Viele Sozialphilosophen und Ethiker behaupten, dass eine moderne Gesellschaft nicht allein durch allseitige Befolgung ihrer Regeln stabil bleiben kann. Prominente Theoretiker wie J. Habermas, J. Rawls, D. Gauthier oder R. Rorty vertreten die Ansicht, dass die Bürger einer modernen Gesellschaft über zusätzliche anthropologische Eigenschaften verfügen müssen, die hier als moralische Mehrwerte bezeichnet werden. Christoph Lütge liefert Argumente für die Gegenthese, dass moralische Mehrwerte nicht gegen Erosion durch systematische (Fehl-) Anreize gefeit sind und anthropologische Eigenschaften generell nicht als Grundlage einer Ethik in der globalisierten Welt dienen können. Eine Ordnungsethik, die auf schwächeren Voraussetzungen, nämlich Merkmalen von Situationen und deren Rahmenbedingungen (Ordnungen), aufbaut, kann im Zeitalter der Globalisierung dagegen eher auf kulturübergreifende Zustimmung rechnen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 08.04.2008
Verhalten äußert sich Rezensent Michael Schefczyk über Christoph Lütges Habilitationsschrift "Was hält eine Gesellschaft zusammen?" Wer eine empirische Untersuchung der Bedingungen gesellschaftlicher Interaktionen erwartet, wird seiner Auskunft nach enttäuscht. Im Zentrum sieht er vielmehr eine Kritik philosophischer Thesen von Gauthier über Habermas bis zu Rawls aus Sicht der Ordnungsethik, eine Position, die behauptet, das Eigeninteresse der Gesellschaftsmitglieder reiche aus für den Zusammenhalt von Gesellschaften. Schefczyk scheint nicht viel mit dieser Position anfangen zu können. Er formuliert einen der Standardeinwände dagegen sowie die ordnungsethische Entgegnung darauf, die ihn allerdings nicht überzeugt. Er moniert den allzu offenen Vorteilsbegriff der Ordnungsethik, der letztlich mit allen Beobachtungen zu vereinbaren sei, so aber keinen Informationswert habe.
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