Aus dem Englischen von Peter Brandes. Sprache und Schmerz werden üblicherweise als Gegensätze gedacht: Auf der einen Seite die Sprache, die sich mit Ausdruck und Kommunikation befasst und Beziehungen herstellt, während der Schmerz auf der anderen Seite gerade nicht mit Worten auszudrücken, zerstörerisch und isolierend ist. Sprachwehen hinterfragt diese vertrauten Vorstellungen und schlägt eine neue Perspektive auf das Verhältnis von Sprache und Schmerz vor, die die Wesensverwandtschaft der beiden enthüllt. Ilit Ferber geht davon aus, dass die Erfahrung von Schmerz nicht erforscht werden kann, ohne dessen innere Beziehung zur Sprache zu berücksichtigen, und umgekehrt: Das Wesen der Sprache zu verstehen, hängt essenziell von der Darstellung ihrer Beziehung zum Schmerz ab. "Sprachwehen" diskutiert vor diesem Hintergrund sowohl philosophische als auch literarische Texte und macht deren Schnittstellen insbesondere für eine Phänomenologie des Schmerzes und seinen Einfluss auf Sprache produktiv. Dabei gibt ein close reading von Johann Gottfried Herders Abhandlung über den Ursprung der Sprache (1772), dem ersten modernen philosophischen Text, der Sprache und Schmerz miteinander verbindet, Aufschluss über den 'Schmerzensschrei' als Ursprung der Sprache. Herder verleiht der Beziehung zwischen Mensch und Tier hohe Relevanz und verweist auf wichtige Funktionen des Mitleids und des Hörens für die Schmerzerfahrung. Martin Heideggers relativ unbekanntes Seminar von 1939 über Herders Text zum Sprachursprung liefert weitere wichtige Hinweise auf Konzepte des Schmerzes, seinen Ausdruck und das Hören. Als literarischer Text ist Sophokles' Philoktet für Herders Abhandlung zentral und daher ebenso für den Blick auf Schmerz, Ausdruck, Mitleid und Hören. Denker wie Stanley Cavell, André Gide und Werner Hamacher ergänzen die Erkenntnisse über den wesentlichen Zusammenhang von Sprache und Schmerz.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 21.06.2023
Rezensentin Sieglinde Geisel entdeckt mit dem Buch der israelischen Philosophin Illit Ferber die vielfältigen Zusammenhänge zwischen Schmerz und Sprache. Inspiration findet die Autorin zunächst in der Sprachphilosophie, lesen wir, beispielsweise bei Johann Gottfried Herder und Martin Heidegger. Dabei erlaubt sie sich ein oder anderen Exkurs, der ein wenig vom ursprünglichen Thema abweicht, merkt die Kritikerin an. Am Ende bezieht Ferber noch sprachtheoretische Aspekte in ihre Untersuchung mit ein, erläutert Geisel, an deren Ende eine ganz pragmatisches Fazit steht: Das Anerkennen von Emotionen durch Sprache ist auch eine "moralische Haltung" und verpflichtet zum Handeln. Ob sie das inspiriert, verrät uns die Kritikerin nicht.
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