In unserer medial vernetzten Welt kann auch die entfernteste Katastrophe Mitleid erregen. Globale humanitäre Aufmerksamkeit und groß angelegte internationale Hilfsaktionen für Krisengebiete außerhalb Europas sind allerdings recht junge Phänomene; sie setzten in nennenswerter Form erst Ende der 1960er Jahre ein. Dabei spielten die Bürgerkriege in Nigeria (1967-1970) und in Ostpakistan (1971) eine herausragende Rolle. Seitdem wurden Krisen in der "Dritten Welt" immer wieder zu Schauplätzen humanitärer Hilfsaktionen. Die Zeit zwischen dem Ende der 1960er Jahre und der Mitte der 1970er Jahre kann - so Florian Hannig in diesem Buch - als formative Phase für einen nun dauerhaft verankerten und institutionalisierten Humanitarismus verstanden werden, der sein Hauptaugenmerk weg von Europa und hin auf den globalen Süden richtet.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.11.2021
Als "fesselnde politische Erzählung" liest Rezensentin Monika Remé diese Arbeit, in der Florian Hannig die Entwicklung und Institutionalisierung der humanitären Hilfe im 20. Jahrhundert nachzeichnet. Remé lernt, das die humanitäre Hilfe im Gegensatz zur Entwicklungshilfe nicht an koloniale Strukturen anschloss, sondern an Hilfsprogramme für Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber sie erfährt auch, wie Medien Handlungsdruck erzeugten oder dass sich mit den Kriegen von Biafra und Ostpakistan in den westlichen Staaten "erweiterte Mitleidsgemeinschaften" bildeten, die auch den Globalen Süden in den Blick nahm. Remé attestiert Hannig hervorragende Rechercheleistungen und fundierte Archivarbeit, aber sie sieht auch, dass er nicht alle Thesen so belegt bekommt: Dass am Ende die USA Geldgeber und Agenda-Setter blieben, widerspreche eigentlich seiner These, dass die Institutionalisierung humanitärer Einsätze vor allem im UNHCR die Hilfe unabhängig von medialen Konjunkturen verfestigt habe.
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