Frank Witzel

Uneigentliche Verzweiflung

Metaphysisches Tagebuch I
Cover: Uneigentliche Verzweiflung
Matthes und Seitz, Berlin 2019
ISBN 9783957577801
Gebunden, 295 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

"Schreiben heißt die Einsamkeit verteidigen, in der man sich befindet", schreibt María Zambrano. Wenn aber schon das Schreiben generell die Einsamkeit verteidigt, was geschieht in einem Tagebuch, das der vorgegebenen Form zwar folgt, sich aber gleichzeitig gegen sie zur Wehr setzt? Frank Witzel vertraute sich zwei Monate jeden Tag einem Tagebuch an, ohne dabei der Form des Tagebuchs zu vertrauen. Seine Aufzeichnungen sind gekennzeichnet von einer Skepsis gegenüber dem eigenen Erleben und Denken - und nicht zuletzt auch gegenüber dem Vorgang des Schreibens selbst.
Witzels Umgang mit den sogenannten Fakten, die sich hier, wenn überhaupt, nur am Rande finden, heben die Aufzeichnungen im wahrsten Sinne des Wortes ins Metaphysische: Personen, Begegnungen, Reisen oder alltägliche Ereignisse werden unmittelbar von ihrer vermeintlichen physischen Existenz befreit und schon im Notieren in die metaphysische Reflexion umgelenkt. Ein Schreibprojekt, das mit diesem ersten Band seinen Anfang nimmt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.02.2020

Rezensent Frank Witzel nimmt Steffen Martus die Arbeit ab. Besser als der Autor selbst in seiner Transzendentalpoesie kann Martus den vorliegenden Text auch nicht verreißen, da Witzel die Bedingungen der Möglichkeit seiner Arbeit stets mitdenkt. Witzels Metaphysisches Tagebuch über zwei Monate ist für den Rezensenten denn auch mehr als die Aufarbeitung einer gescheiterten Liebesbeziehung, ist abstrakte Überlegung zur göttlichen Schöpfung und Konzentration auf das "Denken als Prozess". Angeregt durch Kafka, Heidegger, Simone Weil wirkt der Text leider sowohl auf den Autor selbst als auch auf den Rezensenten bald ermüdend. Wäre da nicht der existenzielle Ernst des Ganzen, Martus hätte wohl nicht durchgehalten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2019

Rezensentin Katharina Teutsch lässt sich von Frank Witzel auf das dünne Eis des Denkens führen. Mit Witzel und Gabriel Marcel, Kierkegaard oder Simone Weil über Liebes- und Schreibkrisen nachzusinnen, über Gnade und den Gegensatz von Denken und Tun, findet sie erhellend, originell und sogar lustig, auch wenn es sich im Grunde nur um ein Selbstgespräch handelt, wie Teutsch ahnt. Witzels Aphorismen und "philosophischer Slapstick" sind vom Feinsten, so die Rezensentin.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 04.09.2019

Rezensent Steffen Greiner überlegt, was es bedeutet, dass Frank Witzels etwas anstrengende Autofiktionalisierungen Metaphysik heißen dürfen, weibliche Identitätsschreibe hingegen unter Migrationsliteratur oder Feminismus firmieren. Die Frage, was ein Autor nach einem wirklich bedeutenden Roman noch schreiben kann, beantwortet ihm Witzel auf eher ernüchternde Weise. Wie der Autor sich selbst beim Denken zusieht, das liest sich für Greiner wie ein bisweilen unfreiwillig komisches Kitschtagebuch eines Bildungsbürgers. Dass Witzel ausgerechnet immer dann, wenn er radikal werden könnte, sich in sein Gedankenschneckenhaus zurückzieht, macht ihn für Greiner zwar nicht unsympathisch, das Buch taugt aber allenfalls als Dokument des Denkhorizonts eines in der frühen BRD Geborenen, meint er.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 31.08.2019

Kein Roman, sondern "das wirkliche Tagebuch des wirklichen Frank Witzel, in dem er von seinen wirklichen Panikattacken berichtet," erwartet einen hier, erklärt der Rezensent Tobias Lehmkuhl. Aber das lohnt sich, wie der Kritiker findet: Witzel habe zwei Monate lang seine Gedanken notiert, angefangen bei einer Liebeskrise und Schreibblockade nach dem Tod seines Vaters, und das sei schon allein lesenswert, weil männliche Schriftsteller nur selten ihre Ängste so offenlegen würden. Außerdem denke Witzel so erfrischend und scharfsinnig über das Denken selbst nach, dass es Lehmkuhl eine wahre Freude war. Auch lobt der Kritiker die vielen tiefsinnigen Aphorismen, die dem Autor dabei Lehmkuhl zufolge wahrscheinlich versehentlich unterlaufen sind.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 08.08.2019

Radikale Selbstbefragung sei dies Buch, Folge einer Schreibkrise, die aber - zum Glück zumindest für den Rezensenten Tobias Lehmkuhl - keine Schreibblockade war. Nach einer Trennung und dem Tod seiner Eltern habe sich Witzel gewissermaßen selbst auf den Prüfstand stellen müssen und probiere hierfür eigens zum ersten Mal die Form eines Tagebuchs aus. Das sei aber ein Denktagebuch, nichts Anekdotisches. Witzel schildert hier etwa seine regelmäßigen morgendlichen Panikattacken, konzediert sich auch zuweilen ein "verzagtes Rumgedenke", bewahrt aber stets seinen Humor, so der gerührte Rezensent.

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