Anschließend an "Karl Kraus - Satiriker der Apokalypse: Leben und Werk 1974-1918" stellt Edward Timms in diesem Band anhand präziser Detailanalysen, pointierter Zitate und weitblickender Kontextualisierungen dar, wie der Satiriker den turbulenten Entwicklungen der Zwischenkriegszeit begegnet ist.
Kraus' Zeitschrift "Die Fackel" dient dabei als unentbehrlicher Führer durch die Kulturpolitik dieser Zeit. Seine größten Polemiken der 1920er Jahre werden in einem zentralen Abschnitt mit dem Kapitel "Verteidigung der Republik" analysiert, der seine zwiespältige Allianz mit den Sozialdemokraten wie auch seine Konfrontationen mit dem konservativen Kanzler Ignaz Seipel und dem Wiener Polizeipräsidenten Johann Schober hervorhebt. Die Legende, dass Kraus Hitlers Machtergreifung mit Schweigen beantwortet habe, wird abschließend definitiv widerlegt. Schon wesentlich früher hatte er vor dem Aufstieg des Hakenkreuzes gewarnt, und mit der 1933 entworfenen Polemik "Dritte Walpurgisnacht" hinterließ Kraus eine stichhaltige Analyse des heraufziehenden Nationalsozialismus.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.09.2016
Rezensent Helmut Mayer ist dankbar, dass der bereits 2005 im Original erschienene zweite Band von Edward Timms' monumentaler Karl Kraus-Studie nun endlich auch auf Deutsch erschienen ist. Dass der private Kraus auf den insgesamt über tausendzweihundert Seiten kaum Platz findet, stört den Kritiker nicht. Vielmehr liest er mit großem Interesse, wie der englische Germanist und Kulturwissenschaftler sich auf Kraus' Texte konzentriert, diese kurz wiedergibt, sorgfältig kommentiert und schließlich ausführlich in die politischen und kulturellen Verhältnisse einordnet. Gerade im zweiten Band der Studie, der die letzten Lebensjahre von Karl Kraus analysiert, kann ihm der Autor nachvollziehbar vermitteln, weshalb Kraus die Sozialdemokratie immer heftiger kritisierte. Dass Timms Ausführungen bisweilen akademisch "behäbig" und "bieder" geraten, nimmt der Kritiker dem Autor nicht übel: Stattdessen findet er hier präzise Erläuterungen und kluge Verknüpfungen, darüber hinaus den Verzicht auf jegliche Heiligsprechung. Mit der deutschen Übersetzung ist Mayer hingegen weniger zufrieden: Mit Blick auf einige Schludrigkeiten wünscht er der zweiten Auflage ein sorgfältigeres Lektorat.
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