Die Organisation Gehlen übernahm mit dem Personal aus Gestapo und anderen NS-Behörden einige ihrer Feindbilder. Neu formiert unter den Vorzeichen des Kalten Krieges, führte sie bis in die sechziger Jahre hinein ausgedehnte Ermittlungen gegen eine nicht existierende kommunistische Spionageorganisation: die neu erstandene "Rote Kapelle". Tatsächlich ermittelte sie gegen Überlebende aus dem Widerstand, die aus den Lagern und Zuchthäusern der Nationalsozialisten oder dem Exil zurückgekehrt waren und es ernst meinten mit dem demokratischen Neuanfang. Den Männern, die sich aus verantwortlichen Positionen des NS-Regimes in den Gehlen-Dienst gerettet hatten, diente die Wiederbelebung des Gestapo-Mythos dazu, die NS-Gegner zu denunzieren, um sie vom öffentlichen Leben fernzuhalten und
die Furcht vor kommunistischer Unterwanderung zu schüren, um so ihr eigenes institutionelles Überleben abzusichern. (Band 2 der Edition der unabhängigen Historikerkommission zur
Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes 1945-1968)
Auf satte 13 Bände ist die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit des Bundesnachrichtendienstes angelegt. Die ersten drei davon bescheren dem rezensierenden Potsdamer Geschichtsprofessor Frank Bösch jede Menge aufschlussreiche Fakten. Ganz besonders spannend findet der Rezensent Gerhard Sälters Band über die "Phantome des Kalten Krieges", der das antikommunistische Weltbild des Nachrichtendienstes in den Fünfzigerjahren beleuchtet. Selbst der Springer-Verlag und diverse christdemokratische Politiker wurden so zum Gegenstand der Überwachung, erfährt Bösch. Gerne hätte er noch etwas über die Konsequenzen für die Verfolgten erfahren und ob der Geheimdienst sich nur in "Phantomjagden verstrickte" oder auch reale DDR-Spione aufdecken konnte. Es bleiben noch viele Fragen für die nächsten zehn Bände, die Bösch schon gespannt erwartet.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.10.2016
Wie nationalsozialistische Feindbilder wie der Gestapo-Mythos von der "Roten Kapelle" weiterwirken, erfährt Rainer Blasius aus Gerhard Sälters Buch. Der Autor arbeitet laut Rezensent detailverliebt und eindrucksvoll. Die Gründe, die Sälter für Aktionen gegen die vermeintlich kommunistische Bedrohung der Bonner Republik findet, scheinen Blasius einleuchtend: Antikommunismus, personelle Kontinuitäten und mögliche Instrumentalisierung. Allerdings hätte Blasius sich tiefere Einsichten in die personellen Interessen gewünscht, darüber, wie Anstellungsverhältnisse Pensionsansprüche und dergleichen das Schüren der Unterwanderungshysterie durch die Gehlen-Leute antrieben.
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