Leben der Stimme
Ein Versuch über Nähe

Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783518588260
Gebunden, 268 Seiten, 30,00
EUR
Klappentext
Gesellschaftliches Leben findet seit Menschengedenken primär im Medium der Stimme statt. Daran haben auch die epochalen Erfindungen von Schrift und Buchdruck oder elektronische Technologien nichts geändert. Vielleicht erklären die Unvordenklichkeit der Stimme und ihre elementare Funktionsvielfalt, warum die Geistes- und Kulturwissenschaften sie weitgehend übersehen haben. In Leben der Stimme unternimmt Hans Ulrich Gumbrecht entschlossene Denkschritte in diesem komplexen Bereich menschlicher Existenz. Mit großem Respekt vor der ungeordneten Allgegenwart des Phänomens, aber nicht ohne klare begriffliche Unterscheidungen erhellt er in den sieben Kapiteln dieses faszinierenden Buches die Bedeutung und den Status der Stimme aus historischer, philosophischer, psychologischer, soziologischer und theologischer Perspektive. Jenseits akademischer Vermessungen ergibt sich daraus ein Impuls zu persönlicher Reflexion über unerschlossene Schichten von Nähe im individuellen Alltag.
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (
Info)
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 12.07.2025
Rezensent Harry Nutt fühlt sich alles in allem wohl in Hans Ulrich Gumbrechts Buch über die Stimme. Als ein "unordentliches Thema" bezeichnet Gumbrecht den Gegenstand des Buches, in Anschluss an seine Verlegerin, selbst, lesen wir, tatsächlich liest man hier keine kohärent durchgeformte Studie, vielmehr geht es assoziativ zu, Erinnerungen stehen neben kulturgeschichtlichen Tauchgängen. Dass stimmliche Präsenz nicht zu trennen ist von der Herstellung von Bedeutung, liest Nutt bei Gumbrecht, weiterhin geht es um die Stimme des Vaters des Autors, um priesterliches Singen, um den Islam, eine Religion ohne Stimmen, außerdem greift Gumbrecht Autoren wie Nietzsche und Barthes auf, schreibt aber gleichermaßen über Elvis und Janis Joplin. Von akademischen Eitelkeiten ist das alles nicht frei, trotzdem stößt man, freut sich Nutt, auf viele tolle Gedanken, insbesondere da, wo sich dieses Buch alltagsnahen Themen wie etwa den Gesängen in Fußballstadien zuwendet. Insgesamt überzeugt den Rezensenten dieses Buch, das freudvoll verschiedene Register des Wissens miteinander verbindet.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.07.2025
Nicht gar so glücklich wird Rezensent Joseph Hanimann mit Hans Ulrich Gumbrechts Buch über die Stimme. Gumbrecht nähert sich seinem Thema, beschreibt Hanimann, aus der Perspektive verschiedener Disziplinen, darunter Philosophie, Psychologie und Soziologie, ein wichtiger Ausgangspunkt ist Roland Barthes Text "Die Rauheit der Stimme", der die Materialität des Stimmlichen ins Zentrum rückt. Gumbrecht interessiert sich laut Hanimann für die Stimme als Schnittpunkt dreier Zusammenhänge, nämlich Sprache als Sinnproduktion, Zugang zur Psyche des Sprechers sowie Stimme als Klangphänomen. Gumbrecht lässt Orpheus auftauchen, aber auch Kafka, zudem sinniert er etwa über das Singen in Fußballstadien. Andere Themen wie etwa akustische Visionen vermisst der Rezensent, der außerdem wenig mit den persönlich geprägten Passagen anfangen kann, in denen Gumbrecht über Stimmen schreibt, die ihm persönlich wichtig sind, wie etwa jene Elvis Presleys. Nicht so recht entscheiden kann sich dieses Buch zwischen essayistischer Analyse und Darlegungen eigener Erfahrungen, im Ergebnis fühlt sich der Rezensent nur von Teilen des Textes inspiriert.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 12.06.2025
Ein schönes Buch über das Phänomen Stimme hat Hans Ulrich Gumbrecht laut Rezensent Guido Kalberer geschrieben. Gumbrecht beschreibt die Stimme als ein Medium des Flüchtigen, besonders wichtig sind ihm Klangaspekte, die zur Rolle der Stimme für die Bedeutungsproduktion hinzutreten. Neben einem stimmbezogenen Durchgang durch die Kulturgeschichte geht der Autor deshalb auch auf einzelne Singstimmen, von Elvis bis Adele ein, die ihn biografisch besonders geprägt haben. Die Stimme ist etwas, was Menschen auf einer direkt körperlichen Ebene miteinander verbindet, wie etwa auch beim gemeinsamen Singen im Fußballstadion, liest der Kalberer, der Gumbrecht gerne folgt.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 30.05.2025
Laut Rezensent Nico Bleutge hat Hans Ulrich Gumbrechts Buch über die Stimme ein methodisches Problem. Der Autor bekommt sein Thema scheinbar nicht richtig in den Griff und verliert sich stattdessen in Sprüngen vom Allgemeinen zum Besonderen. Dem Autor geht es einerseits um die Stimme des Vaters und die Assoziationen, die sie beim ihm auslöst, erkennt Bleutge, andererseits versucht sich Gumbrecht in mythologischen und religiösen Exkursen. Zusammen ergibt das für den Rezensenten viel Anregendes und Interessante, aber kein stimmiges Ganzes, auch weil der Autor sich nur sehr kursorisch mit bereits vorhandener Literatur zum Thema befasst, so Bleutge.