Es gibt keinen professionellen Schriftsteller. Die Idee, es sei möglich, einen Grad der Versiertheit zu erlangen, der davor schützt, misslungene oder einfach unbedeutende Texte zu verfassen, wird von der Erfahrung ständig widerlegt: Bei jedem neuen Projekt steht ein Autor ganz am Anfang. Das Schreiben ist kein Handwerk, und keine Meisterprüfung bewahrt einen davor, beim nächsten Mal die schlimmsten Lehrlingsfehler zu machen. Um sich selbst darüber zu beruhigen, lässt der Autor sich willig in die Rolle des Auskunftsgebers drängen. Von der ersten zaghaften Veröffentlichung an soll er mit einer Gewissheit, als lägen bereits Gesamtausgaben hinter ihm, darüber sprechen, wie es sich denn mit dem Schreiben verhalte. Und er tut es gerne, denn die Rolle ist beruhigend und schafft trügerische Sicherheit.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 16.10.2007
Ebenso klug wie unterhaltsam findet Beatrice von Matt die zweiteilige Poetikvorlesung des von ihr hochgeschätzten Autors Daniel Kehlmann, die als "vergnügliche Selbstbefragung" daherkommt. Sie hebt die Auseinandersetzung des Schriftstellers mit der Frage nach der Darstellung der Realität hervor. Deutlich wird für sie dabei, dass Kehlmann die Wirklichkeit nicht mit formalen Mitteln wie in der Moderne des 20. Jahrhunderts üblich zu brechen versucht, sondern durch Phantasie, Wahrnehmung, präzises Sehen und die Einbeziehung des Unbewussten sowie, als Vorbedingung, durch Recherchen und Durchdringung des Stoffs.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 21.03.2007
Zum Lachen animiert haben Martin Krumbholz die beiden Poetikvorlesungen von Daniel Kehlmann, und das sei ganz klar ein bemerkenswerter Vorzug auf dem Feld dieser eher im Akademischen angesiedelten Disziplin. Die "ansprechende Form" als Selbstgespräch, "Kehlmann interviewt Kehlmann, Ich und Ich", bedeuten aber keinesfalls, dass der "eminent ehrgeizige" Erfolgsautor seiner Aufgabe leichtfertig nachgekommen ist, so Krumbholz. Überraschenderweise habe sich der Schriftsteller nicht auf die poetologische Definition der in seinen Büchern zentralen Ironie kapriziert, sondern stattdessen eine Untersuchung über den Realismusbegriff angestrebt und hier genau zwischen einem Realismus nordamerikanischer Herkunft und einem um das Magische erweiterten südamerikanischer Provenienz unterschieden. Hierbei ist Kehlmann nicht ohne eine gehörige Portion Polemik zugunsten des magischen Realismus vorgegangen, versichert der Rezensent, um sich abschließend zu fragen, ob sich eine derart "spezielle Rezeptur" ohne weiteres auch auf die ernüchternd wirkliche bundesrepublikanische Welt und ihre politischen und sozialen Implikationen übertragen lässt.
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