Mit 25 Abbildungen und 1 Karte. Wie kann sich eine Diktatur mit dem Erbe von Unrecht und Staatsverbrechen auseinandersetzen, die unter ihrer Herrschaft begangen wurden? Mit dieser Frage sah sich die Kommunistische Partei Chinas nach dem Tod Mao Zedongs im Jahr 1976 konfrontiert. Gestützt auf eine Vielzahl bislang unbekannter Dokumente entwirft der Freiburger Sinologe Daniel Leese ein breit angelegtes Panorama der chinesischen Politik und Gesellschaft in der kritischen Umbruchphase zwischen 1976 und 1987. Die Massenkampagnen des "Großen Vorsitzenden" Mao Zedong hatten horrende Opferzahlen gefordert und die Volksrepublik China an den Rand eines Bürgerkriegs geführt. Unter seinen Nachfolgern begann die Kommunistische Partei ein großangelegtes Experiment historischer Krisenbewältigung. Millionen politisch Verfolgte wurden rehabilitiert, Entschädigungszahlungen geleistet und Täter vor Gericht gestellt, allen voran die "Viererbande" um Maos Frau Jiang Qing. Das Ziel bestand darin, einen Schlussstrich unter die Geschichte zu ziehen und alle Energien auf die wirtschaftliche Reformpolitik zu lenken. Aber die Schatten der Vergangenheit ließen sich nicht so einfach bannen. Gestützt auf eine Vielzahl bislang unbekannter Quellen - von vormals geheimen Reden der Parteiführung bis zu Petitionsschreiben einfacher Bürger - zeichnet Daniel Leese ein differenziertes Bild der Dekade nach Mao Zedongs Tod. Die Auswirkungen dieses Ringens um historische Gerechtigkeit sind in der chinesischen Politik und Gesellschaft bis heute spürbar.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 23.01.2021
Mit dieser überzeugenden Analyse des chinesischen Umgangs mit den politischen Verbrechen unter Mao trägt der Sinologe Daniel Leese zum Verständnis der neueren Geschichte Chinas bei, lobt Rezensent Helwig Schmidt-Glintzer. Das Buch hat ihm an eindrücklichen Beispielen vergegenwärtigt, dass die an sich beeindruckende Suche nach Gerechtigkeit in den Jahren 1967 bis 1987 dort ein Ende fand, wo das Monopol der KP hätte infrage gestellt werden müssen. Bis heute wirkt diese Entscheidung für den Machterhalt nach, fasst der Rezensent seine Erkenntnisse aus der detailreichen Darstellung zusammen.
Mit diesem Buch arbeitet Daniel Leese die Bedeutung der Erinnerungspolitik für die chinesische Gesellschaft heraus, erklärt Rezensent Detlev Claussen. Der Autor analysiert sorgsam die Periode von 1978 bis 1987, lobt er, als die KP versuchte, das Chaos der Kulturrevolution zu befrieden, ohne den "maoistischen Rechtsnihilismus" als Ursache einzuräumen. Dass Leese zeigen kann, dass die gegenwärtige chinesische Führung die Fehler aus dieser Zeit anprangert, ohne selbst vor neuen Verbrechen zurückzuschrecken, bestätigt Claussen, wie taktisch ihr Verhältnis zu Recht und Wahrheit geblieben ist.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2020
Rezensent Mark Siemons preist Daniel Leeses Darstellung von Chinas Aufarbeitung der Kulturrevolution. Den "Epochenbruch" nach Maos Tod weiß der Sinologe laut Siemons gestützt auf umfangreiche Recherchen detailgenau zu schildern. Siemons erfährt, dass die Auseinandersetzung mit politischem Unrecht nach Mao zwar enorm war, aber vor allem der Legitimation der Parteiherrschaft diente, nicht der Wahrheitsfindung. Die Unsicherheiten und mannigfachen Richtungswechsel in dieser Phase machen die Spannung des Buches aus, findet der Rezensent. Die Neuorientierung nach Mao wird in diesem faktenreichen Buch so anschaulich wie nie, meint Siemons. Dass der Autor seine Erkenntnisse nicht systematisch zurückbindet an die Frage, welche Folgen die chinesischen Vorgänge für das Verständnis von Recht und Unrecht generell hatte, findet Siemons allerdings schade.
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