Carlo Levi

Die doppelte Nacht

Eine Deutschlandreise im Jahr 1958
Cover: Die doppelte Nacht
C.H. Beck Verlag, München 2024
ISBN 9783406823695
Gebunden, 176 Seiten, 20,00 EUR

Klappentext

Aus dem Italienischen von Martin Hallmannsecker. Unter Mitarbeit von Bernd Roeck. Carlo Levis sprachmächtiger Bericht aus Nachkriegsdeutschland Im Jahr 1958 reist der weltberühmte Autor von "Christus kam nur bis Eboli" nach Deutschland. Von Mussolinis Regierung war er verhaftet, verbannt und später ins Exil getrieben worden. Nun sieht er von München bis Berlin wundersam wiederaufgebaute Städte - und dahinter das Schweigen, die Verdrängungen und die Verwüstungen der Vergangenheit.Levi lässt sich durch Münchner Nachtlokale treiben und spricht mit schlesischen Vertriebenen, die in den Baracken des KZ Dachau wohnen. Von Augsburg über Ulm bis Tübingen begegnet er der deutschen Geschichte seit dem Mittelalter und befragt sie im Spiegel der jüngsten Geschehnisse. Er streift durch die beiden Hälften des geteilten Berlin, die "mitleiderregenden Schwestern der inneren Unfreiheit". Im Pergamonmuseum wird er Zeuge der Rückkehr von Kunstwerken, die während des Kriegs nach Moskau verbracht wurden. Mit seinem ethnographischen Röntgenblick schaut Levi in die menschlichen Abgründe von Nachkriegsdeutschland und horcht in die "hohle Stille aus Fragen und Erschütterung".

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 25.01.2025

Höchste Zeit, dass dieses Deutschlandbuch Carlo Levis auch auf Deutsch vorliegt, findet Rezensent Jens Uthoff. Levi reiste 1958 durch das Land, von München aus über Dachau und andere Stationen nach Berlin, lernen wir, und er beschreibt das Land ein gutes Jahrzehnt nach dem Ende der NS-Zeit mit sprachlicher Sorgfalt. Levi spürt laut Uthoff den deutschen Gefühlswelten nach, getragen von der These, dass die Deutschen schon lange keinen wirklichen Zugang zu ihrem emotionalen Erleben mehr haben. Besonders beeindruckt ist Uthoff von den Berlin-Passagen, in denen die neue deutsche Teilung, aber auch die Dominanzgesten beider Regimes thematisiert werden. Gleichzeitig hat der Schriftsteller und Antifaschist aber auch Zeit, gegen die Wand eines mit Göring assoziierten Hauses zu pinkeln, freut sich der Rezensent. Insgesamt ein eindrückliches Porträt eines sich - im Westteil - mühselig demokratisierenden aber immer noch gefühlskalten Landes, das geschickt die Balance hält zwischen Poesie und Politik, so das Fazit.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 04.01.2025

Marc Reichwein findet keine freundlich gezeichneten Deutschen in Carlo Levis Reisebuch von 1958. Die Deutschen des Nachkriegs, denen der Autor in München, Ulm und Ausgburg, Tübingen und Stuttgart begegnet, sie sind fett, bierselig, gemütlich, mardergesichtig, schuld- und hasserfüllt. Vor allem Levis Berlin-Impressionen treffen den Punkt, indem sie den Kampf der Ideologien zwischen Ost und West festhalten, findet Reichwein. Wertvoll erscheint ihm der Band wegen seiner ethnografischen Verdichtung, die die deutsche Psyche gnadenlos durchleuchtet.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 11.12.2024

Als "Dokumente eines Verzweifelten", der Deutschland lieben möchte, aber es nicht kann, liest Thomas Ribi die Schilderungen des italienisch-jüdischen Schriftstellers Carlo Levi, der 1958 durch Deutschland reiste. Ein "verwundetes Land" und "versehrte Menschen" findet er vor, als er im Winter von München über Augsburg, Ulm, Schwäbisch Hall und Tübingen nach Berlin fährt. Levi "tut sich schwer" mit dem, was er hier sieht, so Ribi, die Weihnachtsdekorationen lassen die Trostlosigkeit der Orte nur noch mehr hervortreten, in Nachtlokalen und Bars begegnen ihm "Gestrandete, Prostituierte und Verrückte", die selbst das bisschen Wohlstand, nachdem sie sich sehnen niemals erreichen werden. Ausgerechnet in Berlin spürt Levi so etwas wie Hoffnung, so der Rezensent. Aber die nicht aufgearbeiteten Traumata und Wunden des Krieges sind für Levi allgegenwärtig, der seine Liebe zur deutschen Kultur und Kunst nicht mit dem zusammenbringen kann, was er vorfindet, wie Ribi schließt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 23.11.2024

Rezensent Gustav Seibt annonciert eine "spektakuläre" Wiederentdeckung mit diesem Buch des aus einer wohlhabenden jüdischen Familie stammenden italienischen Schriftstellers Carlo Levi. 1959 bereits in Italien erschienen, liegt Levis Deutschlandreise nun erstmals auf Deutsch vor, vermutlich, weil der Blick des antifaschistischen Autors auf das Nachkriegsdeutschland des Jahres zu "hart und gnadenlos" war, glaubt Seibt. Abgesehen von einigen kulturtypologischen und völkerpsychologischen Passagen, die der Zeit geschuldet sind, empfiehlt der Kritiker das Buch wärmstens: So rasant, scharf, anschaulich und knapp, mitunter "surreal" beschreibt das "Groteske", "grell Schöne und düster Bedrohliche" des Landes, dass sich Seibt der Lektüre nicht entziehen kann. Und so lässt er sich von Levi, dem Maler, Mediziner und Kunsthistoriker, von Schwäbisch Hall bis Berlin mitnehmen, besucht Museen, Bierschwemme und Nachtlokale und begegnet allerhand kuriosen Nachkriegs-Gestalten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.11.2024

Rezensent Andreas Rossmann begrüßt die Neuausgabe von Carlo Levis Bericht über seine Deutschlandreise 1958, die ein Unrecht wiedergutmacht, denn die erste Ausgabe ließ philologisch zu wünschen übrig und verschwand schnell in der Bedeutungslosigkeit. Das soll nicht so bleiben, wünscht sich Rossmann. Denn der studierte Mediziner, "begabt" mit scharfer Beobachtungskunst und einem hervorragenden sprachlichen Gespür, konfrontiert den deutschen Leser mit seiner Gefühlsgeschichte nach dem Krieg: Im arbeitsamen, tüchtigen, geschäftigen Deutschland des raschen Wiederaufbaus sieht Levi die Verantwortung für den Holocaust verdrängt. Insgesamt zeigt sich Rossmann sehr angetan und beeindruckt von Levis Schilderungen, der, wie der Rezensent versteht, die innerlich belastenden Nachkriegsgegenwart sprachlich kartographiert. Erst in Berlin wird der Reisende doch noch ein bisschen "warm" mit Deutschland, verrät Rossmann. Ein Buch, das man gelesen haben muss, betont er zum Schluss, denn die offenen Wunden, die Levi Ende der 50er Jahre nachzeichnet, "brennen" heute noch.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 01.11.2024

Gerade "zur rechten Zeit" erscheint Carlo Levis Bericht seiner Deutschlandreise in deutscher - übrigens sehr gelungener - Übersetzung, glaubt Rezensent Marko Martin. Denn dieses Buch, in dem der Mediziner, Maler und Autor Levi seine Beobachtungen als Reisender zwischen München und dem geteilten Berlin schildert, ist nicht nur ein interessantes Zeugnis der Nachkriegszeit in Deutschland, sondern auch und überraschenderweise ein "Augenöffner" für die Gegenwart. Was Levi über die Kombination aus "innerer Leere" und nervöser Emsigkeit der Deutschen notiert, über die pragmatische Express-Aufarbeitung der Vergangenheit, das "Pseudo-Moralisieren", vor allem aber über die Mechanismen der Verdrängung in beiden deutschen Staaten, das hat immer noch, ja heute insbesondere Gewicht und Gültigkeit, so Martin. Levis erhellende Analyse: die Zerrissenheit der Deutschen - die Gefühlsbetontheit auf der einen, die vermeintlich reine Ratio auf der anderen Seite - dies seien die Krankheitszeichen einer Dissonanz, einer fehlenden Balance, die immer wieder extreme Auswüchse hervorbringe. Eine Dissonanz, die auch heute, rund siebzig Jahre später alles andere als ausgeheilt ist, so der Rezensent.

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