Das 1871 gegründete Kaiserreich gilt häufig als Hort der Obrigkeitshörigkeit, des Chauvinismus und des Militarismus. Dabei war es zugleich eine Zeit des Aufbruchs in die moderne Massendemokratie. Es hatte eine kluge Verfassung, ambitionierte Reformen wurden auf den Weg gebracht, einer der größten Umbrüche überhaupt nahm entscheidend an Fahrt auf: die Frauenemanzipation. Bei diesen Tendenzen, so Hedwig Richter, handelte es sich nicht einfach um Ungleichzeitigkeiten. Die vom Ideal der Gleichheit motivierte Inklusion der Massen hatte ihren Preis in einer Reihe von Exklusionen: Antisemitismus, Rassismus oder Misogynie. In ihrem Essay zeigt Richter, dass wir das 20. Jahrhundert mit seinen Extremen besser einordnen können, wenn wir die Reformzeit um 1900 in ihrer Komplexität begreifen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 01.04.2021
Rezensent Georg Simmerl liest Hedwig Richters neues Buch als Ableger von Richters kontrovers aufgenommenem Demokratie-Buch. Wieder gehe es laut Simmerl um die ambivalente Gesellschaft des Kaiserreichs und Reformen und Inklusionsprozesse, die laut Richter in die moderne Massendemokratie geführt haben. Simmerl lobt den präzisen Stil und das genaue Lektorat und folgt der Autorin bei der Herausarbeitung von Themen und Begriffen, wie Rassismus, Antisemitismus, Populismus, Misogynie, die direkt in die Gegenwart leiten. Für Simmerl ein unheimlicher Effekt. Trotz einiger "Einseitigkeiten" ist das Buch für ihn instruktiv.
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