9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2020 - Geschichte

Deutschland will bisher anders als Australien, Kanada und Portugal den Holodomor nicht als einen Genozid anerkennen - obwohl etwa Anne Applebaum in ihrem Buch "Roter Hunger" deutlich zeigt, dass Stalins Hungermord im größeren Kontext einer allgemeinen Hungersnot speziell auf die Ukraine zielte, schreibt Richard Herzinger in seinem Blog. Er unsterstützt die Kritik Andrij Melnyks, Botschafter der Ukraine in Berlin, an der deutschen Haltung: "Vorgeschoben erscheint das in diesem Zusammenhang vorgebrachte Argument, Genozid sei ja erst seit der UN-Konvention von 1948 als solcher definiert und die Ereignisse von 1932/33 darunter rechtlich nicht zu fassen. Dann nämlich hätte der Bundestag 2016 seine Resolution nicht verabschieden dürfen, in der er die planmäßige Ermordung der Armenier durch das nationalistische Regime der Türkei 1915 als Völkermord verurteilte."
Stichwörter: Holodomor, Ukraine

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.11.2020 - Geschichte

Lucien Scherrer erinnert in der NZZ, mit leicht polemischen Unterton, an die Schweizerin Elinor Lipper, die 1937 in die Sowjetunion ging und dort die Säuberungen, Denunziationen und Selbstanklagen erlebte, mit denen Stalin Moskau terrorisierte. In Gerichtsprozessen und ihren Erinnerungen "Elf Jahre meines Lebens" hat Lipper über ihre Erfahrungen berichtet: "Elinor Lipper verbringt vierzehn Monate in Untersuchungshaft; nach drei Verhören droht ihr der Untersuchungsrichter mit Kriegsgericht und dem Urteil 'Tod durch Erschießen'. Schliesslich reduziert die Geheimdienstjustiz das Verdikt am 8. September 1938 auf fünf Jahre Lagerhaft, wegen 'konterrevolutionärer Tätigkeit'. Und so wird die 26-jährige Frau zusammen mit anderen Verurteilten in Viehwagen und per Schiff nach Ostsibirien deportiert. Dort, in den Weiten des Kolyma-Gebietes, hungern Hunderttausende in 'Besserungsarbeitslagern', wie die von Lenin initiierten Gulags offiziell heißen. 'In aller Augen stand die Frage: Warum? Und keiner wusste die Antwort. Wenn im Gefängnis noch ein erschrockenes Staunen über den Gesichtern gelegen hatte, die ungläubige Verwunderung des Menschen über den ihn peinigenden Menschen, über schuldlos erduldete Schmach und Grausamkeit, so konnte man jetzt etwas anderes lesen: Furcht und Verbitterung.'"
Stichwörter: Lipper, Elinor, Gulag

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.11.2020 - Geschichte

Dass auch Europäer Opfer von Sklaverei geworden sind, scheint kaum jemanden zu interessieren, wundert sich Beat Stauffer in der NZZ mit Blick auf die "Raubzüge von Piraten aus den sogenannten Barbareskenstaaten, den osmanischen Regentschaften Algier, Tunis und Tripolis und dem Sultanat Marokko, die laut dem amerikanischen Historiker Robert C. Davis zwischen 1530 und 1780 gut eine Million Europäer versklavt haben sollen. "Das Thema der Versklavung von Europäern im Mittelmeerraum darf keinesfalls dazu verwendet werden, die zahlenmäßig weitaus bedeutendere transatlantische Sklaverei in irgendeiner Weise zu relativieren. Sie in Erinnerung zu rufen, ergibt aber Sinn, um einer ideologischen und voreingenommenen Sicht auf dieses überaus komplexe Phänomen etwas entgegenzusetzen. So weist die Versklavung von hellhäutigen und christlichen Bewohnern des Mittelmeerraums darauf hin, dass die Sklaverei in der frühen Neuzeit nicht von Anfang an das Resultat eines tief verwurzelten europäischen Rassismus gegen Menschen schwarzer Hautfarbe gewesen ist" und auch "kein Alleinstellungsmerkmal des europäischen Imperialismus". Dafür spreche auch der bislang kaum erforschte innerafrikanische Sklavenhandel.
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Stichwörter: Sklaverei, Rassismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.11.2020 - Geschichte

Als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Robert-Blum-Saal im Schloss Bellevue einweihte, hätte er ruhig auch mal Gustav Heinemann danken können, der schon Anfang der 1970er Jahre für die Erinnerung an den demokratischen Revolutionär Robert Blum warb, oder Elisabeth Thalhofer, die in Rastatt einen Blum-Saal eingerichtet hat, meint in der NZZ der Politikwissenschaftler Peter Reichel, der auch daran erinnert, dass "die Wiege der Demokratie nicht nur in der Paulskirche stand. ... Unsere Parteien- und Parlamentsdemokratie ist das Kind der südwestdeutschen Freiheitsbewegungen. Diese wurzeln in den Städten des ländlich-kommunalen Raums zwischen Landau und Lörrach, der unter dem Einfluss der Französischen Revolution und Napoleons früher bürgerlich-liberal war und rechtlich modern wurde als Preussen-Deutschland. Längst hat man dort die Initiative Heinemanns fortgeschrieben, die Spuren der vormärzlichen Freiheitsbewegungen freigelegt und die Wege zwischen den kleineren und größeren Städten, in denen sie identifiziert wurden, so miteinander verknüpft, dass die deutsche 'Straße der Demokratie' entstanden ist. Das ist in Berlin offenbar unbemerkt geblieben. Vielleicht, weil dieser beschwerliche Weg nicht bis dorthin führt?" Vielleicht könnte man im Humboldt-Forum eine ständige Ausstellung zum Thema "Demokratie in Europa" einrichten, regt Reichel an.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.11.2020 - Geschichte

Im Interview mit Susanne Lenz (Berliner Zeitung) spricht der Historiker Andreas Kossert, der gerade das Buch "Flucht - Eine Menschheitsgeschichte" veröffentlicht hat, über die Ablehnung, die Flüchtlinge meist erfahren, die Renaissance des Heimatbegriffs und erklärt, weshalb in uns allen ein Flüchtling steckt: "Es lohnt sich, in die Geschichte der sogenannten Mehrheitsgesellschaften hineinzuhorchen. Sie sind nicht homogen. Wenn wir das Beispiel Deutschland nehmen: Wir haben 14 Millionen deutsche Vertriebene, dann kamen die Sowjetzonenflüchtlinge, DDR-Flüchtlinge, es kamen vier Millionen deutsche Spätaussiedler aus Osteuropa, es kamen Flüchtlinge aus Ungarn, der Tschechoslowakei, aus Polen, es kamen vietnamesische Boatpeople, bosnische Muslime aus dem ehemaligen Jugoslawien in den 1990er-Jahren, wir haben eine der größten jesidischen Gemeinschaften der Welt. Was wir als Mehrheitsgesellschaft beschreiben, besteht aus Millionen von Menschen mit Fluchterfahrung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.11.2020 - Geschichte

Der Historiker Christopher Clark legt im Gespräch mit Andreas Kilb in der FAZ (eigentlich vorher schon bei CNN) eine spektakuläre Wende hin. Er hatte sich relativ wohlwollend zu den Hohenzollern und den Nazis geäußert. Nun nicht mehr: "In den letzten Jahren ist eine Unmenge an neuem Material zutage gefördert worden. Stephan Malinowski hat gezeigt, wie energisch der Kronprinz gearbeitet hat, auch nach der Machtergreifung, um die Berührungsängste der Konservativen gegenüber den Nationalsozialisten zu überwinden. Es gab in den rechten Milieus durchaus noch viele Konservative, die mit den Nationalsozialisten nicht paktieren wollten. Der Kronprinz hat sich jedoch stets für die Schwächung solcher dezidiert konservativer Optionen eingesetzt, indem er zum Beispiel immer wieder für die enge Zusammenarbeit von Stahlhelm und SA plädierte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.10.2020 - Geschichte

Die geplante Gedenkstätte für die polnischen Opfer des deutschen Kriegs vor 1945 sollte auch die deutsch-polnischen Beziehungen und Entwicklungen nach 1945 widerspiegeln, fordert der polnische Publizist Adam Krzeminski in der Welt: "Am deutsch-polnischen Dialog nahmen über Jahrzehnte Zigtausende engagierte Menschen teil. Nach 1956 entstand in den westdeutschen Medien - und später auch in der DDR - eine regelrechte 'Polen-Welle'. Man entdeckte den polnischen Film, polnische Musik und das polnische Theater für sich. Die Nachbarn waren nun kein unmündiges Heloten-Volk mehr, sondern mögliche Partner in der Aufweichung des Kalten Krieges. Der Rapacki-Plan einer atomfreien Zone in Mitteleuropa wurde von Adenauer zwar verworfen. Aber mit der 'Solidarnosc' und der 'Solidarität mit Polen' in den 80er Jahren entstand doch eine filigrane deutsch-polnische Interessengemeinschaft von unten, die 1989 auch politisch umgesetzt wurde." Er plädiert für einen Bogen Warschau Berlin nach dem Modell der Berliner Luftbrücke.

In München ist das Sudetendeutsche Museum (Website) eröffnet worden, das Niklas Zimmermann für die FAZ begeht: "Die Ausstellung verschweigt nicht, dass die immer stärker mit der NSDAP verbundene Sudetendeutsche Partei (SdP) 1938 bei den letzten freien Gemeindewahlen in der Tschechoslowakei neunzig Prozent der Stimmen in den Sudetengebieten erhielt. Über den Aufstieg der SdP und ihres Parteichefs Konrad Henlein hätte man gern mehr erfahren." Zwei weitere Museen - im nordböhmischen Aussig und in der Dauerausstellung der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin - werden der Vertreibung gedenken, so Zimmermann. Die SZ berichtete bereits am 12. Oktober über das Münchner Museum.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2020 - Geschichte

Die deutschen Verbrechen an Polen sind in der hiesigen Öffentlichkeit immer noch zu wenig bekannt, unter anderem, weil sie bereits mit dem Hitler-Stalin-Pakt begannen und sich nicht einfach in die "Verbrechen in Osteuropa" einordnen lassen, findet Welt-Autor Thomas Schmid. Darum plädiert er vehement  für ein ausschließlich den polnischen Opfern - jüdischen wie nicht-jüdischen - gewidmetes Denkmal in Berlin: "Man hat dagegen eingewandt, das würde zur 'Nationalisierung' des Gedenkens führen und damit den universalistischen Impuls zerstören, der untrennbar zum Kampf um Menschenrechte, Menschenwürde und zur Achtung vor den Opfern gehört. Ein verfehlter Einwand. Man kann nicht ernsthaft hoffen, Polen, Russen, Ukrainer, Weißrussen, Balten, Tschechen usw. wären damit einverstanden, zu einem einzigen Kollektiv der 'Ost-Opfer' zusammengefasst zu werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.10.2020 - Geschichte

Berlin-Mitte ist inzwischen eine Gedenklandschaft, wo an verschiedene Opfer des Nationalsozialismus erinnert wird. Zwei Orte werden noch hinzukommen, ein Museum des Exils am Anhalter Bahnhof und ein Dokumentationszentrum, das an die Geschichte der deutschen Besatzung, vor allem in Osteuropa, erinnert. Der Beschluss ist vom Bundestag gefasst, von Politikern aller ernstzunehmenden Parteien, ein "Meilenstein". Aber Stefan Reinecke wundert sich in der taz sehr, das in der Öffentlichkeit so gut wie gar nicht über dieses Projekt diskutiert wurde: "Das jetzige Desinteresse der Öffentlichkeit ist ein Indiz, dass die Historisierung des Nationalsozialismus ein abgeschlossener Prozess zu sein scheint. Jenseits der mitunter hysterisch geführten Debatte um Israel lassen sich mit NS-Geschichte keine diskursiven Distinktionsgewinne mehr erwirtschaften oder identitätspolitische Gewinne verbuchen. Ob der Vernichtungskrieg im Osten erinnert oder vergessen wird, berührt das Selbstbild der bundesrepublikanischen Gesellschaft offenbar nicht. Die NS-Zeit ist zwar noch keine sedimentierte Schicht wie der Erste Weltkrieg oder das Kaiserreich. Aber sie gilt 2020 als zu Ende erzählt."

Und noch ein Gedenkort, und vielleicht ein besonders notwendiger. Im Berliner Bendlerblock wurde die "Gedenkstätte Stille Helden" eröffnet (Website). Andreas Kilb berichtet in der FAZ. Bisher wurde in Berlin nur Deutscher gedacht, die Juden geholfen hatten. Nun geht es "nicht mehr nur um Helmuth Groscurth, Maria von Maltzan, Harald Poelchau und Oskar Schindler, sondern auch um den Letten Jänis Lipke, der mit seiner Familie Dutzende Deportierte aus dem Getto von Riga rettete, um die Kirchengemeinde von San Gioacchino in Rom, die unter dem Dach ihres Gotteshauses jüdische Italiener verbarg, oder um den Albaner Refik Veseli, der eine jüdische Familie aus Serbien in seinem Elternhaus in den Bergen versteckte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.10.2020 - Geschichte

In Berlin, unmittelbar an der Ruine des Anhalter Bahnhofs wird demnächst ein Exilmuseum entstehen, das auch an das "Exil der kleinen Leute" erinnern soll und unter anderem von Wolfgang Benz angestoßen wurde, erzählt Uwe Rada in der taz. Andere kamen hinzu: "Vielleicht bedurfte es erst einer Frau wie Herta Müller, die selbst die Erfahrung des Exils gemacht hatte - die Schriftstellerin musste 1987 ihre Heimat Rumänien verlassen. Vor neun Jahren schrieb die spätere Literaturnobelpreisträgerin an Kanzlerin Angela Merkel und brachte die Idee eines 'Museums des Exils' ins Spiel. Vier Jahre danach veröffentlichte der Fotograf Stefan Moses den Fotoband 'Deutschlands Emigranten', zu dem Christoph Stölzl die Texte beisteuerte. 'Zweitausend dieser Bücher hat dann der Gründer des Auktionshauses Villa Grisebach, Bernd Schultz, als Sonderdruck verschickt und eine riesige Resonanz bekommen', sagt Stölzl, der ehemalige Berliner Kultursenator und Direktor des Deutschen Historischen Museums in Berlin, der nun auch Gründungsdirektor des Exilmuseums ist."

Weiteres: Als "eine der besten zeithistorischen Ausstellungen der letzten Jahre" empfiehlt Jens Bisky in der SZ die Ausstellung "Der kalte Blick" in der Topographie des Terrors in Berlin, die ihm zeigt, wie die beiden Wiener Anthropologinnen Elfriede Fliethmann und Dora Maria Kahlich im Jahr 1942 jüdische Familien im Ghetto von Tarnow "erforschten".
Stichwörter: Exilmuseum Berlin