Emmanuel Faye

Hannah Arendt und Martin Heidegger

Zerstörung des Denkens
Cover: Hannah Arendt und Martin Heidegger
Königshausen und Neumann Verlag, Würzburg 2024
ISBN 9783826087110
Gebunden, 480 Seiten, 44,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Leonore Bazinek. Martin Heidegger und Hannah Arendt haben, wie Emmanuel Fayes Studie belegt, in weiten Teilen ein zusammenhängendes Projekt verfolgt. Während Heidegger einen 'geistigen Nationalsozialismus' propagiert und die Philosophie zerstört, bemüht sich Arendt, nicht nur ihn, sondern all die Intellektuellen zu entlasten, die sich in den Dienst der Politik des Dritten Reiches stellten. Die vorliegende Studie zeigt, wie diese beiden einflussreichen Autoren in ihrem Werk das rationale Denken und zugleich die Annahme einer wesensmäßigen Gleichheit der Menschen demontiert haben. Bei Heidegger geht die Zerstörung des Humanismus bis hin zur Unterstellung, die Juden seien mitverantwortlich an ihrer eigenen Vernichtung.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 06.02.2025

Rezensent Michael Köhler lässt kein gutes Haar an dem Buch. Anders als etwa bei dem in der FAZ rezensierenden Wolfgang Matz gibt es bei ihm - jenseits der Kritik an Fayes Argumentation - auch kein Erschrecken über einige Aussagen und Zitate Arendts, die Faye zusammenträgt, etwa über Arendts Kritik am Verhalten der Juden im Holocaust. Schon bei Heidegger meint man in Köhlers Kritik Vorbehalte zu spüren. Zwar leugnet er nicht, dass Heidegger ein Nazi war, dem die Nazis allenfalls irgendwann nicht mehr radikal genug waren. Aber Heideggers berüchtige Rektoratsrede von 1933 nennt Köhler nur "unsäglich". Wie genau Fayes Argumentation zu Arendt aussieht, skizziert Köhler kaum. Ihn stört offenbar, dass Faye Arendt eine Verfallenheit an Heidegger vorwirft. Aber ganz anders als Heidegger, so Köhler, sei Arendts Pluralitätsbegriff "gewaltfrei, großzügig und offen".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.12.2024

Hier droht Ärger. Thomas Meyer ist Spezialist für jüdische Philosophie und Autor einer viel besprochenen Hannah-Arendt-Biografie. Emmanuel Faye, Autor des hier besprochenen Buchs, ist Sohn von Jean-Pierre Faye, der als Totalitarismustheoretiker nicht ganz so bekannt ist wie Hannah Arendt. Emmanuel Faye spielte vor bald zwanzig Jahren eine sehr wichtige Rolle bei der Neubewertung Martin Heideggers als emphatisch nationalsozialistischem Philosophen - seine Enthüllungen, die auf damals gerade freigegebenen Schriften Heideggers beruhten, waren damals wild umstritten und werden vielleicht auch heute noch unterschiedlich bewertet. Aber dass Heidegger mehr als ein Mitläufer der Nazis war, dürfte heute als verbürgt gelten. Thomas Meyer betrachtet nun mit Wut, wie Emmanuel Faye in seinem neuesten Buch eine intellektuelle Abhängigkeit Arendts von Heidegger behauptet, die Meyer als "absurde Fehllektüre" anprangert. Meyer versucht im einzelnen nachweisen, dass Faye einige Zitate Arendts offenbar wissentlich oder ideologieverblendet falsch interpretiert: Oft handelt es sich um Paraphrasen aus Arendts Darlegungen etwa zur Geschichte des Antisemitismus, die Fay so zitiert, als hätte Arendt sie sich eins zu eins zu eigen gemacht. Dem Verlag wirft Meyer schlampiges Lektorat vor.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.07.2024

Der hier rezensierende Literaturwissenschaftler und Übersetzer Wolfgang Matz hat den "bösen Blick" des Heideggerkritikers Emmanuel Faye im Hinterkopf, wenn er Fayes Kritik an Hannah Arendt liest. Dennoch erscheinen ihm die Befunde des Autors zu Arendts Haltung zu Heidegger und zum Nationsozialismus "zutiefst irritierend". Fayes Neubetrachtung von Arendts Werk fördert laut Matz einerseits Arendts Tendenz zutage, eine jüdische Mitschuld am Holocaust "zu erörtern", und legt andererseits eine "schrittweise Entlastung" der Nazi-Intelligenz bei Arendt offen. "Starker Tobak", findet Matz, aber durch die von Faye vorgelegten Dokumente auch verstörend. Fayes These, dass Arendt an der "Zerstörung des Denkens" durch Heidegger mitgewirkt hat, möchte der Kritiker nicht folgen. Aber dass die Beziehung zwischen Arendt und Heidegger nur eine private war, glaubt er auch nicht mehr.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 03.07.2024

Rezensent Peter Trawny kann Emmanuel Fayes These, Hannah Arendt habe die deutschen Intellektuellen, die sich in den Dienst der Nationalsozialisten stellten, entlasten wollen, überhaupt nicht folgen und kritisiert die Konstruiertheit, mangelnde Präzision und "einfache Mechanik" von Fayes Argumentation. Den Vorwurf zum Beispiel, dass Arendt nicht zwischen Konzentrations- und Vernichtungslagern unterscheide, findet der Rezensent nicht stichhaltig, da sich diese begriffliche Differenzierung in der Totalitarismusforschung erst nach der Veröffentlichung von "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" durchgesetzt habe. Auch Arendts Kritik am Universalismus der Menschenrechte versteht Faye nach Trawny falsch, denn die Philosophin habe nicht gegen die Idee der Menschenrechte argumentiert, sondern lediglich aufgezeigt, dass es in der Zwischenkriegszeit keine Institution gab, die diese Rechte effektiv hätte verteidigen können. Trawny erkennt aber nicht nur inhaltliche Inkonsistenzen, sondern kritisiert Fayes Buch auch strukturell: Faye wolle ständig mit Evidenzen arbeiten, die es in der Philosophie so nicht gebe, betont der Rezensent. Das mache seine Interpretation dogmatisch und widerspreche im Grunde einer vernunftgeleiteten Philosophie, auf die Faye alles setzt, denn die Vernunft muss sich immer argumentativ bewähren, schließt Trawny.

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