Gemeinsinn
Der sechste, soziale Sinn

C.H. Beck Verlag, München 2024
ISBN
9783406821868
Gebunden, 262 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
Die gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Debatten sind von schroffen Alternativen geprägt: Brauchen wir universale Werte, oder müssen die Eigenarten unterschiedlicher Nationen und Kulturen anerkannt werden? Ist die Linderung von Not eine Sache des zivilgesellschaftlichen Engagements, oder befestigt man damit ungerechte Strukturen, die nur der Staat ändern kann? Aleida und Jan Assmann zeigen, dass solche Fragen falsch gestellt sind. Denn wir brauchen beides: universale Werte und den Respekt vor kollektiven Identitäten. Und zivilgesellschaftliches Engagement ist sehr wohl in der Lage, Strukturen zu verändern. Auf der Spur von Schlüsselbegriffen wie Solidarität, Brüderlichkeit, Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe, Empathie und Respekt und in der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Menschenbildern und Beziehungsstrukturen innerhalb und außerhalb Europas bestimmen sie neu, was Gemeinsinn sein kann. Sie fragen nach den Grundlagen einer demokratischen politischen Kultur und zeigen die Wirkungskraft von Gemeinsinn konkret an ermutigenden Beispielen von Schwimmbädern und Stolpersteinen bis hin zu Aufräumaktionen und Tafeln.
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Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 13.12.2024
Rezensentin Catherine Newmark liest den von Aleida Assmann und Jan Assmann gemeinsam verfassten Band mit Interesse. Auch wenn manches darin ihr etwas kursorisch erscheint, findet sie das Buch aktuell und wichtig. Die Autoren versuchen sich an einer Begriffsbestimmung und erläutern, was Gemeinsinn ihrer Meinung nach ausmacht und was ihn gefährdet. Historische und aktuelle Beispiele bis hin zur Tafelbewegung werden mit philosophischen Klassikern abgeglichen und mit destruktiven Denktraditionen wie bei Carl Schmitt oder den Identitären konfrontiert, erklärt Newmark. Für die Rezensentin ein durchaus inspirierendes Buch.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 21.11.2024
Rezensentin Elisabeth von Thadden empfiehlt, den Impuls zu unterdrücken, ein Buch über einen vermeintlichen Allgemeinplatz wie den Gemeinsinn, rasch beiseite zu legen. Denn was Aleida und Jan Assmann hier vorlegen ist laut Thadden ein hochgradig relevantes Buch darüber, wie wir gerade in Zeiten des grassierenden Trumpismus in Demokratien friedlich zusammenleben können. Die Assmanns mobilisieren zu diesem Zweck, heißt es weiter, die Kulturgeschichte, lesen wir, die greifen den Gedanken des Verfassungsrechtlers Wolfgang Böckenförde auf, der argumentiert, dass die Demokratie durch kollektive Werte gestützt werden muss, beschränken sich bei deren Grundierung jedoch nicht, wie Böckenförde, auf die in der europäischen Aufklärung und dem Christentum verorteten Traditionen. Stattdessen docken sie unter anderem bei Eva Illouz und deren Gedanken zu kollektiven Gefühlen an, exemplarisch geht es etwa um das französische Ideal der Brüderlichkeit, das sich im empathischen Umgang mit Flüchtlingen beweist. Historisch lässt sich dies, lernt Tadden von den Assmanns, bis zu Aristoteles zurückführen. Das Buch läuft, schließt die Rezensentin, auf die Verteidigung der Idee der Menschenrechte zu, die, nicht nur hier ist Tadden einer Meinung mit den Autoren, unbedingt notwendig sind für ein friedliches Zusammenleben.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.10.2024
Rezensent Uwe Justus Wenzel sucht mit Aleida und Jan Assmann nach den Umrissen des Gemeinsinns, nach Beispielen für gemeinsinniges Handeln, vom Stolperstein-Erfinder Gunter Demnig bis zu japanischen Fußballfans, die hinter sich aufräumen, und nach Antworten auf die Frage, wie Gemeinsinn die Demokratie befördert. So richtig scharf wird der Begriff auch durch die Erkundung von Menschenbildern, Menschenrechten, Streit- und politischer Kultur nicht, wie sie die Autoren unternehmen. Das könnte in der Natur des Gemeinsinnbegriffs selbst liegen, mutmaßt der Rezensent. Viel mehr als eine (mitunter sehr nah an Böckenförde angesiedelte) Suchbewegung scheint ihm hier nicht vorzuliegen, doch die findet er immerhin lesenswert.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 12.10.2024
In ihrem letzten gemeinsamen Buch vor Jan Assmanns Tod beschäftigen sich die Kulturwissenschaftler Jan und Aleida Assmann Rezensentin Marie Schmidt zufolge mit dem Gemeinsinn. Sie wenden sich, erfahren wir, gegen eine Traditionslinie, die sie mit Carl Schmitt in Verbindung bringen, dessen Theorie stets von Freund-Feind-Schablonen ausging. Die Assmanns halten sich lieber an Karl Löwitsch und dessen Idee einer dialogischen Vergesellschaftung, beschreibt Schmidt, eine Theorie, die geeignet ist, Partikularismus und Universalismus miteinander zu versöhnen. Aus dieser Perspektive ist auch der vermeintliche Gegensatz zwischen Identitätspolitik und Menschenrechten keiner, lernt Schmidt von den Autoren, vielmehr gilt es, beidem eine Berechtigung zuzuweisen. Insgesamt scheint die Rezensentin dieser Idee gewogen zu sein.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 24.09.2024
Rezensent Günter Kaindlstorfer liest das letzte gemeinsame Buch des geisteswissenschaftlichen Dream-Teams Aleida und Jan Assmann mit Gewinn. Warum Gesellschaften, die auf das Gemeinwohl setzen, erfolgreicher und vor allem glücklicher sind, buchstabieren die Autoren laut Rezensent aus, indem sie u. a. Aristoteles befragen, sich gegen Carl Schmitt und den "Gemeinnutz" der Nazis positionieren und sich für den selbstbewussten, solidarisch agierenden Bürger erwärmen. Das Buch ist philosophisch, erklärt Kaindlstorfer, und es kommt auch mittels Rückschau auf die von Konkurrenz geprägten Yuppie-Jahre zu dem Schluss, dass wir besser gemeinsinnig handeln.