Säkularisierung - Emanzipation des (post-)modernen Menschen von ungeliebter Tradition oder Chance für ein neues Verständnis von Christentum? Die gegenwärtige Praktische Theologie richtet ihr Augenmerk neu auf den Prozess der selbstständigen Aneignung von Religiosität jenseits der Bindung an die Kirche. Dass dieses Phänomen der Individualisierung kein Novum ist, zeigt Eckart Beutel im vorliegenden Band am Beispiel Theodor Fontanes. In seinem Werk zeichnet er die Ausformung eines privaten Christentums bereits im 19. Jahrhundert vor.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.02.2004
Henning Ziebritzki stellt ein Buch vor, dass Theodor Fontanes Verhältnis zur Religion untersucht hat, sowohl in Hinblick auf seine Person wie auf sein Werk. Für Ziebritzki hat Autor Eckart Beutel eine höchst "luzide" Studie abgeliefert, die zu der Erkenntnis kommt, dass Fontane, obwohl er persönlich ein eher distanziertes Verhältnis zur Kirche hatte, die Vertreter orthodoxer Positionen bevorzugte. Denn nur in Abgrenzung von tradierten Vorgaben könne sich ein privates, individuelles Christentum entwickeln, referiert Ziebritzki. Der Schlüsselbegriff für Beutels Untersuchung laute Säkularisierung, so der Rezensent; Säkularisierung bedeute bei Beutel nicht einfach eine abnehmende Relevanz der Kirche im Zuge der Modernisierung der Gesellschaft, sondern eine Umformung des Christentums in einen öffentlichen und einen privaten Glaubensbereich. Dieses Spannungsverhältnis zwischen dem kirchlichen und dem individuellen Christentum werde auch in Fontanes fiktionalem Werk deutlich, wo die Vertreter der Religion betont kirchlich agierten. Fontane bleibe aber Realist genug, meint Ziebritzki, dass er das Scheitern der Pastoren stets andeute.
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