9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

1429 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 143

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.07.2020 - Gesellschaft

Der heutige Antirassismus ist extrem selektiv und benennt Missstände ausschließlich, wenn die Schuldigen weiß sind - das führt zu einem kriminellen Schweigen bei Ungerechtigkeiten in anderen Gesellschaften, legt Ahmad Mansour in der taz dar: "Wer zum Beispiel heute auf die gefährdete Lage von Lesben und Schwulen in muslimischen Ländern und anderen traditionellen Gesellschaften hinweist, in denen homophobe Gesetze und Sitten gelten, wird im postkolonialen Diskurs oft als 'Homonationalist' bezeichnet. Solche Anwürfe sind grotesk. Sie verzerren die Frage, welche Probleme und Rechte auf dem Spiel stehen. Sie verstellen den Blick auf die Realität und verraten diejenigen, die in diesen Ländern um ihre Rechte kämpfen, die verfolgt und inhaftiert oder hingerichtet werden."

Die Berliner Verkehrsbetriebe benennen den U-Bahnhof Mohrenstraße um, meldet die Welt. Der Straßenname ist umstritten, Aktivisten sprechen in Berlin nur noch von "M-Straße": "Aus Verständnis und Respekt für die teils kontroverse Debatte um den Straßennamen habe sich die BVG entschieden, den Begriff 'Mohr' nicht weiter für die Benennung des U-Bahnhofs zu verwenden, teilte das Unternehmen mit. 'Als weltoffenes Unternehmen und einer der größten Arbeitgeber der Hauptstadt lehnt die BVG jegliche Form von Rassismus oder sonstiger Diskriminierung ab', hieß es in einer Mitteilung." Die Station wird künftig Glinkastraße heißen.

Über 500.000 Menschen sind in diesem Jahr aus den Kirchen ausgetreten - ein Rekord. Nur noch knapp die Mehrheit der Deutschen sind Mitglied, und viele davon wissen es nicht einmal, denn es gibt eine Menge Karteileichen, schreibt Herbert Thomsen in hpd.de. Aber "Kirchenaustritte, auch von mehr als einer halben Million in einem Jahr, haben keinen direkten Einfluss auf das Verhältnis von Kirche und Staat, auf die gesellschaftliche Stellung der Kirchen und schon gar nicht auf die Finanzen der Kirchenkonzerne einschließlich ihrer Wohlfahrtsverbände. Bei 12 Milliarden Euro Kirchensteueraufkommen wäre ein Verlust von einer Milliarde Peanuts im Verhältnis zu den circa 150 Milliarden Gesamtumsatz der Kirchenkonzerne." Da es bei Kirchen nicht um den Glauben gehe, hätten sie sich auch im außerkirchlichen Diskurs als eine "quasi-staatliche Institution für Ethik, Moral und Erziehung, Kindergärten, Schulen, Hochschulen" etabliert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.07.2020 - Gesellschaft

68.000 Frauen und Mädchen in Deutschland sind an ihren Genitalien verstümmelt, bis zu 15.000 Mädchen sind von Genitalverstümmelung bedroht - diese Zahlen der Organisation "Maisha" stellte Frauenministerin Franziska Giffey, jüngst vor. Chantal Louis unterhält sich in emma.de mit der Aktivistin Virginia Wangare-Greiner über die Arbeit mit den Eltern der gefährdeten Mädchen: "Fast noch wichtiger als die Strafandrohung ist, dass wir sie wirklich überzeugen. Wir erklären Ihnen, welche dramatischen gesundheitlichen Auswirkungen die Verstümmelung für ihre Tochter hat. Wir erklären ihnen zum Beispiel auch, wie die Anatomie einer Frau normalerweise aussieht. Und dann verstehen die Frauen sehr schnell. Viele von ihnen sind selbst betroffen, und wenn ihnen das als Kind passiert ist, dann kennen sie ihren Körper nicht anders. Sie denken, es wäre normal und bei allen Frauen so."
Stichwörter: Genitalverstümmelung

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.07.2020 - Gesellschaft

"Ich bin eine schwarze Frau aus dem Süden der USA. Sämtliche meiner unmittelbaren weißen männlichen Vorfahren waren Vergewaltiger. Meine bloße Existenz ist ein Relikt der Sklaverei und der Rassentrennung der Jim-Crow-Ära", schreibt die amerikanische Lyrikerin Caroline Randall Williams in der SZ und erklärt: "Falls Menschen dem Vermächtnis der Konföderation der Südstaaten ein Gedenken widmen wollen, falls sie Denkmäler wollen, dann ist mein Körper ein Monument." Alle Denkmäler in den Südstaaten müssen "niedergerissen" werden, fordert sie: "Mein Körper und mein Blut sind eine greifbare Wahrheit des Südens und seiner Vergangenheit. Die Schwarzen, von denen ich abstamme, gehörten den Weißen, von denen ich abstamme. Die Weißen, von denen ich abstamme, kämpften und starben im Bürgerkrieg für ihre verlorene Sache. Nun frage ich: Wer traut sich, von mir zu verlangen, dass ich sie feiern soll? Wer traut sich, von mir zu verlangen, ihre Reiterstandbilder zu ertragen?"

Außerdem zum Thema Rassismus: das Projekt "Afrozensus" soll die Diskriminierung von Schwarzen in Deutschland erstmals in Zahlen belegen, berichtet Elena Witzeck in der FAZ.

Misstrauen gegenüber der Polizei ist für eine funktionierende Gesellschaft unabdingbar, findet Martin Eimermacher in der Zeit (der mit diesem Argument auch Hengameh Yaghoobifarahs taz-Kolumne verteidigt): "Eben weil das Recht .. immer nur hinterher korrigierend eingreifen kann, braucht die Polizei Kritik von außen. Wissenschaftler beklagen allerdings seit Langem eine 'negative Fehlerkultur' der überwiegend konservativen Funktionäre. Wie wenig Polizeigewalt aufgearbeitet wird (manche Forscher sprechen davon, dass bis zu 95 Prozent aller Verfahren mit Einstellung enden) und wie schnell Polizisten einen Korpsgeist ausbilden, um Fehler zu vertuschen, ist hinlänglich dokumentiert. Viele Anwälte raten ihren Klienten, auch das weiß man seit Jahren, Polizeigewalt bloß nicht zur Anzeige zu bringen."

Die Digitalisierung wird die Urbanisierung erstmal nicht aufhalten, sagt der Stadtforscher David Koser im Gespräch mit Maritta Tkalec (Berliner Zeitung). Aber Gewerbe und Büros werden weniger werden in den Innenstädten, glaubt er und träumt vom Leben in verlassenen Shopping-Malls: "Natürlich kann eine teilweise Umnutzung des Zentrums auch ohne große bauliche Investitionen stattfinden. In der Weltwirtschaftskrise ab 1929 wurden Gewerberäume am Rand des Zentrums einfach in Wohnungen umgewandelt. Und die Berliner Alternativkultur der 1980er- und 1990er-Jahre fand ja auch in umgenutzten Gewerberäumen statt. (...) Andererseits kann es in schrumpfenden, wirtschaftlich angeschlagenen Städten ohne kreatives kulturelles Milieu auch zu einem Verfall des Zentrums kommen. Aber wie gesagt: In Berlin überwiegen die Chancen."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.07.2020 - Gesellschaft

In den Diskussionen über Schlachthöfe als Corona-Hotspots  wird meist über die unwürdigen Arbeitsbedingungen gesprochen. Aber Corona ist auch eine Katastrophe für den Tierschutz, schreibt Hella Camargo bei hpd.de - schon wird diskutiert, Tiere, die wegen der Schließung der Schlachthöfe nicht geschlachtet werden können, zu töten und die Kadaver wegzuwerfen. Schon vorher hatte die Krise gravierende Auswirkungen: "Da Kalbfleisch vor allem in Restaurants nachgefragt wird, die während der Pandemie geschlossen waren oder nur ein verringertes Angebot zur Abholung anboten, blieben die Züchter und Milchbetriebe, in denen männliche Kälber überflüssig und auch weibliche Kälber teilweise überzählig sind, auf den Tieren sitzen. Im Mai kostete ein schwarzbuntes Bullenkalb gerade einmal 36 Euro, da lohnt es sich nicht, Futter und veterinärmedizinische Versorgung, Einstreu und weiteres zu zahlen."
Stichwörter: Tierschutz, Coronakrise

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.06.2020 - Gesellschaft

Einige wenige schwarze Intellektuelle warnen davor, dass sich die "Black-Lives-Matter"-Bewegung durch "obsessiven identitätspolitischen Aktivismus" die Substanz nehme, darunter der Ivy-League-Professor John McWhorter, schreibt Marc Neumann in der NZZ: "Dass schwarze Männer (95 Prozent der durch Polizeischusswaffen Getöteten sind männlich) mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit betroffen sind als weiße Männer, erklärt McWhorter mit einer sozioökonomischen Entsprechung. Denn es leben ebenso zweieinhalbmal mehr Afroamerikaner (rund 20 Prozent) als Weiße (rund 9 Prozent) in Armut. Armut erhöht Kriminalitätsraten, dies führt zu Strafregistereinträgen, was wiederum die Disqualifikation für ganze Berufsfelder nach sich zieht. Mit derlei Argumenten hebt McWhorter den Diskurs von sozioethnischer Ungleichheit aus dem identitätspolitischen Reich lose bestimmter Begriffe wie 'Rasse' oder '(Anti-)Rassismus', um ihn im Begriffsschema der Klasse zu verankern. Der Rassenkonflikt wird somit (wieder) zum Klassenkampf, der empirisch untersucht und durch politische und soziale Massnahmen korrigiert werden kann."

"Brutale, linksradikale Demonstrationen gegen Polizisten" gehören in den meisten westlichen Ländern, auch durch mediale Unterstützung, zum "guten gesellschaftlichen Ton", meint die Publizistin Bettina Röhl ebenfalls in der NZZ. Und einen Schuldigen hat sie auch schon gefunden: "Natürlich ist die spätere Karriere eines Polizistentreters wie Joschka Fischer auch ein Beitrag zur Entwertung der Polizei. Und die historischen und personellen Linien zur Politik von heute sind da."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.06.2020 - Gesellschaft

Eiken Bruhn erhebt in der taz noch einmal Einwände gegen den Kompromiss im Abtreibungsrecht, vor allem auch weil es immer weniger Ärztinnen und Ärzte gibt, die einen Abbruch vornehmen. Und seinen eigentlichen Zweck erfülle der Kompromiss auch nicht: "Auch Katrin Göring-Eckardt begründet das Nichthandeln ihrer Fraktion mit der Sorge vor einem Pakt reaktionärer Kräfte. Doch glaubt sie wirklich, dass das Bundesverfassungsgericht eine Verschärfung von Paragraf 218 dulden würde? Zudem erfüllt dieser nur einen Zweck: diejenigen ruhigzustellen, die Abtreibungen am liebsten ganz verbieten möchten. Wie erfolgreich das war, lässt sich immer häufiger vor Beratungsstellen und Arztpraxen beobachten, vor denen selbsternannte 'Lebensschützer*innen' Mahnwachen halten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.06.2020 - Gesellschaft

Nach der Polizeikolumne diskutiert die taz weiter. Heute berichten RedakteurInnen mit dunklerer Hautfarbe über ihre unterschiedlichen Erfahrungen mit der Polizei. Jasmin Kalarickal schreibt: "Ich kann kaum zählen, wie oft ich in Deutschland anlasslos kontrolliert wurde. In EU-Grenzbereichen, am Bahnhof, im Auto, mitten auf der Straße ... Ich selbst habe nie körperliche Gewalt vonseiten der Polizei erfahren. Manche Polizist*innen haben mich abfällig behandelt, die meisten waren höflich. Trotzdem: Nur wegen der Hautfarbe immer wieder kontrolliert zu werden, hat etwas mit mir gemacht."

Felix Lee wehrt sich dagegen, einen ganzen Berufsstand zu verdammen: "Als Lokalreporter hatte ich 2001 über einen Neonazi-Aufmarsch zu berichten. Nach dem Aufmarsch sah ich mich plötzlich von einer Gruppe Neonazis umzingelt. Einer schlug mir mit der Faust seitlich an den Kopf. Eine Polizistin, die das gesehen hatte, eilte sofort herbei und stellte sich dazwischen. Sie hatte sich selbst in Gefahr gebracht, denn Verstärkung rückte erst kurze Zeit später an. Wäre sie nicht gewesen - ich wäre nicht nur mit einem blauen Auge davongekommen."
Stichwörter: Polizeigewalt

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.06.2020 - Gesellschaft

Die Gewalt in Stuttgart soll eine neue Qualität haben? Iwo, meint taz-Redakteur Jan Feddersen. "Das hat nie aufgehört und wird es nie. Riots in den französischen Vorstädten, in Hamburg bei Rock-'n'-Roll-Konzerten von Bill Haley, die Schwabinger Krawalle Anfang der Sixties, vor Paris oder anderswo, in Zürich, Tumulte im London der achtziger Jahre - Empörung nicht nach dem Schema Rassismus/Ausgrenzung/Diskriminierung, sondern mit der Lust am eigenen Irresein, an der Noch-nicht-Eingepasstheit der Erwachsenen mit der Ungewissheit an der eigenen Perspektive, die man aber, siehe aktuell Stuttgart, wenigstens für einen lauen Sommerabend vergisst."

In der FAZ findet Sandra Kegel die Vorurteile gegen deutsche Polizisten, die oft einfach mit den amerikanischen Kollegen gleichgesetzt würden, gefährlich: "Jede Situation, jede noch so kleine Kontrolle sei inzwischen unvorhersehbar und könne eskalieren, wissen sie, befeuert durch Vorwürfe eines 'latenten Rassismus' wie zuletzt von Saskia Esken. Die Zahlen erzählen eine andere Geschichte, wenn etwa nach offiziellen Angaben unter den 49000 Bundespolizisten seit 2012 nur fünfundzwanzig Verdachtsfälle mit rassistischem Hintergrund aufgefallen sind."
Stichwörter: Rassismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.06.2020 - Gesellschaft

Die "Initiative Schwarze Menschen" in Deutschland und das Kunstkollektiv "Peng" haben eine Deutschlandkarte erstellt, die koloniale Spuren zeigt. Es gibt Hunderte Straßen, die auf Umbenennung, und Denkmäler, die auf ihren Sturz warten. Erik Peter unterhält sich in der taz mit der Aktivistin Simone Dede Ayivi, die einen kreativen Rausch in Aussicht stellt: "Wenn wir eine antirassistische Gesellschaft wollen, müssen wir fragen, wer sind die Opfer, die wir ehren wollen? Ein leerer Sockel ist ein guter Schritt, um das herauszufinden. Über diese Leerstellen sollen breite Diskussionen geführt werden. Dann kann man etwa Künstler*innen vom afrikanischen Kontinent einladen, die Plätze, auf denen bislang Kolonialisten gedacht wurde, neu zu gestalten."

Tobias Gralke würdigt bei 54books die Verdienste der Kartierung von kolonialistischen Denkmälern: "Jetzt, wo die Puzzleteile des deutschen Kolonialerbes ihrer Verstreutheit in Kleinstädten, Wäldern und Museumsarchiven entrissen und digital zusammengeführt werden, fällt auf, wie omnipräsent und gleichzeitig unbewusst, wie unzeitgemäß und gewaltvoll eine offizielle Geschichtsschreibung ist, die den deutschen Kolonialismus seit Jahrzehnten aus Sicht heroisierter Täter*innen erzählt."

In Berlin-Zehlendorf wurde die Statue einer schwarzen Frau mit Baseballschlägern attackiert. Ob aus Rassismus oder Protest gegen Rassismus, ist noch unklar, berichtet Peter Richter in der SZ. Letzteres sei aber wahrscheinlicher: "Der Bezirk Zehlendorf wollte die Skulptur auf jeden Fall schon seit einiger Zeit aus dem Stadtbild zu entfernen: Der Titel 'Hockende Negerin', die primitivistische Art ihrer Darstellung, auch die spätere NSDAP-Mitgliedschaft ihres Erzeugers, eines Bildhauers mit dem Namen Arminius Hasemann, hatten schon vor der Attacke zu dem Beschluss geführt, die Plastik in die Zitadelle Spandau bringen zu lassen, wo sich Berlins Endlager für abgeräumten Stadtschmuck befindet." Richter fragt sich, ob man Plätze überhaupt mit Statuen schmücken sollte.

Auch in Frankreich werden Statuen gestürzt, erzählt Claudia Mäder in der NZZ. Um Ambivalenzen schert sich dabei niemand: "Victor Schœlcher zum Beispiel ist eine überaus interessante Figur. Noch bevor die Statuenstürze im angelsächsischen Raum begannen, waren am 22. Mai zwei Monumente demoliert worden, die an den Sklavenbefreier erinnerten. Ja, der aus dem Elsass stammende Schœlcher hat das Dekret zur Abschaffung der Sklaverei initiiert, das Frankreich im Jahr 1848 erließ. Aber Schœlcher war auch als Politiker in der Dritten Republik aktiv, die ab den 1870er Jahren das französische Kolonialreich ausbaute. Also haben Aktivisten auf Martinique die Schœlcher-Denkmäler zerstört, um Platz zu schaffen für andere, eigene, eindeutigere Helden."

In der NZZ staunt Pascal Bruckner, wie schnell manche in der Coronakrise die Alten wegsperren wollten, um den Jungen mehr Freiraum zu verschaffen: "Die Phantasie, dass ein parasitäres Gesellschaftssegment abtreten oder zumindest aus dem öffentlichen Raum verschwinden soll, um den Platz den Jüngeren zu überlassen, ist absolut erbärmlich - auch wenn diesen Traum natürlich längst nicht alle Jungen teilen und beileibe nicht jeder dazu bereit wäre, seine Eltern und Großeltern über Bord zu werfen. Es würde zuletzt auch gar nichts bringen, denn die ganze Fokussierung auf die 'Altersschwachen' ist eine illusorische Beruhigung: Nur die Forschung kann die gesundheitliche Krise lösen."

Bei Emma zeigt sich die kanadische Journalistin Megan Murphy schockiert über das Ausmaß des Hasses, der J.K. Rowling wegen eines Tweets von Transfrauen und ihren Unterstützern entgegenschlägt. Rowling hatte sich über die Formulierung "Menschen, die menstruieren" lustig gemacht. Ben O'Keefe, ein ehemaliger Berater von US-Senatorin Elizabeth Warren, etwa tweetete zurück: 'Halt die Fresse, du transphobisches Dreckstück'. Auch die drei bekanntesten Harry-Potter-Darsteller distanzierten sich sofort von Rowling. "Der extreme Backlash aus Hass und Frauenfeindlichkeit ist zur Norm geworden. Die Reaktion auf jemanden wie Rowling zeigt das Ausmaß, wie trans AktvistInnen und ihre KumpanInnen sich daran gewöhnt haben, die Macht zu besitzen, Personen des öffentlichen Lebens, PolitikerInnen, FreundInnen und Familie so einzuschüchtern, dass sie sich ihrer Sichtweise unterwerfen. Und dass sie es einfach nicht mehr akzeptieren können, wenn eine bekannte Frau, die in der Öffentlichkeit steht, sich dem widersetzt. Es versetzt diese Leute in Angst und Schrecken, dass sie ihre Allmacht verlieren könnten."

In der Zeit fragt Christine Lemke-Matwey, warum sich der Streit eigentlich immer um Frauen dreht: "Männer jedenfalls, männliche Befindlichkeiten spielen im neuen Diskursgewitter so gut wie keine Rolle. Geben ihre Körper biopolitisch nichts her? Überwölbt die Performanz von Maskulinität weiterhin alles? Von 'Personen mit Prostata' jedenfalls spricht niemand, was auch statistische Gründe haben könnte. Abgesehen davon, dass um das Jonglieren mit Identitätsschablonen gerade unter Jugendlichen ein regelrechter Hype entbrannt ist, wollen achtmal so viele Mädchen Jungen werden wie Jungen Mädchen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.06.2020 - Gesellschaft

In der Berliner Zeitung denkt Harry Nutt über Polizeigewalt in den USA und die Randale von Stuttgart nach und erkennt einen allgmein gestiegenen Level an Aggressionen: "Angreifer verfügen über ein feines Gespür für die Schwäche ihrer Gegner, und der Staat bietet derzeit erstaunlich viele offene Flanken für die Gelegenheit, zumindest versuchsweise hineinzustechen. Aus einer Laune heraus richtet sich, nicht nur in Stuttgart, die Aggression plötzlich gegen Repräsentanten der Ordnungsmacht, die leider nicht nur in satirischen Texten, wie zuletzt in einer wenig unterhaltsamen Kolumne in der taz, infrage gestellt wird. Immer häufiger scheinen die Konflikte dabei identitätspolitisch aufgeladen zu sein. Wer angreift, wirft seine vollständige Existenz in den Ring."

Die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur gibt in der SZ Einblicke in die Lage des Corona-gebeutelten Iran, wo sich Momente der Vernunft und des Wahns immer wieder abwechseln. Und mitunter gibt es anscheinend auch kleine unbeherrschbare Ausbrüche von Frohsinn: "Um sich ein wenig Freude dabei zu erhalten, scheint iranisches Krankenhauspersonal regelmäßig Tanz-Challenges abzuhalten. In den sozialen Medien kursieren zahlreiche Videos, in denen das Personal in voller Schutzmontur zu traditioneller oder moderner iranischer Musik tanzt. Obwohl gemeinsames Tanzen nur verheirateten Frauen und Männern erlaubt ist und in der Öffentlichkeit verboten ist, schreiten die Behörden nicht gegen die Performances ein. Ein Twitter-Nutzer witzelte daher schon, Krankenhäuser mit Coronavirus-Patienten seien die einzigen Orte, an denen sich die religiöse Sittenpolizei nicht blicken lasse."
Stichwörter: Polizeigewalt