Dieter Krause wächst am Ost-Berliner Kollwitzplatz auf, dessen Hinterhöfe den Murmelspielern und Indianern gehören. Anstelle von ideologischen Kämpfen werden Konflikte mit Tüten voller Wasser und Stinkbomben ausgefochten. Die fünfziger Jahre sind für den Jungen eine Übergangszeit: Zwischen heimlich gehörten Elvis-Songs und Begegnungen mit russischen Soldaten wechselt er regelmäßig von einem Sektor in den anderen und beinah ebenso häufig die Schule.
Ende der Fünfziger wird die Wohnung der Eltern heller, buntes Geschirr, ein Fernseher, erst ein Motorrad mit Beiwagen und dann sogar ein Trabi werden angeschafft. Vor den persönlichen Abenteuern und familiären Fortschritten rückt das politische Geschehen in den Hintergrund und bleibt lediglich in den Liedern, die den Teenager umgeben, präsent. Dies ändert sich jedoch, als mitten in die Sommerferien 1961 die Nachricht vom Mauerbau platzt.
Dieter Krause schildert liebevoll die Freiheit seiner Berliner Straßenkindheit, kommentiert scharfzüngig ihre staatliche Begrenzung und erzählt so das Heranwachsen am Prenzlauer Berg zur Frühzeit der DDR wie unter dem Mikroskop: Man sieht alles sehr genau vor sich - man atmet gewissermaßen die Luft aus Schwefel und Bohnerwachs.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 21.03.2017
Rezensent Jens Bisky findet Dieter Krauses Erinnerungen an eine Berliner Kindheit in den 50er Jahren etwas zu betulich. Dass der Autor jeden Lockenwickler und jeden Schulstreich erinnert, geht ihm manchmal zu weit. Dem Buch fehlen Struktur und Dramaturgie, denkt er dann. Andererseits schätzt er Krauses unideologisches, unterschiedsloses Memorieren, das ihm das Panorama einer fremden Welt eröffnet. Wie Krauses Familie sich während des Kalten Krieges in der Kolle 66 einen bescheidenen Wohlstand erarbeitet hat und von den kleinen Fluchten erzählt ihm Krause "wie ein guter Reporter" in vielen kleinen Geschichten, garniert mit zeithistorischen Informationen.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 16.03.2017
Mit Dieter Krause "Kollwitz 66" hat Rezensent Christoph Dieckmann eine "liebevolle" Erinnerung an eine Berliner Kindheit in den fünfziger Jahren gelesen. Der Kritiker streift mit dem Autor durch die Trümmerstadt, erlebt die wachsenden Ost-West-Kontraste, schmunzelt aber vor allem über Krause sympathische Schilderungen der "kleinen Leute". Krause legt weniger Wert auf politische und geschichtliche Exkurse, erklärt der Rezensent, der hier versunken in den "Realien des Alltags" stöbert, vergnügliche Kindheits-Anekdoten liest und dem Journalisten hoch anrechnet, dass er auf "nachholendes Freiheitspathos" verzichtet.
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