Als "feuilletonistische Abnormität" hat Thomas Mann Adalbert Stifters 1867 entstandene Prosa "Aus dem bairischen Walde" bezeichnet, und das war als großes Kompliment gedacht. Das Spätwerk des österreichischen Schriftstellers hebt sich in seiner zunehmend radikaler werdenden Form von der früheren Prosa ab. Es hat Adalbert Stifter von den Lesern seiner Zeit isoliert, ihn für die Lektüre nachfolgender Generationen aber gewonnen. Als Inbegriff modernen Erzählens, das sich der zeitgenössischen Verpflichtung zum Realismus entzieht, gilt Stifters späte Prosa, die hier in einer klar konturierten Auswahl vorliegt. Sie zeigt den Autor als Avantgardisten der Wahrnehmung, als einen, den das, was heute gemeinhin als 'Plot' bezeichnet wird, nicht mehr wirklich interessiert.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.09.2012
Stifters hier versammelte späte Erzählungen eröffnen Wolfgang Schneider ein Konvolut der Rätselhaftigkeit. Schneider merkt nicht nur, wie viel Thomas Bernhard diesem Stifter zu verdanken hat, den komödiantischen Verzweiflungston, das rhythmisch Repetitive, er versteht auch, wie schwer es der Autor seinem Verleger gemacht haben muss, indem er die realistische Abbildfunktion kurzerhand über Bord warf und gesellschaftliche wie kunstreligiöse Unmöglichkeiten parodistisch formelhaft ausstellte. Hier nachzulesen in Texten wie dem titelgebenden oder "Der fromme Spruch". Leben und Reden als Tautologie, Ordnungszwangprosa, wie es Schneider fasst. Und dann merkt er doch auch, zu welchem Zweck: Als Schutzwall des Autors und seiner Gestalten gegen das Schreckliche und Verstörende.
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