Ob Dietrich von Bern oder Wieland der Schmied, ob Walther und Hildegunde oder Hilde und Kudrun: "Die Gestalten der großen deutschen Heldensagen sind keine Individuen, keine Charaktere im modernen Sinne des Wortes." Die Sagen selbst gehören aber zum Kanon der überlieferten Weltliteratur, auch wenn wir ihre Autoren nicht kennen. Die "Recken" mit ihren mythischen Waffen und Tarnkappen eignen sich nicht als moralische Vorbilder oder nationale Heroen, ihre Geschichten, Kämpfe, Intrigen und Liebeswirren erzählen vielmehr beispielhaft von der menschlichen Sehnsucht nach Ruhm, Liebe und Anerkennung.
Die vorliegende Ausgabe der Insel-Bücherei macht die klassische Nacherzählung der Deutschen Heldensagen von Gretel und Wolfgang Hecht, die sich eng an die Originaltexte hält, wieder zugänglich - erstmals ergänzt durch farbige Illustrationen von Burkhard Neie.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.10.2018
Dass sich der vorliegende Band mit mittelalterlichen Heldensagen auf die Nacherzählungen von Gretel und Wolfgang Hecht aus dem Jahre 1969 stützt, geht für Tilman Spreckelsen in Ordnung: In ihrer betonten Nüchternheit zeigen die Texte noch heute ihre Wirkung, meint er. Dass diese Ausgabe allerdings auf die Nibelungen und die Sage von Ortnit und Wolfdietrich, zudem auf Einführung, Nachwort, Anmerkungen und Literaturhinweise verzichtet, findet der Kritiker bedauerlich. Die Illustrationen von Burkhard Neie bereiten dem Rezensenten indes viel Freude: Ganzseitig, mit Blick eher für weniger offenkundige Motive und mit einer Vorliebe für Silhouetten, die die Handlung weiterspinnen, verlässt Neie immer wieder die Textoberfläche und kommt gerade dadurch deren Rätseln näher, staunt der Kritiker, der das schlicht "virtuos" findet.
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