Tilmann Lahme

Thomas Mann

Ein Leben
Cover: Thomas Mann
dtv, München 2025
ISBN 9783423284455
Gebunden, 592 Seiten, 28,00 EUR

Klappentext

Er ist der literarische Magier des 20. Jahrhunderts: Nobelpreisträger und gefeiertes Genie und zugleich so unglücklich, wie man nur sein kann. Er liebt und darf nicht lieben, die Vorstellungen seiner Zeit stehen ihm im Weg. Was für ein Antrieb zu großer Literatur - und was für ein leidvolles Leben. Seit seinem frühen Welterfolg mit den 'Buddenbrooks' und zwei Jahrzehnte später mit dem 'Zauberberg' öffnen sich ihm alle Türen, bis hin zu der im Weißen Haus. Keine deutsche Stimme kämpft so hörbar gegen Hitler wie seine, kein anderer häuft Ehrungen auf sich wie er. Seine Frau Katia und seine sechs Kinder umringen ihn dabei wie eine Festung. Doch der Abgrund ist immer nur einen Schritt entfernt.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 01.10.2025

Besonders zwei große Verdienste sieht Rezensent Tilman Krause in der neuen Thomas-Mann-Biografie von Tilmann Lahme, den er zum Gespräch getroffen hat: den entschiedenen Fokus auf die lange beschwiegene oder heruntergespielte Homosexualität Thomas Manns und die Verbindung zum langjährigen, und später fallen gelassenen Otto Grautoff. Denn einerseits versteckte Mann seine Neigungen Zeit seines Lebens, gleichzeitig aber, so Lahme, zeigte er sie auf subtile Weise, zum Beispiel im Briefwechsel mit Grautoff - Hinweise denen andere Biografen längst hätten nachgehen müssen. Denn die Äußerungen in Korrespondenzen und Tagebüchern, die Lahme zusammenträgt, sind laut Kritiker recht eindeutig, hätte man nicht absolut daran glauben wollen, dass die Homosexualität eine Art "Übergangsphase" darstellte, die mit der Ehe "überwunden" wurde. Eigentlich ein Skandal, finden Kritiker und Biograf. Es geht dem Autor jedoch nicht darum, das Großkaliber vom Sockel zu stoßen, vielmehr mehrt sich mit diesem persönlichen Blick das Verständnis für den Schriftsteller, der ja bekanntlich nicht nur gute Seiten hatte, schließt der Kritiker. 

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 07.06.2025

Ja, es gibt immer noch Neues zu sagen zu Thomas Mann und sogar ganz neue Perspektiven einzunehmen, wie Rezensent Tilman Krause an Neuerscheinungen von Matthias Lohre, Kerstin Holzer und Tilmann Lahme sehen kann. Allen drei ist gemein, dass sie den Schriftsteller aus einem Blickwinkel betrachten, der gut in die heutige Zeit passe, wie Krauss findet: Mit empathischer Sicht auf Thomas Mann als Opfer einer homophoben Gesellschaft. Der große Verdienst von Lahmes Biografie ist, dass sie endlich dem "großen Seelendrama" der nicht ausgelebten Homosexualität Manns auf den Grund geht. Gerade deshalb ist dieses Buch unbequem, aber unglaublich wichtig, gibt der Kritiker zu. Denn wie viele hätte er selbst gerne daran geglaubt, dass es so schlimm dann doch nicht war, dass Mann doch irgendwann gerne mit seiner Frau Katia schlief, dass er sich arrangierte. So war es aber nicht, zeigt Lahme hier ganz deutlich, Thomas Mann litt nicht nur unter dem unausgelebten Begehren, sondern auch unter der Angst vor Entdeckung, die seiner Würde und Ansehen geschadet hätten. Nicht wenigen wird Lahme hier auf den Schlips treten, meint der Kritiker, aber das ist auf jeden Fall richtig so.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 07.06.2025

Die Welt lässt Tilmann Lahmes große Thomas-Mann-Biografie gleich zwei mal besprechen - und Rezensentin Marianna Lieder ist nicht weniger angetan als ihr Kollege Tilmann Krause. Exzellent recherchiert und hervorragend geschrieben erscheint ihr das 600-Seiten-Werk, in dem Lahme auf Basis auch zum Teil unveröffentlichter Quellen Manns sublimierter Homosexualität nachspürt. So liest die Kritikerin hier etwa der durch Mann der Öffentlichkeit vorenthaltene Briefe an den Jugendfreund Otto Grautoff, mit dem er sich von früh an über "Verliebtheitsdesaster" austauschte. Ebenso interessiert liest Lieder hier zwei Texte von Susan Sontag, einen davon erstmals in diesem Buch abgedruckt: Sontag bekennt hier ihre Desillusionierung, wenn sie den Schöpfer des von ihr verehrten "Zauberbergs" erstmals persönlich trifft. Wenn Lahme hier beider Homosexualität parallelisiert, wird es der Rezensentin zwar ein wenig zu "monothematisch". Davon abgesehen kann sie diese verdienstvolle Werk aber uneingeschränkt empfehlen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.06.2025

Rezensent Lothar Müller nennt Tilmann Lahmes Buch über Thomas Mann eine "Punktstrahler-Biografie". Indem der Autor sich auf die sexuelle Orientierung Manns einschießt und nach ihrer Bedeutung für Manns Autoschaft fahndet, zieht er seine Quellen, ihre Darstellung, Auswertung und Kommentierung im Fokus auf diesen einen Aspekt zusammen, erklärt Müller. Erfrischend findet er Lahme immer dann, wenn der Autor Abneigung gegen bestimmte Werke erkennen lässt und besagter Fokus besonders eng wird.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 05.06.2025

Ein Musterbeispiel für eine Biografie legt Tilmann Lahme hier vor, staunt der in der Zeit rezensierende Schriftsteller Daniel Kehlmann. Warum? Unter anderem, weil Lahme sich auf die Kunst des Weglassens versteht, viele Episoden im Leben Manns, etwa die Zeit in Zürich gegen Ende seines Lebens, kommen kaum vor, auch einige Mann-Werke, wie etwa "Königliche Hoheit", bleiben Randnotizen, atmet der Kritiker auf. Dagegen werden "Tonio Kröger" und der "Zauberberg" ausführlich untersucht. Inhaltlich hat Lahmes Biografie einen klaren Fokus, erkennt Kehlmann: Manns Homosexualität, die von dem Autor nicht ausgelebt, aber literarisch aufgearbeitet wurde, und zwar, wie sich zum Beispiel im "Tonio Kröger" zeigt, ziemlich offenherzig. Manns Trick bestand allerdings darin, dass Mann seine Erzählungen stets so anlegte, dass Passagen, die auf Homosexualität Bezug nehmen, auch anders, nämlich metaphorisch ausgedeutet werden können, liest Kehlmann bei Lahme. Auch der Briefwechsel Manns mit dem ebenfalls homosexuellen Schulfreund Otto Grautoff fügt sich in das Bild eines Mannes, der seine erotische Neigung unterdrücken musste, um ein Leben in der Mitte der Gesellschaft führen zu können. Für Kehlmann ist das Buch ganz klar ein Schlüsselwerk über Thomas Mann. Er empfiehlt die Lektüre einfach allen, ganz gleich, ob sie sich für Mann interessieren oder nicht.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.05.2025

Rezensent Edo Reents lässt in seiner ausführlichen Rezension keinen Zweifel daran, wie sehr er diese Biografie über Thomas Mann schätzt: Kaum überschaubar ist die Menge an Neuerscheinungen in diesem Jubiläumsjahr und trotzdem schafft es Tilmann Lahme, den Rezensenten zu verblüffen und zu begeistern. Denn Lahme unternimmt etwas Hochspannendes, so Reents: er betrachtet Mann "unter dem Vergrößerungsglas" seiner Homosexualität und zeigt vor allem, wie die Forschung das Thema immer wieder als "vorübergehendes" oder "eingehegtes" behandelte, wo es tatsächlich für Mann von existenzieller Bedeutung war und sein Leiden an der Welt und nicht zuletzt sein literarisches Schaffen bedingte. Lahme zeigt dem Rezensenten, wie zum Beispiel die Editionen der Tagebücher zahlreiche Einträge Manns zu seinem "sexuellen Kummer" unter den Tisch fallen ließen. Ein besonderes Verdienst kommt dem Autor dafür zu, dass er die wahre Bedeutung des "Jugendfreundes" Otto Grautoff für Mann herausstellt und diesen zum "heimlichen Helden" werden lässt, so der Kritiker. Dazu gehören beispielsweise die Veröffentlichung einer bisher unbekannten Korrespondenz von 1896, in der beide sich über die Lektüre Richard von Krafft-Ebings schrift "Psychopathia sexualis" austauschen, in der Homosexulität als behandelbare Krankheit ausgelegt wurde - und beide, so beweist Lahme dem Kritiker, zum Einschlagen eines bürgerlichen Lebensweges samt Heirat bewegte. "Glänzende Einsichten", ein klarer Schreibstil und auch eine Prise Humor ergeben für Reents eine ideale und sehr beachtenswerte Lektüre, die noch über Generationen hinweg gelesen werden wird, wie er prophezeit.

Buch in der Debatte

Efeu 24.05.2025
Tilmann Lahmes große Thomas-Mann-Biografie speist sich vor allem aus "Voyeurismus", schimpft Roman Bucheli in der NZZ. Dass die Germanistik Manns Homosexualität lange Zeit unterschlagen habe, decke Lahme nicht nur auf, er sei regelrecht von ihr besessen, so Bucheli. Der Autor "ist mit seiner nur notdürftig drapierten Leidenschaft nicht allein. Gerade jüngst machten sich Editoren über Joan Didions Gesprächsprotokolle her, welche die amerikanische Autorin von 46 Therapiesitzungen bei ihrem Psychiater angefertigt hatte. "Die Hyänen der Nachwelt sind unerbittlich". Unser Resümee

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