Unmöglicher Abschied
Roman

Aufbau Verlag, Berlin 2024
ISBN
9783351041847
Gebunden, 315 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Le. Han Kangs Roman "Unmöglicher Abschied" erzählt die Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei Frauen und beleuchtet zugleich ein jahrzehntelang verschwiegenes Kapitel koreanischer Geschichte. Eines Morgens ruft Inseon ihre Freundin Gyeongha zu sich ins Krankenhaus von Seoul. Sie hatte einen Unfall und bittet Gyeongha, ihr Zuhause auf der Insel Jeju aufzusuchen, weil ihr kleiner weißer Vogel sterben wird, wenn ihn niemand füttert. Als Gyeongha auf der Insel ankommt, bricht ein Schneesturm herein. Der Weg zu Inseons Haus wird zu einem Überlebenskampf gegen die Kälte, die mit jedem Schritt mehr in sie eindringt. Noch ahnt sie nicht, was sie dort erwartet: die verschüttete Geschichte von Inseons Familie, die eng verbunden ist mit einem lang verdrängten Kapitel koreanischer Geschichte.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 22.01.2025
Dieser Roman leuchtet hell: Rezensent Martin Oehlen schwärmt von der Prosa der Nobelpreisträgerin Han Kang. In diesem Buch geht sie von einer Metapher aus, erklärt Oehlen: Ein Berg mit schwarzen Baumstämmen bewachsen, der der Protagonistin Gyeongha wie ein Friedhof übersät mit Grabsteinen erscheint. Daraus entwickelt diese mit einer befreundeten Künstlerin eine Installation - im Kern geht es um ein Massaker, bei dem Ende der 1940er Jahre auf der Insel Jeju Zehntausende ums Leben kamen, so der Rezensent. Kang lasse diese Geschichte "nach und nach" ans Licht kommen, ihre Prosa sei "mit großer Sensibilität und noch größerer Finesse" zu charakterisieren, betont Oehlen. Als sich die Freundin Inseon bei der Arbeit verletzt, muss sie ins Krankenhaus. Die blutende Wunde wird von den Ärzten immer wieder geöffnet, hier sieht der Kritiker eine Metapher auf die Geschichte: Dinge nicht ruhen zu lassen, auch wenn es weh tut. Ein bisschen stört sich Oehlen daran, dass die Übersetzerin Ki-Hyang Lee, die ansonsten eine solide und "einnehmende" Leistung abliefert, versucht, für einige Passagen im koreanischen Dialekt des Buches Äquivalente im Deutschen zu finden - das wirkt etwas unbeholfen. Aber nicht genug, um die Freude an diesem "reichen Roman" zu dämpfen, versichert der Kritiker.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 09.01.2025
Nein, an die Brillanz der früheren Werke reicht dieser Roman von Literaturnobelpreisträgerin Han Kang nicht heran, findet Rezensent Franz Haas. Zwar greift die koreanische Autorin hier mit einem verdrängten Massaker der südkoreanischen Diktatur und den Qualen weiblicher Individualität Themen vorangegangener Romane auf, leider begräbt sie diese aber unter Bergen von bemüht poetischen Schneesturm-Beschreibungen. Zudem ermüdet sie den Rezensenten mit allzu vielen Fantasien über die Frauenfreundschaft der Protagonistinnen. Dabei gelingen Han Kang durchaus "nobelpreiswürdige" Passagen, versichert Haas, etwa wenn sie über das auf der Insel Jeju 1948/49 verübte Massaker schreibt oder die Freundin der Erzählerin von der Demenz ihrer Mutter erzählen lässt. Insgesamt sind dem Kritiker diese exzellenten Szenen aber zu wenig.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 17.12.2024
Rezensentin Dorothea Westphal zeigt sich beeindruckt von Han Kangs neuem Buch, in dem eine Schriftstellerin namens Gyeongha sich zu ihrer verletzten Freundin Inseon aufmacht, um deren Papagei zu retten. Das klappt nicht, erfahren wir, aber dafür trifft die Hauptfigur auf Inseons Geist, der von einem Massaker erzählt, das staatliche Organe im Jahr 1948 verübten, dem vermutlich um die 30000 Menschen zum Opfer fielen und das in der koreanischen Öffentlichkeit lange tabuisiert wurde. Als magisch realistisch beschreibt Westphal den Stil des Buches, die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit haben hier ebenso wenig Geltung wie die zwischen den Lebenden und den Toten. Außerdem spielt Schnee eine wichtige, metaphorische Rolle, heißt es weiter. Man muss sich schon voll und ganz auf die nicht ganz einfache Lektüre einlassen, meint Westphal, wenn einem das gelingt, gerät man in seinen Sog und findet gleichermaßen Schmerzhaftes und Tröstliches.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.12.2024
Rezensent Tobias Rüther ist tief beeindruckt von diesem Roman und dessen zentraler, letztlich unergründlicher Metapher: dem Schnee. Der ist allgegenwärtig in diesem Buch, lesen wir, dessen Erzählerin Gyeongha sich zur Insel Jeju aufmacht, zum Haus ihrer Freundin Inseon, um deren Papagei zu versorgen. Dort angekommen, wird sie jedoch auch in eine Recherche ihrer Freundin hineingezogen, fährt Rüther fort, die mit einem Massaker zu tun hat, das bewaffnete Truppen 1948 an vermeintlichen Kommunisten verübten - auch Inseons Familie war damals betroffen. Recherche und Traum gehen nahtlos ineinander über in dieser Prosa, so der Rezensent, man muss dieses nur scheinbar simpel geschriebene Buch ganz genau lesen. Ein Buch über die Last der Erinnerung, hält Rüther fest, und das große Buch einer großen Chronistin der koreanischen Gewaltgeschichte, so das Fazit.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 16.12.2024
Traum und Wirklichkeit sind oft kaum voneinander zu unterscheiden in diesem tollen Buch, so Rezensent Alex Rühle. Han Kang erzählt darin von der Hauptfigur Gyeongha, die sich zur Insel Jeju aufmacht, um den Papagei ihrer Freundin Inseon zu retten - vergeblich, wie sich herausstellt, und schon der Weg zum Haus der Freundin ist beschwerlich. Später vertieft sich Gyeongha in eine Recherche, die ihre Freundin zu einem Massaker von Regierungstruppen auf Jeju im Jahr 1948 anstellt. Im Zuge dieser Aufarbeitung der Vergangenheit dringen andere Stimmen in das Buch ein, die verschiedenen Realitätsebenen vermischen sich. Das hat mit der Tabuisierung des Massakers zu tun, weiß Rühle, der darauf hinweist, dass das Buch keineswegs nur trostlos und düster ist, sondern auch Kraft schenkt. Das liegt für den Rezensenten vor allem an der "Schönheit" von Han Kangs Texten, deren Bilder und Motive zunehmend ein fein gewebtes Gesamtbild ergeben. Nicht zuletzt liest Rühle mit Blick auf den aktuellen Machtkampf in Südkorea ein hochgradig relevantes Stück Literatur.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.12.2024
Rezensentin Sandra Kegel ist tief beeindruckt von diesem Buch Han Kangs, das von der Freundschaft zweier Frauen sowie und vor allem von einem hierzulande kaum bekannten düsteren Kapitel in der Geschichte Koreas erzählt. Die Hauptfigur des in der ersten Person erzählten Buches heißt Gyeongha, sie soll den Papagei ihrer hospitalisierten Freundin Inseon retten und macht sich dafür auf zur Insel Jeju, auf der ein Unwetter tobt. Das Wetter ist wie alles in diesem Buch metaphorisch aufgeladen, erfahren wir, und im Haus der Freundin angekommen wird Gyeongha schließlich mit der Vergangenheit konfrontiert, genauer gesagt mit einem staatlich angeordneten Massaker an angeblichen Kommunisten, dem 1949 30000 Menschen zum Opfer fielen. Han Kangs Prosa ist durchaus pathosgetränkt, oberflächlich betrachtet passiert nicht viel in dem Buch, aber untergründig brechen tiefe Wunden auf, so Kegel. Dabei ziele das Buch auf einen Zwischenbereich zwischen Realität und Imagination ab, insgesamt wird die Geschichte immer weniger berechenbar, wechselt zwischen zärtlichen und grausamen Szenen hin und her. Ein Buch, das in erschrockener Gelassenheit die Vergangenheit wiederaufleben lässt, so das deutlich positive Fazit.
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Die Tageszeitung, 14.12.2024
Gyeongha, die zwei Jahre an einem Roman über ein Massaker in Südkorea gearbeitet hat und jetzt Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung aufweist, ist für Rezensentin Johanna Treblin eine typische Protagonistin der Nobelpreisträgerin Han Kang, bei der die sanfte Sprache im Kontrast steht zu den schweren Geschehnissen, über die sie schreibt. Gyeongha wird von ihrer kranken Freundin Inseon gebeten, auf der Insel Jeju nach ihrem Vogel zu sehen, dort angekommen stößt sie auf Dokumente, die ein Massaker an über 30 000 Menschen bezeugen und die auch Treblin mit in ihren fiebertraumartigen Bann ziehen. Dass es währenddessen die ganze Zeit schneit, ist ein Motiv, dessen Leichtigkeit auch diese inhaltliche Schwere ein wenig ausgleichen soll, so Treblin, die sich diesem meisterhaften, immer zwischen Realität und Traum changierenden Roman kaum entziehen kann.
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Deutschlandfunk, 13.12.2024
Rezensentin Wiebke Porombka lässt sich mit "Unmöglicher Abschied" von einem Erzählstrom mittragen, in dem Traum und Wachen, Kunst und Realität, persönliches Empfinden und historische Verhältnisse ineinanderfließen und sich teilweise bis zur Unkenntlichkeit vermengen. Eine Annäherung ist dieser Strom an einen lange verschwiegenen, gewaltsamen Abschnitt südkoreanischer Geschichte, erkennt Porombka: das Massaker auf der Insel Jeju 1948, bei dem über 30.000 Menschen ums Leben kamen. Han Kang, die kurz vor Erscheinen der deutschen Übersetzung dieses Romans den Literaturnobelpreis erhielt, spiegelt diesen Annäherungsprozess in und mit gleich mehreren Bildern, wie etwa diesem: So wie die Hinterbliebenen damals den Schnee von den Gesichtern der Toten strichen, um ihre Angehörigen zu finden, so will die Autorin das Geschehene literarisch rekonstruieren, glaubt Porombka. Die Rezensentin bleibt in diesem Bild, um ihrerseits ihre Kritik zu illustrieren: Dass Han Kangs Erzählstrom nirgends hinführt, dass sie die "Gesichter der Opfer erzählerisch wieder mit Schnee" bedeckt, der Schnee, der in Porombkas Bild auch für ein Übermaß an Bildern stehen kann, weil es hier nicht ums Entdecken geht, sondern eher um ein Strömen. Dass eine Nobelpreisjury sich von einer solchen "pompösen Empfindsamkeit" einnehmen lässt, darüber wundert sich die Rezensentin schon.
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Die Zeit, 12.12.2024
Die diesjährige Nobelpreisträgerin Han Kang gehört für Rezensentin Iris Radisch zu jenen Autorinnen, die sich mit jedem neuen Buch wieder ihrem "Lebensthema" widmen, die Massaker, die während der koreanischen Militärdiktatur begangen wurden. In ihrem neuen Roman geht es um das 1948 verübte Massaker auf der Insel Jeju: Eine Freundin der Ich-Erzählerin bittet sie, inmitten eines Schneesturms auf die Insel zu reisen, um ihren Papageien zu versorgen, sie selbst liegt im Krankenhaus, berichtet Radisch. Der "edle erinnerungspolitische Anspruch", mit dem die Autorin an die Opfer erinnert, beeindruckt sie zwar, dennoch wird diese Aufgabe nicht ganz ohne Kitsch erfüllt und so bleibt der Roman für sie ein "ein bisschen zu rührselig kalkuliertes Wintermärchen".
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 07.12.2024
Rezensentin Marianna Lieder wird mit diesem im Original vor drei Jahren, jetzt auch auf Deutsch erschienenen Roman der diesjährigen Literaturnobelpreisträgerin Han Kang nicht glücklich. Die Autorin greift hier das Massaker auf der Insel Jeju auf, bei dem die Regierung unter Präsident Rhee Syng-man vor knapp achtzig Jahren nach einer Rebellion etwa 30.000 Insulaner ermordete, meist Zivilisten. Durchaus fesselnd und atmosphärisch dicht erzählt Kang zwar von Ich-Erzählerin Gyeongha, die im apokalyptischen Schneesturm auf die Insel reist, um sich um den Papagei einer kranken Freundin zu kümmern, räumt Lieder ein. Aber schon, dass die Autorin auf eine wirklich anschauliche Rekonstruktion des Massakers verzichtet, auch wenn sie die Geister der Toten sprechen lässt, ärgert die Kritikerin. Schwerer wiegt für die Kritikerin aber, dass die zarte Poesie, für die Kang sonst gefeiert wird, hier zur Pose verkommt: So pathetisch, manieriert und symbolisch überfrachtet wird vom Schicksal der Freundinnen erzählt, so übervorsichtig von dem Massaker, dass es der Rezensentin insgesamt einfach zu plump wirkt.