Aus dem Englischen von Joachim Schulte. Als René Descartes im 17. Jahrhundert die Erkenntnistheorie neu erfand, revolutionierte er mehr als eine philosophische Disziplin. Er begründete ein Denkschema, das das metaphysische und ethische Selbstverständnis der westlichen Moderne umfassend geprägt hat und uns - so Hubert Dreyfus und Charles Taylor - bis heute beherrscht. Da es aber auf falschen Voraussetzungen ruht, muss es final dekonstruiert werden. Dies ist das Ziel ihres Buches.
Dazu gilt es, Descartes' wirkmächtigste Idee vom Tisch zu nehmen. Sie lautet, dass wir nie in direkten Kontakt mit der Außenwelt treten, sondern stets vermittelt durch Vorstellungen in unserem Geist. Dreyfus und Taylor zeigen, dass diese Idee bis in die Gegenwart überlebt hat, sogar bei den Philosophen, die behaupten, sie überwunden zu haben. Und sie entwickeln eine Alternative in Rückbesinnung auf eine Traditionslinie, die von Aristoteles bis zu Heidegger und Merleau-Ponty reicht.
Anhand von Begriffen wie Dasein, Zeitlichkeit und Verkörperung skizzieren sie ein radikal neues Paradigma, das den Menschen als immer schon in direktem Kontakt mit der Welt begreift: einen robusten pluralen Realismus, der auch in ethisch-politischer Hinsicht einheitsstiftende Kraft hat.
Tim Caspar Boehme anerkennt den Versuch von Hubert Dreyfus und Charles Taylor, die von Descartes begründete "Innen-außen-Struktur" zu widerlegen und den Körper ins Spiel zu bringen, um das Zustandekommen von Wissen zu erklären. Wenn die Autoren für eine schon bei Platon in Ansätzen anzutreffende Kontakttheorie plädieren, derzufolge sich Wahrheit selbst beglaubigt, mit Heidegger und Merleau-Ponty Weltverstehen als etwas Gemeinsames erkennen und schließlich einen "pluralistischen Realismus" formulieren, kann der Rezensent mitunter eine leichte Unverbindlichkeit feststellen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.09.2016
Helmut Mayer kann sich mit Hubert Dreyfus und Charles Taylor nicht zur Gänze anfreunden. Wie die beiden Autoren versuchen, die erkenntnistheoretische Topologie von innen und außen zu torpedieren, sieht für ihn nach dem sprichwörtlichen Einrennen offener Türen aus. Siehe Hegel, Wittgenstein und die Phänomenologie, meint Mayer. Wenn Dreyfus/Taylor sich auf die Linie von Quine bis Rorty einschießen, um nach Resten des alten Dualismus zu fahnden, findet Mayer das nicht sonderlich originell. Die im Buch entwickelte Idee des pluralen Realismus scheint ihm dementsprechend überflüssig.
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