9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2021 - Geschichte

Beat Stauffer, Autor von Büchern über den Maghreb, erinnert in der NZZ an den einstigen Multikulturalismus Arabiens - am Beispiel etwa der Hafenstadt La Goulette in Tunesien: "Viele heutige Bewohner der Stadt dürften nichts mehr davon wissen, dass La Goulette einst ein Schmelztiegel war, in dem Angehörige fast aller Mittelmeerkulturen miteinander lebten, dass hier die Schauspielerin Claudia Cardinale geboren wurde und dass es einst ein Quartier namens La Petite Sicile gab. Nur im Film 'Un été à La Goulette' des tunesischen Filmschaffenden Férid Boughedir ist dieser vergangenen Zeit ein Denkmal gesetzt. Tempi passati. Der heutige Bürgermeister von La Goulette gehört der islamistischen Partei Ennahda an. Mit Diversität hat diese Partei nichts am Hut, ganz im Gegenteil. Sie kämpft unermüdlich für die Erhaltung der 'islamischen Identität' Tunesiens."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.05.2021 - Geschichte

Sophie Scholl wäre in diesen Tagen hundert Jahre alt geworden und wird gebührend gefeiert. Das ist gut so, schreibt Joachim Käppner in der SZ: "Und dennoch: Man wird niemals an der traurigen Wahrheit vorbeikommen, dass eine zeitweise beträchtliche Mehrheit der Deutschen das Regime mittrug, es unterstützte oder ihm gar zujubelte. Aktiver Widerstand gegen Adolf Hitler war die Sache einer verfemten Minderheit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.05.2021 - Geschichte

Amerikanischer Rassismus ist nicht mit europäischem Rassismus gleichzusetzen, hält Toni Stadler in der NZZ mit Blick auf die Geschichte fest: "Der institutionelle Rassismus Europas war (mit Ausnahme des Nationalsozialismus) nicht gegen ethnische Minderheiten zu Hause gerichtet, sondern primär gegen Andersfarbige weit weg. Moralisch besser macht ihn das nicht, aber anders als in den USA. Mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte 1948 verschwand die rassistische Literatur aus ordentlichen Haushalten."

In den USA ist nach der Enthüllung einer Bronzeskulptur im New Yorker Central Park eine Diskussion über den angeblichen Rassismus der Suffragetten entbrannt, die Vorwürfe basieren unter anderem "auf der Behauptung, die Vorkämpferinnen für das Frauenstimmrecht hätten sich an einer angeblichen Vorzugsbehandlung schwarzer Männer gestört", berichtet Marc Neumann in der NZZ und wendet ein: "Wenn sich jemand darüber ärgert, dass man das eine (Abschaffung der Sklaverei, Wahlrecht für Afroamerikaner) tut, aber das andere (Wahlrecht für weiße und schwarze Frauen) lässt, dann macht das noch niemanden zum Rassisten, sondern vielmehr zur Kämpferin für soziale Gerechtigkeit für alle, Frauen inklusive."

Außerdem: Ebenfalls in der NZZ schreibt die Historikerin und Biografin Maren Gottschalk über die Widersprüche der Sophie Scholl.
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.05.2021 - Geschichte

Die neu edierten Tagebücher aus der Nazizeit der SPD-Politikerin Anna Haag sind in der Presse in den letzten Wochen gefeiert und naheliegender Weise mit denen Victor Klemperers verglichen worden. Günter Randecker rückt bei kontext allerdings einige Behauptungen über Haag gerade. Die Tagebücher sind keineswegs zum ersten Mal publiziert worden. Und sie basieren auf einer Bearbeitung in der Nachkriegszeit. Es gebe Schönungen im Detail, auch stimme es nicht, wie in einigen jüngsten Rezensionen behauptet, dass Haag in der Nazizeit Schreibverbot hatte. Er zitiert aus einigen regimefrommen Schriften Haags. Das Tagebuch ist für ihn damit nicht entwertet. Aber "es sind solche offensichtlichen Widersprüche und Ambivalenzen, die deutlich machen: Anna Haags handschriftliches Tagebuch hat eine sorgfältige Edition mit exakten Anmerkungen verdient, eine Edition, die auch Unterschiede zwischen den verschiedenen Fassungen benennt und kenntlich macht. Zu solch mangelhaften Ausgaben, wie es jetzt passiert ist, kann es kommen, wenn sich weder Verlag noch Herausgeberin ausreichend um die originäre Quelle kümmern."

In den USA wird zum 200. Todestag vor allem über die Wiedereinführung der Sklaverei durch Napoleon in den französischen Kolonien diskutiert, so schrieb die aus Haiti stammende Historikerin Marlene L'Haut etwa in der New York Times, Napoleon habe keine Gedenkfeier verdient, weiß Stefan Brändle in der FR und ergänzt: "War Napoleon ein Kolonialist, Rassist, ja ein Sklaventreiber? Auf jeden Fall ein Kind seiner Zeit. 'Ganz einfach, ich bin für die Weißen, weil ich weiß bin', sagte er und höhnte: Die Afrikaner seien so unzivilisiert, dass sie nicht einmal wüssten, 'was Frankreich ist'. Bonapartisten geben zu bedenken, ihr Idol habe in seinen Armeen auch Dunkelhäutige bis in den Generalsrang befördert, so den Vater des Schriftstellers Alexandre Dumas. Doch das wiegt wenig im Vergleich zur Wiedereinführung der Sklaverei 1802. Die Französische Revolution hatte sie erst acht Jahre zuvor abgeschafft und damit Hundertausenden auf der ganzen Welt Hoffnung, wenn nicht die Freiheit gegeben. Bonaparte verschärfte aber sogar den furchtbaren 'Code Noir' (Schwarzes Gesetz), der die importierten Sklaven Möbelstücken gleichstellte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2021 - Geschichte

Anders als seine Vorgänger, die Napoleon-Jubiläen mieden, wird Emmanuel Macron heute den 200. Todestag dieses Urbilds aller Caudillos, Putschisten und Gran Liders begehen, berichtet Michaela Wiegel in der FAZ. Offenbar fühlt er sich dem bonapartistischen Erbe Frankreichs, das ebenso prägend ist wie das absolutistische, verbunden: "Der Präsident wolle in seiner Rede 'das Beste des Kaisers' erwähnen, ohne 'das Schlimmste des Kaiserreichs' zu vergessen, heißt es im Elysée-Palast. 'Gedenken ist nicht Zelebrieren', äußerte ein Berater. Macron wolle sich 'zehn Generationen später' nicht ein rückblickendes Urteil anmaßen. An der Gedenkstunde sollen nicht nur Mitglieder der französischen Wissenschaftsakademien teilnehmen, auch Oberschüler sind eingeladen. Die beschwichtigenden Erklärungen aus dem Elysée zeigen, wie heikel das Gedenken bleibt."

Das ist typisch Macron, der weder aus einer rechten noch aus einer linken Tradition kommt, meint der Historiker Nicolas Offenstadt im Interview mit der SZ. "Er betont einerseits sehr unkritisch die Kontinuität Frankreichs. Zum 150. Jahrestag der Republik hat er gesagt, dass wir uns zu unserer Geschichte bekennen müssten, dass wir ihr zustimmen sollen. ... Doch die andere Seite der Medaille ist, dass Macron auch Frankreichs Verbrechen klar benennt, dass er auch die negativen Seiten zeigt. Er hat die Verantwortung des Staates für die Folter und Ermordung der algerischen Unabhängigkeitskämpfer Maurice Audin und Ali Boumendjel anerkannt. Und das entspricht überhaupt nicht den Hardlinern des Roman national."

In der FR wirft Arno Widmann mit den Brüdern Goncourt einen Blick auf die Geschichte, die Napoleon hervorbrachte: Sie veröffentlichten 1862 "'Die Frau im 18. Jahrhundert'. Darin heißt es: 'Im 18. Jahrhundert ist die Frau das regierende Prinzip, die anordnende Vernunft, die kommandierende Stimme. Sie ist universelle, alles entscheidende Ursache, der Ursprung aller Ereignisse, die Quelle aller Dinge.' So betrachtet muss man die Französische Revolution auch sehen als den Aufstand richtiger Männer gegen den von den Pompadours und Marie Antoinettes effeminierten Königshof. Die Republik ist Männersache. Olympe de Gouges, die dagegen zu Felde zog und energisch das Wahlrecht für Frauen einforderte, wurde am 3. November 1793 mit der Guillotine hingerichtet. ... Die Revolution war, legen die Goncourts nahe, ein männlicher Backlash. An ihrem Ende steht mit dem kleinen Napoleon der große Mann par excellence."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2021 - Geschichte

Stefan Reinecke liest für die taz die kürzlich freigegebenen FBI-Berichte über Rudi Dutschke, die zeigen, wie intensiv die Behörde unter dem fanatischen J. Edgar Hoover Dutschkes Werdegang verfolgte und die letztlich darauf hinausliefen, dass man Dutschke trotz seiner amerikanischen Ehefrau kein Visum für die Einreise erteilte. "Kurzum: Weil Dutschke eine Bedrohung ist, dürften 'humanitäre Gründe und familiäre Zusammenhänge' keine Rolle spielen. Der SDS-Mann aus Westberlin wird, so die Befürchtung, in den USA zum 'neuen Führer der Neuen Linken' aufsteigen."
Stichwörter: Dutschke, Rudi

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.04.2021 - Geschichte

Sophie Scholl, die in diesen Tagen hundert Jahre alt geworden wäre, wurde nicht als Widerstanskämpferin geboren, schreibt der Scholl-Biograf Robert M. Zoske in der taz, im Gegenteil, zu Beginn war sie eine begeisterte Nazi-Anhängerin. Ihr Bruder Hans habe den Anstoß zum Widerstand gegeben: "Auch er war zunächst ein nationalsozialistischer Fahnenträger, der ohne Weiteres ein SS-Mann hätte werden können. Doch die staatliche Verfolgung aufgrund seiner Arbeit mit Jungen außerhalb der Hitlerjugend und seine lange homosexuelle 'große Liebe' zu einem Jugendlichen seiner Gruppe entfremdeten ihn vom Nationalsozialismus. In Frankreich und Russland erlebte er als Soldat und Medizinstudent die Gräuel des Kriegs. Mit seinem engsten und 'einzigen Freund' Alexander Schmorell schrieb er Mitte 1942 die ersten vier Flugblätter der Weißen Rose und rief zum Widerstand auf."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2021 - Geschichte

Die Historikerin Anna Hájková untersucht in ihrem Buch "The Last Ghetto" über Theresienstadt, wie sich im Lager mit seiner jüdischen, aber natürlich europäisch gemischten Bevölkerung "Gesellschaft konstituiert" habe (denn Gesellschaft, sagt sie, sei etwas ebenso Konstruiertes wie Geschlecht). Im Gespräch mit ihrer Kollegin Svenja Goltermann erklärt sie auf geschichtedergegenwart.ch, dass die entstehende Gesellschaft vor allem über "Binaritäten" funktioniert habe: "Sie unterschied nicht strikt, das ist ein dänischer Jude, das ist ein slowakischer Jude, das ist ein Wiener Jude, sondern sie dachte im Wesentlichen in den Kategorien 'Einheimische' und 'Ausländer'. Und das Interessante ist: Die 'Ausländer' schrieben an diesem Narrativ mit. Sie unterschieden ebenfalls zwischen 'den Protektoratsjuden' und 'wir sind die von außen'. Das sagt sehr viel über das ethnische Sehen und darüber, wie eine neu entstehende Gesellschaft sofort ethnische Unterschiede herstellt."
Stichwörter: Theresienstadt

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2021 - Geschichte

Am 24. April erinnern die Armenier an den Genozid gegen ihr Volk, erzählt Tigran Petrosyan in der taz. Dieser Genozid sei den achtziger Jahren intensiv erforscht worden. Aber es gebe Defizite im Vergleich etwa mit der Holocaustforschung: "Die Unzugänglichkeit von Quellen bildet das größte Problem für eine detaillierte und vertiefende Forschung für die Wissenschaftler*innen am Institut für Diaspora- und Genozidforschung (IDG, Website) an der Ruhr-Universität Bochum. Für den Gründungsdirektor Mihran Dabag liegt der Grund in der türkischen Leugnung des Genozids, in deren Folge der Zugang zu den Archiven und anderen Quellenmaterialien nicht nur erschwert, sondern lange Zeit nahezu unmöglich gemacht worden sei. 'Dies betrifft etwa Nachlässe wie Memoiren, Tagebücher, Schriftstücke von Politikern, Tätern und anderen Beteiligten, die beispielsweise grundlegend wären für eine 'Täterforschung', wie wir sie aus dem Kontext der Forschungen zu Nationalsozialismus und Holocaust kennen', sagt Dabag."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.04.2021 - Geschichte

Die monumentale 16-teilige Edition "Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden" ist abgeschlossen. Sie versammelt zentrale Zeugnisse zum Holocaust - sowohl von Tätern, als auch von Opfern und Zuschauern. (Aus einigen Bänden wurden im Perlentaucher vorabgedruckt.) In der Zeit spricht die Herausgeberin Susanne Heim mit Christian Staas - auch über den eigenen Erkenntnisprozess beim Lesen der Dokumente: "Ich war erstaunt, wie viel vermeintlich Bekanntes wir gar nicht genau wissen: Wer etwa hat angefangen mit der Kennzeichnung jüdischer Geschäfte? Ging das von der SA aus, die das Wort 'Jude' an die Schaufenster geschmiert hat? Gab es Direktiven der Städte oder von ganz oben? Dasselbe gilt für die Parkbänke, auf denen stand 'Nicht für Juden'. Wer das wann entschieden hat, ist unklar Hans Mommsen nannte das 'kumulative Radikalisierung' - und dafür liefert die Edition in der Tat starke Indizien. Verwaltungsbeamte betteln darum, die Juden endlich kennzeichnen zu dürfen. Ein Mieterschutzverein regt an, Straßen umzubenennen, die nach 'Nichtariern' heißen."

Nicht wenige prominente Anführer der Studentenbewegung von 1968 sind später in ihrem Leben in die extreme Rechte abgerutscht. Darüber unterhalten sich Ellen Daniel und Michael Miersch bei den Salonkolumnisten mit Wolfgang Kraushaar, dem Historiker der Bewegung. Der extremste Fall ist Horst Mahler, der sich vom RAF-Terroristen zum Nationalsozialisten wandelte. Kraushaar sieht "durchaus eine Kontinuität in seinem Werdegang. Drei Kernelemente seines Denkens sind durch alle Wechsel bestehen geblieben: Erstens sein Antiliberalismus. Zweitens sein Hass auf Amerika. Er lehnte die amerikanische Kultur zutiefst ab und legte zugleich eine starke Affinität zu Russland an den Tag - zunächst zur Sowjetunion, später zum Putinismus. Das dritte Kontinuitätselement ist seine Ablehnung der westlichen Demokratie, insbesondere des Parlamentarismus."

Außerdem: In der NZZ denkt Aleida Assmann über die Begriffe Freiheit, Risiko und Sicherheit im historischen Wandel nach.