Sigmund Freuds Untersuchung des Moses von Michelangelo sowie seine Sammlung antiker Kleinskulpturen bieten, gemeinsam betrachtet, Elemente einer visuellen Psychoanalyse, die dem ikonoklastischen Grundzug dieser Wissenschaft widerspricht. Freud bezog seine Statuetten in die Behandlungspraxis ein und ließ sich auch selbst von ihnen inspirieren. Seine Sammlung, das zeigt dieser Band, ist ein Schlüssel für seine Wissenschaft des Unbewussten. Um ihre Wirkung zu nutzen, musste Freud diese Form der Behandlungspraxis verbergen, sie "verhüllen". Wenn man diese Motive berücksichtigt, ist zu erschließen, wie stark die Psychoanalyse als ein Ort der Befreiung von kulturellen Zwängen gedeutet werden kann: Freuds Beschäftigung mit dem Moses und seine Sammlung waren die Antipoden zum mosaischen Bilderverbot. Auf diese Weise konnte er den unterkundigen Bildern der Traumata einen Freiheitsraum vermitteln, in dem sich diese bewältigen ließen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.01.2024
Rezensent Andreas Mayer nimmt Horst Bredekamp seinen Versuch nicht ab, den Einfluss von Freuds Antikensammlung und seines Faibles für Michelangelo auf die Psychoanalyse herauszuarbeiten. Nicht nur ist der Autor laut Mayer nicht der Erste, der den Zusammenhang erkundet, Bredekamp wärmt hier auch teils Gedanken auf, die er bereits in seiner Michelangelo-Werkbiografie von 2021 vorstellt, meint Mayer. Bredekamps Bildanalyse des Moses von Michelangelo schließlich überzeugt Mayer höchstens als "psychoanalytische Hagiografik", in der der Künstler zum Vorläufer Freuds reduziert wird, schlüssig ist sie nicht, findet er.
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