Klappentext

Übersetzt aus dem Französischen von Lena Müller und André Hansen. Nicolas Mathieu. Ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt 2018. Ein Ort in der Provinz, im Osten Frankreichs. Stillgelegte Industrie. Unerträgliche Hitze. Eine Gruppe Jugendliche, ohne viel zu tun, die ihre Sexualität entdecken, Bier trinken, Moped fahren oder dealen. Langeweile. Konflikte mit und zwischen den Eltern. Die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Nicolas Mathieu schreibt über die am Rande Liegengelassenen. Über vier Sommer begleitet "Wie später ihre Kinder" Anthony, Hacine und ihre Freunde beim Erwachsenwerden in einer Welt der Reihenhaussiedlungen und Durchschnittsstädte - einer Welt, in der ihnen nichts geschenkt wird und an der sie dennoch hängen. Ein Gesellschaftsroman über das vergessene Frankreich der 1990er.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 14.09.2019

Zwei Söhne aus prekär gewordenen Arbeiterfamilien, der eine mit Migrationshintergrund, fühlen sich im Jahr 1992 als Außenseiter auf einer Party in der Lothringer Provinz. Aus Frust klaut Hacine das Motorrad, mit dem Anthony gekommen ist, das er sich aber selbst nur ohne Erlaubnis von seinem gewalttätigen Vater ausgeliehen hat, fasst Rezensent Fokke Joel den Aufhänger des Romans zusammen. So entfaltet sich dem Kritiker zufolge eine äußerst spannende Coming-of-Age-Geschichte, die laut ihm auch damit beeindruckt, dass sie "die Figuren von innen heraus erzählt". Außerdem glaubt der Rezensent, dass es Mathieu gelungen ist, zu zeigen, woher die Wut der Gelbwesten kommt, denn seiner Meinung nach stammen diese zu großen Teilen aus dem abgehängten Proletariat, das der Autor hier schildert.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 29.08.2019

Auch Rezensentin Antonia Baum ist von der Qualität dieses Romans sehr überzeugt. Aber genau dies, dass sich nämlich alle Bildungsbürger "einen Sommer lang" betroffen über das Schicksal der hier geschilderten Jugendlichen beugen, ohne dass sich etwas ändern wird, regt sie ziemlich auf. Sie  spricht von einer "Übersetzungsleistung" des Autors, der, wie sie etwas maliziös anmerkt, bestimmt ein Studierter (also Teil der Elite) sei, und genau dies erlaube es den anderen, meist studierten Lesern, das Gefühl zu entwickeln, die Abgehängten zu verstehen. Wütend bezeichnet sie dies als "stabilisierenden Vorgang", also als genau jenen "ewigen Kreislauf" und "Fluch", in den der Autor Mathieu das Leben seiner Protagonisten eingebunden sieht.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 12.08.2019

Christoph Vormweg hat nur Lob für den Roman von Nicolas Mathieu übrig. Dass der Autor keine Nabelschau betreibt, wenn er die jungen Globalisierungsloser der neunziger Jahre, ihren Frust, ihr Leid, ihre Sehnsüchte, ihren Trost, in einem französischen Grenzort zu Luxemburg aus großer Nähe betrachtet, sondern multiperspektivisch, differenziert und mit Respekt für ihre Innensichten vorgeht, scheint Vormweg bemerkenswert. Ein dramatischer Plot, tolle Milieubeschreibungen mit authentischer Sprache sowie der Verzicht auf Klagen und Anklagen machen das Buch für den Rezensenten zur gelungenen fiktionalen Ergänzung von Didier Eribon und Co.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 05.08.2019

Dirk Fuhrig hält Nicolas Mathieus in den neunziger Jahren spielende Provinzgeschichte für einen der mitreißendsten Romane des Sommers. Sprachlich trocken, subtil, ironisch, authentisch, bringt ihm der Autor die Teenager-Hölle seiner Figuren im nordöstlichen Frankreich nahe, und zwar laut Rezensent ohne anzuklagen wie Eribon und Co., sondern mit differenzierterem Blick. Indem Mathieu unter Berücksichtigung von Sitten und Sprache tief in den Sozialkosmos seiner Halbstarken-Charaktere eintaucht, bleibt er nah an den aktuellen gesellschaftlichen Fragen, erklärt Fuhrig seine Begeisterung.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.07.2019

Nicht ganz ohne Klischees in der Zeichnung des charakteristischen Milieus kommt der Autor in diesem Roman aus, findet Rezensentin Lena Bopp. Dennoch scheint sie das wenig gestört zu haben. Liebevoll beschreibt sie die Story der drei Jungen und ihrer offenbar unentrinnbaren Schicksale, die sie von ihren Vätern erben - Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und Gewalt, über Generation gefangen in den sich auflösenden sozialen Strukturen des ländlichen Frankreich. Sie erinnert daran, dass dieser Blick auf ebensolche Herkunft in den letzten Jahren schon Edouard Louis, Didier Eribon und Annie Ernaux zu literarischem Ruhm verholfen hat. Mathieus preisgekröntes Buch ist als Erklärung der Gelbwesten-Perspektive interpretiert worden: Wie es auf dem Land und in diesem Roman weder für Jugendliche noch für Erwachsene einen Genuss - Sex, Drugs and Rock'n Roll - gibt ohne Benzin, also das Fahren, so war der Auslöser jener Proteste die Erhöhung der Dieselpreise. Auch wenn der Autor diesen Blick hier auf ein hässliches Frankreich nachvollzieht, so entschuldige er die politischen Folgen nicht, versichert die überzeugte Rezensentin.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.07.2019

Alex Rühle fragt sich angesichts der weitgehend stimmigen Übersetzung von Lena Müller und Andre Hansen, ob man sich unter Jugendlichen schon 1994 "Alter" genannt hat. Logo. Nicolas Mathieus Roman hat laut Rühle aber viel mehr zu bieten als Jugendslang, nämlich eine gut eingefädelte sozialpolitisch schlaue Geschichte der feinen Unterschiede, von Gewalt, Knast und Nirvana. Wie drei Jugendliche in einem Kaff ums Überleben kämpfen, kann ihm der Autor sehr genau beschreiben und damit allerhand zum Verständnis heutiger (rechtspopulistischer) Verhältnisse beitragen, findet der Rezensent.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 22.07.2019

Rezensentin Judith von Sternburg lässt sich von Nicolas Mathieu in die 1990er in einem lothringischen Kaff entführen, und siehe da: Die heutigen Probleme und Fragen, die Wutbürger und die soziale Ungerechtigkeit begegnen ihr schon in jener Zeit in Gestalt der Arbeitersöhne Anthony, Hacine und Step, die der Autor laut Rezensentin mit großer Sympathie schildert. Erkenntnisreich und lebensvoll findet sie Mathieus Geschichte, die sie schon auf der Leinwand sieht. Farbenreich die Sprache, auch auf Deutsch rasant und geschmeidig, meint sie. Die episodische Anlage des Buches, die Figuren auftauchen und wieder verschwinden lässt, und die Sternburg mitunter wie ein Drohnenflug über das Setting vorkommt, das entgeht der Rezensentin nicht, kreist um "beinharte" unentrinnbare Gewalt und Chancenungleichheit.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 20.07.2019

Tilman Krause liest den Roman des Prekariats mit Nicolas Mathieus neuem Buch. Anders als Eribon und Louis verzichtet der Autor laut Krause auf die Vermutung eines kostbaren seelischen Kerns bei seinen beiden als Arbeiter- bezihungsweise Migrantenkind stigmatisierten Protagonisten und zeichnet sie wie Primaten mit genau drei Zielen: Sex, Drugs and Rock 'n' Roll. Vor allem, wie Mathieu die soziologischen Einzelheiten und Strukturen des Settings in den neunziger Jahren entwirft, scheint Krause so routiniert wie fesselnd. Wie der Autor daraus die Konflikte seiner wenig sympathischen Figuren entwickelt, reißt den Rezensenten förmlich mit.