Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers. Kann Musik uns zu besseren Menschen machen? In einem Streichquartett kommt es auf jeden Einzelnen an, aber auch auf die Beziehungen untereinander. Und die vier Freunde, die abends auf einem Hausboot in Amsterdam zusammenkommen, um zu musizieren, kennen sich schon lange. Die Musik von Mozart oder Schubert hilft ihnen, ihr Leid kurz zu vergessen, den zuweilen tristen Alltag zu erhöhen oder zumindest vorübergehend auszublenden. Doch dann holt sie die Wirklichkeit eines Tages grausam ein …
Zwischen den Zeilen erzählt Anna Enquist in ihrem neuen Roman "Streichquartett" vom eigenwilligen Verhältnis des Bildungsbürgertums zu Staat und Politik, berichtet Martin Ebel. Die Figuren gehen wie selbstverständlich davon aus, dass der Staat auf die Erhaltung ihrer Spezialinteressen, etwa der Unterhaltung kleiner Kammerorchester, eingeschworen ist, und geraten in Gegnerschaft, sobald ihre Privilegien bedroht sind, erklärt der Rezensent. Innerhalb der Zeilen ist es die Geschichte eine Ehe, die am Tod beider Söhne zu zerbrechen droht, weil Mutter Carolien sich am Schmerz um der Erinnerung willen festhält, während Vater Jochem versucht, darüber hinweg zu kommen, fasst Ebel zusammen. Und in dieser Geschichte ist die Musik ein besonderes Mittel, um mit eben dem überwältigenden Schmerz des Verlusts fertig zu werden - der Widerspruch der sichtbaren individuellen und der latenten kollektiven Erzählung macht den besonderen Reiz dieses Buches aus, lobt der Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 01.12.2015
Anna Enquists neuen Roman "Streichquartett" hat Rezensentin Kristina Maidt-Zinke gern gelesen. Die ausgebildete Pianistin und Psychoanalytikerin verbinde ihre psychologisch-realistische Schilderung von verschiedenen spannungsreichen Beziehungen der Streicher untereinander mit intelligenten Trauerreflexionen, in denen sie auch den Tod der eigenen Tochter verarbeite, informiert die Kritikerin. Beeindruckt vermerkt sie auch, wie die niederländische Autorin in ihrem in naher Zukunft spielenden Roman immer wieder sozial- und kulturkritische Botschaften unterbringt. Nicht zuletzt haben ihr die kenntnisreichen, gelegentlich klischeehaften Musikbeschreibungen im Text gefallen. Das abschließende Krimi-Szenario gerät Maidt-Zinke allerdings eine Spur zu "reißerisch".
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