9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2020 - Geschichte

Weiter geht's mit der späten Korrektur an den Ehren der Benennung. An der Charité sollen Wege nicht mehr nach dem Nazi Karl Bonhoeffer (nicht zu verwechseln mit seinem Sohn Dietrich) benannt werden, berichtet Susanne Memarnia in der taz: "Weit prominenter ist der Fall Ferdinand Sauerbruch, seit der Weimarer Zeit Deutschlands bekanntester Chirurg und allseits verehrter 'Halbgott in Weiß'. Ein Mythos, der bis heute durch Arztfilme und Serien (zuletzt: 'Charité') gepflegt wird und eine andere Seite Sauerbruchs ziemlich vernachlässigt: seine zutiefst deutschnationale Überzeugung, die ihn ab 1933 mehrfach zu öffentlichen Bekenntnissen für den Nationalsozialismus und seinen 'Führer' getrieben hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.02.2020 - Geschichte

Der Blick der Briten auf den Zweiten Weltrkieg ist nuancierter geworden, sagt der Historiker Sinclair McKay, der ein Buch über die Bombardierung Dresdens geschrieben hat, im Gespräch mit Jochen buchsteiner in der FAS, "auch weil wir heute so viel mehr wissen. Die britische Geschichte wurde uns sehr lange präsentiert als der triumphale Sieg des Guten über das Böse. Selbst Schulkinder haben den Krieg nachgespielt. Aber Dresden ist ein fürchterlicher moralischer Makel und hat die Briten immer verfolgt. Jeder ist noch heute gespalten darüber. In Dresden ging es nicht um die Guten gegen die Nazis. Da lebten Kinder, die ihre Karnevalskostüme trugen, Großeltern, Juden, Flüchtlinge. Sie alle lebten unter diesem Terrorregime."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2020 - Geschichte

Heute jährt sich die Bombennacht von Dresden zum 75. Mal. Im Tagesspiegel erklärt der Historiker Johannes Schütz, wie die Rechten das Ereignis seit der Wende politisch instrumentalisieren: "Es gab massive Aufmärsche von Rechtsextremen, zeitweise den größten Aufmarsch in ganz Europa. Sie stellten die Bombardierung Dresdens als Kriegsverbrechen der Alliierten dar, um die deutsche Schuld zu relativieren. Von der Stadtgesellschaft wurde das lange nicht als Gefahr erkannt, weil die Aufmärsche ja als Opfergedenken daherkamen. Dann fingen linke Gruppen an, diese Aufmärsche immer massiver zu stören."

Weitere Artikel: Im SZ-Interview erinnert sich Gerhart Baum an die Dresdner Bombennacht.
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.02.2020 - Geschichte

Schon ziemlich bald nach dem Mauerfall gab Russland die Idee der Vergangenheitsbewältigung auf und unterstellte die Geschichte wieder der Politik, schreibt der Historiker Jan Claas Behrends bei libmod.de: "Kaum jemand wollte erfahren, wie der Fleischwolf genau funktionierte, durch den die russische Gesellschaft für Jahrzehnte gedreht wurde. Die Verstrickungen waren komplex. In derselben Familie konnte es Täter und Opfer geben, die eigene Biografie konnte zugleich die eines Täters und Opfers sein. Deshalb fokussierte sich die staatliche Geschichtspolitik bereits unter Boris Jelzin auf das eine Ereignis, im dem die Rollen klar verteilt schienen: der Zweite Weltkrieg oder in sowjetischer Diktion, der 'Große Vaterländische Krieg'. Hier gab es Invasoren und Befreier, Verteidiger der Heimat kämpften gegen ruchlose Kriegsverbrecher. Außerdem verschwand hinter dem Heroismus der Terror der dreißiger Jahre."
Stichwörter: Geschichtspolitik

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.02.2020 - Geschichte

Gedenkstätten und Museen, die der Erinnerungen an die Verbrechen der Nazis gewidmet sind, werden immer häufiger mit Besuchern konfrontiert, die diese Verbrechen klein zu reden versuchen, erzählt Jens-Christian Wagner, Leiter der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen, im Interview mit der SZ. Seiner Ansicht nach haben die "ständigen geschichtsrevisionistischen Provokationen aus den Reihen der AfD" das Klima verändert: "Das sind in der Regel gezielte Versuche, den Gedenkstätten-Besuch für geschichtsrevisionistische Provokationen zu missbrauchen. Es wirkt oft, als wäre das mit ungesundem Halbwissen gezielt vorbereitet worden. Es geht solchen Besuchern darum, eine Gruppenführung durch die Gedenkstätte zu stören oder die Diskurshoheit zu erlangen. Das geschieht sehr viel häufiger als früher, aber es ist nicht die tägliche Regel. Es geht von einer Minderheit aus, aber diese Minderheit wird lauter, größer und aggressiver."

In der NZZ erinnert die Slawistin Renate Lachmann daran, dass die Existenz der ersten Gulags in der Sowjetunion im Westen oft geleugnet wurde. In Russland wurde die eigene Gewaltgeschichte nie aufgearbeitet: "Aber nicht nur Verleugnung und Rechtfertigung, sondern auch die generelle Weigerung, sich konkretes historisches Wissen über den Stalinismus anzueignen, lassen das Ziel unerreichbar erscheinen, ein gesellschaftliches Bewusstsein für das Geschehen zu schaffen und einen Gedächtnisraum für den die russische Geschichte so stark belastenden Abschnitt zu öffnen. Die Versuche, Entdeckungen von Massengräbern und Erschießungsstätten publik zu machen und eine historische Erfassung des Lagergeschehens zu ermöglichen, werden von Memorial gleichwohl nicht aufgegeben, ebenso wenig wie die Tradition von Gedächtnisveranstaltungen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2020 - Geschichte

Daran, dass sich der Hohenzollern-Prinz Wilhelm den Nazis "anbiederte", hat der Historiker Hans-Christof Kraus in der NZZ keinen Zweifel. Dennoch fordert er ein wenig "sachliche historische Analyse" in der Debatte und fragt: "Wie bedeutend konnte denn das 'symbolische Kapital' sein, das die Herrscherfamilie um 1932/33 - in einer Zeit, in der die meisten Deutschen gegen den drohenden sozialen Abstieg ankämpfen mussten - noch aufbrachte? Schon vor dem Ersten Weltkrieg war das Ansehen der Hohenzollern gesunken; die Anhänger der seit 1912 stärksten deutschen Partei, der Sozialdemokratie, gehörten gewiss nicht zu ihren Bewunderern, und die SPD-Reichstagsfraktion weigerte sich sogar, an den Parlamentseröffnungen im Berliner Schloss mit der üblichen Thronrede des Kaisers teilzunehmen - selbst noch nach Kriegsbeginn im August 1914."

Der Historiker Rüdiger Graf untersucht in der FAZ, wie republikanische Politiker und Presse um 1930 auf Nazis und Kommunisten reagierten und stellt fest, dass sie den entfesselten Emotionen mit Herablassung und Vernunftargumenten begegneten - eine Sackgasse, wie er meint: "Die Entgegensetzung von Vernunft und Irrationalität mag eine zutreffende Lagebeschreibung sein, 1930 oder auch heute. Aus ihr folgt aber weder ein adäquates Verständnis des politischen Gegners noch eine wirksame politische Strategie. Die Leugner des anthropogenen Klimawandels mit physikalischen Einsichten zu konfrontieren ist ungefähr so effektiv, wie jungen Nationalsozialisten im Jahr 1930 erklären zu wollen, dass die Welt nicht von 56 amerikanischen und 13 europäischen Bankern kontrolliert wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.01.2020 - Geschichte

Die Gedenkfeier in Yad Vashem zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz war in mehrerer Hinsicht höchst problematisch, schreibt Richard Herzinger im Perlentaucher. Sie nützte vor allem Putins Geschichtsrevisionismus. "Jetzt werden wir Zeugen einer Instrumentalisierung, die das Gedenken an die Shoa keineswegs negiert oder zu minimieren versucht, sondern sogar aktiv hochhält, es aber so umdeutet, dass es sich nahtlos in die jeweils eigene nationale Heldengeschichte fügt. Putin geht hier mit kalter Systematik voran. In Yad Vashem setzte er unwidersprochen die verbrecherische Dimension der Belagerung Leningrads mit der des Holocaust gleich und unterstrich damit, dass er den Opferstaus der Völker der einstigen Sowjetunion ebenso wie den Heroismus ihres gemeinsamen Sieges über Hitler-Deutschland alleine für Russland beansprucht."

Gestern fand im Bundestag eine Anhörung zum Ausmaß der kaum zu bestreitenden Begeisterung der Hohenzollern für die Nazis statt. Von dieser Begeisterung hängt ab, wie legitim die Entschädigungsforderungen der Familie sind, berichtet Andreas Fanizadeh in der taz: "Der wunde Punkt der aktuellen Debatte dürfte nach Auffassung der Partei die Linke vielleicht auch in der Vergangenheit der Bundesrepublik zu suchen sein. Der Abgeordnete Jan Korte deutete dies an. Im Westen wurden die an den Verbrechen nachweislich beteiligten Familienclans und Dynastien nach 1945 nicht oder nicht immer konsequent genug bestraft, deren Vermögen auch kaum eingezogen. Die Hohenzollern können heute im Bundestag auf erstaunlich entschiedene Befürworterinnen zählen. Am Mittwoch besonders auf die Wortführerin der CDU im Kulturausschuss, Charlotte Motschmann, geborene Baronesse von Düsterlohe."

Den wichtigsten Auftritt hatte Christoph Maria Vogtherr, Leiter der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten teilnahm, schreibt Jens Bisky in der SZ: "Die Würdigkeitsfrage nach dem Ausgleichsgesetz betreffe nur einen Teil der Objekte, etwa ein Drittel. Daneben gebe es Kunstwerke von der sogenannten '19er Liste'. Für diese war Mitte der Zwanzigerjahre im Zuge der Vermögensauseinandersetzung ein Vorkaufsrecht des Staates vereinbart worden, der auch 16 Positionen ankaufte, was nach dem Krieg vergessen war, sodass etwa, wie der Kunsthistoriker Guido Hinterkeuser bereits vor Jahren nachwies, Watteaus Gemälde 'Einschiffung nach Kythera' ein zweites Mal angekauft wurde."

"Zwei Haltelinien sollten die staatlichen Verhandler ganz klar ziehen", fordert indes Hans Monath im Tagesspiegel: "Eine wie immer geartete Mitsprache der Hohenzollern bei der Darstellung ihrer Geschichte in öffentlichen Institutionen muss ausgeschlossen bleiben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.01.2020 - Geschichte

Im Berliner Abgeordnetenhaus ist eine Menge los. Heute wird dem ehemaligen Reichspräsidenten und Hitler-Installierer Hindenburg die Ehrenbürgerschaft aberkannt, berichtet Bert Schulz in der taz. In Hamburg habe man sich dagegen entscheiden und beschlossen, besser über historische Persönlichkeiten zu informieren: "In Berlin ist dies keine Option. 'Die Aberkennung ist eine Entscheidung mit Symbolcharakter', sagte Regine Kittler (Linkspartei) der taz. Auch heute gehe es wieder um den Schutz der Demokratie gegen erstarkte rechte Parteien und Nationalisten. Und: Man könne die Bewertung historischer Personen nicht abkoppeln von deren aktueller Bedeutung - ein Argument gegen die These, dass Hindenburg 1948 offenbar noch als verdienstvoller Mensch angesehen wurde und man das doch nicht im Nachhinein korrigieren sollte." Hm, wer war denn alles so Ehrenbürger in "Berlin - Hauptstadt der DDR"?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.01.2020 - Geschichte

Die Äußerungen Lukas Bärfuss' zur deutschen und zur schweizerischen Geschichte sind in letzter Zeit immer für Debatten gut (siehe unser gestriges Resümee). Ende Dezember hat er der Republik ein Interview gegeben, das in Deutschland (auch vom Perlentaucher) unbemerkt blieb. Die Republik-Kolumnistin Mely Kiyak gibt zu, dass sie in dem Interview einiges gelernt hat: "Entschuldigung, aber Kurt 'Die Sachsen sind immun gegen Rechtsextremismus' Biedenkopf, ehemaliger Ministerpräsident von Sachsen, war der Schwiegersohn von Fritz Ries? Jenem Industriellen, der sein Vermögen mit Zwangsarbeitern in Auschwitz machte und nach dem Krieg behalten durfte? Und mit diesem Geld finanzierte er nach 1945 die Union? Ich meine, das ist doch irre. Das Startkapital der Christlich-Demokratischen Union kam auf dem Rücken von gefangenen und gefolterten Juden zustande?"

Götz Aly lobt in der Berliner Zeitung die Klarheit der Rede Frank-Walter Steinmeiers in Yad Vashem: "Er mied die Wörter Hitler, Diktatur, NS-Regime, Ideologie, Machthaber, Rassenwahn, Weltanschauungskrieger. Warum verzichtete er auf alle diese unter Journalisten, Historikerinnen und Moderatorinnen, Gedenkpädagogen und Schulbuchautoren so hochbeliebten Distanzformeln? Die Antwort ist einfach. Alle diese Begriffe dienen dazu, sich um das zentrale unbeantwortete Problem herumzudrücken: Wie konnte ein ganzes Volk, und zwar das deutsche, derart tief sinken?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2020 - Geschichte

Die FAZ veröffentlicht die Rede Ronald S. Lauders, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, die er zum gestrigen Gedenktag in Auschwitz gehalten hat. Wo die Schuld für den Holocaust liegt, ist klar. Aber es gab auch ein Wegsehen der anderen Länder, das Lauder ebenfalls thematisiert: "Im Juli 1938 organisierten die Vereinigten Staaten eine Konferenz in Evian, auf der über die Krise der jüdischen Flüchtlinge beraten werden sollte. Viele schöne Reden wurden gehalten, doch die Vereinigten Staaten nahmen keine weiteren jüdischen Flüchtlinge mehr auf. Die anderen Konferenzteilnehmer schlossen sich an. Zweiunddreißig Staaten waren vertreten, und keiner half den Verzweifelten - mit Ausnahme der kleinen Dominikanischen Republik."