Widerstand gegen Gewalt, Sadismus und Grausamkeit äußerte sich in der Geschichte vergleichsweise selten in Form offener Rebellion. Sei es im transatlantischen Sklavenhandel, sei es in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern, angesichts fehlender Handlungsmöglichkeiten, Todesangst und Entrechtung bestand der einzige Ausweg oftmals darin, sich dem Zugriff der Gewalthaber durch Flucht, Sabotage, aber auch durch Abtreibung, Kindstötung, Hungerstreik, Selbstverstümmelung und Suizid zu entziehen. Iris Därmann umreißt die Gewaltgeschichte menschlicher Dienstbarmachung und Versklavung und verschränkt sie mit Körperpolitiken und Widerstandsformen der Undienlichkeit. Dabei beleuchtet sie insbesondere die Rolle der europäischen politischen Philosophie als Legitimitätsbeschafferin der transatlantischen Versklavung und der Vernichtung der europäischen Juden. So entsteht nicht nur eine blutige Gegengeschichte zu den sonstigen Meistererzählungen des abendländischen Denkens, sondern auch ein Panorama des Schreckens, das selbst noch in den Momenten versuchter Selbstbefreiung an die Grenzen des Aushaltbaren rührt, das wir uns aber vor Augen führen müssen, wenn wir verstehen wollen, auf welchen Fundamenten unsere Zivilisation auch fußt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.10.2020
Rezensent Karl-Heinz Kohl entdeckt in Iris Därmanns Geschichte der Gewalt Kontinuitäten, die er nicht kannte. Auch wenn die Drastik der Beispiele im Buch, vom Leid der afroamerikanischen Sklaven in den USA über die Leibeigenen in den Kolonien bis hin zu den Greueltaten in den KZs Kohl mitunter stark angeht, folgt er Därmanns Darstellung mit großer Aufmerksamkeit. Wichtig findet er, dass die Kulturwissenschaftlerin in ihren Essay die Opfer als Subjekte darstellt, die sich durch Entzug, Revolte, Flucht und Selbstverstümmelung dem Terror entzogen, sich immer wieder "undienlich" machten. Wenn die Autorin den Einfluss der Gewaltsysteme auf die politische Philosophie erwägt, bei Hobbes, Marx und anderen, lernt Kohl noch mehr dazu.
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