Aus dem Albanischen von Joachim Röhm. Albanien, 1943. Die Deutschen marschieren in das seit 1939 von Italien besetzte Land ein. Für die Bewohner Gjirokastras ist die Nebenbuhlerschaft der beiden einzigen Chirurgen im Ansehen der Leute seit jeher ein Barometer der politischen Weltlage gewesen. Ein Gastmahl, das der große Doktor Gurameto für den deutschen Divisionskommandanten Fritz von Schwabe ausrichtet, versetzt die Stadt in Aufregung. Die dabei erwirkte Freilassung von Geiseln und mysteriöse Gerüchte über das Gelage haben zur Folge, daß die albanischen Kommunisten Gurameto der Kollaboration verdächtigen. Einige Jahre nach der kommunistischen Machtergreifung in Albanien und der Spaltung der Welt in zwei feindliche politische Lager finden sich der große und der kleine Gurameto gemeinsam in einer Gefängniszelle wieder. Sie werden bezichtigt, Teil einer zionistischen Verschwörung von Ärzten zu sein, deren Ziel es ist, die Führer des Weltkommunismus zu ermorden. Mit grausamer Folter versuchen albanische, ostdeutsche und russische Agenten, aus dem großen Gurameto ein Geständnis herauszupressen. Doch was sich bei dem geheimnisvollen Abendessen tatsächlich abgespielt hat, bleibt im dunkeln. War womöglich ein Toter bewirtet worden? Ein mysterienreiches Buch über eine albanische Stadt im Klima des beginnenden Kalten Krieges.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 22.06.2010
In menschliche Abgründe und die Tiefen der albanischen Geschichte hat die beklommene Rezensentin Judith von Sternburg mit Ismail Kaderes neuem Roman "Ein folgenschwerer Abend" geblickt. Kadare lasse eine Welt entstehen, in der alle Fürchterlichkeiten zum Greifen nahe seien, auch wenn sie sich heimlich am Gemütlichen entlang schlängelten, und in der die Menschen auf alle Schrecknisse mit demselben "unbedingten Drang zu Meinungsbildung, Pathos Geschwätz" reagieren. Sie beschreibt dies als Schafherde, zu der sich alle zusammenknäuln, um gut sehen zu können, aber selbst verschont zu bleiben. Im Mikrokosmos der Stadt Gjirokastra fliege der Autor wie mit einem winzigen Flugzeug durch die Geschichte deutscher Besatzung und stalinistischer Menschenverachtung, die ihre Spuren in den privaten Häusern der Bewohner genau wie in der kollektiven Seele der Stadt hinterließe. All das sei mit einer Virtuosität erzählt, deren Aufwand nicht wiederzuerkennen sei. Bitte nicht müde werden, Weltgeschichte zu erzählen, fordert die Rezensentin, die hier offenbar sehr gut sehen konnte.
Beeindruckt zeigt sich Rezensent Jörg Magenau von Ismail Kadares neuem Roman "Ein folgenschwerer Abend". Er hebt Kadares Vorliebe für "makabre und absurde Situationen" hervor, was für ihn auch damit zu tun hat, dass der Autor in allen seinen Büchern auch von der bitteren albanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts erzählt. Die Geschichte um den Chirurgen Gurameto, der 1943 im südalbanischen Gjirokastra für einen einstigen Studienfreund und Wehrmachtsgeneral ein Gastmahl ausrichtet und damit das Leben vieler Geißeln retten kann, zehn Jahre später aber dafür von den Kommunisten angeklagt und gefoltert wird, hat in Magenaus Augen etwas Beklemmendes, Gespensterhaftes, Düsteres. Er bescheinigt dem Autor, der Zeitgeschichte ihren rationalen Grund zu entziehen, sie als "seltsames Mysterium" erscheinen zu lassen und sie zugleich "vom Kopf auf die Füße" zu stellen. Kadare ist für den Rezensenten "ein vom 20. Jahrhundert zutiefst ernüchterter Autor, der seinen grimmigen Humor aber nicht verloren hat".
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