Anne Tyler

Der Sinn des Ganzen

Roman
Cover: Der Sinn des Ganzen
Kein und Aber Verlag, Zürich 2020
ISBN 9783036958200
Gebunden, 224 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Michaela Grabinger. Micah Mortimer liebt Gewohnheiten, Selbstgespräche und eine ordentliche Wohnung. Jeden Tag beginnt er mit einem Morgenlauf um 7.15 Uhr, duscht, frühstückt und widmet sich anschließend geduldig den Computerproblemen seiner Kunden aus der Nachbarschaft. Nachmittags ist er im Nebenjob Hausmeister und kümmert sich um das Mietshaus, in dem er wohnt; ein paar Abende die Woche verbringt er auf der Couch seiner unkomplizierten Freundin Cass. Doch dann droht Cass die Wohnungskündigung, und sie möchte bei ihm einziehen. Und ein Teenager taucht auf, der behauptet, sein Sohn zu sein.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.07.2020

Rezensent Werner von Koppenfels mag die Durchschnittsamerikaner mit ihren Alltagsgeschichten, von denen Anne Tyler auch in ihrem inzwischen dreiundzwanzigsten Roman erzählt. In diesem Fall geht es um Micah, einen alleinlebenden Hausmeister und Computerfachmann mittleren Alters, der sich mit Selbstgesprächen und kleinen Spleens weitgehend von der Welt abschottet bis eine außergewöhnliche Begebenheit sein Leben aufmischt: Der pubertäre Sohn einer Exfreundin steht plötzlich vor Micahs Tür und sorgt für trouble, resümiert der Kritiker. Kuriose Nebenfiguren steigern das Lesevergnügen des Rezensenten - was er leider nicht von der deutschen Übersetzung behaupten kann: Offenbar "unter Zeitdruck entstanden" mangele es gelegentlich nicht nur an der Tylerschen "Prägnanz und Lakonik", meint er.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 25.05.2020

Martin Ebel empfiehlt kultivierten Zeitvertreib mit Anne Tylers Roman über einen veritablen Durschnittshelden, einen "Tech-Eremiten". Nicht eben eine überschäumende Rezension, auch kein überschäumendes Buch, scheint es, aber eins, dessen Held in seiner alltäglichen Normalität Ebel doch einnehmen kann. Arbeitsalltag, kleine Fluchten, keine allzu großen Krisen - für Ebel genug. Zumal die Autorin niemanden denunziert, stets eine gleichmäßigen Erzähltemperatur wahrt und "mit sanfter Hand" dirigiert. Das alles ist "gut erfunden" und "treffend gezeichnet", lobt der Rezensent, auch wenn er Figuren und Handlung schnell wieder vergisst.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 12.05.2020

Rezensent Thomas Winkler schätzt die "entspannte Spannung" in Anne Tylers Romanen. Mit dem neuen Buch der Autorin kommt Winkler wiederum voll auf seine Kosten, denn Tyler erzählt vom alten weißen Mann und den kleinen Krisen des Bürgertums auf gewohnt souveräne wie unspektakuläre Weise, in klarer Sprache, aber mit viel Empathie, versichert der Rezensent. Was den Helden, einen Computerfachmann, aus der Bahn wirft und wie er damit umgeht, verhandelt der Text laut Winkler so vollkommen undramatisch, dass es eine helle Freude ist.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.03.2020

Rezensentin Sylvia Staude ist neugierig, was im Kopf dieses vermeintlich langweiligen Protagonisten in Anne Tylers neuem Roman vor sich geht: Ein durch und durch unauffälliger Mann mit äußerst geregeltem Tagesablauf und Putzplan, der sich mit Zwischenmenschlichem schwer tut und plötzlich damit konfrontiert wird, dass ein junger Mann sich ihm als sein Sohn vorstellt. Dabei mache sich Tyler zwar ab und zu auch lustig über ihren Protagonisten, begegne ihm aber überwiegend "liebevoll", meint die Rezensentin. Dass die Autorin es dabei schaffe, das Interesse des Lesers für eine solche "literarisch unspektakuläre" Figur zu wecken, hält Staude für das eigentliche Kunststück des Romans und bewundert außerdem Tylers "meisterhafte" Alltagsbeschreibungen. Am Ende gilt ihre Sympathie vor allem der "fast rührenden" Anständigkeit der Figur, die ihre Pedanterie ergänzt und sie so für die Rezensentin interessant macht.