Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll

"Was machen wir aus unserem Leben?"

Der Briefwechsel
Cover: "Was machen wir aus unserem Leben?"
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783518426067
Gebunden, 487 Seiten, 44,00 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Renate Langer. Mit einem Vorwort von Hans Höller. Eine junge Lyrikerin, die 1952 erstmals bei der Gruppe 47 auftritt, und ein um neun Jahre älterer, als Autor bereits etablierter Kollege. In ihren Briefen sprechen Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll über Politik und Literatur, Religion und Reisen und immer wieder auch über die materiellen Voraussetzungen des Schreibens: Geld und eine angemessene Behausung. Über viele Jahre hinweg lesen sie die Werke des anderen - "Bitte schick mir, was Du schreibst, gegen die Trennung und das Abgetrenntsein." Trotz unterschiedlicher Lebensentwürfe gibt es viele Gemeinsamkeiten. Beide wünschen sich Konstanz und Geborgenheit, beide reizt zugleich eine Existenz außerhalb des eigenen Sprachraums und der Herkunftskultur: Böll zieht es nach Irland, Bachmann nach Italien. Und beide haben mit inneren Dämonen zu kämpfen. Erschöpfung, Sucht und Depression begleiten den Erfolg. Ingeborg Bachmanns und Heinrich Bölls zwei Jahrzehnte andauernder Briefwechsel bietet faszinierende Perspektiven auf das literarische Leben der ersten Nachkriegsjahrzehnte und profunde Einblicke in die künstlerische und persönliche Entwicklung zweier bedeutender Stimmen der Zeit. Vor allem aber wird deutlich: Bachmann und Böll standen einander näher, als bisher bekannt war.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.08.2025

Rezensent Wolfgang Schneider liest den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll mit großem Gewinn. Keine Erotik, kein Melodram wie in der Korrespondenz der Bachmann mit Frisch, dafür Tipps für den Literaturbetrieb, Reisehilfe für Rom und Austausch auf Augenhöhe, freut sich Schneider. Die Einblicke in den Alltag der Bölls und die praktische Seite der Bachmann findet er erstaunlich. Der eigens vom Rezensenten gelobte Stellenkommentar eröffnet Schneider allerhand historische, biografische und werkgeschichtliche Kontexte.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 07.07.2025

Nicht nur, aber schon vor allem für Literaturwissenschaftler und Fans der beiden Beteiligten ist dieser Briefwechsel zweier Erfolgsautoren interessant, glaubt Rezensent Christoph Vormweg. Wobei die erotische Spannung, die zwischen den Schreibenden existiert haben mag, nur gelegentlich durchscheint, und möglicherweise, glaubt Vormweg eine eher einseitige Angelegenheit war - Bachmann reagiert eher kühl auf Bölls Schwärmereien. Im Zentrum dieses interessanterweise nur lückenhaft vorliegenden Briefwechsel stehen freilich laut Vormweg Fragen des Literaturbetriebs, sie lobt seine Texte, er verschafft ihr Kontakte in der Branche, die Schwierigkeiten, die die Existenz als Schriftsteller für beide bedeutet, wird ebenfalls deutlich, etwa wenn sie sich gegenseitig persönliche Schwächen gestehen. Auch auf die Unterschiede zwischen den beiden Korrespondierenden geht Vormweg ein, Böll ist kämpferischer, auch in seinen politischen Interventionen, Bachmann hat zwar ebenfalls politische Ambitionen, etwa wenn es um Feminismus geht, schreibt aber gleichzeitig introvertierter. Jedenfalls hilft einem die mit einem reichhaltigen Anmerkungsapparat versehene Edition dabei, wieder einmal in die deutsche Nachkriegsliteratur einzutauchen, schließt der insgesamt von der Lektüre inspirierte Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 05.07.2025

Angeregt bespricht die hier rezensierende österreichische Schriftstellerin Teresa Präauer diesen aufwändig gestalteten Band, mit dem die Edition der Briefwechsel Ingeborg Bachmanns fortgesetzt wird. Dieser widmet sich Bachmanns Korrespondenz mit Heinrich Böll, dessen Karriere nicht viel früher begann als die der Autorin. Viele der Themen, über die Bachmann schreibt, kennt man aus anderen ihrer Briefe, meint die Rezensentin, wie etwa Melancholie oder die Beschreibungen von Reisen und Umzügen. Man lernt freilich auch viel über das Alltägliche des Schriftstellerlebens, in dem schon einmal die Schreibmaschine zu viel Lärm macht, auch der umfangreiche Kommentarteil hilft Präauer dabei, den Menschen Böll und Bachmann hinter den überlebensgroßen Ikonen, zu denen sie oft stilisiert werden, näher zu kommen. Gut gefallen Präauer insbesondere die Briefe der 1950er, die ein wenig zärtlicher und intensiver werden, manch anderes ist eher professionell, teils gar langweilig. Aber es lohnt sich, auf die kleinen Dinge zu achten und die Briefe gemeinsam mit den Kommentaren zu lesen, meint eine insgesamt mit dieser Edition zufriedene Rezensentin abschließend.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 03.07.2025

Für den Rezensenten Paul Jandl ist es im skandalumtriebenen Literaturbetrieb fast ungewohnt, dass der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll nur "auf dezenteste Weise" das Privatleben der beiden Autoren auslotet: Bachmanns Liebesbeziehungen kommen kaum vor, dafür geht es viel um berufspraktische Fragen des Schriftstellerlebens wie die Verlagswahl. Jandl liest von einem fast väterlichen Verhältnis Bölls gegenüber Bachmann, vertrauensvoll schreiben die beiden, freundschaftlich, zugewandt, unaufgeregt. Vielleicht war der Kontakt zu dem Kölner für die Wahl-Römerin eine "Insel der Berechenbarkeit", mutmaßt der Kritiker, auf der sie ungezwungen schreiben konnte, unbeeinflusst von romantischen Interessen. Für ihn ist der Briefwechsel ein "Protokoll einer stillen Zuneiung."

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 03.07.2025

Braucht man das? Bachmann und Böll leiden beide am Nachkriegsdeutschland und wünschen sich fort, erzählt Rezensentin Iris Radisch: Bachmann nach Rom, Böll nach Irland, am liebsten für immer. Bald wird der Briefwechsel "eine Handreichung für das Projekt 'Ferien für immer'", so Radisch, was im Wesentlichen bedeutet, man diskutiert über Geldbeschaffung und Wohnadressen. Radisch fands amüsant.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 26.06.2025

Rezensent und Gruppe 47-Experte Helmut Böttiger setzt sich mit dem Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll auseinander, der Anfang der 1950er Jahre einsetzt und oft vom Alltäglichen des Schriftstellerlebens handelt. Finanzielle Engpässe kommen bei beiden vor, erfahren wir, wenn Bachmann deshalb ein Radiofeature über Simone Weil schreiben muss, nimmt sie das zum Anlass, sich mit Böll über den christlichen Glauben zu unterhalten. Böttiger macht auf die großen Schwierigkeiten aufmerksam, mit denen Bachmann als Frau in einem männlich dominierten Betrieb umzugehen hatte, Böll schlägt sich mit einem manchmal komplizierten Familienleben mit "Frau, Kindern, ein bisschen Gepäck" herum, was sich in den Briefen niederschlägt. Ihn reizt an dem Briefwechsel besonders, dass sich daran die historischen Bedingungen ablesen lassen, unter denen beide geschrieben und gelebt haben - vom Engagement für den SPD-Kanzler Brandt bis zur Atomgegnerschaft.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 23.06.2025

Unspektakulär, aber von zugeneigter Freundschaft getragen: So fasst Rezensent Lothar Müller den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll zusammen. Die beiden Granden der Nachkriegsliteratur lernen sich 1952 auf einer Tagung der Gruppe 47 in Niendorf kennen, in den nächsten zwanzig Jahren schreiben sie sich über 100 Briefe, mal auf Briefpapier, mal als Ansichtskarten, was dank der sorgfältigen Edition der Herausgeberin Renate Langer immer gut nachzuvollziehen ist, wie Müller schildert. Er liest wenig tiefgehend persönliches, die Beziehungen Bachmanns zu Celan und Frisch kommen kaum vor, vieles dreht sich um das Autorenleben, um Geld, um die Frage, zu welchem Verlag man gehen soll, aber auch um die nicht unerhebliche Menge an Medikamenten, die beide einnehmen. Fast wie nebenbei erfährt der Kritiker hier eine Menge über den Literaturbetrieb der Nachkriegszeit, der sich manchmal "wie ein ständiges Schwindelgefühl" in beider Leben bohrt. Er empfiehlt den Briefwechsel denen zur Lektüre, die an Bachmann, Böll und Betrieb interessiert sind.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 19.06.2025

Rezensentin Elke Schlinsog lernt in diesem Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll nicht nur den Literaturbetrieb der Nachkriegszeit kennen, sie liest auch, wie schwierig es war, als Schriftsteller über die Runden zu kommen. Anfang der Fünfziger setzt der Briefwechsel ein, beide Karrieren beginnen gerade erst, kollegial und freundschaftlich treten die beiden in den Austausch, hält Schlinsog fest. Im Vergleich zu Bachmanns Briefwechsel mit Max Frisch ist dieser hier "fast unspektakulär", statt Konflikte auszutragen, schauen sie einander dabei zu, wie sie prominenter werden, aber auch unter hohem Produktivitätsdruck stehen, erfahren wir. Böll übernimmt bisweilen die Rolle des väterlichen Freundes mit Ratschlägen für Bachmann, beide schlittern immer wieder in Schaffenskrisen. Für die Kritikerin ein aufschlussreicher und faszinierender Einblick.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 16.06.2025

Deutlich friedlicher als der Frisch-Bachmann-Briefwechsel 2022 kommt Rezensentin Judith von Sternburg der Austausch zwischen Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll vor, sehr kollegial und freundlich. Kennengelernt haben sie sich 1952 bei einem Treffen der Gruppe 47, intensiv ist der Austausch vor allem um 1954, so Sternburg, Privates zwischen Geldsorgen, Beruhigungsmitteln und Familienleben spielt eine Rolle. Aber auch pragmatische Fragen zum Literaturbetrieb kommen vor, zum Beispiel, ob Bachmann sich mit ihrem Schreiben eher an den Piper-Verlag oder an Kiepenheuer und Witsch wenden sollte. Die Kritikerin schätzt den "Erfahrungsaustausch mit offenem Visier" trotz aller Unterschiede der beiden und lobt explizit, wie kenntnisreich Renate Langer die Herausgabe verantwortet hat, keine Frage bleibt im Anmerkungsapparat unbeantwortet - es wird sogar aufgeklärt, welches Modell genau gemeint ist, wenn von dem "dicken" Auto von Verleger Witsch die Rede ist.

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