9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.04.2020 - Geschichte

Der Historiker Brendan Simms hat den vielen Hitler-Biografien, die es schon gibt, eine weitere hinzugefügt. Im taz-Interview mit Andreas Fanizadeh betont er wie auch in seinem Buch Hitlers Hassliebe gegenüber Engländern und Amerikaner. Zur aktuellen Frage um das Verhältnis der Hohenzollern zum Nationalsozialismus hält er sich bedeckt: Was heiße schon erheblicher Vorschub? "Sicherlich haben viele Hohenzollern, insbesondere der Kronprinz, ihren Einfluss zur Machtergreifung der NSDAP geltend gemacht, den Aufstieg der Nazis unterstützt. Das sehen wir auch symbolisch am Tag von Potsdam. Aber dass die Nazis ohne diese Unterstützung nicht an die Macht gekommen wären, das würde ich bezweifeln. Sicherlich haben die Hohenzollern versucht, einen erheblichen Vorschub zur Machtergreifung der Nazis zu leisten. Ob ihnen das gelang, ist aber eine andere Frage."

Weiteres: Hubertus Knabe erzählt in der NZZ die Geschichte des Häftlingsarztes  Wolfgang Dorr im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.03.2020 - Geschichte

Die DDR soll "antifaschistisch" gewesen sein? Zumindest hat der linke Antisemitsmus einen seinen Ursprünge in Ost-Berlin, schreibt Marko Martin nach Lektüre von Jeffrey Herfs Buch "Unerklärte Kriege gegen Israel" bei libmod.de: "Anders als RAF, Tupamaros und Revolutionäre Zellen, die - ähnlich wie die Studentenvereinigung des SDS - erst in Folge des Sechstagekrieges von 1967 Israel als 'faschistischen Aggressor' bezeichneten, hatte die DDR als treuer Vasall Stalins bereits seit ihrer Gründung 1949 den jüdischen Staat mit einem Vokabular bedacht, das ansonsten nur für die Verbrechen der Nazis vorgesehen war. Dank unzähliger Archivfunde kann nun Jeffrey Herf nachweisen, dass es nicht bei Agitation blieb, sondern der ostdeutsche Staat, der heute noch vielen als 'zumindest klar antinazistisch' gilt, bis 1989 Waffen und militärische Ausrüstung an die PLO und jene arabischen Staaten lieferte, die sich im Kriegszustand mit Israel befanden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.03.2020 - Geschichte

Der Holodomor, der Hungermord an meist ukrainischen Bauern, der von Stalin betrieben wurde, ist ein Schlachtfeld geschichtspolitischer Interpretationen. Der Historiker Martin Schulze Wessel betont, dass man ihn auf zwei Weisen wahrnehmen kann, "als Konsequenz des Klassenkampfs gegen die Bauern oder als Völkermord an den Ukrainern". In einem langen Essay auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ will er zeigen, "dass man die Hungersnot auf beide Weisen erzählen kann. Keine der beiden Deutungstraditionen leugnet die Hungersnot und die Opferzahlen, beide beziehen ihre Plausibilität aus der Beschreibung von langfristig wirksamen Bedingungen und kurzfristigen politischen Entscheidungen."
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Stichwörter: Holodomor, Ukraine, Stalinismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.03.2020 - Geschichte

In der NZZ blickt Constantin Eckner auf die Geschichte der Spanischen Grippe und macht auf Parallelen zur Corona-Pandemie aufmerksam. Auch damals wurden Verschwörungstheorien verbreitet: "Die New York Times berichtete davon, dass die Grippe nur die Deutschen befallen habe, und forderte kurzerhand, das Phänomen doch 'Deutsche Grippe' zu nennen. Sonst aber waren die Einträge in den Notizbüchern der Kriegsberichterstatter nutzlos, denn sowohl die Alliierten als auch die Deutschen verhängten strenge Zensurregelungen und erlaubten keine Mitteilungen über die zahlreichen Grippekranken an der Front."

Im Interview mit Marian Schaghaghi (Berliner Zeitung) erzählt die 99jährige französische Jüdin Marthe Cohn, die im Zweiten Weltkrieg für den französichen Geheimdienst arbeitete, weshalb sie sechzig Jahre lang über ihre Spionagetätigkeiten schwieg: "Wenn man für einen Geheimdienst arbeitet, unterzieht man sich automatisch einer Gehirnwäsche, damit man nie, aber auch nie über sein Tun spricht. Außerdem hatte ich keinerlei Dokumente, die bezeugten, was ich im Krieg getan hatte. Beim Geheimdienst bekommt man nun mal keine Arbeitszeugnisse."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.03.2020 - Geschichte

Für die FR schreibt Arno Widmann eine kleine Kulturgeschichte der Seuchen: Er erinnert unter anderem an den die Pocken auslösenden Variolavirus, der in der Weltgeschichte immer wieder ganze Bevölkerungen auslöschte: "Nicht mit ihren überlegenen Kriegstechniken und Waffen rotteten die Spanier - so lauten manche natürlich mit größter Vorsicht zu betrachtende Schätzungen - bis zu 90 Prozent der Bevölkerung Lateinamerikas aus, sondern mit ihrem Verbündeten, dem Variolavirus, dem die Immunsysteme der Indianer nichts entgegenzusetzen hatten. Als die Eroberer das merkten, verschenkten sie verseuchte Wolldecken. Sie setzten sie, lange bevor es das Wort gab, als biologische Waffen ein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.03.2020 - Geschichte

Rainer Bieling erinnert in seinem Blog an die Ausstellung "Ungesühnte Nazijustiz", die vor sechzig Jahren von dem Studenten Reinhard Strecker initiiert und in der Galerie Springer gezeigt wurde und die vom SPD-geführten Westberliner Senat unter Willy Brandt heftigst bekämpft wurde - natürlich mit dem Argument, die Ausstellung sei DDR-gesteuert: "Tatsächlich bestätigte Generalbundesanwalt Max Güde bereits 1960 die Echtheit aller einhundert Fälle von 'Ungesühnter Nazijustiz'. Die Umdeutung dieser 'antifaschistischen Aufklärungsarbeit' (SPD 2015) als 'Agitation zugunsten sowjetzonaler Stellen' (SPD 1960) erwies sich schon zu ihrer Zeit als haltlos. Sie stigmatisierte den Initiator jedoch nachhaltig, was auch deshalb leicht möglich war, weil die DDR-Propaganda die 'Ungesühnte Nazijustiz' politisch instrumentalisierte, erst recht in den Jahren nach dem Mauerbau, nicht zuletzt mit dem 'Braunbuch: Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik' von 1965. Heute, da Deutschland nicht mehr zwei verfeindete Establishments hat, sondern nur noch ein sich einiges, liegen Instrumentalisierung der einen und Stigmatisierung der anderen in einer Hand."

Wir erleben zwar kein zweites Weimar, schreibt der Historiker und Antisemitismusforscher Wolfgang Benz im Tagesspiegel, dennoch erinnert er mit Blick auf die Beleidigungen gegen Renate Künast oder Sawsan Chebli (unsere Resümees), die per Gerichtsbeschluss als Meinungsäußerungen gelten, an den Fall des einstigen Reichsfinanzministers Matthias Erzberger, der vor hundert Jahren gerichtlich gegen den Rechtspopulisten Karl Helfferich vorging, als dieser ihn in einer Artikelserie mit dem Titel "Fort mit Erzberger!" beleidigte: "Helfferich war wegen der monströsen Beleidigung zwar der Angeklagte, aber das Gericht drehte den Spieß um. Eine lächerliche Geldstrafe war formaljuristisch geboten, der Beleidigte verließ jedoch als Vernichteter den Gerichtssaal. Die Hassbotschaft wurde unmittelbar verstanden, und das macht die historische Reminiszenz aktuell. Noch während des Prozesses schoss ein Verhetzter nach der Lektüre der Beleidigungen auf Erzberger und verletzte ihn schwer. Dass der Politiker in Folgeprozessen rehabilitiert wurde, nützte ihm nichts. Im August 1921, kurz vor seiner Rückkehr in die Politik, wurde er zum zweiten Mal Opfer eines Mordanschlags von Rechtsterroristen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.03.2020 - Geschichte

Mitglieder der Jugendorganisation der Partei Die Linke haben eine Dresdner Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Bombardierung mit Gebrüll und Feuerwerk gestört, Transparente mit der Aufschrift "Deutsche Täter*innen sind keine Opfer!" wurden enthüllt, schreibt Dankwart Guratzsch in der Welt: "Für die anstehenden Gedenkveranstaltungen in anderen Städten ist das kein gutes Vorzeichen. Die bisher von den Parteien der Mitte beachtete Äquidistanz zum linken und rechten Rand wird auch in der Medienberichterstattung immer öfter durchbrochen. Das hatte sich schon im Vorfeld des Dresdner Eklats gezeigt, als etwa der Spiegel den Dresdnern unterstellte, einem 'Opfermythos' zu huldigen, wenn sie auf den Gräbern ihrer Angehörigen Kränze niederlegen." Guratzsch fordert deshalb ein Luftkriegsmuseum.

Der Vatikan öffnet die Archive Pius XII., dessen zwiespältige Politik gegenüber den Nazis nun genauer untersucht werden kann. Vatikan-Medien haben die Öffnung gleich mit einer Propaganda-Offensive über Pius' segensreiches Wirken begleitet, berichtet Matthias Rüb in der FAZ: "Das umfassende vatikanische Eigenlob für Pius XII. hat am Dienstag Roms Oberrabbiner Riccardo Di Segni heftig kritisiert. Die zur Sensation aufgebauschten 'schnellen Schlussfolgerungen' bezeichnete Di Segni gegenüber italienischen Medien als 'verdächtig'. Sie könnten für den Vatikan leicht'"zum Bumerang werden', wenn unabhängige Forscher später ihre Ergebnisse vorlegten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.03.2020 - Geschichte

Kein gutes Haar lässt der junge Historiker Niklas Weber in der SZ an seinem ebenfalls noch recht jungen Kollegen Benjamin Hasselhorn, der bei der Bundestagsanhörung zu den Hohenzollern und den Nazis von der CDU berufen worden war und besonders bei der CDU-Abgeordneten Elisabeth Motschmann (geborene Elisabeth Charlotte Baronesse von Düsterlohe) auf Begeisterung stieß. Weber rechnet Hasselhorn der neuen Rechten zu und kritisiert seinen  Begriff der "konservativen Revolution", den er sich bei Armin Mohler geholt habe und der vor allem dazu diene, den Konservatismus vom Nationalsozialismus abzusetzen: "Das unkritische Beharren auf Mohlers Begriff und seine Operationalisierung - sowie die streckenweise grotesken Versuche einer Rehabilitierung von Kaiser und Kaiserreich in zwei seiner anderen Bücher - müssen im Zusammenhang neurechter Geschichts- und Begriffspolitik verstanden werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.02.2020 - Geschichte

In der SZ liest Lothar Müller aus gegebenem Anlass noch einmal Daniel Defoes Journal über die Pest in London 1665. Dabei lässt sich sehr schön nachverfolgen, meint Müller, wie die Pest anfangs noch als Geißel Gottes gedeutet wird, eine Erklärung, die dann abgelöst wird von moderner Nachrichtentechnologie: "'Foreign news' und 'domestic news' durchdrangen einander. Die Nachrichten von Seuchen verbanden beide Sphären. In ihnen verdichtete sich ein Grundelement moderner Gegenwartserfahrung, in der die Zeitgenossenschaft zugleich Raumgenossenschaft ist. Der wichtigste Effekt dieser Konstellation ist, dass moderne Gesellschaften von Seuchen schon nachhaltig erfasst werden, wenn die physischen Infektionsketten sie noch gar nicht erreicht haben. Die Nachrichtenzirkulation bestimmt - nicht erst im Internetzeitalter, sondern schon in Defoes 'Print 2.0'- Welt -, wann Präventionsmaßnahmen beginnen. Im Idealfall bewirkt sie, dass die Quarantäne-Verordnung in London schon in Kraft tritt, bevor das in Marseille ausgelaufene Schiff die Themse erreicht hat."

In der taz wenden sich Stephan Lehnstaedt und Kamil Majchrzak gegen eine europäische Geschichtspolitik, die eine gemeinsame Leidensgeschichte des Kontinent unter dem Totalitarismus postuliert. Einst von Dissidenten stark gemacht, diene heute die Totalitarismustheorie vor allem osteuropäischen Regierungen: "Eine Geschichtsgemeinschaft unter diesem Paradigma verzerrt jedoch die unterschiedlichen Erfahrungen der Verfolgung und Erinnerung an die deutsche Besatzungsherrschaft in Nord-, Ost-, Süd- und Westeuropa. Außerdem banalisiert sie die singulären deutschen Menschheitsverbrechen an den europäischen Juden sowie Sinti und Roma. Dies gilt insbesondere für Gesellschaften, die den deutschen Antikommunismus teilten und mit dem deutschen Antisemitismus sympathisierten."

Die finnische Schriftstellerin Sofi Oksanen erinnert sich in der FAZ an ihre Verwandtenbesuche im sowjetischen Estland, wo sie nach dem Gau von Tschernobyl bemerkte, wie jahrzehntelange Propaganda gewirkt hatte: "Bis dahin hatte ich mir eingebildet, dass die Esten trotz der jahrzehntelangen massiven Propaganda wussten, wie die Dinge wirklich lagen. Niemand glaubte den Lügen des sowjetischen Fernsehens. Aber man ließ die Kinder ukrainische Fruchtsäfte trinken, obwohl zu derselben Zeit den Apotheken schon das Jod ausgegangen war. Genau so war die Glasnost hinter dem Eisernen Vorhang. Die Perestroika."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.02.2020 - Geschichte

Darf man heute noch den Conquistador Christoph Kolumbus verehren oder den Antisemiten Martin Luther? Maximilian Zech warnt in der NZZ davor, historische Epochen nach heutigen moralischen Maßstäben zu beurteilen. Er plädiert für das Aushalten von Ambivalenzen: "Wie sinnvoll ist es wirklich, eine Person, die vor Jahrhunderten lebte, heute der Frauenfeindlichkeit, Homophobie oder religiösen Intoleranz zu zeihen? Setzte sich dieses Prinzip tatsächlich durch, wäre theoretisch eine Totalrevision der Historie in jeder neuen Generation möglich. Wer weiß: Vielleicht wird die heutige Jugend in ein paar Jahrzehnten Thomas Newcomen und James Watt für die Erfindung der Dampfmaschine verurteilen. Geschichte verkäme so zu einer reinen Projektionsfläche für die ideologischen Konflikte der Gegenwart."