Ilka Quindeau

Psychoanalyse und Antisemitismus

Cover: Psychoanalyse und Antisemitismus
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783518588291
Gebunden, 284 Seiten, 32,00 EUR

Klappentext

Das Konzept des autoritären Charakters und die These von der Schuldabwehr bestimmen seit Jahrzehnten den Diskurs über Antisemitismus in Deutschland. Aber sind sie überhaupt noch hilfreich und vor allem: zeitgemäß? In ihren aufsehenerregenden Adorno-Vorlesungen legt Ilka Quindeau aus psychoanalytischer Perspektive dar, warum das nicht der Fall ist. Beide Erklärungsmodelle aus dem Denkzusammenhang der frühen Kritischen Theorie dienen nämlich der psychischen Entlastung und lenken von der eigenen Involviertheit ab. Nach dem Motto: Antisemiten sind immer die anderen. Anhand von Fallvignetten aus ihrer klinischen Praxis arbeitet Quindeau heraus, dass es sich bei jener latenten, bewussten Überzeugungen widersprechenden Form des Antisemitismus um eine kulturell vermittelte und transgenerationell übertragene Ausdrucksgestalt des Unbewussten handelt. Diese ist keineswegs an einen bestimmten Charakter gebunden und wird in folgenreicher Weise nicht psychisch, sondern vielmehr strategisch abgewehrt. Um ihr zu begegnen, ist der Vorwurf des Antisemitismus allerdings kein probates Mittel, wie Quindeau am Beispiel der hitzigen Debatten um die documenta fifteen und die Berlinale 2024 analysiert. Das Ziel einer produktiven Kritik des Antisemitismus ist nur mittels Selbstreflexion erreichbar. Nur auf diesem Weg, so zeigt dieses Buch, wird Solidarität möglich sowie ein Mitfühlen mit dem Leid der anderen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 07.04.2025

Eine kluge Antisemitismus-Analyse legt Ilka Quindeau laut Rezensent Stefan Müller-Doohm vor. Die auf der Adorno-Vorlesung der Autorin aus dem Jahr 2003 basierende Schrift unternimmt eine Relektüre einer Studie, die am Frankfurter Institut für Sozialforschung unter Adornos Leitung in den 1950ern unternommen wurde, erfahren wir. Die neue Untersuchung führt bei ihr zur Erkenntnis, dass die Resilienz des Antisemitismus nicht, wie Adorno meinte, auf Ich-Schwäche zurückzuführen ist, sondern auf Strategien der Schuldabwehr. Im Folgenden entwickelt Quindeau unter anderem die These, fährt die Rezensension fort, dass sich eine unbewusste weiterverebte Schuld bisweilen auch als Kritik am Antisemitismus anderer, wie es etwa in der Documenta-Debatte zu beobachten war, äußern kann. Freilich, stellt Müller-Doohm klar, spielt dieses Buch keineswegs verschiedene Spielarten des Antisemitismus gegeneinander aus, sondern zeigt klug auf, wie Psychoanalyse für die Analyse des Phänomens fruchtbar gemacht werden kann.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 05.04.2025

Rezensent Jakob Hayner erfährt bei Ilka Quindeau Wissenswertes über den Antisemitismus und seine Wandlungen. Die psychoanalytische Brille der Autorin ist für Hayner hilfreich, um die Zweckhaftigkeit von Antisemitismus zu erkennen (Stabilität!), jüngere Debatten um Antisemitismus besser zu verstehen (Documenta, Berlinale) und Dynamiken im Antisemitismus auf ihre psychischen Konflikte abzuklopfen. Quindeaus "grundsätzliches" Argumentieren und ihre Sicht auf "konkurrierende Semantiken" des Antisemitischen erscheinen Hayner als Garanten für eine lohnenswerte Lektüre.

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