Das Motiv, dem Grauen Bedeutung abzugewinnen, entwickelt H. G. Adler in dem Essay "Nach der Befreiung" im Dezember 1945, acht Monate nach seiner eigenen Befreiung aus dem KZ Langenstein. Adlers Studien über die Entstehung und Struktur, das Alltagsleben und die Auflösung der "Lagerwelt" gelangen aus der Perspektive teilnehmender Beobachtung zu einer der umfassendsten Darstellungen der "ordentlichen Regelung des Außerordentlichen", des Zusammenhangs von Verwaltung und Gewalt als "extreme Alternative von beinahe unbegrenzter Willkür und völliger Ohnmacht, welche das SS-System der Konzentrationslager charakterisierte." Während im ersten Teil des Bandes Protagonisten des Nationalsozialismus (Adolf Hitler, Adolf Eichmann u. a.) sowie Praktiken der (Selbst-)Verwaltung in den Konzentrationslagern im Mittelpunkt stehen, entwerfen die soziologischen Studien der 1960er Jahre im zweiten Teil eine Theorie der Verfolgung in ihrem Zusammenspiel mit dem bürokratischen Apparat.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 02.10.2013
Das Werk des großen jüdischen Denkers der Shoah und Auschwitz-Überlebenden H. G. Adler dem Vergessen zu entreißen, ist dieser von Peter Filkins herausgegebene Sammelband laut Rezensent nur bedingt geeignet. Neben eindrücklichen Arbeiten zur Deportation der Juden und für Ahlrich Meyer gleichfalls hervorragenden Essays, etwa zu Adolf Eichmann, mit denen sich das Verhältnis von Historiografie und Soziologie bei Adler neu überdenken lasse, wie er schreibt, stößt der Rezensent auf allzu viel Veraltetes. Die Skizze "Hitler als Persönlichkeit" vermag Meyer nicht zu interessieren, anderes erscheint ihm längst von der Forschung überholt.
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