Aus dem Französischen von Christine Landgrebe. Die Vier-Millionen-Metropole Abidjan an der Elfenbeinküste, heute: Der junge Arzt Marco hat es geschafft. Er hat eine erfolgreiche Karriere, seine stolze Mutter liebt ihn über alles, mit seiner Ehefrau Linda hat er die gemeinsame Tochter Anastasia großgezogen. Doch die Fassade bröckelt. Denn sie fußt auf Traumata, Verdrängung und dem Korsett gesellschaftlicher Zwänge. Als Marco nach Jahrzehnten der Selbstverleugnung beschließt, seine unterdrückte Homosexualität auszuleben, gerät seine von Disziplin und äußerem Erwartungsdruck zusammengehaltene Welt aus den Fugen. Nicht nur werden ihm schlagartig die Versäumnisse seines bisherigen Lebens klar, die Entscheidung hat auch prompte Reaktionen auf Seiten von Mutter und Ehefrau zur Folge. Beide sehen sich in ihrer Existenz bedroht und auf Unterdrückungserfahrungen aus der eigenen von Zwangsehe, Beschneidung und patriarchaler Willkür gezeichneten Vergangenheit zurückgeworfen. Die Situation eskaliert, als Anastasia auf die Situation mit einem perfiden Plan reagiert. In "Die Frauen seines Lebens" legt Ahepka Yves Moïse N'Guessan anhand der Biografien seiner Protagonist*innen die Wunden der von Kolonialzeit, Bürgerkrieg und politischen Krisen geprägten Gegenwart der Elfenbeinküste offen. Der unfreie Umgang mit dem Thema Homosexualität wird dabei zum Sinnbild einer Kultur, die zwischen Tradition und Fortschritt, Aufbruch und Stillstand feststeckt. Zwar sind homosexuelle Handlungen in dem afrikanischen Land - anders als bei den Nachbarn Liberia und Ghana - nicht gesetzlich verboten, dennoch werden sie von der Mehrheit der ivorischen Gesellschaft abgelehnt.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 23.05.2024
Der Roman des ivorischen Schriftstellers Ahepka Yves Moise N'Guessan beginnt damit, dass sein Protagonist, Mitte vierzig und verheiratet, sich von seiner Frau mit einem deutlich jüngeren Mann im Bett erwischen lässt, erzählt Rezensent Marko Martin, und so stürzen einige sorgsam gepflegte Fassaden in der Familie ein. Marco wusste früh, dass er schwul ist, hatte aber dennoch eine Frau aus dem Dorf geheiratet und mit ihr eine Tochter gezeugt: Zum einen wegen seiner besorgten, christlichen Mutter, zum anderen, um der Familie eine bessere Zukunft zu ermöglichen, erfahren wir. Martin blickt in diesem Roman auf zahlreiche Tabus und unausgesprochene Erwartungen: Ein Buch, das ohne Happy End auskommt und "so subtil wie existenziell erschütternd" ist, schließt der Kritiker, der dem Autor "literarische Kunst" und "ethische Stärke" attestiert.
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