9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.09.2019 - Geschichte

Andreas Fanizadeh zitiert in der taz einen Satz des Kaisers Wilhelms II. im Exil, der offenbar zu den Beweisstücken der Historikerin Karina Urbach in einer neuen Studie gehört - er ist so obszön, dass man ihn  kaum wiedergeben mag: "Juden und Mücken sind eine Pest, von der sich die Menschheit so oder so befreien muss. Ich glaube, das Beste wäre Gas." Die Hohenzollern wollen einiges von dem Besitz zurück, das einst ihre Bürger für sie produziert haben. Das dürfte allerdings zumindest in den Neuen Ländern rechtlich an ihrer Sympathie für den Nationalsozialismus scheitern, so Fanizadeh. Die Studie "Nützliche Idioten - Die Hohenzollern und Hitler" soll in den nächsten Tagen auf der Internetplattform perspectivia.net erscheinen.

Außerdem: In diesen Tagen feiert man Alexander von Humboldts 250. Geburtstag. Die Stadtschlossattrappe wird zwar noch nicht eröffnet, aber dafür eine von Bénédicte Savoy kuratierte Ausstellung im Deutschen Historischen Museum, in der sich unter anderem herausstellt, das Humboldt nicht ganz so astrein antikolonial drauf war, wie man sich das heute wünschte. Susanne Memarnia unterhält sich darüber mit Savoy auf den Berlin-Seiten der taz. Hier der Hintergrund. Außerdem in der heute mal wieder unerschöpflichen taz ein Gespräch mit dem Archäologen Bernhard Heeb, der im Auftrag der Stiftung Preußischer Kulturbesitz versucht, die Herkunft von 1.200 menschlichen Schädeln aufzuklären -  ein Teil der noch größeren "Luschan-Sammlung". In der Jungle Word stellen Irene Eidinger und Josefine Haubol die Frage, die die Erinnerung an den Holocaust aussehen soll, wenn die letzten Zeugen gestorben sind.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.09.2019 - Geschichte

Zur Zeit wird in Berlin über ein Denkmal für die Opfer des deutschen Überfalls auf Polen diskutiert. Aber am Askanischen Platz, wo es stehen soll, ist noch viel Platz. Warum nicht dort auch ein Museum des Zweiten Weltkriegs errichten, schlägt der Historiker Norbert Frei in der SZ vor. Das gibt es in ganz Deutschland noch nicht. Dort könnte man ohne - ohne eine Nationalisierung des Erinnerns - "all das Leid und Unrecht dokumentieren, das mit dem Überfall auf unsere polnischen Nachbarn nur begann". Denn, so Frei,  "die deutsche Okkupation in Polen [umfasste] nur einen Vorschein dessen, was nationalsozialistische Großraumplaner für später ins Auge gefasst hatten. Emblematisch für den perspektivischen Wahnsinn des deutschen Rassenimperialismus steht der noch immer wenig bekannte Generalplan Ost, ohne den auch die Besatzungspolitik in Polen nicht zu verstehen ist."

Der Spiegel stellt einen Text Niklas Franks frei online, der großes Aufsehen erregte. Frank, 80,  ist der Sohn Hans Franks, des Generalgouverneurs Hitlers im besetzten Polen also. Und Niklas Franks Text beginnt mit einem finsteren Satz: "Obwohl ich gegen die Todesstrafe bin, habe ich sie meinem Vater immer gegönnt." In der Folge legt Frank dar, warum er die AfD für Wiedergänger der Nazis hält. Und das deutsche Volk für einen Wiedergänger des deutschen Volks: "Hitler baute eine furchtbare Diktatur auf. Das deutsche Volk wehrte sich nicht. Für mich ist klar, warum: Unter den 80 Millionen Deutschen damals und heute waren und sind allenfalls 20 Millionen echte Demokraten, von denen sich höchstens Hunderttausend aktiv für die Demokratie einsetzen. Die übrigen Demokraten grummeln abgeschlafft daheim vor sich hin. Folge: Die schweigende Mehrheit von rund 60 Millionen Deutschen würde sich gegen eine AfD-Diktatur nicht wehren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.09.2019 - Geschichte

In der NZZ erinnert Ulrich Schmid daran, dass Israel bis heute den osmanischen Genozid an den Armeniern nicht anerkannt hat, trotz erklärter Solidarität mit den Armeniern. Der Grund ist wohl hauptsächlich wirtschaftlicher Natur, vermutet Schmid: "Hinter der Nebelwand der Hasstiraden lassen Israel, die Türkei und Aserbaidschan nämlich verschämt und diskret so manche Blumen blühen, merkantile, diplomatische, kulturelle. In den Neunzigern modernisierte die Türkei ihre Streitkräfte mit israelischen Waffen, Panzern, Jets und Drohnen. Noch augenfälliger sind die israelischen Verbindungen zu Aserbaidschan. Rüstungsgüter im Wert von 4,85 Milliarden Dollar aus Israel habe sein Land importiert, sagt Präsident Alijew. Natürlich ist die Nichtanerkennung des armenischen Genozids auch ein Signal an die gesamte muslimische Welt, mit der Israel solide Handelsbeziehungen unterhält. Die Armenier finden das alles höchst bedauerlich."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.09.2019 - Geschichte

Auf Zeit online erzählt die gebürtige Magdeburgerin Annett Gröschner, wie überrascht sie war, ausgerechnet bei einer Veranstaltung im weißrussischen Minsk zum ersten Mal von der europäischen Bedeutung des Magdeburger Rechts zu hören (die gerade auch durch eine Ausstellung gewürdigt wird). "Das Magdeburger Recht hatte sich gegen Ende des 12. Jahrhunderts aus einem Markt- und Kaufmannsrecht entwickelt und gilt als Baustein des modernen Europas, weil es die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Rechtsordnungen entscheidend mitgeprägt hat. Sein Erfolg lag auch daran, dass es nicht festgeschrieben war. Es gab nicht - wie heute üblich - eine konkrete Kodifikation, sondern war ein 'im Einzelfall sehr variables Konglomerat von Normen und Rechtsvorstellungen'. ... Mit den Stadtgründungen verbreitete es sich bis weit nach Osteuropa. Rund 1.000 Städte wandten es an, darunter Breslau, Krakau, Vilnius, Buda und Kiew. Westlichster Ort war Quedlinburg im Harz, östlichster Charkiw in der Ukraine."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2019 - Geschichte

In Berlin wird über einen Mietendeckel diskutiert, der aktuelle Mieten zum Teil stark reduzieren würde. Schon in der DDR wurden die Mieten künstlich niedriggehalten. Die Verteilung von Wohnungen war Sache der Ämter. Und das wirtschaftliche Missverhältnis belastete nicht nur die DDR, sondern nach der Wende auch die neuen Länder, schreibt Hubertus Knabe in seinem Blog: "Die auseinanderklaffende Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben machte es erforderlich, die Wohnungswirtschaft in der DDR immer stärker zu bezuschussen. Mit 16 Milliarden Mark lagen die Subventionen 1988 bereits mehr als fünfmal so hoch wie 1970. Die Deckungslücke musste durch immer höhere Kredite der DDR-Staatsbank geschlossen werden. Trotz eines großzügigen Schuldenerlasses im Jahr 1993 lasten dadurch bis heute riesige Altschulden auf den kommunalen Wohnungsunternehmen und Genossenschaften im Osten. Allein in Mecklenburg-Vorpommern betragen diese derzeit rund 520 Millionen Euro."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.08.2019 - Geschichte

In der NZZ klinkt sich der Politikwissenschaftler Eckhard Jesse in die Debatte um die Rolle der DDR-Bürgerrechtler ein und betont vor allem, wie konträr sie zu allen heutigen Kategorien standen. Sie glaubten nicht an den Westen oder den Kapitalismus, sondern an einen Dritten Weg, eine nationale DDR-Identität und die Reformierbarkeit des Systems: "Die Geschichte der politisch alternativen Kräfte in der DDR ist eine Geschichte voller Paradoxien. So strebten sie eine Reform der DDR an, bewirkten aber eine Revolution. Die ostdeutschen Dissidenten wahrten größere Distanz zum Westen als etwa solche in Polen und der Tschechoslowakei; nach außen bewiesen sie Mut, nach innen offenbarten sie mehrheitlich ideologische Anpassungsbereitschaft. Das Verhalten der 'Normalbürger' fiel dagegen spiegelverkehrt aus: Äußerlich angepasst, waren sie innerlich renitent. Durch den Fall der Mauer standen jene, die am SED-System öffentlich Kritik geübt hatten, plötzlich an der Seite ihrer einstigen Gegner - ungeachtet ähnlicher Ziele blieben die beiden Gruppen sich aber doch fremd."
Stichwörter: Bürgerrechtler, DDR, Wende

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.08.2019 - Geschichte

Achtzig Jahre Hitler-Stalin-Pakt. Achtzig Jahre Kriegsbeginn. Achtzig Jahre Zerstörung Polens.  Und in Deutschalnd, das sich seiner Vergangenheitsbewältigung rühmt, kräht kein Hahn danach, konstatiert Stephan Lehnstaedt in der taz: "Es gibt in Deutschland keine offizielle Veranstaltung von Bundestag oder Bundesregierung. Einzelne zivilgesellschaftliche Initiativen führen lokale Aktionen durch, es gibt vereinzelt Podiumsdiskussionen, und auch manche Gedenkstätte wird tätig. Mehr oder weniger ist damit allerdings die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Kriegsbeginn abgehakt, denn tatsächlich findet hierzulande aus diesem Anlass keine einzige Konferenz statt. Der 'Polenfeldzug' ist sogar für deutsche Historiker*Innen kein Thema mehr."

Auf der Westerplatte soll ein Museum entstehen, das an jene Woche im September 1939 erinnert, als 217 polnische Soldaten auf der kleinen Halbinsel die Angriffe der Deutschen erfolgreich abwehrten, schreibt Florian Hassel in der SZ. Zuständig soll Mariusz Wojtowicz-Podhorski sein, patriotischer Militärfan und Hobbyhistoriker, der auch Führungsmitglied des umstrittenen Weltkriegsmuseums ist (Unsere Resümees): "Dort hat Paweł Machcewicz, der im April 2017 entlassene Gründungsdirektor und Co-Autor der Ausstellung des Weltkriegsmuseums, bis heute '18 tendenziöse Änderungen oder gar Fälschungen unserer Ausstellung' gezählt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.08.2019 - Geschichte

Dass es in Berlin ein Mahnmal geben sollte, das an die Zerstörung Polens durch den Hitler-Stalin-Pakt und durch die deutschen Truppen erinnert, steht für den in der FAZ schreibenden Historiker Felix Ackermann außer Frage. Er will aber mehr - ein Dokumentationszentrum, das die Nazipolitik als einen innereuropäischen Kolonialismus darstellt und das darum im Stadtschloss richtig verortet wäre: "Hat sich an Rhein und Spree jemals ein Verständnis dafür durchgesetzt, dass deutsches Großmachtstreben eine Form innereuropäischen Kolonialismus war, der letztlich auch das Ende des Deutschen Reiches verursacht hat? An der seit Jahren geführten Debatte um die zukünftigen Inhalte des Berliner Schlosses kann man wie unter dem Brennglas verfolgen, dass das Erbe des Kolonialismus in Deutschland noch immer vor allem mit dem Streben nach Überseekolonien und dem Kunstraub jenseits Europas assoziiert wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.08.2019 - Geschichte

In der FR erinnert Arno Widmann an den Hitler-Stalin-Pakt, der heute vor achtzig Jahren unterschrieben wurde. Und Birgit Holzer besucht das zum 75. Jahrestag der Befreiung von Paris eröffnete Musée de la Libération in Paris. Und noch einmal Arno Widmann, der erzählt, wie die Christen das Konzept des Gottesstaates als Ersatz für das untergegangene Rom entwickelten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.08.2019 - Geschichte

Der vor achtzig Jahren geschlossene Hitler-Stalin-Pakt werde bis heute in der Geschichtsschreibung unterschätzt und löse ein eigenartiges Unbehagen aus, schreibt die Historikerin (und Autorin zum Thema) Claudia Weber in der NZZ, als sehe man den Krieg lieber als die Konfrontation zwischen Nazis und Kommunisten,  die dem Pakt folgte: Aber "der Hitler-Stalin-Pakt gehört in die Mitte des europäischen Kriegsgeschehens. Denn das 'Dritte Reich' besetzte Frankreich, die Benelux-Staaten und Teile Skandinaviens im Frühjahr 1940 während und aufgrund des Bündnisses mit Moskau. Die sogenannten Blitzkriege und der aus ihnen hervorgehende Mythos von der deutschen Unbesiegbarkeit wären ohne den Pakt, der einen Zweifrontenkrieg verhinderte, nicht möglich gewesen."

Rudolf Hermann erinnert in diesem Kontext an die Menschenkette von Tallinn bis Vilnius, mit der die baltischen Länder am 23. August 1989 - also lange vor dem Mauerfall - an den Pakt erinnerten.

Frank Herold macht im Tagesspiegel klar, dass sich die Zeitgenossen der vollen Katastrophe des Paktes noch nicht einmal beewusst waren: "Was zu diesem Zeitpunkt außerhalb des Kremls und der Berliner Schaltzentralen niemand weiß: Dies ist nicht bloß ein Nichtangriffspakt zwischen zwei Staaten, wie es ihn zu diesem Zeitpunkt einige in Europa gibt. Das ist nur der offizielle Teil. In einem geheimen Zusatzprotokoll enthält der Hitler-Stalin-Pakt faktisch die Verabredung zur Vernichtung Polens und der baltischen Staaten sowie zur Teilung Osteuropas in geopolitische Interessensphären."

Der Hitler-Stalin-Pakt war nicht die erste Manifestation deutsch-russischer Zugetanheit - und nicht die letzte, schreibt Richard Herzinger in der Welt: "Die Furcht, man könne Moskau provozieren, führte die Bundesregierung etwa dazu, 2008 die von den USA gewünschte Aufnahme Georgiens und der Ukraine in das Militärische Aktionsprogramm der Nato zu torpedieren. Der Kreml beantwortete dieses vorauseilende Entgegenkommen mit der Invasion Georgiens 2008, mit der Krim-Annexion 2014 und dem verdeckten Einmarsch in die Ostukraine im selben Jahr."