Byung-Chul Han

Topologie der Gewalt

Cover: Topologie der Gewalt
Matthes und Seitz, Berlin 2011
ISBN 9783882214956
Gebunden, 192 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Es gibt Dinge, die nicht verschwinden. Zu ihnen gehört auch die Gewalt. Die "Gewaltaversion" (Jan Phillip Reemtsma) zeichnet nicht die Moderne aus. Die Gewalt ist proteischer als man denkt. Sie verändert nur ihre Erscheinungsform. Heute zieht sie sich in subkutane, subkommunikative, kapillare und neuronale Räume zurück und nimmt eine mikrophysische Form an, die auch ohne die Negativität der Herrschaft oder Feindschaft ausgeübt wird. Sie verlagert sich vom Sichtbaren ins Unsichtbare, vom Brachialen ins Mediale und vom Frontalen ins Virale. Nicht offene Angriffe, sondern Ansteckungen sind ihre Wirkungsweisen. Hans "Topologie der Gewalt" zeichnet vor allem jene Transformation des Gewaltgeschehens, die sich als der Wandel von der Dekapitation (vormoderne Gesellschaft der Souveränität und des Blutes) über die Deformation (moderne Disziplinargesellschaft) bis hin zur Depression (heutige Leistungs- und Müdigkeitsgesellschaft) vollzieht.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 08.12.2011

Adam Soboczynski hat seine Freude an Byung-Chul Hans "wunderbar gewagten Thesen", die sich gleichermaßen von derjenigen Denkschule abwendet, die Gewalt als äußere Einwirkung auf den Körper definiert, wie von denen, die sie ahistorisch als der Gesellschaft immanentes "Freund-Feind-Schema" verstehen. Nach Han ist Gewalt in unserer Zeit nämlich vor allem ein das Subjekt von innen angreifendes Prinzip, das durch "flache Hierarchien" und vermeintliche Freiwilligkeit zu Überforderung führt. Wenn der in Karlsruhe lehrende Philosoph dann für eine "neue Kultur der Freundlichkeit" plädiert, findet der Rezensent das nicht besonders erstaunlich. Auch gibt der Autor keine Empfehlung, wie diese umzusetzen sei. Hans Ausführungen aber stimmen ihn dennoch optimistisch, dass das Subjekt sich auch wieder konsolidieren kann.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 31.10.2011

Die bedeutende kulturkritische Stimme des Autors lehrt den Rezensenten das Fürchten. Unsere Freiheit ist grenzenlos, doch die Gewalt ferner Epochen ist nicht verschwunden, Fremdausbeutung ist Selbstausbeutung geworden, der Krieg ist in uns selbst, die wir unsere Haut digital zwitschernd zu Markte tragen usw. Thomas Hummitzsch erscheint die Analyse der Gewalt der Positivität, wie sie der in Karlsruhe lehrende Philosoph und Medientheoretiker Byung-Chul Han vornimmt, geistreich. Etwas enttäuscht lässt er sich allerdings doch vernehmen. Schließlich bietet der Autor ihm einen Vorschlag zur Lösung an, der Hummitzsch nicht wirklich überzeugen kann. Die Überwindung der Positivität durch die Rückkehr zur Kontemplation, zum entschiedenen "Lieber nicht" kommt ihm vor wie eine weitere Selbstverpflichtung.

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