Noch als Bundespräsident kontrollierte Theodor Heuss einen Spionagering in der DDR. Der von der Stasi mit Hilfe gefälschter Dokumente als "KZ-Baumeister" diffamierte Heinrich Lübke war so unschuldig nicht, wie er die Welt glauben machen wollte: KZ-Häftlinge aus Flossenbürg wurden mit seinem Wissen für die Heeresversuchsanstalt in Peenemünde angefordert. Karl Carstens und Walter Scheel bestritten heftig, NSDAP-Mitglieder gewesen zu sein, obwohl es klare Belege dafür gab. Doch die Stasi schlug keinen Profit daraus. Richard von Weizsäcker redete seine Militärkarriere im Zweiten Weltkrieg klein - wurde aber ebenfalls von der Stasi geschont.Wie zutreffend ist unser Bild von den Bundespräsidenten der Bonner Republik? Warum waren die Männer an der Spitze des westdeutschen Staates von besonderem Interesse für die Stasi? Im Zuge seiner Recherchen über die Bespitzelung der sechs Bundespräsidenten der Bonner Republik durch die Stasi fördert der Historiker und namhafte Journalist Heribert Schwan bedeutsame Erkenntnisse zutage: über die Arbeit des DDR-Geheimdienstes ebenso wie über manche Verstrickung der westdeutschen Staatsoberhäupter in NS-Zeit und Kalten Krieg.Anhand von teils erstmals ausgewerteten Quellen, gestützt auf eigene Recherchen und die Auswertung umfangreicher Stasi-Akten, zeichnet er ein facettenreiches und tiefgründiges Bild der sechs Staatsoberhäupter in ihrer Zeit und deckt manche Auslassung und Schwachstelle in ihrem überlieferten Selbstbild auf. So entsteht ein bemerkenswertes Panorama der deutschen Nachkriegsgeschichte bis zur Wiedervereinigung - in gewisser Weise die andere Geschichte der beiden deutschen Staaten.Mit beispielloser Gründlichkeit forschte die Stasi im Kalten Krieg höchste Regierungskreise aus. Heribert Schwan berichtet von den Zielen und Mitteln, die im gnadenlosen Wettstreit der Systeme eingesetzt wurden, ordnet ein, deckt auf.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 10.05.2024
Rezensent Hans von Trotha versteht Heribert Schwans investigative Arbeit über die Bespitzelung westdeutscher Bundespräsidenten durch den HVA-Dienst der DDR als Mosaikbaustein in der Geschichte der Bundesrepublik. Der eher unwissenschaftliche, auf Archiv- und Datenbankrecherchen beruhende Ansatz scheint ihm legitim und spannend genug, da Schwan mit pointierten persönlichen Einschätzungen aufwartet und zeigt, welche Präferenzen man in der DDR hatte und welche Interessen man verfolgte, indem man sich etwa für Heinrich Lübke sehr, für Richard von Weizsäcker aber sehr wenig interessierte.
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