Heute erscheint uns die Existenz von Verfassungen selbstverständlich, beinahe jeder moderne Staat hat eine geschriebene Verfassung. Doch der Weg zum demokratischen Verfassungsstaat war steinig und von Rückschlägen begleitet. Ausgehend von der Amerikanischen Revolution und der Französischen Revolution, erzählt Alexander Thiele diese wechselvolle Entwicklungsgeschichte und erklärt, was den Verfassungsstaat ausmacht und auf welchen Annahmen er beruht. Dabei zeigt sich: Die Kämpfe um Emanzipation und Partizipation waren europaweit epochenprägend, die Vorstellung eines deutschen Sonderweges lässt sich nicht halten. Denn auch in den USA, Frankreich und Großbritannien war der Weg zur vollwertigen Demokratie lang. Und Deutschland kann - man denke an die Verfassungen des Vormärz oder das moderne Wahlrecht im Kaiserreich - auf durchaus reiche demokratische Traditionen zurückblicken. Das Projekt des demokratischen Verfassungsstaats ist nie abgeschlossen - man versteht ihn nur dann, wenn man seine Geschichte kennt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.03.2022
Mehr als Einstiegslektüre für Interessierte der deutschen Verfassungsgeschichte kann Rezensent Christoph Schönberger in Alexander Thieles Buch nicht erkennen. Für einen grundstürzenden Beitrag zur neuzeitlichen Verfassungsgeschichte fehlen der Arbeit laut Schönberger der breite Blickwinkel, der mehr als nur eine "harmonistische" Deutung zulässt, und vor allem eine gründliche internationale, vergleichende Perspektive. Allerhand Sachfehler schüren zusätzlich den Zorn des Rezensenten. Instruktive Aktualisierungen durch Seitenblicke auf Brexit, Trump, EU stimmen Schönberger milde.
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