Ursula Krechel

Sehr geehrte Frau Ministerin

Roman
Cover: Sehr geehrte Frau Ministerin
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2025
ISBN 9783608966534
Gebunden, 368 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Mit seiner Mutter sprechen zu müssen, ist für den Sohn von Eva Patarak ein Staatsverbrechen. Für Eva hingegen ist es ein Verbrechen, dass ihr Sohn und sie offenbar ausspioniert werden. Welches Ziel verfolgt die Lateinlehrerin Silke Aschauer mit ihrer Observation? Will sie etwa einen Roman schreiben? Bieten die grausamen Familienverhältnisse der Antike, die sie für den Unterricht aufbereitet, nicht ausreichend Stoff für Faszination? Fest steht nur: Silke hält längst nicht alle Fäden in der Hand, denn ihr eigener Körper hat einen blutigen Aufstand gegen sie angezettelt, der sie in die Rolle der Patientin zwingt. In ihrer Ohnmacht wenden sich beide Frauen an die Justizministerin - ohne zu ahnen, in welche Gefahr sie die Staatsvertreterin damit bringen. Ursula Krechel schreibt in ihrem neunen Roman eine Kulturgeschichte aller Frauen - von einer römischen Kaisermutter zu einer Studienrätin, von einer Verkäuferin in einem kleinen Kräuterimperium zu einer Ministerin. Es ist die Geschichte ihres Widerstands gegen die Gewalt, die ihnen physisch und psychisch zugemutet wird.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 22.02.2025

Rezensentin Wiebke Porombka zeigt sich überzeugt von der aufregenden ästhetischen Konstruktion von Ursula Krechels Roman über Gewalt in verschiedenen Ausprägungen, der aus drei Perspektiven erzählt wird:  Den Einstieg nimmt sie über Nero, der seine Mutter Agrippina zum eigenen Machterhalt kaltblütig ermordet hat. Darüber kommt sie rasch zu ihrer ersten Protagonistin Eva Patarak, die mit ihrem wenig erfolgreichen Sohn zusammenlebt; unerwartet geht die Erzählung mitten im Satz aus seiner Perspektive weiter, was für Porombka auch auf gewisse Art gewalttätig wirkt und zugleich literarisch anspruchsvoll ist. Dass Patarak ihre eigene Geschichte genommen wird, geht mit der nächsten Protagonistin, Silke Aschauer, weiter; sie erzählt Pataraks Geschichte ebenso wie ihre eigene, die geprägt durch Gaslighting ist. Für die Rezensentin werden hier wichtige Fragen danach gestellt, wer eigentlich die Macht hat, wessen Geschichte zu erzählen. Mit Blick auf die Ministerin, die die dritte  Protagonistin ist, wird zudem auch die Frage nach den Abstufungen von Gewalt gegen Frauen zwischen sprachlicher Unterdrückung und Messerangriffen gestellt.  Ein Roman, der sie sowohl ästhetisch als auch inhaltlich zu überzeugen  weiß.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.02.2025

Ursula Krechels neuer Roman verhandelt eigentlich Themen, in denen sich Feministinnen und "fühlende Männer" von heute wiedererkennen können, weiß Rezensentin Marie Schmidt. Ein " beziehungsreiches Erzählkonstrukt" arbeitet Krechel hier aus, in dem die Figuren durch eine "Unterströmung von Gewalt" miteinander verbunden sind. Die Autorin scheint sich dezidiert abheben zu wollen von der üblichen Ich-bezogenen Prosa und etwas viel Kunstvolleres schaffen zu wollen, so Schmidt, dabei verhandelt ihre Erzählung durchaus die harte Realität. Sie läuft nämlich auf das Attentat an einer Politikerin, genauer, Justizministerin hinaus, die als Frau mit Macht, die spricht und gehört wird ( ein Motiv das hier ebenfalls eine große Rolle spielt, wie Schmidt erklärt) von vorneherein gefährdet ist. Als historische "Spiegelfigur" fungiert die antike Königin Agrippina, die von ihrem Sohn ermordet wurde, so die Rezensentin. Diesen beiden mächtigen Frauen stellt Krechel zwei "gewöhnliche" Frauen der Gegenwart gegenüber. Um sich die Zusammenhänge hier zu erschließen, muss man sich schon ein wenig anstrengen, auch die ausufernden Beschreibungen an manchen Stellen sind der Kritikerin etwas zu viel. Krechel hat ihre ganzes Leben über feministische Themen geschrieben, bemerkt Schmidt abschließend, aber leider bleibt ihr Blick hier so "solipstisch" ins "Innere" ausgerichtet, dass der Kritikerin erst im Nachhinein wirklich klar wird, was sie da eigentlich gelesen hat.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 24.01.2025

Rezensentin Judith von Sternburg hat ein bisschen zu kämpfen mit Ursula Krechels vielschichtigem Roman. Die offene Erzählform, der Wechsel zwischen Ich und Dritter Person und ein wahrer Handlungswald, in dem es theoretisch und praktisch um Gewalt und Gerechtigkeit geht, um Nero und Agrippina, um Vorgänge in einem Frauenkörper und eine Ministerin, die böse Post erhält, machen es Sternburg nicht leicht, auch wenn sie das Kunstvolle des Ganzen zur Kenntnis nimmt. Kraftvolle Einzelheiten und eine schwierige Konstruktion halten sich die Waage, meint sie.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.01.2025

Rezensent Andreas Platthaus ist zufrieden mit Ursula Krechels neuem Roman. In dessen Zentrum stehen drei Frauen: die Lehrerin Silke Aschauer, die Verkäuferin Eva Patarak und eine im Roman nicht benannte Justizministerin. Die Handlung ist metafiktional, es geht um ein Buch, das Aschauer über Patarak schreiben will, oder zumindest glaubt Pararak, dass dem so ist, die auktorialen Ebenen gestalten sich jedenfalls bald äußerst kompliziert, erst recht, wenn mit der Kaiserin Agrippina eine vierte Frau ins Spiel kommt, resümiert Platthaus. Der Kritiker vergleicht den Roman mit Krechels narrativ ähnlich angelegter Erzählung "Sizilianer des Gefühls", wo allerdings drei Männer im Zentrum standen. Hier nun eben drei Frauen, und tatsächlich ist der Roman laut Platthaus ein feministischer, weil es darum geht, wie die Frauen mit ihren geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen umgehen und sich gegen tradierte Ungerechtigkeiten wehren. Ein kluges Buch, das in seiner filigranen Konstruktion so manchen autofiktionalen Roman alt aussehen lässt, so das Fazit.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.01.2025

Rezensent Adam Soboczynski muss sein Treffen mit Ursula Krechel vom Bode-Museum in die Bar des Hotels Telegraphenamt verlegen, das Bode-Museum hat ja neuerdings auch dienstags geschlossen. Aber auch an der Hotelbar erliegt der Kritiker dem zurückhaltenden Charme der "Grande Dame", mit der über das Aufwachsen im Trier der Nachkriegszeit, ihre Abneigung gegenüber autofiktionalem Schreiben und natürlich den neuen Roman spricht. Drei Frauen bilden den Mittelpuntk des Romans: Eine namenlose Justizministerin, die schwer kranke Lateinlehrerin Silke Aschauer und die neuerdings arbeitslose Einzelhandelskauffrau Eva Patarak, die mit ihrem spätpubertären, schweigsamen Sohn zusammenlebt. Allzu viel verrät Soboczynski nicht: Wir erfahren, dass die Geschichte, in die auch das Schicksal von Agrippina, die durch ihren Sohn Kaiser Nero ermordert wurde, eingebunden ist, auf ein Attentat hinausläuft. Doch als "Thriller" möchte der Kritiker den Roman nicht bezeichnen, kreiert Krechel die Spannnung doch eher über ihre raffinierte Erzählweise, mit der sie ein Verbrechen rekonstruiert, erklärt er. Nicht zuletzt empfiehlt uns der Rezensent einen Roman, der nachzeichnet, wie schnell die "Zivilisation in Barbarei" umschlagen kann, vor allem dann, wenn die Rechtsstaatlichkeit bedroht ist.

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