Christian Schneider

Der sprachlose Philosoph

Ludwig Wittgensteins Philosophie als lebensgeschichtliche Selbstreflexion
Cover: Der sprachlose Philosoph
Königshausen und Neumann Verlag, Würzburg 2020
ISBN 9783826070723
Kartoniert, 298 Seiten, 29,80 EUR

Klappentext

Ludwig Wittgenstein gilt als 'der' Sprachphilosoph. Mit dem "Tractatus logico-philosophicus" und den "Philosophischen Untersuchungen" hat er die entscheidenden Texte verfasst, die den 'linguistic turn' der modernen Philosophie begründen. Dass sich die beiden Ansätze eklatant widersprechen, ist oft bemerkt und diskutiert worden. Nicht aber, dass Wittgenstein in dieser systemimmanenten Konkurrenz mehr als ein innerphilosophisches Problem verhandelt. Tatsächlich muss man seine philosophische Entwicklung 'auch' als eine Auseinandersetzung mit seiner eigenen Lebensgeschichte begreifen. Dabei spielt eine wichtige Rolle, dass Wittgenstein erst mit vier Jahren zu sprechen begann und offenkundig eine autistische Kindheitsperiode durchlief, die sich später zum Bild einer postautistischen Persönlichkeit entwickelte. Seine teilweise bizarren Verhaltensweisen sind oft genug "anekdotisch" berichtet worden. Eine - verständliche - Vorsicht gegenüber "psychologischen" Ableitungen hat dazu geführt, dass die Spuren, die auf einen engen Zusammenhang zwischen seinem lebensgeschichtlichen Schicksal und seinem Denken verweisen, nicht verfolgt wurden. Tatsächlich erschließt sich seine Philosophie in neuer und überraschender Weise, wenn man sie als lebensgeschichtliche Selbstreflexion versteht.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 08.01.2021

Äußerst spannend und überzeugend findet Rezensent Micha Brumlik den Ansatz, den Christian Schneider für sein Buch über Ludwig Wittgenstein wählt. Denn der Psychoanalytiker leitet hier die Philosophie Wittgensteins ausschließlich aus dessen Biografie ab und bricht so die strenge Trennung zwischen Werk und Autor auf, wie Brumlik erklärt. Wie Schneider dabei mit "scharfem" psychoanalytischen Blick herausarbeite, dass sich Wittgensteins Sprachphilosophie im Grunde an der eigenen Sprachunfähigkeit durch die autistische Veranlagung im Kindeshalter abarbeite, leuchtet dem Rezensenten vollkommen ein. Ob dies nun am Gegenstand liege oder an der Methode, würde Brumlik gerne erfahren und fragt sich gespannt, ob Schneider mit dieser "bahnbrechenden Pionierarbeit" Schule machen wird.

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