Walter Benjamin. Das Pariser Adressbuch
Eine Biografie des Exils im Spiegel

Nimbus Verlag, Wädenswil 2025
ISBN
9783038500858
Gebunden, 800 Seiten, 48,00
EUR
Klappentext
Mit zahlreichen Abbildungen. Leben und Werk von Walter Benjamin (1892-1940) stellen auch mehr als zwei Generationen nach seinem Tod ein außerordentliches Faszinosum dar. War Benjamin zu Lebzeiten durch zwei akademische Bücher und einen schmalen Band literarischphilosophischer 'Denkbilder' nur Insidern bekannt, so entwickelte er sich ab den 1960er Jahren zu einer zentralen Anregerfigur der intellektuellen Diskurse innerhalb und außerhalb der Geisteswissenschaften. Dies ist umso erstaunlicher, als der überwiegende Teil seines Werks aus Kritiken und Aufsätzen in Zeitschriften besteht, während sein Opus magnum - das "Passagen-Werk" - Fragment blieb. Dies war vor allem den Umständen des Exils geschuldet, das von permanenter Ungewissheit geprägt war: den eingeschränkten Publikations- und Verdienstmöglichkeiten sowie den veränderten Bedingungen des geistigen Austausches, da viele von Benjamins bisherigen Diskussionspartnern ebenfalls emigriert und in alle Welt verstreut waren. Desto begieriger nutzte er jeden Kontakt, der Anregungen, nützliche Verbindungen und Hilfe versprach. Seit je gewohnt, alles Wichtige mit graziler Schrift auf engstem Raum festzuhalten, entwickelte sich sein Adressbuch nun zum zentralen "Datenspeicher". Benjamins gesamte Lebensumstände bilden sich hier in verdichteter und verkürzter Weise ab, wobei die Notate fast ebenso viele Rätsel aufgeben, wie sie Angaben enthalten. Verzeichnet sind fast 300 Personen, mit denen Benjamin in den siebeneinhalb Jahren seines Exils in Verbindung stand (wobei noch einige Adressen berücksichtigt sind, die er an anderer Stelle notierte). Dass er während dieser Zeit "vereinsamt" und "isoliert" gewesen sei, wie es bisherige Biographien darstellen, ist ein Mythos, der durch das Adressbuch widerlegt wird.Nachdem 2006 bereits ein unzulänglicher Versuch gemacht worden war, das Material zu erschließen, hat sich Georg Wiesing-Brandes die Aufgabe gestellt, allen Informationen des Adressbuchs bis ins Detail nachzugehen und nicht eher zu ruhen, bis die Angaben ihren Hintergrund preis gaben. Die Ergebnisse seiner zehn Jahre dauernden Recherche verdienen, als sensationell bezeichnet zu werden. Nicht nur die zahlreichen Personen, die plötzlich in Benjamins Umfeld auftauchen und kenntlich werden, ergeben ein neues, umfassendes Bild seiner Exiljahre; Wiesing-Brandes hat auch unbekannte Briefe und Dokumente aufgespürt oder konnte den Weg rekonstruieren, den verschollene Manuskripte gegangen sein müssen. So grundlegend seine neuen Erkenntnisse für die Fachwelt sind, so klar und erzählerisch fesselnd sind sie dargestellt. Eine Fundgrube und unverzichtbare Quelle für alle, die sich mit Walter Benjamins Biographie beschäftigen wollen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.06.2025
Georg Wiesing-Brandes macht mit seinem Buch einen deutlich besseren Job als Christine Fischer-Defoy, die Walter Benjamins Pariser Adressbuch 2006 schon einmal editierte, findet Rezensent Philipp Lenhard. Denn in Wiesing Brandes' Buch geht es nicht nur fehlerfrei, sondern dabei auch noch sehr umfassend und sogar spannend vor, lobt der Historiker: auf der Basis von intensiver Recherche in deutschen, französischen und russischen Archiven grabe der Soziologe, Literaturwissenschaftler und Antiquar noch die letzten Hotels und Buchhandlungen aus, die in dem Adressbuch und ergänzend in Kritzeleien auf Manuskriptseiten zu finden sind; ganz abgesehen von spannenden Kurzbiografien zu einzelnen Persönlichkeiten: etwa die Bühnenbildnerin Dorothea (Mopsa) Sternheim oder die Spionin und Heidegger-Schülerin Emilia Litauer lernt Lenhard hier näher kennen. Wichtigstes Ergebnis von Wiesing-Brandes' Arbeit ist für den Kritiker dabei, aufzuzeigen, wie groß Benjamins Netzwerk im Exil - entgegen anderer Annahmen - eben doch war. Eine bereichernde Lektüre nicht nur für die Benjamin-Forschung, sondern auch für Nicht-Kenner, schließt der Rezensent begeistert.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.05.2025
Rezensent Wolfgang Matz sieht mit Georg Wiesing-Brandes' Buch mit der Legende aufgeräumt, Benjamin hätte nur einen kleinen Pariser Bekanntenkreis gehabt. Aus Benjamins Notizbüchlein destilliert der Autor über 300 Adressen, die Namen dahinter, von Hannah Arendt bis Kracauer und Paulhan, und auch die Kreuz- und Querverbindungen. Den Erläuterungen zu den Namen und Beziehungen folgt Matz mit Spannung und erkennt: die Rue Dombasle 10 war um 1939 eine illustre Exilanten-WG. Ein unverzichtbares Buch für alle Benjamin-Fans, meint Matz.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 03.05.2025
Für den Rezensenten Magnus Klaue ist das kommentierte Pariser Adressbuch Walter Benjamins "eine der Sachbuch-Sensationen des Jahres": Der Exilforscher Georg Wiesing-Brandes hat sich die Mühe gemacht, dieses für Benjamins Leben und Werk bedeutende Bändchen in quasi "detektivischer Arbeit" zu erforschen. Es zeigt sich für Klaue, dass Benjamin in seinem Pariser Exil weder völlig vereinsamt, noch in große Netzwerke eingebunden war, dass ihn in dieser Zeit vor allem das Provisorische und Unsichere umgetrieben hat. Kontakte pflegte er zu so verschiedenen Persönlichkeiten wie Hannah Arendt, Bertolt Brecht, Siegfried Kracauer und Georges Bataille, die der Kampf gegen den Nationalsozialismus und für die Bewahrung aller kulturellen Errungenschaften der Verfolgten einte. Auch an die Geschichte von Benjamins Sohn Stefan wird der Rezensent erinnert, der als "feindlicher Ausländer" vom britischen Exil nach Australien deportiert wurde. Auch Wiesing-Brandes Methode, auf erzwungene Verbindungen zu verzichten, lobt der Kritiker: Es entsteht eine zu Benjamin passende fragmentierte Struktur, an deren detektivischen Spürsinn erfordernde Lesart der Porträtierte sicher Gefallen gefunden hätte, wie Klaue schließt.