Aus dem Französischen von Nicola Denis. Mit seinem Essay "Über die liberale Zivilisation" löste Jean-Claude Michéa einen kleinen Skandal aus und avancierte in kurzer Zeit zu einem der meistdiskutierten politischen Philosophen Frankreichs. In seiner Untersuchung des Liberalismus zeigt Michéa, dass sich der kulturelle Liberalismus freier individueller Entfaltung, der heute zum Grundinventar linker Positionen gehört, nicht vom Wirtschaftliberalismus des freien Marktes trennen lässt und immer auf ihn zurückfällt. Gegen die linke Illusion, beide Spielarten des Liberalismus gegeneinander ausspielen zu können, und gegen die linksliberale Angst, der Gesellschaft einheitliche Tugenden aufzuzwingen, plädiert Michéa für einen vermeintlich konservativen, gar reaktionären Begriff, ohne den keine progressive Bewegung auskommt: Gemeinschaftlicher Anstand. Nur wenn Moral wieder aus der Sphäre des Privaten befreit wird, wenn Linke wieder allgemein verbindliche positive Werte einfordern und dem politisch korrekten Kampf um den Schutz voreinander den Rücken kehren, gelingt ihnen der Auszug aus dem 'Reich des kleineren Übels' des Liberalismus.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 13.05.2015
Uwe Justus Wenzel liest den französischen Politikphilosophen Jean-Claude Michéa mit Interesse. Was der Autor in seinem Essay über die liberale Gesellschaft zu sagen hat, scheint ihm zwar an die Adresse eines linken politischen und kulturellen Liberalismus zu gehen, doch stößt der Rezensent im Band weniger auf Parteipolitisches denn auf Weltanschauliches zum Thema. Als Epochengestalt stellt ihm der Autor den Liberalismus vor, als philosophisches Projekt. Nicht immer leicht sei das zu lesen, meint Wenzel, der allerdings gut erkennt, dass Michéa hier das westliche Projekt der Moderne par excellence vorstellt und mit der Politik des kleineren Übels verbindet. Dem Utopismus des Liberalismus, meint Wenzel, begegnet der Autor mit der Forderung nach Gemeinsinn, ohne diesen jedoch genau zu erklären.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.03.2015
Mitnichten ein Geheimtipp ist dieser Autor laut Hannah Bethke spätestens nach diesem bereits 2007 im französischen Original erschienenen Buch. Jean-Claude Michéa gilt ihr als mindestens so radikal gesellschaftskritisch wie Slavoj Žižek. Erhellend an dem vorliegenden Band scheint ihr einerseits, dass der Autor sich nicht eine Schublade pressen lässt und linksradikal wie wertkonservativ denken kann, andererseits, dass es ihm gelingt, den Liberalismus als kleineres Übel darzustellen, nicht als beste aller Welten. So wie hier hat Bethke den Liberalismus tatsächlich selten gesehen: moralisch neutral, wertfrei und bar jeder Metaphysik. Dem Autor gibt das laut Bethke die Möglichkeit, die übliche Unterscheidung zwischen wirtschaftlichem und politisch-kulturellem Liberalismus zu kritisieren, ihre strukturelle Verknüpfung zu zeigen und sie als Ideologie einer "schönen neuen Welt" und der politischen Korrektheit zu entarven.
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