9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.05.2022 - Geschichte

Sol Stern stellt bei Quillette Jeffrey Herfs neues Buch "Israel's Moment" über die direkten Nachkriegsjahre im Nahen Osten vor. Hier finden sich interessante neu Details über den Mufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, der eng mit den Nazis zusammengearbeitet und in Bosnien eine muslimische SS-Division aufgebaut hatte. Nach dem Krieg kam er in Jerusalem in Hausarrest, wo ihn die Franzosen, die an guten Beziehungen zur arabischen Welt interessiert waren, entkommen ließen - auch um einen Auslieferungsersuchen wegen Kriegsverbrechen aus Titos Jugoslawien zuvorzukommen. Wie andere ehemalige Nazis bekam al-Husseini Asyl in Ägypten: 'In Kairo wurde er vom Gründer der islamofaschistischen Muslimbruderschaft, Hassan al-Banna, als siegreicher Held begrüßt. Der Mufti, so al-Banna, sei ein großer Führer, der 'ein Imperium herausgefordert und den Zionismus mit Hilfe von Hitler und Deutschland bekämpft hat. Deutschland und Hitler sind nicht mehr da, aber Amin al-Husseini wird den Kampf fortsetzen'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.05.2022 - Geschichte

Der größte blinde Fleck der Vergangenheitsbewältigung in Deutschland heißt Ukraine, erklärt Timothy Snyder im Gespräch mit Jochen Bittner in der Zeit: "Sie war das Hauptziel von Hitlers Kolonialkrieg, er wollte sie als Kornkammer und Siedlungsgebiet." Snyder kritisiert auch die spezifisch deutsche Kombination von Zerknirschung und Geschäftsinteressen, die allein die Sowjetunion zum privilegierten Gesprächspartner machte: "Die Ukraine hat proportional viel mehr gelitten als Russland. Man vergisst das gern. Warum? Weil es in Moskau immer etwas Wichtiges zu holen gab: Absolution und Rohstoffe. Mit den Ukrainern zu sprechen wäre dagegen nur unbequem gewesen, dort gab es für die Deutschen nichts zu holen. Die Ostpolitik hat deshalb dazu geführt, erst das sowjetische und dann das russische Narrativ des Krieges und der Kriegsschuld zu akzeptieren."

Erstaunlich langsam kommen in den Niederlanden die Kolonialverbrechen ins Bewusstsein, aber es gibt gute Zeichen, berichtet Tobias Müller in der taz, etwa die Ausstellung "Revolution! Indonesien unabhängig" im Rijksmuseum. Und "was die Diskussion um Zwarte Piet angeht, aber auch das Eingestehen der Rolle im transatlantischen Sklavenhandel und der Unterdrückung in den karibischen Kolonien, ist in den Niederlanden in den letzten Jahren durchaus einiges in Bewegung geraten. Im Sommer 2020, als international die Black-Lives-Matter-Kampagne begann, entstand eine neue Dynamik, die diesmal auch das Thema Indonesien nicht aussparte. Ähnlich wie in anderen westeuropäischen Ländern kamen auch hier koloniale Denkmäler in die Kritik."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.05.2022 - Geschichte

Im FAZ-Interview mit Andreas spricht Raphael Gross, Direktor des Deutschen Historischen Museums, über das geplante Dokumentationszentrum zum Zweiten Weltkrieg, über Kolonialismus-Diskurse und Epochenbrüche: "In der Financial Times habe ich neulich einen Satz von Simon Schama gelesen: 'Bad history can kill.' Es ging um Putins Geschichtsverdrehungen und ihre Vorgeschichte im Stalinismus und Nationalsozialismus. Noch im Januar, glaube ich, hätte man einen solchen Satz nicht gedruckt, weil man ihn für die gnadenlose Selbstüberschätzung eines Historikers gehalten hätte. Heute trifft er ins Schwarze. Vor diesem Hintergrund müssen wir uns genau überlegen, wie wir als Demokratie mit Geschichte umgehen, wie wir sie als Mahnung und Korrektiv zur Gegenwart pflegen. Erinnerung und Geschichte sind heute wichtiger denn je. In autoritär regierten Ländern sind historische Museen zu Kampfzonen ideologisch geprägter Geschichtsbilder geworden."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.05.2022 - Geschichte

Ukrainische Denkmäler werden dokumentiert und notdürftig geschützt, russische und sowjetische Denkmäler von den Ukrainern beseitigt. "Schon lange vor Kriegsbeginn hatten die Ukrainer ein kompliziert leidenschaftliches Verhältnis zu ihren Denkmälern", schreibt die Anthropologin Natalja Tschermalich in der NZZ: "Man erinnert sich an die Zerstörungswelle, von der 2014 nach Beginn der Maidan-Revolution die Lenin-Statuen massenhaft betroffen waren. Historiker beschreiben die Denkmäler aus der kommunistischen Ära oft als zu Stein erstarrte Ideologie. Die Zerstörung solcher Symbole nährt die Hoffnung, dass man mit dem zerlegten Stein auch die unerträglich gewordene Vergangenheit beseitigt. In der Ukraine rief der Volkszorn gegen sowjetische Denkmäler die Politiker auf den Plan. Heute sind kommunistische wie nationalsozialistische Symbole verboten. Seither haben Hunderte von Straßen ihre Namen geändert, und Hunderte von Denkmälern aus der Sowjetzeit sind verschwunden. Das ist wiederum bei einigen Intellektuellen auf Ablehnung gestoßen, da sie das sowjetische Kulturerbe - etwa modernistische Schilder aus farbigem Stein - als Teil der ukrainischen Kultur betrachten."

Außerdem: Laut einem Bericht eines Rechercheteams des NDR soll Stern-Gründer Henri Nannen während des Zweiten Weltkriegs in leitender Position an antisemitischer Propaganda beteiligt gewesen sein, berichtet Jens Jessen auf ZeitOnline:  Das Team "hat die Flugblätter ausgegraben, die vom Südstern produziert wurden. Es sind antisemitische Karikaturen und Hetzschriften, die Juden als Drahtzieher und Verantwortliche des Krieges hinstellen und die US-Soldaten als deren unwissende Opfer. Wenn Nannen nicht selbst Autor der Texte war, hat er sie doch als verantwortlicher Redakteur schreiben lassen..." Noch "unerfreulicher erscheint heute, dass niemand zuvor den Verdachtsmomenten nachgehen wollte".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.05.2022 - Geschichte

Im FR-Interview vom Dienstag sprach der in New York lebende russische Philosoph Boris Groys über Russlands Zukunft. (Unser Resümee) Russland versteht sich als der "wahre Westen", sagt er heute im ZeitOnline-Interview und erklärt, weshalb Putin zunächst von Jelzins Nationalismus abrückte: "Putin - ebenso wie die neue russische Oberschicht, aber auch viele Intellektuelle und weite Teile der Öffentlichkeit - wollten eher in die vorrevolutionäre Zeit zurück. Es gab einen Kult um ein verlorenes Russland, das von der Oktoberrevolution zerstört, aber jetzt wiederentdeckt, wiederbelebt, wiedererfunden werden musste. Dabei ging es um das Russland von 1913: eine Kombination aus autoritärem Regime, militärischer Macht und aufstrebendem Kapitalismus. Dieses Russland war aber zunächst nicht primär nationalistisch, sondern imperialistisch. Die nationalistischen Aspekte sind erst mehr und mehr dazugekommen. Nach dem Motto: Wir müssen unsere eigene Kultur entdecken, erfinden, erschaffen - und zwar um uns vom Westen abzusetzen. Gerade letzteres wurde immer wichtiger. Man ist müde geworden, vom Westen als Entwicklungsland behandelt zu werden. Vernimmt man die aktuelle russische Propaganda, bekommt man bisweilen den Eindruck, der Krieg gegen die Ukraine wurde auch lanciert, um die westlichen Sanktionen zu provozieren. Als ob man alles Westliche - McDonald's, Facebook oder Instagram - weghaben wollte, damit Russland sich gemäß seinem 'authentischen Wesen' entwickeln könne."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.05.2022 - Geschichte

Das eine Gedenken kann das andere begraben. Juri Konkewitsch beschreibt das in der taz in einem interessanten kleinen Essay am Beispiel der Stadt Luzk im Westen der Ukraine. Hier war das Gedenken mal polnisch. Nach dem Krieg setzten die Sowjets das übliche Siegerdenkmal in die Stadt: nur für die Soldaten der Roten Armee. Und auf dem Gelände eines ehemals polnischen Friedhofs, der planiert worden war. Und selbstverständlich wurde nicht 1939, sondern 1941 als Beginn des Krieges angegeben. "Ideen, an dem Denkmal etwas zu verändern, gibt es seit Langem. Doch sie gingen bisher stets in den Ausflüchten der Behörden unter. Für besagtes Objekt ist das Kulturministerium zuständig, und dort hieß es immer: Wir können nichts verändern, nicht einmal das Datum. Als die Raketen einschlugen, war es mit den Ausreden vorbei, eine Anordnung des Bürgermeisters genügte plötzlich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2022 - Geschichte

Kenntnisreich und aus eigener Anschauung schildert der Osteuropahistoriker Dietmar Neutatz in der FAZ putinistische Geschichtsinszenierungen durch die "Militärhistorische Gesellschaft", die Kirche und in verschiedenen sehr populären Geschichtsmuseen. Überall begegnet er einem "interessanten Kunstgriff": "Während die Zaren glorifiziert und die Revolution gegen sie als schändlich bewertet wurden, erhalten die Kommunisten vom Moment ihrer Machtergreifung an eine positive Wertung, weil es ihnen gelungen sei, die Autorität des Staates wiederherzustellen."

Ebenfalls in der FAZ konfrontiert Claus Leggewie anlässlich des 8./9. Mai verschiedene Geschichtsbilder in Europa. Das deutsche "Nie wieder Krieg" und die Würdigung der ungeheuren sowjetischen Opfer entheilten dabei manche Tabuzonen: "Von den mit der Befreiung verbundenen Gräueltaten der Roten Armee, namentlich den Massenvergewaltigungen, verbot man sich zu sprechen. Tabu war ebenso die Behandlung der in die Sowjetunion heimgekehrten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die als angebliche Verräter 'filtriert' und in Arbeitslager verschleppt wurden, da sie das Bild eines glatten Sieges über den Faschismus trübten."

Der russische Historiker Sergei Medwedew fürchtet den heutigen Tag in Russland, "weil ich weiß, dass die Staatsmacht diese zeitlich gerne mit gründlichen Säuberungen verbindet", schreibt er in der NZZ. "Der Tag des Sieges hat in Putins Russland eine schwindelerregende Entwicklung erlebt. Aus dem 'Feiertag mit Tränen in den Augen', der er Anfang des Jahrhunderts noch war, wurde eine militärisch-patriotische Show - eine gigantische symbolische Maschine, der das Land unterworfen wurde. ... Der Einmarsch in die Ukraine ist der wichtigste und schrecklichste Effekt der militaristischen 9.-Mai-Religion: Anstelle einer Würdigung des Sieges, eines Festakts zum Kriegsende, anstelle einer Feier des Friedens ist Russland dazu übergegangen, den Krieg zu rühmen. Der Sieg wurde ersetzt durch eine permanente Schlacht. Anstelle eines Aufatmens, eines 'Nie wieder', anstelle des Bannspruchs 'Bloß keinen Krieg', wie er nach 1945 zunächst gepflegt wurde, hat sich Russland die revanchistische Losung 'Wir können das wiederholen' auf die Fahnen geschrieben."

In der FR erinnert Aleida Assmann daran, dass die Deutschen bis in die achtziger Jahre hinein den 9. Mai 1945 nicht als Befreiung erlebten, wie es ihnen 1985 Richard von Weizsäcker nahe legte: Das kam erst später, während die Russen über Jahrzehnte einen "Kult des Krieges" pflegten und "die Opfer des Krieges und die Opfer Stalins eher an Bedeutung verloren haben. In dem Maße, wie hier eine Bewegung von unten nach und nach vom Staat usurpiert worden ist, wurde einer kriegstreibende Politik Vorschub leistet."

Weiteres: In der NZZ beschreibt der Historiker Rasim Marz das schwierige Verhältnis zwischen der Türkei und der arabischen Welt, war doch das Osmanische Reich jahrhundertelang Kolonialmacht und Beschützer der heiligen Stätten des Islams.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2022 - Geschichte

In einem komplexen Text in der SZ erzählt der Historiker Dan Diner nicht nur die Gewaltgeschichte der Ukraine - vor allem aus jüdischer Sicht -, sondern er erläutert auch, wie unter Putin der Sieg der Sowjetunion über Hitler-Deutschland zunehmend als ausschließlich russisches Ereignis betrachtet wurde. Im Wesentlichen versucht Diner aufzuzeigen, wie der aktuelle Krieg die "emblematisch-negativen jüdischen Gedächtnisbilder über die Ukraine" verändert: "Für die Ukraine kommt dem gegenwärtigen Krieg die Bedeutung eines Gründungsereignisses zu. Es weist sich verengende Konturen eines Kulturkampfes auf - etwa durch die zunehmende Verweigerung, sich der russischen Sprache zu bedienen, deren universale, kosmopolitische Bedeutung zurücktritt. (…) Solche Tendenzen konfrontieren auch und gerade das jüdische Gedächtnis mit nicht unerheblichen Dilemmata. Zwar war eine in der Vergangenheit beständig gewesene kollektiv-jüdische Affinität zu Russland durch die kommunistische Erfahrung erheblich gemindert worden. Gleichzeitig entsprang dem sowjetischen Sieg über Hitler-Deutschland ein durchaus positiver Bezug, was wiederum dazu führte, dass beide Bilderwelten wie unverbunden nebeneinander zu stehen kamen. Eine solche Ambivalenz weist das jüdisch-ukrainische Verhältnis hingegen nicht auf. Es gilt als eindeutig historisch belastet."

Außerdem: "Die Osteuropa-Forschung hat die Ukraine viel zu lange vernachlässigt" schreibt Thomas Thiel in der FAZ, der auch eine "ungleiche Aufarbeitung der Totalitarismen" kritisiert.

Der Historikerstreit 2.0 ist nicht vorbei. Der Historiker Andreas Wirsching setzt sich in der Zeit mit drei Positionen auseinander, die den Holocaust aus unterschiedlichen Motiven nivellieren wollen, zum einen die Position des Globalhistorikers Wolfgang Reinhard, der auf seltsame Art konservative Positionen mit postkolonialer Rhetorik mischt (unser Resümee), dann eine Position, die à la Hedwig Richter eine "normale" deutsche Fortschrittsgeschichte erzählen will und schließlich die postkoloniale Position, die den Holocaust in eine lange Kette von Kolonialverbrechen einreiht: "Leicht kann die postkoloniale Globalperspektive dazu missbraucht werden, die deutschen Verbrechen unter der NS-Herrschaft in ein universalistisches Entlastungsnarrativ einzuordnen. In einer solchen Erzählung wird der Holocaust zu einer Gewalttat, die grundsätzlich jederzeit und überall hätte passieren können. Erneut würde man bei einer Entkoppelung von deutscher Geschichte und Holocaust landen."

Jeanne Terwen-de Loos - Dress of maps, 1945 - 1946. Gift of P.A. Terwen, Leiden and J.W. Terwen, Nieuwegein


Etwas enttäuscht ist FAZ-Kritiker Hubert Spiegel von der Ausstellung im Amsterdamer Rijksmuseum, die den indonesischen Unabhängigkeitskrieg gegen die Niederlande beleuchten will: "Historische und politische Zusammenhänge erschließen sich so oft nur in geringem Maße" und über 350 Jahre niederländischer Kolonialherrschaft erfährt man ebenso wenig wie über die Bedeutung der indonesische Revolution für andere Unabhängigkeitsbewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg. "Aber man wird in dieser Ausstellung auch entschädigt: Viele der etwa zweihundert ausgestellten Objekte sind zugänglich, beredsam, fesselnd. Zwischen martialischen Propagandaplakaten, Fotos des mit einer Indonesierin verheirateten Henri Cartier-Bresson und dokumentarischen Filmaufnahmen von Sukarnos Triumphzügen sticht ein Kleidungsstück auf einer Schneiderpuppe besonders heraus: Es ist ein seidener Hausmantel für eine Dame, zusammengefügt aus den Landkarten von Siam, China, Indien, Burma und 'French Indo China'. Es handelt sich tatsächlich um Landkarten, denn die englische Luftwaffe ließ solche 'escape maps' auf Seide oder Rayon drucken und gab sie ihren Piloten als Orientierungshilfe für den Fall eines Absturzes mit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.05.2022 - Geschichte

In der NZZ beschreibt der russische Autor Nikolai Kononow die "zusammengewürfelte Gruppe von Gehilfen" Putins, die ihm beim Basteln seines Weltbildes halfen. Und Kersten Knipp erinnert angesichts der ausländischen Freiwilligen, die für die Ukraine kämpfen wollen, an die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg. In der FR blickt Arno Widmann 25 Jahre zurück auf den Tag, als Tony Blair Premierminister Britanniens wurde und der "Aufstieg der City of London zum wichtigsten Industriezweig der Insel" begann.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2022 - Geschichte

Das denkmalsüchtige 19. Jahrhundert hat den Aufklärer Johann Friedrich Struensee vergessen, kein Denkmal, nirgends, auch nicht etwa in Hamburg-Altona, der damals zweitgrößten dänischen Stadt, wo er vor Kopenhagen wirkte. Geboren wurde er in Halle. Und im Jahr 2010 wurde ihm am Contor-Gymnasium eine Plakette gewidmet.
Vor 250 Jahren wurde in Kopenhagen der Altonaer Arzt und Aufklärer Johann Friedrich Struensee  hingerichtet. Er hatte als Regent des dänischen Königs Christian VII. als erster in Europa Pressefreiheit eingeführt und eine Menge andere Reformen angestoßen. Doch eine Affäre mit Königin Caroline Mathilde wurde ihm zum Verhängnis. Mit der Hinrichtung wurden seine Reformen einkassiert, und doch waren sie mit ihm in der Welt. Frederik Stjernfelt erzählt die Geschichte im Perlentaucher: "Was von vielen als blutiger, grausamer und altmodischer, ja obsoleter Bestrafungsritus empfunden wurde, trug im April nur zur internationalen Aufmerksamkeit für die politischen Umwälzungen in Kopenhagen bei. Der Hamburgische Correspondent, eine der wichtigsten Zeitungen Europas, berichtete im Frühjahr 1772 sehr ausführlich über die Struensee-Affäre, und zwar in Form einer von einem lokalen Korrespondenten verfassten Serie auf der Titelseite, die dafür sorgte, dass die Struensee-Affäre und der Machtwechsel in Dänemark-Norwegen in den deutschsprachigen Ländern ein breites Publikum fand. Die Berichterstattung war gut informiert und ging weitaus mehr ins Detail als die zaghafte Kopenhagener Presse, die sich vor der neuen Putschregierung fürchtete. Das war professioneller Journalismus."

Außerdem: Josefine Rein und Rosa Budde unterhalten sich in der taz mit dem israelischen Historiker Tom Navon, der über die Jugendbewegung im Warschauer Ghetto forscht.