Was fängt man mit der Hinterlassenschaft eines verstorbenen Freundes an mit Papieren, Bilddokumenten, Erinnerungen, unbeantworteten Fragen? In der suchenden und tastenden Lebensbeschreibung des wolgadeutschen Kirill Bergerow alias Carl Berger entwirft Felix Philipp Ingold eine weitläufige, halb Europa und ein halbes Jahrhundert durchmessende Existenz, die bei all ihren Verwerfungen und Brüchen kaum noch auf den Punkt zu bringen ist. Doch wessen Geschichte wird da erzählt? Ist es das Leben des Freundes oder ist es das Bild, das sich der Erzähler vom Freund nachträglich zu machen versucht? Eine ungewöhnliche Panoramafahrt durch ein halbes Jahrhundert dramatischer Geschichte und ein "wahres Leben" voller Turbulenzen, unsäglicher Leiden und unvergleichlicher Glücksmomente.
Maximilian Probst ist mächtig beeindruckt von der Publikationsliste von Felix Philipp Ingold. Etwas "zu klug" findet der Rezensent dann aber dessen neuen Roman "Alias". Dort liest er die Geschichte Kirill Beregows - alias Carl Berger. Probst zweifelt daran, dass die Beschreibung von Beregows Leben als Autor in der Sowjetunion, im Militärapparat und im Gulag, tatsächlich die wahre Geschichte ist, die Ingold zu erzählen verspricht. Der Autor legt es Probst zu sehr darauf an, überall im Buch postmoderne Überlegungen einzuflechten und er fühlt sich vor lauter Dekonstruktion an ein Proseminar erinnert. Der Rezensent hätte sich einen Roman gewünscht, der vielleicht etwas weniger klug, aber auch weniger artifiziell und aufgesetzt ist.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 20.10.2011
Rezensent Samuel Moser ist hellauf begeistert von diesem "Decamerone unserer Tage", in dem es, wie schon bei Boccaccio, um "Sinn und Möglichkeit des Erzählens" selbst gehe. Es sind hier allerdings Geschichten aus dem Gulag, die erzählt werden, so der Rezensent, genau genommen handle es sich um Variationen ein und derselben Geschichte. Weiterhin ist der Rezension zu entnehmen, dass der Sammler und Übermittler dieser Geschichten eine prominente Rolle spielt in dieser anscheinend nicht gerade unterkomplexen Romankonstruktion. Er besitzt diverse Identitäten und entsprechend viele Namen (Beregow alias Bergson alias Berger alias Choloschow), informiert Moser und liest ihn als eine Art Beinahe-Odysseus ("kein 'Niemand', bloß eine 'Wenigkeit'"). Am Ende mische sich dann gar der "Autor" unter das Erzählvolk. Mit offensichtlichem Genuss nimmt der Kritiker schließlich auch das Spiel Ingolds mit diversen literarischen Gattungen zur Kenntnis: Er identifiziert Epos, Novelle, Bildungsroman, Reportage, Essay, Gedicht sowie Romanze, und interpretiert das ganz am Schluss abgedruckte Fotoalbum als Anregung zum erneuten Anwerfen der Erzählmaschine.
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