu erklären. Man kann sich nicht nicht zum Gendern verhalten."

Gleichzeitig wendet sich eine Gruppe von zunächst siebzig Sprachwissenschaftlern in einem online veröffentlichten Aufruf an die Öffentlich-Rechtlichen Sender mit der Aufforderung, das Gendern zu lassen: "Wir fordern die Abkehr von einem Sprachgebrauch, der stark ideologisch motiviert ist und überdies - so zeigen es alle aktuellen Umfragen - von der Mehrheit der Bevölkerung (circa 75 bis 80 Prozent) eindeutig abgelehnt wird. Es ist bedenklich, wenn immer mehr Journalisten in Unkenntnis der sprachwissenschaftlichen Fakten den Jargon einer lautstarken Minorität von Sprachaktivisten in der Öffentlichkeit verbreiten und sich hierbei fälschlicherweise auf "Sprachwandel" berufen." In der FAZ berichtet Michael Hanfeld über diesen Aufruf. Mehr im Tagesspiegel.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.07.2022 - Gesellschaft

Selbstverständlich gibt es muslimischen Antisemitismus, schreibt Ibrahim Quraishi in der taz. Auch mit Blick auf das Documenta-Debakel (mehr auch heute hier): "'Aber der Nahostkonflikt!', wendet an dieser Stelle sicher jemand ein. Der Nahostkonflikt sei der Grund für Antisemitismus in der muslimischen Welt, so lautet die gängige These. Das Gegenteil ist richtig: Der Konflikt dient in diesem Teil der Welt als Rechtfertigung für Judenfeindschaft. Wir sollten ehrlich sein und dieser Legende laut widersprechen."
Stichwörter: Nahostkonflikt

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2022 - Gesellschaft

In der SZ macht die Historikerin Hedwig Richter ihrem Ärger über eine neue "Klassenkampfrhetorik" Luft. Ob Billigflüge, günstiges Fleisch - oder Energiesparen, geht es um Einschränkungen für die ökologische Wende, heiße es: "Bitte nicht die Deutschen belasten": "Von der aktuellen FDP-Spitze und ihrem infantilen Freiheitsbegriff ließ sich selbst in Regierungsverantwortung nichts anderes erwarten. Und Markus Söder lässt sich die Gelegenheit für ein bisschen Populismus routinemäßig nicht entgehen und fordert einfach mal mehr von allem für alle. Bemerkenswert ist allerdings, warum die SPD den naheliegenden Schritt nicht hinkriegt, der Bevölkerung zu sagen, was ansteht. Vermutlich weil sich die Sozialdemokratie als die Partei des sogenannten kleinen Mannes versteht. Da sie historisch auf Verteilung geeicht ist - ein Projekt, mit dem sie Großes erreicht hat -, sieht sie sich heute offenbar außerstande, Menschen etwas abzuverlangen, die weniger besitzen als einen Privatjet."

"Wir haben jetzt einen Punkt erreicht, an dem weiteres Wachstum kaum mehr Nutzen erzeugt bei exponentiell steigenden Schäden", meint auch der Ökonom Niko Paech, der im NZZ-Gespräch mit Roman Bucheli ebenfalls eine "Wende zum Weniger" fordert: "Auf dem Weg in den Wohlstand sind viele menschliche Fähigkeiten zwangsläufig verkümmert. Wir haben verlernt, genügsam zu leben und handwerklich tätig zu sein. Die vielbeschworene Innovationsfähigkeit ist nur ein Gebet in der Fortschrittskirche: In Wahrheit brauchen wir Innovationen, damit wir uns nicht ändern müssen."
Stichwörter: Richter, Hedwig, Paech, Niko

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2022 - Gesellschaft

In einem sehr persönlichen Artikel für die Zeit erklärt Lea De Gregorio, ehemalige Redakteurin des Amnesty-Magazins, warum sie Amnesty International verlassen hat. Ihr wurde immer suspekter, wie intensiv die Organisation ihren Bericht "Israel's Apartheid against Palestinians" feierte, der ein Rückkehrrecht  für alle Palästinenser mit Flüchtlingsstatus fordert, aber nicht anerkennt, dass Israel ein Zufluchtsort für alle Juden ist. "Wird Antisemitismus nicht gerade dann respektabel, wenn er unter den 'Guten', denjenigen, die sich gegen Menschenfeindlichkeit einsetzen, zutage tritt? Einige Nahost- und Antisemitismus-Experten, die den Bericht öffentlich kritisierten, aber nicht deutlich als antisemitisch einstuften, sorgten für Besänftigung. Na, dann ist doch alles gut, hieß es. Währenddessen bot die Tatsache, dass Amnesty den Begriff Apartheid nicht nur auf die besetzten Gebiete, sondern sogar auf das Kernland Israel anwendete, für Israel-Hasser auf der ganzen Welt eine Referenz."

Im Dlf Kultur ärgert sich der an der UDK lehrende Kulturwissenschaftler und Publizist Christian Schüle über den "autoritären Gestus" der identitätspolitischen Jugend: "Gewollt wird der woke Mensch, nicht der weiße Mann. Letztlich zielt die Dekonstruktion der Normalität auf die Dekonstruktion bisheriger Machtverhältnisse. Wie so oft folgt der süßen Moral die saure Doppelmoral, jedenfalls sind die Widersprüche der moralistischen Identitätspolitik verstörend. Unterschiede zwischen Menschen sollen eliminiert werden, indem man sie gerade hervorhebt. Das Individuum erhält erst durch seine Eingemeindung ins Kollektiv Identität."