Wunderland
Die Gründerzeit der Bundesrepublik 1955-1967

Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783737101905
Gebunden, 480 Seiten, 32,00
EUR
Klappentext
Mit ca. 60 s/w-Abbildungen. Kaum sind die Trümmer weggeräumt, setzt in Deutschland ein Wirtschaftsaufschwung ohnegleichen ein, auch ein nimmersatter Kaufrausch: Möbel, Autos, Reisen, Elektrogeräte. Mit dem Rock 'n' Roll erfasst die Jugend ein neues Lebensgefühl. 1957 eröffnet der erste Supermarkt, der Siegeszug der Discounter beginnt. Der Fernseher gruppiert die Wohnzimmer um. - Und plötzlich stellen sich neue Fragen: Wie soll man leben? Verlieren wir unsere kulturelle Identität an Amerika? Wie viel Freiheit braucht ein Kind, eine Ehe, ein Arbeitnehmer? Elvis Presley und Freddy Quinn geben unterschiedliche Antworten. 1967 ist die Bundesrepublik im Rohbau fertig. Erstmals kommt ein deutscher Staat ohne höhere Idee aus als das Glück des Einzelnen. Eine Reise in die Lust und Mühen des Wirtschaftswunders - in die Welt der Käseigel, Neckermann-Kataloge und Stalingrad-Erinnerungen, der Gastarbeiter und eines neuen Politikertyps wie Kennedy oder Brandt, der Happenings und des Klammerblues. Als die Beatles 1967 "All You Need Is Love" singen, ist die Studentenrevolte bereits im Gange. Harald Jähners Porträt der jungen Bundesrepublik, einer Zeit, in der sich alles neu formierte - und die es neu zu entdecken gilt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 19.01.2026
Rezensent Oliver Pfohlmann vertieft sich in Harald Jähners Sachbuch über die bundesrepublikanische Gründerzeit. Viel Interessantes steht da zu lesen, findet Pfohlmann, etwa über Kriegsrückkehrer, "Gastarbeiter"-Sehnsüchte, Familienmodelle und Neckermanns Aufstieg. Was Deutschland von 1955 bis 1967 und darüber hinaus prägte, erzählt der Autor laut Rezensent in zehn Kapiteln auch wie einen Bildungsroman. Das kritische Bewusstsein für die Kriegsschuld wuchs, wenn auch zögerlich, lernt Pfohlmann. Überrascht zeigt er sich angesichts der im Buch zu entdeckenden Erkenntnis, wie gut die Adenauer-Zeit heutige Probleme verständlich macht, sei es die Abhängigkeit von russischer Energie oder die Migrationsdebatten.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2025
Eigentlich ist Rezensent Matthias Alexander Harald-Jähner-Fan, aber das neue Epochenbuch des Autors enttäuscht ihn doch ein wenig. Jähner widmet sich der Bundesrepublik der Jahre 1955-1967, den Rahmen geben Wirtschaftsdaten vor, nämlich das Boomjahr 55 und das Krisenjahr 67. Anschaulich und kenntnisreich schreiben kann Jähner immer noch, stellt Alexander klar, dies zeigt sich etwa in Passagen über die Heimkehr von Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion oder den Jerusalemer Eichmann-Prozess. Mit den Ausführungen zu Wirtschaftsthemen aber wird der Rezensent nicht ganz glücklich; und vor allem ärgert er sich über eine inhaltliche Schlagseite, die auf Kultureliten-Bashing hinausläuft - die Schriftsteller der Gruppe 47 kommen gar nicht erst vor, die Jungfilmer des Neuen Deutschen Films werden als progressive Möchtegerns beschrieben und auch die sich am Horizont abzeichnende 68er-Bewegung mitsamt ihres intellektuellen Unterbaus kommt schlecht weg. Muss das sein, fragt sich Alexander, der außerdem moniert, dass fast nur von der BRD, kaum jedoch von der DDR die Rede ist. Vielleicht schwelgt Alexander, etwa wenn er sich lange über den Deutschland-Besuch der Beatles auslässt, zu sehr in eigenen Erinnerungen, mutmaßt Alexander, der hofft, dass künftige Jähner-Bücher wieder mehr Fleisch auf dem Knochen haben werden.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 11.10.2025
Ein weiteres tolles Buch über eine Epoche der jüngeren westdeutschen Geschichte legt Harald Jähner Rezensent Joachim Käppner zufolge vor. Diesmal widmet sich der ehemalige Berliner Zeitung-Feuilletonchef den Jahren 1955 bis 1967, am Anfang der Erzählung steht die Heimkehr von Kriegsgefangenen aus Russland, wobei in Deutschland, liest Käppner bei Jähner, kaum thematisiert wurde, dass unter den Rückkehrern viele Kriegsverbrecher waren. Überhaupt hatten alte Nazis in dieser Zeit oft noch einen guten Stand, erfährt Käppner außerdem, und sorgten für eine drückende Atmosphäre, die allerdings nicht so allumfassend war wie oft dargestellt. Weniger für die große Politik als für den Alltag interessiert sich Jähner, so der Rezensent, was etwa in einer Passage über den Niedergang des Huttragens deutlich wird. Zu den weiteren behandelten Themen zählen, wie wir lesen, das Desinteresse vieler Medienmacher an der Jugend und verletzte Männlichkeit angesichts berufstätiger Frauen. Alles in allem ein starkes Zeitbild, findet Käppner, der überrascht davon ist, wie viel er in dem Buch auch über unsere Gegenwart lernt.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 11.10.2025
Es sind nicht einfach Reminiszenzen, die Harald Jähner in diesem Buch serviert. Für Kritiker Marc Reichwein ist es eher ein Anlass, die jetzige Misere - die ja keine ökonomische ist - zu reflektieren. Jähner schließt mit seinem Buch an seinen Bestseller "Wolfszeit" an, der die Nachkriegszeit zum Thema hatte. Hier geht es wieder in einem "Kaleidoskop der Alltagskultur", das über das bloß Anekdotische hinausgeht, darum, eine "bundesdeutsche Mentalitätslektüre" zu ermöglichen, so der Rezensent. Er erzählt zunächst mal, mit welcher Besessenheit die Deutschen zu dieser Zeit arbeiteten, im Schnitt 48 Stunden in der Woche - auch um zu verdrängen, wie Jähner mit Hannah Arendt konstatiert. Die ersten Ansätze einer Vergangenheitsaufarbeitung werden in dem Buch auch in einem Kapitel berührt - Stichwort Auschwitz-Prozess. Der ökonomische Fortschritt, der ein Fortschritt für fast jeden einzelnen, jede kleine Familie war, wird laut Reichwein als etwas Gutes dargestellt - gegen die übellaunigen Kulturkritiker von links und rechts (Adorno!), die daran herummäkelten und denen Jähner ein Kapitel widmet. Reichwein sagt dem Buch eine große Karriere als Weihnachtsgeschenk voraus - Gaben für Boomer, die jetzt in Rente gehen und mit Wehmut an ihre Kindheit denken.