Aus dem Litauischen und mit einem Nachwort von Claudia Sinnig. Antanas Škėma (1910-1961) arbeitete sein ganzes Leben daran, das von ihm Durchlebte in Literatur zu verwandeln. Sein einziger Roman, "Das weiße Leintuch", gibt Zeugnis von seinem New Yorker Exil. Daneben sind aus allen Phasen seines Lebens literarische Stücke überliefert: Erzählungen, Skizzen, Szenen und Verdichtungen. Es sind in Blickwinkel und literarischer Gestaltung einzigartige Schlüsselszenen der Weltgeschichte: die Kindheit während des Ersten Weltkriegs und des Bürgerkriegs in der russischen und ukrainischen Provinz, Schulzeit und Studium, frühe literarische Versuche im unabhängigen Zwischenkriegslitauen sowie unter sowjetischer und deutscher Besatzung, die dramatische Flucht vor den Sowjets, das Leben als displaced person in Thüringen und Bayern und als Neuankömmling in Chicago und New York. All das spiegelt sich in facettenreichen Prosastücken. "Apokalyptische Variationen" umspielt die Verheerungen der Geschichte des 20. Jahrhunderts und den Riss, der die Existenzen durchzieht. Schreibend vergewissert sich Škėma seiner Biografie und versucht Sinn und Bedeutung in ihren Splittern aufzuspüren. Wir können lesend nachvollziehen, wie sich die Aussichtslosigkeit in seine Sprache einschreibt, wie diese immer mehr zerspringt, sich auflöst - und wie aus der sprachlichen Entgrenzung eine ganz neue Form entsteht. Claudia Sinnig greift in ihrer Übersetzung die Vielfalt von Škėmas Erzählstilen auf, schürft tief im Sprachmaterial, lotet Trauer und Dunkelheit aus und geht auch der Hoffnung und dem Vorwärtsstreben auf den Grund. Erlösung findet sich vielleicht nicht in Škėmas Leben, aber in seiner Literatur.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.02.2021
Seit der Guggolz-Verlag 2017 Antanas Skemas 1958 entstandenen autobiografischen Roman "Das weiße Leinentuch" erstmals auf Deutsch veröffentlicht hat, konnte es Rezensent Nils Kahlefendt kaum erwarten, weiteres aus der Feder des litauischen Autors zu lesen. Entsprechend glücklich nimmt der Kritiker die nun in diesem Band vorliegende, erneut von Claudia Sinnig exzellent übersetzte, zwischen 1920 und 1960 entstandene Prosa zur Hand, in der Skema ein weiteres Mal seine Kunst unter Beweis stellt, Grausamkeit und Gewalt in Literatur zu verwandeln, wie der Rezensent lobt. Kahlefendt begleitet den Autor in den oft "beklemmend" intensiven Stücken vom Aufwachsen in der jungen litauischen Republik bis in die USA, wo sich Skema den Ruf eines "litauischen Camus" erarbeitete. Er liest hier von der Vergewaltigung der Mutter im russisch-ukrainischen Krieg oder dem Kampf litauischer Partisanen gegen die Sowjets ebenso wie vom Alltag im Brooklyn der Fünfziger. Dem "schonungslosen" Sound Skemas kann sich der Kritiker auch in diesem Band nicht entziehen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 17.12.2020
Rezensent Jörg Plath ist dankbar für diese Ausgabe mit Erzählungen des litauischen Schriftstellers Antanas Skema. Der Band enthält laut Plath autobiografisch grundierte Texte aus Skemas Büchern von 1947, 1952 und 1960, vereint Geschichten über Krieg, Flucht und Großstadtblues, aber auch Surrealistisches. Wie divers der Autor hier formal und thematisch zu erleben ist, ob Skema nun über eine Kindheit in der Ukraine oder sein ärmliches und einsames Leben in New York schreibt, findet Plath erstaunlich. Moderne, apokalyptische Prosa aus Litauen, schon eine Seltenheit, meint Plath.
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