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E.M. Cioran

Über Deutschland

Aufsätze aus den Jahren 1931-1937
Cover: Über Deutschland
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011
ISBN 9783518421970
Gebunden, 231 Seiten, 17,90 EUR

Klappentext

Was Cioran-Leser und Rezensenten in den letzten Jahren nach Ciorans Tod und nach der Veröffentlichung fast aller Werke auf deutsch vor allem interessierte, war der braune Fleck auf der weißen Weste des berühmten Skeptikers. Die Deutschlandartikel aus den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts zeigen ihn vor. Voll vitalistischer Emphase stürzt sich der jugendliche Autor auf deutschen Irrationalismus und nazistische "Revolution". Er wünscht seinem Land eine Diktatur nach Hitlers Vorbild an den Hals. Nur so, argumentiert er, könne Rumänien aus Lethargie und geschichtlichem Abseits herausgerissen werden und sich Gestalt, Zukunft, ein Schicksal erobern. Von 1933 bis 1935 hält Cioran sich zu Studienzwecken in Berlin, München und Dresden auf. Bei aller Begeisterung für den Nationalsozialismus beschränkt er sich auf die Rolle des geschichtsphilosophisch interessierten Zuschauers. Borniertheit, Willkür, Gewalt und die Anzeichen dafür, daß alles ein böses Ende nehmen könnte, bleiben ihm nicht verborgen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.07.2011

Rezensent Burkhard Müller gibt sich als Cioran-Verächter zu erkennen und dies nicht unbegründet: dank Herausgeber und Übersetzer Ferdinand Leopold hat er dessen rumänisches Frühwerk gelesen und nicht nur "fuchtelndes Pathos", sondern vor allem viel "intellektuell Ungares" entdeckt. Cioran, der sich von 1933 bis 1935 in Deutschland aufhielt, macht sich sogleich daran, seiner "kümmerlichen" Nation, der er sich dennoch patriotisch verpflichtet fühlt, in diversen Aufsätzen Deutschland als Vorbild zu empfehlen. Zwar erkenne er die Brutalität der neuen deutschen Staatsform, so Müller, aber: "Was bedeutet das schon, wenn Deutschland sich doch unter einem derartigen Regime wohl, frisch und vital fühlt." Unter diesem "idealen" Volk, dessen "Kult des Irrationalen und Verherrlichung der Lebenskraft" Cioran lobe, entdecke er bisweilen zwar auch reale Volksgenossen - "feiste" Bayern etwa, "mit uninteressiertem Gesichtsausdruck, von Bier aufgeschwemmt und gutmütig" -  glücklicherweise finde dann aber der Röhm-Putsch statt. Der Rezensent sieht in diesen Aufsätzen eine "Möglichkeit des Geistes", die sich zwar später nicht weiter ausprägte, die man aber keineswegs als "Jugendsünde" abtun sollte.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.06.2011

Jetzt erst wird Ludger Lütkehaus klar, wie sehr das Leben E.M. Ciorans nicht nur existenziell, sondern vor allem auch politisch, ideologisch gefährdet war. An den hier versammelten Texten erkennt der Rezensent allerdings einmal mehr die Widersprüchlichkeit des Autors. Die hier "brutal" offenbar werdenden Sympathien Ciorans für Hitler und den deutschen Faschismus, das weiß Lütkehaus auch, hat der Autor später als schlimmsten Irrsinn bezeichnet. In diesem Buch aber begegnen sie dem Rezensenten als Ausdruck eines Nihilismus, den er etwa bei Beckett zur Empathie für die leidende Kreatur gewendet sieht.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.04.2011

Keine erquickliche Lektüre kann Cornelius Hell hier annoncieren. E.M. Ciorans Aufsätze über das nationalsozialistische Deutschland erscheinen ihm schlimmer als bisher vermutet. Denn theoretisch von "jugendlicher Faszination" zu wissen, ist doch etwas anderes als sie Schwarz auf Weiß zu lesen: "Es gibt keinen Politiker in der heutigen Welt, der mir größere Sympathie einflößte als Hitler." Allerdings bleibt Hell bei seiner Überzeugung, dass sich Cioran im Laufe der Zeit von seinen faschistischen Überzeugungen distanziert hat. Zwar teile er nicht die Ansicht, dass Ciorans späteres Denken eine einzige Auseinandersetzung mit seinen jugendlichen Irrtümern gewesen sei, dafür fehlten dem Mystiker wie den Skeptiker einfach die politischen Kategorien, aber Hell erkennt doch eine stetige "Übung in Entfaszination".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.04.2011

Emile Ciorans nun vorliegende Aufsätze über Deutschland aus den Jahren 1931 bis 1937 zeigen den Autor nach Ansicht von Stefana Sabin als "pessimistischen Kulturdeuter". Allerdings nicht nur das. Sie erkennt in diesen für rumänische Zeitschriften verfassten Texten Ciorans, der zwischen 1933 und 1935 als Humboldt-Stipendiat in Berlin lebte, auch den "faschistoiden Denker". So war der Autor vom "zum Äußersten getriebenen Messianismus" der Deutschen beeindruckt und verklärte die Diktatur zum "politischen Triumph". Diese "jugendliche Verwirrung" habe Cioaran nie geleugnet. Sabin stellt hier allerdings die Vermutung an, dass sich Cioran mit seinem späteren Wechsel zur französischen Sprache, in der er seine berühmten von sprachlicher Brillanz, Verzweiflung und Negativität geprägten Werke verfasste, auch von solchen Äußerungen distanzieren wollte.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 31.03.2011

Emile Cioran war 22 und ein überzeugter Faschist, als er 1933 zum Studium nach Deutschland kam. 22 Monate blieb er und in dieser Zeit beschrieb er als Korrespondent für rumänische Zeitungen das neue Deutschland, das sich ihm bot, erzählt Rezensent Adam Soboczynski. Die hier versammelten Aufsätze aus den Jahren 1931 bis 37 sind eine seltsame Mischung aus jugendlicher Begeisterungsfähigkeit und Schwachsinn, so etwa wenn Cioran erklärt, eine paar Tote würden einer Bewegung wie der nationalsozialistischen gut anstehen: Sie müsse 'schwarze Flecken und vor allem rote aufweisen, damit die Taten feierlicher, endgültiger, gefährlicher werden'. "Beseelter Nazikitsch", meint der Rezensent sehr zutreffend. Warum soll man das heute noch lesen? Vielleicht, um zu begreifen, woraus sich Ciorans späterer Nihilismus speiste.