9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.04.2020 - Gesellschaft

Inzwischen mehren sich die Vorschläge, wie die Kontaktsperren nach dem 20. April sukzessive gelockert werden könnten: Erst dürfen die Jungen, Gesunden und die raus, die den Virus schon gehabt haben. Oder: Erst dürfen die Frauen raus, wie Susan Vahabzadeh heute in der SZ mit der italienischen Virologin Ilaria Capua vorschlägt, denn "Covid-19 verläuft den meisten Statistiken zufolge für Männer wesentlich häufiger tödlich als für Frauen, dort ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern höher als zwischen den Infektionszahlen. Frauen könnten also, fand Capua, vielleicht öfter und früher als 'rote Ampeln' in der Gesellschaft fungieren - Menschen, die sich schon frei bewegen dürfen, weil sie die Erkrankung bereits überstanden haben und vorerst immun sind gegen eine weitere Ansteckung. Und vielleicht, scherzte Capua, würden dann nach der Krise 'manche Männer ihre Stühle besetzt vorfinden'."

Martin Schallbruch vom Digital Society Institute der ESMT Berlin hat eine andere Idee: Er plädiert für einen "differenzierteren Risikobegriff". Wer nachweisbar Maßnahmen ergreift, die eine Ansteckung verhindern oder zumindest erschweren, soll nicht weiter beschränkt werden dürfen: "Wer eine Maske trägt und zudem permanent eine App verwendet, die im Infektionsfall alle Kontakte alarmiert, stellt eine weit geringere Gefahr für die Allgemeinheit dar als jeder andere. Warum erlauben wir nicht denjenigen, die solche Schutzmaßnahmen ergreifen, wieder auf den Spielplatz zu gehen, ein Restaurant zu öffnen, ein Restaurant zu besuchen oder im Hotel zu übernachten? Warum bringen wir die Wirtschaft nicht dadurch wieder in Schwung, dass wir jedem Menschen unter solchen Auflagen die Rückkehr zum Alltag erlauben. Das wäre keine Pflicht zur Nutzung der App, sondern eine Auflage bei gefährlichem Tun, wie der Führerschein, der TÜV für das Auto oder der Waffenschein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.04.2020 - Gesellschaft

Im Interview mit Zeit online erklärt der Medizinsoziologe Matthias Richter, warum arme Menschen ein deutlich höheres Risiko haben, an Covid-19 zu erkranken: "Menschen aus dem unteren Fünftel der Gesellschaft haben ein rund zwei bis dreifach höheres Risiko für chronische Krankheiten als Menschen aus dem oberen Fünftel. Das gilt für Krebs, Diabetes, koronare Herzkrankheit aber auch schweres Asthma. Das sind quasi fast alle Erkrankungen, die einen Menschen besonders anfällig für eine Covid-19-Erkrankung machen."

Lockdown, Home-Office, Home-Schooling und vor allem Social Distancing - seit wann sind wir eigentlich unfähig, neue Phänomene auf Deutsch zu beschreiben, fragt sich Urs Bühler in der NZZ. "Wie unsinnig dieses Begriffspaar ist, merkt spätestens, wer sich unbefugterweise an die Übersetzung macht: 'soziale Distanzierung'. Predigen nicht jene, die uns diese Maßnahme so dringlich ans Herz legen, wie entscheidend just in diesen Krisenzeiten der soziale Zusammenhalt sei? Die Begriffswahl ist also gewissermaßen die Umdrehung des Fehlgriffs, Kanäle mit anerkanntermaßen ziemlich asozialem Potenzial als 'soziale Medien' zu bezeichnen. Nicht ohne Grund distanziert sich die Weltgesundheitsorganisation deshalb seit einigen Tagen ganz offiziell vom Begriff 'Social Distancing' und versucht, der Ersatzlösung 'Physical Distancing' zum Durchbruch zu verhelfen."
Stichwörter: Richter, Matthias

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.04.2020 - Gesellschaft

"Lasst das Los entscheiden!" fordert der Staatsrechtler Tonio Walter in einem Gastbeitrag auf Zeit Online mit Blick auf das Triagieren. Den Ärzten darf man eine solche Entscheidung nicht zumuten, fährt er fort und nimmt den Staat in die Pflicht - bei Stimmengleichheit in einer Bürgermeisterwahl entscheide auch das Los: "Schon die Prämisse (ist) falsch, das Grundgesetz verbiete es, einem Leben Vorrang vor einem anderen einzuräumen. Wäre es so, dürfte es nicht erlaubt sein, einen Angreifer in Notwehr zu töten. Denn das räumt dem Leben des Angegriffenen Vorrang ein gegenüber dem des Angreifers. ... Was das Grundgesetz tatsächlich verbietet, das sind bestimmte Begründungen dafür, einem Leben Vorrang vor einem anderen einzuräumen. Klares Beispiel einer solchen verbotenen Begründung ist das Alter eines Menschen - das die medizinischen Fachgesellschaften daher verfassungsrechtlich zutreffend als Vorrangkriterium ausschließen." 

Nach einer gesellschaftlichen Phase der Ohnmacht, die durch die Politik und Aufklärung gemeistert wurde, treten wir nun ein in die Phase der Polarisierung, sagt der Psychologe Stephan Grünewald im FR-Gespräch mit Bascha Mika: "Für die Politik wird es nun sehr viel schwieriger, den Prozess zu steuern. Denn viele Menschen stellen sich die Frage: Muss das überhaupt alles sein? Sind die Maßnahmen angemessen? Wie lange soll der Zustand noch dauern? Die über alle politischen Parteien hinweg beschworene Einheit wird in den kommenden Tagen und Wochen Risse bekommen - und die im Netz kursierenden Verschwörungstheorien neue Nahrung."

Warum haben Europäer Probleme mit dem Tragen der Maske, fragt bei Zeit Online der Philosoph und Sinologe Kai Marchal mit Blick auf die Geschichte des Maskentragens in asiatischen Ländern: "Offenbar beschwört er bei vielen Menschen in Europa, nach all den Debatten um den Islam und die Verschleierung, tiefere Ängste herauf. Durch das Gesicht offenbart sich im öffentlichen Raum meine Authentizität, meine Freiheit, und die möchte ich mir nicht nehmen lassen. Doch so wird eine Maske plötzlich zum Objekt kultureller Kämpfe. In Europa und den USA sind Chinesen oder chinesisch aussehende Menschen schon körperlich angegriffen worden, weil sie einen Atemschutz getragen haben; und in Ostasien werden die Europäer jetzt für ihren verantwortungslosen, unmaskierten Individualismus moralisch gebrandmarkt."

Die Toilettenpapier-Panikkäufe waren gar keine, sondern haben eine völlig simple Erklärung (die sich sicher auch auf die leeren Nudelregale übertragen lässt), schreibt der Blogger Will Oremus in einem viel retweeteten Artikel auf Medium: "Die Toilettenpapierindustrie ist in zwei weitgehend getrennte Märkte aufgeteilt: den gewerblichen und den Verbrauchermarkt. Die Pandemie hat den Löwenanteil der Nachfrage auf letzteren verlagert. Die Menschen müssen während der Pandemie tatsächlich deutlich mehr Toilettenpapier kaufen - nicht, weil sie mehr zur Toilette gehen, sondern weil sie mehr davon zu Hause kaufen." In Amerika etwa seien drei Viertel aller Menschen zu Hause, eine völlig untypische Zahl.

Weitere Artikel: Im NZZ-Gespräch mit Marie-Joelle Eschmann sinniert der Soziologe Hartmut Rosa über die Chancen von Kontrollverlust und Entschleunigung, befürchtet zugleich aber Massenarbeitslosigkeit und eine Spaltung der Generationen.
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.04.2020 - Gesellschaft

Wenn sich die derzeitigen Einschränkungen längere Zeit hinziehen, "dann hat der liberale Rechtsstaat abgedankt", sagt der Staatsrechtler und ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts Hans-Jürgen Papier bei allem Einverständnis mit den aktuellen Maßnahmen im SZ-Gespräch mit Wolfgang Janisch. Auch die Empfehlungen, die Medizinische Fachgesellschaften an Ärzte herausgegeben haben, für den Fall, dass diese triagieren müssen, findet er mit Blick auf das Luftsicherheitsgesetz rechtlich problematisch: "Das Bundesverfassungsgericht hat damals betont: Leben darf nicht gegen Leben abgewogen werden. Jedes Leben ist gleichrangig und gleich wertvoll, es genießt den gleichen Schutz. Und es geht nicht an, dass dann jemand entscheidet, dieses oder jenes Leben ist vorzugsweise zu schützen oder zu retten. Ich kann den Ärzten also nur raten, sich an diese Empfehlungen nicht blindlings zu halten. Es kann ja immerhin um den möglichen Vorwurf der fahrlässigen Tötung gehen."

Der wirtschaftliche Schaden der Krise kann nicht gegen Menschenleben aufgewogen werden, schreibt der Philosoph Gunzelin Schmid Noerr in der FR mit Blick auf die Ausgangsbeschränkungen: "Kant zufolge sind (…) alle Mittel, die Menschen zu ihrem Nutzen einsetzen, letztlich austauschbar und durch das allgemeine Tauschmittel Geld verrechenbar, nicht aber die Zwecksetzung selbst, die Ausdruck der menschlichen Freiheit ist. Als vernunftbegabte Wesen haben Menschen eine unverrechenbare Würde, und es ist gegen diese Würde, sie auf bloße Mittel zur Erlangung fremder Zwecke zu reduzieren. Daraus folgt: Ethische und wirtschaftliche Gesichtspunkte lassen sich nicht verrechnen, es sei denn, man verstünde die ethischen Gesichtspunkte selbst bloß als Kostenfaktoren."

In der NZZ möchte sich Pascal Bruckner gar nicht ausmalen, wieviele Corona-Tagebücher uns im Herbst als "Heldenepen" verkauft werden. Überhaupt mahnt er zur Relation: "Der Krieg, den wir laut Rhetorik des französischen Präsidenten jetzt alle führen, ist für die Masse ein vergleichsweise angenehmer." (…) "Fast könnte man sagen, dass sich in dieser Krankheit die Ängste unserer Gesellschaft spiegeln, wenn auch auf verzogene Weise: Gestern noch fürchteten wir die Fremden, heute versetzt uns der Mieter von nebenan in Sorge. Von einer Angst sind wir so zur anderen gekommen: Die Agoraphobie der Globalisierung, die Furcht vor großen Räumen ohne Wälle und Grenzen, ist einer neuen Klaustrophobie gewichen, wir zittern jetzt vor der Enge der Selbstbegrenzung."

Weitere Artikel: Auf Zeit Online stellen Lisa Hegemann und Meike Laaf zuversichtlich das Framework für die angedachten Apps vor, die über den Kontakt mit Corona-Infizierten aufklären und zugleich Daten schützen sollen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.04.2020 - Gesellschaft

Eine der schrecklichsten Folgen von Corona ist das einsame Sterben der Menschen. Angehörigen und Geliebte dürfen nicht mehr Abschied nehmen, oder nur mit einer Plastikwand zwischen sich. Und auch bei den Beerdigungen muss auf Abstand geachtet werden: keine Umarmungen, kein Trost. Doch ohne das alles ist es sehr schwer, den Tod eines Menschen überhaupt zu begreifen, sagt im Interview mit der SZ der Arzt und Psychoanalytiker Eckhard Frick und erklärt die heilende Wirkung von Begräbnisritualen: "Weil ich zum einen merke, ich bin nicht allein, ich kann mich mit Leib und Seele auf jemanden stützen. Und es bringt zum Ausdruck, dass der Tod uns zwar vereinzelt, indem er den Gestorbenen aus der Gemeinschaft herausnimmt, dass er aber auch unser gemeinsames Los ist. Wenn wir von jemandem in der Bestattung Abschied nehmen, feiern wir auch immer unsere eigene Vergänglichkeit."

Das höchste Gut, das zu verteidigen ist, sei nicht das Leben an sich, sondern das "Leben in Würde", schreibt der Rechtsprofessor Uwe Volkmann in der FAZ. Ziel könne "nicht der totale Schutz vor der Krankheit ohne jede Berücksichtigung der gesellschaftlichen Folgekosten sein; bei Lichte besehen ist das überhaupt kein Ziel, das sich realistischerweise anstreben lässt. Es kann vielmehr nur darin liegen, den Zustand zu vermeiden, in dem das Würdeversprechen, das sich diese Gesellschaft in ihrer Verfassung gegeben hat, auf eine fundamentale Weise aufgehoben erscheint."

Der Virologe Christian Drosten hat "langsam wirklich ein Problem damit", wie Medien und Öffentlichkeit ihn entweder zur Heils- oder zur Hassperson stempeln, berichtet Torsten Harmsen in der Berliner Zeitung. "Drosten sieht es als dringend notwendig an, die Stellung der Wissenschaft in dieser Krise klarzustellen. Die Wissenschaft trifft laut Drosten keine politischen Entscheidungen, auch wenn sie Empfehlungen geben kann. Wer Drostens Podcast verfolgt, der hört, dass sich der Virologe dabei zunehmend zurückhält. Er verfolgt neueste Studien und anhand dieser äußert er seine wissenschaftliche Meinung. Dabei kann er sich auch korrigieren, was ihn von manchen unterscheidet, die zurzeit ebenfalls in der Öffentlichkeit auftreten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.03.2020 - Gesellschaft

Wie kompliziert das Leben für freie Künstler ist und wie wichtig, dass sie nun an Hilfen kommen, erzählt Sabine Seifert in einer taz-Reportage - etwa am Beispiel des Schauspielers und Regisseurs Oliver Bauer: "'Ich bin ein Musterexemplar als Freier im Kulturbetrieb', sagt Bauer und erklärt, dass er quasi in 'drei Systemen' arbeitet: als Regisseur ist er selbstständig, muss sich selbst versichern; als Schauspieler ist er zeitweise angestellt und wie jeder Arbeitnehmer arbeitslosen- und rentenversichert; und als Synchronsprecher ist er 'unständig beschäftigt', wird tageweise beziehungsweise 'pro Dreh' bezahlt. Das Switchen zwischen den Kategorien und Systemen gehört dazu; 'da hilft nur ein guter Steuerberater', sagt er und lacht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.03.2020 - Gesellschaft

Anders als andere einschneidende Ereignisse wie der Mauerfall oder der 11. September, die wir live am Fernseher verfolgten und einschätzen lernten, hat sich die Corona-Krise sozusagen an uns herangeschlichen, beobachtet Alain Claude Sulzer in der Basellandschaftlichen Zeitung: "Wann begann sich das Virus als konkrete Bedrohung in unseren Köpfen einzunisten? (Die Frage, wann es sich wieder entfernen wird, wage ich nicht laut zu formulieren.) Kaum jemand wird sich daran erinnern; ich jedenfalls erinnere mich nicht. Es wird im Fall dieser Katastrophe oder Krise - deren Quelle und Ausgangspunkt vermutlich nie mit letzter Sicherheit erforscht werden wird - keinen Zeit-Bild-Gedächtnis-Mythos geben wie im Fall der einstürzenden Türme von New York."

Es wäre schön, wenn KrankenpflegerInnen nach der Corona-Krise nicht nur beklatscht, sondern auch besser bezahlt würden, meint Detlef Esslinger in der SZ. Ein bisschen was müssten sie dafür aber auch selbst tun, denkt er sich: "Nicht einmal jede zehnte Pflegerin in einem Altenheim gehört einer Gewerkschaft an, in Kliniken sieht es etwas besser aus. Verdi und auch der Beamtenbund tragen zähe Kämpfe aus, andere Lobbyisten im Gesundheitssystem sind wirkmächtiger als die der Pflege. ... Die Bürger in ihrer Eigenschaft als Beitrags- und Steuerzahler müssen wissen, dass sie künftig entweder etwas mehr für Pflege aufzuwenden haben und ihnen etwas weniger für Schnickschnack übrig bleibt - oder in der Pflegebranche setzt sich die Abstimmung mit den Füßen fort."

In Israel ist man Krisen gewohnt, aber Corona ist etwas anderes, erklärt der Soziologieprofessor Natan Sznaider in der NZZ. "Was wir derzeit vielleicht beobachten, ist ein 'Restart' der Moderne unter anderen Vorzeichen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.03.2020 - Gesellschaft

Die gemeinsame Risikoerfahrung wird nicht nur unsere Solidarität "mobilisieren", sondern auch unseren Blick auf die Daseinsvorsorge des Staates verändern, konstatiert der Soziologe Steffen Mau in der SZ, auch mit Blick auf die Geschichte krisenbedingter Veränderungen: "Vielerorts trieb man die Ökonomisierung voran, baute Personal ab, verdichtete das Arbeitspensum. Die Durchleuchtung aller öffentlichen Einrichtungen auf der Suche nach Einsparreserven hat dazu geführt, dass nur noch Dinge finanziert werden, die sich 'rechnen'. Aber mit der betriebswirtschaftlichen Brille kann ein vorgehaltenes, aber wenig genutztes Intensivbett kaum rentabel sein. Schon heute klingt das Wort 'Überkapazitäten' so ganz anders als noch vor ein paar Wochen, das Lamento über die 'überhöhte Bettendichte' des deutschen Gesundheitssystems wird wohl so schnell nicht wieder aufleben."

Ebenfalls in der SZ möchte sich Friedrich Christian Delius nicht an den Gedankenspielen der Soziologen beteiligen, die darüber sinnieren, wie die Krise den Neoliberalismus verändern wird: "Das ist schon deshalb unappetitlich, weil noch gar nicht auszudenken ist, wie die armen Länder, wie die Afrikaner, die Inder, die Lateinamerikaner durch diese Katastrophe kommen werden." Stattdessen meint er: "Das neue Virus ist gnädiger als die alten Kriege, es trifft eher die Alten als die Jungen. Die Gesellschaften werden sich, auch das scheint sicher, verjüngen. Doch auch wir Älteren haben es besser, zumindest in unseren Breiten. Anders als unsere Vorfahren können wir uns rund um die Uhr informieren und mit den Nächsten austauschen, haben Telefon und Internet, Lieferketten und verantwortungsvolle Regierungen, Aufklärung und Ablenkung, Post und Mail, Skype, Video und Facetime, Facebook und haltbare Bücher. Und, ganz wichtig, wir sind nicht dazu verdonnert, uns militärisch verbiegen zu lassen und unsere Nachbarländer als Feinde zu hassen und zu vernichten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.03.2020 - Gesellschaft

Zwar sterben am Coronavirus mehr Männer, aber für Frauen führt sie dennoch zu größeren Ungerechtigkeiten, schreibt Carolina Schwarz in der taz aus feministischer Perspektive: "Das geht aus einer Studie hervor, die sich die wirtschaftliche Entwicklung in Hinblick auf Geschlechtergerechtigkeit nach Ebola 2014, Zika 2015 und 2016 sowie nach Sars, der Schweine- und der Vogelgrippe angeschaut hat. Demnach finden Männer nach einer Krise viel schneller zu ihrem eigentlichen Einkommen zurück als Frauen. Da Frauen häufiger als Männer in Teilzeit, Minijobs und oder im informellen Sektor arbeiten, verlieren sie in wirtschaftlich schwierigen Phasen auch schneller ihre Jobs."

Wie sieht es nach der Epidemie aus, fragt Gustav Seibt im Feuilleton-Aufmacher der SZ, denn zur Angst vor der Krankheit kommt nun die Angst vor der ökonomischen Krise. Hätte man vielleicht doch auf "Herdenimmunität" setzen sollen? Nein, meint er, denn: "Wären die jetzigen gemeinschaftlichen Maßnahmen nicht eingeleitet worden, dann hätten sich absehbar Panikwellen durch die Gesellschaft verbreitet. Auch dann wären große Teile der Wirtschaft zusammengebrochen. Auch wenn es sich nur um einige Hunderttausende in einer Bevölkerung von 80 Millionen Menschen handelt: Es scheint unvorstellbar, dass eine Gesellschaft es aushalten könnte, über längere Zeit einem solchen Sterben ohne massive Gegenwehr zuzuschauen. Vielleicht werden schon bald andere Länder Beispiele dafür geben, denen man vom reichen Deutschland aus entsetzt zuschauen kann."

Im Tagesspiegel wendet Christoph von Marschall ein: "Wenn die Wirtschaft wegbricht und damit auch die Staatseinnahmen, wird bald das Geld fehlen, um das Gesundheitssystem krisengerecht auszubauen, damit es nicht überwältigt wird, mit vielfacher Todesfolge. Und wovon sollen Familien leben, wenn sie über viele Monate kein Arbeitseinkommen mehr haben, aber auch die Direkthilfen vom Staat irgendwann nicht mehr fließen? Die öffentliche Hand kann vorübergehend deutlich mehr Geld ausgeben als sie einnimmt, nicht aber auf Dauer."

Außerdem: In der taz unterhalten sich Jan Feddersen und Edith Kresta mit dem Soziologen Hartmut Rosa über die verordnete Entschleunigung und das Unheimliche: "Hinter unserem Rücken kriecht Unverfügbarkeit in alle alltagspraktischen Ebenen des Lebens hinein. Weil wir den Virus nicht hören, nicht riechen, nicht schmecken." In der Zeit unterhalten sich Uwe Timm und Robert Habeck (der das Nachwort für Timms jüngstes Buch geschrieben hat) über die Corona-Krise, aber auch über die Veränderung der Gesellschaft seit 1968.

Außerdem in der FAZ: Der Historiker Jeffrey Herf antwortet auf einen Artikel Stefanie Schüler-Springorums (unser Resümee), die heute das Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin leitet, und attackiert dessen Ansatz: In der Tradition Wolfgang Benz' vernachlässige das Zentrum den linken und den islamistischen Antisemitismus. Ein Beispiel: "Obwohl das Zentrum für Antisemitismusforschung nicht weit von den wichtigsten Archiven der einstigen DDR entfernt liegt, hat noch kein Forscher dieser Institution bislang eine archivalisch gestützte Geschichte des diplomatischen und militärischen Angriffs der DDR auf den jüdischen Staat vorgelegt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.03.2020 - Gesellschaft

Das Cover des neuen New Yorker - des ersten Hefts in 95 Jahren, das komplett in Abwesenheit der Redaktion fertiggestellt wurde. Mehr Hintergrundartikel, auch zur Corona-Krise, ab heute Mittag in der Magazinrundschau des Perlentauchers! 
Die ungarische Regierung reichte unter dem Vorwand der Corona-Krise einen Gesetzentwurf ein, wonach die Regierungsarbeit künftig per Dekret erfolgen soll und das Parlament auf unbestimmte Zeit aufgehoben werden soll. Das Gesetz wird auf Ungarisch (in der wortwörtlichen Übersetzung) als "Ermächtigungsgesetz" bezeichnet. Kritiker sehen darin nicht nur de facto sondern auch de jure das Ende der parlamentarischen Demokratie in Ungarn. So ruft der Philosoph Gáspár Miklós Tamás im ungarischen Magazin HVG dazu auf, das Gesetz nach der ersten Lesung zurückzuweisen, zur Verabschiedung wäre eine Vierfünftel-Mehrheit im Parlament nötig. Nach einer zweiten Lesung, die bereits durch die Regierung im Falle eines Scheiterns angekündigt wurde, würde allerdings eine Zweidrittel-Mehrheit des Parlaments genügen, über die die Regierungspartei verfügt. Das Gesetz sieht unter anderem vor, die Pressefreiheit massiv einzuschränken. Kritische Berichterstattung könnte wegen "Behinderung der Krisenbewältigung" mit bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug bestraft werden. Wenn die Abgeordneten der Aussetzung des Parlaments zustimmen, "können die ungarische Staatsbürger denken, dass es nicht schade um dieses Parlament ist", warnt Tamas. "Inmitten der Krise die verfassungsrechtliche Ordnung zu zerschlagen: das ruft nach Shakespeare'schen Adjektiven!" Tamas hofft, dass die ungarische Politik noch zu Vernunft kommt: "Die bisherige Verfassung ist aufgrund zahlreicher Mängel und Fehler nicht wirklich populär, auch vor 2010 war sie es nicht. Es ist wie in der Weimarer Republik. Sind wir bereit etwas Unvollkommenes zu verteidigen, um das Schlimmste, die wahre Katastrophe verhindern? Gibt es noch einige wahre Menschen in Sodom?" Auf Zeit online nimmt Ulrich Krökel die Lage in Osteuropa genauer in den Blick.

Auch  Anne Applebaum sieht in Atlantic die Gefahr, dass sich Regierungen in der Krise Kompetenzen anmaßen, die sie nach der Krise nicht mehr werden aufgeben wollen. Schon die Reisebeschränkungen in Europa hält sie für kontraproduktiv und aktionistisch. "Keine dieser harten, dramatischen Maßnahmen hat das Virus in Polen gestoppt. Die Epidemie hatte bereits einige Wochen zuvor begonnen, sich auszubreiten und breitet sich immer noch aus. Aber trotz des Chaos - vielleicht sogar wegen des Chaos - ist das hartes Durchgreifen an den Grenzen immens populär. Der Staat unternimmt etwas. Und das könnte ein Vorbote dessen sein, was noch kommen wird."

Springer-Chef Mathias Döpfner formuliert einige Einwände zu den zu Corona zu hörenden Diskursen: "Ich bin wütend, dass es ernst zu nehmende Menschen gibt, die China als Vorbild in der Seuchenbekämpfung sehen... Aber Corona, sagen immer mehr und viel zu viele, haben sie doch irgendwie sehr gut gemanagt. Dass Journalisten, die die Wahrheit recherchieren wollen, des Landes verwiesen werden, wird verdrängt. Dass man der chinesischen Informationspolitik nicht trauen kann, wir eventuell kalt belogen werden, ebenfalls. Ist dieses Modell unsere Zukunft? Soll China zu unserem Vorbild werden, weil es die Corona-Krise so totalitär gemeistert hat?"

Ähnlich sieht das in der NZZ der israelische Historiker Yuval Noah Harari: Wir müssten uns entscheiden zwischen "totalitärer Überwachung und republikanischer Ermächtigung der Bürger", zwischen "nationalistischer Isolation und globaler Solidarität". Vor allem sollten wir jenen nicht glauben, die behaupten, es gebe nur die Wahl zwischen Gesundheit und Privatheit: "Denn es ist eine falsche Wahl. Wir können und sollten sowohl Privatheit als auch Gesundheit genießen. Wir können unsere Gesundheit schützen und die Epidemie stoppen, indem wir den Bürgern nicht ein totalitäres Überwachungsregime aufzwingen, sondern sie ermächtigen. Einige der erfolgreichsten Anstrengungen, die Corona-Epidemie einzudämmen, wurden in den letzten Wochen von Südkorea, Taiwan und Singapur orchestriert. Diese Staaten setzten zwar auch auf einige Tracking-Apps, vor allem aber auf aufwendiges Testen, auf ehrliches Reporting und auf die willige Kooperation einer wohlinformierten Bevölkerung."

Eva Illouz hat dagegen nicht das geringste Vertrauen in westliche Regierungen: Der Kapitalismus habe versagt, er sei mit seinem ausbeuterischen Verhalten schuld an Corona und anderen Pandemien, die in der Zukunft stattfinden würden. Auf der anderen Seite hätten neoliberale Regierungen in Europa unser Gesundheitssystem kaputt gespart und darauf gesetzt, dass halt die Alten sterben und die Jungen überleben, behauptet die israelische Soziologin in der SZ. Sie setzt zur Bekämpfung der Krise auf die "heroische Arbeit von Ärztinnen und Pflegern", danach aber müssten die Unternehmen in die Pflicht genommen werden: "Die Pandemie wird unermesslichen wirtschaftlichen Schaden anrichten, zu Arbeitslosigkeit, langsamerem oder negativem Wachstum führen und weltweite Auswirkungen haben. (Dabei könnten die asiatischen Wirtschaften noch als die stärkeren aus der Krise hervorgehen.) Banken, Konzerne und Finanzunternehmen werden zusammen mit dem Staat die Last der Überwindung dieser Krise tragen und künftig Partner in der Sorge um die kollektive Gesundheit sein müssen. Sie werden zur Forschung, zur Vorbereitung auf nationale Notstände und zur Schaffung von Arbeitsplätzen nach der Krise beitragen müssen, auch um den Preis geringerer Profite."

Auch der polnisch-britische Politikwissenschaftler Jan Zielonka kritisiert, dass die Gesundheitsversorgung im Westen privatisiert wurde, er legt aber großen Wert auf globale Kooperationen von Staaten und Wirtschaft, wie er auf Zeit online erklärt: "Es ist nichts Falsches daran, italienische oder belgische Hygienehandschuhe oder Schutzmasken herzustellen, anstatt in einer Krise um chinesische zu betteln. Die Erfindung und Herstellung modernster antiviraler und antibakterieller Arzneimittel erfordert jedoch sowohl ein globales als auch ein regionales Mitwirken. Wirtschaftliche Autarkie fördert keine Innovation und Krisenprävention. ... All dies bedeutet, dass der öffentliche Sektor rehabilitiert wird, und eben nicht, dass die Nationalstaaten zu ihrem früheren Ruhm zurückkehren würden. Das sind nicht nur schlechte Nachrichten für Nationalisten, sondern auch für Sozialisten der alten Schule, die den Nationalstaat als den einzigen lebensfähigen Anbieter öffentlicher Güter betrachten."

Moralphilosphisch ist es ein Skandal, dass in Italien Patienten "triagiert" werden, während in deutschen Krankenhäusern noch Kapazitäten frei sind. Deutsche Krankenhäuser müssten also italienische Corona-Patienten aufnehmen, schreibt der Philosoph Bernward Gesang in der taz: "Aber wir sind nun mal national organisiert und deutsche Kassenpatienten haben vielleicht vorrangig Anspruch auf deutsche Betten. Zudem ist ein konsequenter Universalismus weder durchsetzbar noch durchhaltbar, wie die Flüchtlingskrise gezeigt hat. Es führt also kein Weg an einem Kompromiss vorbei, der aber internationaler gedacht sein muss als es unser jetziges Denken ist. Daher sollten wir gegebenenfalls nicht völlig an die Grenzen gehen und eine gewisse Anzahl an Betten oder Maschinen als Notfallreserve zurückhalten."

Boris Johnson wurde heftig dafür kritisiert, dass er zu Beginn der Corona-Krise auf Herdenimmunität durch die Ansteckung möglichst vieler Menschen mit dem Virus setzte. Aber darüber sollte man nochmal nachdenken, schlägt der Ökonom Reiner Eichenberger in der NZZ vor. Denn sobald die Regierungen die Restriktionen lockern, würden die Ansteckungszahlen eh wieder hochgehen. Eichenberger plädiert für eine "strategische Lenkung" der Infizierungen: "Es ist klar, dass gelenkte Immunisierungen auf freiwilliger Basis und unter strenger ärztlicher Aufsicht sowie mit gut organisierter Quarantäne erfolgen müssen. Gelenkte Infektionen sind für die Betroffenen und die Gesellschaft mit weniger Risiken verbunden als die ungeplanten Infektionen unter der Verzögerungsstrategie."

Die großen Internetkonzerne sind gerade dabei, in großem Stil Verschwörungstheorien und Fake news über Corona und seine Bekämpfung aus dem Netz zu entfernen. Und dann geben sie auch Millionen Dollar für die Suche nach Test- und Impfstoffen aus. In der SZ ist Bernd Graff entsetzt: Die übernehmen öffentliche Aufgaben. "Das ist nicht nur eine gute Nachricht: Unternehmen sind nie demokratisch legitimiert, sie unterliegen keinerlei Kontrolle außer der durch ihre Aufsichtsratsgremien. Philanthropie und Gemeinwohl fördern börsennotierte Konzerne gern, solange es dem eigenen Aktienkurs nützt."