Jehona Kicaj

ë

Roman
Cover: ë
Wallstein Verlag, Göttingen 2025
ISBN 9783835359499
Gebunden, 176 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

In ihrem Debüt findet die Autorin eine eigene Sprache. Der ungewöhnliche Titel "ë" steht für einen Buchstaben, der in der albanischen Sprache eine wichtige Funktion hat, obwohl er meist gar nicht ausgesprochen wird. Als Kind von Geflüchteten aus dem Kosovo ist die Erzählerin auf der Suche nach Sprache und Stimme. Sie wächst in Deutschland auf, geht in den Kindergarten, zur Schule und auf die Universität, sucht nach Verständnis, aber stößt immer wieder auf Zuschreibungen, Ahnungslosigkeit und Ignoranz.Als der Kosovokrieg Ende der 90er-Jahre wütet, erlebt sie ihn aus sicherer Entfernung. Doch auch in der Diaspora sind Krieg und Tod präsent - sie werden nur anders erlebt als vor Ort. Der Roman "ë" erzählt von dem in Deutschland kaum bekannten Kosovokrieg und erinnert an das Leid von Familien, die ihre Heimat verloren haben, deren ermordete Angehörige anonym verscharrt wurden und bis heute verschollen oder nicht identifiziert sind. Eine Vergangenheit, die nicht vergehen kann, weil sie buchstäblich in jeder Faser des Körpers steckt, wird von Jehona Kicaj im wahrsten Wortsinn zur Sprache gebracht.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.10.2025

Rezensentin Christine Hoffmann staunt über die Sprachbeherrschung dieses pointierten Debüts. Darin erzählt die kosovarische Autorin autofiktional vom Aufwachsen in Deutschland, von Reisen in den Kosovo und der Begegnung mit einer neuen Sprache, die zu einer "Antenne für Traumata" und Verschwiegenes werden kann. Darunter fallen etwa die Konsequenzen des Kosovokrieges, dem Verwandte der Erzählerin ausgesetzt waren, ohne dass ihre Familie je Genaueres über ihr Verbleiben herausfinden konnte. Allein der Titel verweise auf einen Buchstaben, der im Albanischen zwar stumm bleibe, aber die lautliche Umgebung beeinflusse und dadurch aus dem Stillen heraus das Gesagte verändere. Hoffmann findet dieses Bild eindrücklich, wenn auch offensichtlich. Es passt zu der vom Roman angestrebten Form der Selbstbeherrschung, die alles variationsreich aus der Sprache heraus zu erarbeiten versucht. Das Ergebnis, eine Sprache, die die Erzählerin als "entwurzelt und verwickelt" zugleich positioniert, beeindruckt Hoffmann.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.10.2025

Wie eine kleine, komplexe, mit größter Sorgfalt und Rationalität konstruierte Maschine beschreibt Rezensent Hubert Winkels Jehona Kocajs Debütroman "ë". Was zunächst wie eine verwirrende Sammlung von Exkursen und Bildern wirken mag, ist also tatsächlich ein komplexes Gefüge: Die Verfahren, mit denen die Protagonistin, Tochter einer aus dem Kosovo geflohenen Familie, sich beschäftigt, sind, so divers sie scheinen mögen, doch alle Verfahren zur geradezu körperlichen Vergegenwärtigung des Verlorenen: Die kultisch anmutenden Verehrungen von übrig gebliebenen Objekten einer verlorenen Zeit, die ihre Familie praktiziert; die Untersuchung ihres von einem vermittelten Schmerz befallenen Körpers; ihr Interesse an anthropologischer Forensik. All diese Verfahrensweisen, auch Kicajs Sprache, die Bilder, geschichtliche, biografische und mediale Elemente sind perfekt zusammengefügt, erfüllen präzise und effizient ihre Funktion, staunt Winkels. Dabei reflektieren sie sich stets selbst: Szenen "antworten" aufeinander, Details spiegeln sich in anderen, erkennt der Rezensent. Und auch die Erzählstruktur folgt konsequent einem klugen Programm: Aus Exkursen bestehend reflektiert sich diese Erzählung als eine, für die es kein gerades, selbstverständliches Narrativ gibt. Sie selbst, die sich reflektierende Maschine, ist eine Vermittlung des Verschwundenen, schlussfolgert der beeindruckte Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 09.10.2025

Rezensentin Carola Ebeling ist voll des Lobes für Jehona Kicajs Debütroman, der auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises steht und einen albanischen Buchstaben zum Titel hat, der für die Sprache enorm wichtig ist, ohne dass er überhaupt ausgesprochen wird. Die Ich-Erzählerin ist im Kosovo geboren und in Deutschland aufgewachsen, aber der Kosovokrieg wirkt noch nach, erfahren wir, sie leidet unter schmerzhaften Kieferverspannungen, die sie zur Sprachlosigkeit zu verdammen drohen. Sprachlosigkeit ist eins der Themen, das Kicaj für Ebeling klug in ihre Erinnerungs- und Rückblendungsströme einbaut, die auch davon handeln, dass der Familie das Albanische zweimal genommen wurde, einmal von der Angst vor den Serben, einmal in der neuen Heimat, in der Deutsch gesprochen wurde. Zudem treffe die Erzählerin auf eine Forensikerin, die Leichen aus Massengräben untersuche und damit deren Skelette zum Sprechen bringe. Ein eindrucksvoller Text, der für die Rezensentin die individuelle und kollektive Ebene des Krieges und seine Auswirkungen zeigt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.10.2025

Der Buchmarkt wird geradezu geflutet mit Geschichten von Flucht und Heimatlosigkeit, aber dieses Buch sticht trotzdem heraus, betont Rezensentin Sarah Pines. Denn Fluchtgeschichten aus dem Kosovo gibt es kaum, schon allein deshalb empfiehlt sie die Lektüre. Die namenlose Protagonistin ist kurz vor dem Ausbruch des Krieges 1998 nach Deutschland gekommen, erzählt Pines, sie gilt als "Jugoslawin", bleibt ihr Leben lang Außenseiterin. Nur mit ihrem Zahnarzt spricht sie gerne, der behandelt ihren "Bruxismus", das stressbedingte, extreme Zähneknirschen - ein Ausdruck von innerem Chaos und unverarbeiteten Traumata. Denn sprechen kann die Protagonistin nicht über ihre schlimme Vergangenheit, erklärt die Kritikerin. Das alles ist in einem "erstaunlich unaufgeregten Ton" gehalten - ein wichtiges Buch über eine "stille Diaspora", schließt die Kritikerin.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.09.2025

Laut Rezensent Tilman Spreckelsen fügt die aus dem Kosovo stammende Jehona Kicaj mit ihrem Roman dem Bild vom Ankommen und Aufwachsen in Deutschland eine Farbe hinzu, indem sie über Heimat und Heimatsuche erzählt und das Schicksal ihrer auf ihre Kindheit zurückblickende Protagonistin transzendiert. Es geht um Leben und Tod in diesem Text, um Verdrängung und um eine Realität, die durch Sprache entsteht, erklärt Spreckelsen. Wie in Deutschland mit den Geschehnissen im Kosovo umgegangen wurde, ist für die kindliche Protagonistin irritierend, für den Leser nicht minder, ahnen wir.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 09.08.2025

Für Rezensentin Lara Sielmann ist Jehona Kicaj mit ihrem Debütroman ein "großes Stück Literatur" geglückt: Die namenlose Protagonistin leidet unter Bruxismus, das heißt, sie knirscht so stark mit den Zähnen, dass sie bleibende Schäden davontragen wird. Wir lernen, dass das eine Spätfolge ihrer Flucht als Kind aus dem Kosovo ist - ihre Muttersprache Albanisch musste sie zeitweise verdrängen - und Deutsch zu lernen, hat ihren Kiefer weiter verändert. Eine Begegnung mit einer forensischen Anthropologin verändert sie, so Sielmann, sie identifiziert die Identität Getöteter anhand des Gebisses, und beschreibt sich als "Übersetzer der Sprache des Skeletts." Für die Kritikerin ein komplexer, poetischer und politischer Text über die Dimensionen, die Sprache einnimmt.

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