Die Denunziantin ist der erste und bislang unveröffentlichte Roman von Brigitte Reimann. Als sie ihn im Herbst 1952 beginnt, ist sie gerade neunzehn Jahre alt. Im Mittelpunkt des Jugendromans steht eine kompromisslos ihren sozialistischen Überzeugungen folgende Abiturientin, die in vielerlei Hinsicht nach dem Bild der Autorin modelliert ist. Reimann geht es darum zu zeigen, wie bedroht die damals noch im Entstehen begriffene sozialistische DDR-Gesellschaft ist und wie entschlossen darum allen destabilisierenden Kräften entgegengetreten werden muss.Die Lektoren verschiedener DDR-Verlage forderten von Brigitte Reimann immer neue Überarbeitungen des Textes, bis die Autorin nach sechs Jahren und vier Fassungen resignierte und von der Veröffentlichung des Romans Abstand nahm.Als entschlossenes Plädoyer für die Verteidigung des sozialistischen Aufbaus in der jungen DDR bildet Die Denunziantin den extremen Gegenpol zu Reimanns letztem Buch Franziska Linkerhand, in dem sie - 20 Jahre später - ihrem zunehmenden Zweifel am Gelingen des sozialistischen Wegs der DDR überzeugend Ausdruck verleiht.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.11.2022
Tilman Spreckelsen widmet dem aus dem Nachlass der großen DDR-Autorin Brigitte Reimann herausgegebenen Roman "Die Denunziantin" eine ausführliche Rezension. Zunächst ordnet er den Text biografisch ein: Reimann habe ihn in einer Lebensphase verfasst, deren Selbstzeugnisse sie später vernichtet habe, weshalb der Rezensent ihn besonders "vielversprechend" findet. Vier Fassungen habe die Autorin angefertigt, erschienen sei jetzt die erste mit ausführlichen Verweisen auf die drei folgenden. Sie sei entstanden, als die Autorin erst neunzehn war. Die Protagonistin ist in einem ähnlichen Alter, erfahren wir, sie macht gerade ihr Abitur. Der Vater ist Opfer des Nationalsozialismus geworden, die Mutter bestens im DDR-Regime integriert, der Freund Klaus ein bürgerlicher Querulant, der den Staat zu stürzen versucht, fasst Spreckelsen zusammen. Das klinge zwar zunächst nach purer Ideologie, doch ebenjene werde in dem Kampf der Schülerin Eva mit ihrem Schuldirektor um die gesellschaftspolitischen Verfehlungen ihres Lehrers ein Stück weit in Frage gestellt. Eva würde zur Denunziantin, wenn sie sich über den Lehrer beschwere, der letztendlich den Arbeiter- und Bauernstatt verlässt. In der Protagonistin sieht der Rezensent auch Züge der Autorin, die sich ebenfalls mit Ideologien und Widersprüchen im Staat herumschlagen musste. Ein beeindruckendes Zeitdokument, auch und gerade durch die vielen Erläuterungen, wie sich die Geschichte mit ihren politischen Überzeugungen im Laufe der verschiedenen Fassungen verändert hat und dadurch, "wie der anfängliche Glaube an den Sozialismus immer stärker mit Erfahrungen kollidiert."
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 01.11.2022
Cornelia Geißler stürzt sich in ihrer Kritik vor allem auf die Entstehungs- und Publikationsgeschichte dieses Romans: Das Reimann-Werk galt als komplett durchforstet, auch Fragmente des vorliegenden Romans waren 2003 bereits im Buch "Das Mädchen mit der Lotosblume" erschienen, klärt die Rezensentin auf. Dann aber entdeckte Herausgeberin Kristina Stella im Reimann-Archiv in Neubrandenburg das Typoskript der Urfassung und staunte über die erheblichen Unterschiede zwischen beiden Fassungen: Handlungsfäden wurden geändert, Figuren ersetzt und auch die Erzählperspektive änderte sich, erkennt Geißler. Der Roman wurde dennoch trotz der Änderungen auf Wunsch des Verlags nie publiziert. Das wird vor allem Germanisten interessieren, aber auch davon abgesehen ist der Roman als Porträt einer Jugend in der DDR lesenswert, versichert die Kritikerin.
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