Karl Dedecius, für seine Vermittlung zwischen Polen und Deutschen mit vielen Preisen und Ehrungen bedacht, legt mit Meine polnische Bibliothek die Summe seiner lebenslangen Beschäftigung mit der Kultur und Literatur unseres Nachbarlandes vor. Die Anthologie versammelt die wichtigsten und besten Autoren der polnischen Kultur- und Geistesgeschichte vom Mittelalter bis in die 1990er Jahre. Sie gibt einen Einblick in die Geschichte eines Landes, das sich im Mittelalter von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer erstreckte. Im 18. Jahrhundert von der Landkarte getilgt, erstand Polen erst nach dem Ersten Weltkrieg wieder als souveräner Staat. Es folgten Krieg, Holocaust und Emigration, die großen Tragödien des 20. Jahrhunderts, die ihre Spuren in der Literatur hinterließen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.11.2011
Diese Anthologie, in welcher der inzwischen neunzigjährige Karl Dedecius die "Quintessenz" seiner fünfzigbändigen "Polnischen Bibliothek" versammele, lohnt sich definitiv, meint Rezensent Jörg Plath. Dedecius, der neben seiner Tätigkeit als leitender Versicherungsangestellter unermüdlich polnische Literatur übersetzte und herausgab und sich so um den Wiederaufbau des im Krieg zerstörten deutsch-polnischen Miteinanders bemühte, habe hier in chronologischer Reihenfolge vom zwölften bis zum zwanzigsten Jahrhundert Gedichte, Briefe, Tagebucheintragungen und Kurzprosa zusammengetragen und mit knappen Charakterisierungen bekannter sowie unbekannter Autoren versehen. Der Rezensent erfährt nicht nur viel über das Bild Polens in der Literatur, etwa dass im zwanzigsten Jahrhundert bis zum Selbsthass reichende kritische Selbstreflexion das Werk der polnischen Autoren bestimmte, sondern liest auch von Dedecius eigener Vergangenheit, der hier vor allem Werke seiner Schulzeit in Polen zusammenträgt. Der Kritiker stellt allerdings mit Bedauern fest, dass große, zeitgenössische Autoren wie Andrzej Stasiuk oder Dorota Maslowska in dieser umfangreichen Anthologie fehlen.
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