Jonas Lüscher

Verzauberte Vorbestimmung

Roman
Cover: Verzauberte Vorbestimmung
Carl Hanser Verlag, München 2025
ISBN 9783446283046
Gebunden, 352 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Ein algerischer Soldat gerät in den ersten deutschen Giftgasangriff, beschließt, einer müsse damit aufhören, steht auf und geht. Im Kairo der Zukunft beobachtet eine Stand-up-Comedian eine Androidin beim Lachen über ihre Witze. Ein böhmischer Weber wird durch einen automatisierten Webstuhl ersetzt, raubt einen Hammer und attackiert den Apparat. Wovon träumen wir Menschen des Kapitalismus, wovon unsere sich zunehmend gegen uns erhebenden Maschinen? Im Spiegelraum dieses Romans ist kein Konflikt vorbei und noch jede Geschichte möglich.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 01.02.2025

Vielleicht ein neuer "Jahrhundertroman", ist das Fazit der Rezensentin Wiebke Porombka nach ihrer umfangreichen Besprechung von Jonas Lüschers Buch, das seinen Ausgang in einer autofiktional anmutenden Corona-Infektion nimmt, die den Protagonisten ins Koma befördert und dafür sorgt, dass er künstlich beatmet werden muss. Daraus entfaltet sich eine Reflexion darüber, was die "menschliche Abhängigkeit von technischer Innovation" betrifft, Lüscher macht Bezüge zu Soldaten in Giftgasangriffen des Ersten Weltkriegs auf, zu KZ-Todesmärschen, zur ägyptischen Mythologie, in einer traumreichen Ästhetik wie bei Peter Weiss, der Protagonist unternimmt nach seiner Genesung einige Reisen, um diese Zusammenhänge herzustellen. Dass der Autor nie das Wort Corona in den Mund nimmt, hilft Porombka zufolge, die überzeitliche Wirkung dieser Geschichte herzustellen, dabei helfen die Passagen zwischen Koma und Erwachen als "poetologische Schlüsselstellen", um die Wahrnehmung für die Pandemie und ihre technischen Implikationen als gesellschaftliche Zäsur zu schärfen, wie sie schließt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 30.01.2025

Einen ziemlich einzigartigen Traumaroman hat Jonas Lüscher laut Rezensentin Iris Radisch geschrieben. Ausgangspunkt, erfahren wir, ist die schwere Corona-Erkrankung des Autors, wie in einem Fiebertraum huscht der Lüscher offenbar nachempfundene Ich-Erzähler durch Zeiten und Räume. Die Spannbreite ist beeindruckend, findet Radisch, es geht von der industriellen Revolution bis in die nahe Zukunft ebenso wie von Flandern und Böhmen bis nach Ägypten. Auch motivisch ist viel los, zählt Radisch weiter auf, eine Menge Maschinen kommen vor und auch ein Traumpalast, den ein Briefträger erbaut hat, außerdem helfen zahlreiche Schriften dabei, dem Roman Zusammenhalt zu geben, darunter eine Peter-Weiss-Erzählung oder Reportagen über die Mondlandung. Radisch überlegt, was die ganzen Maschinen in diesem Buch mit Lüschers Covid-Erkrankung zu tun haben könnte, die der Autor ebenfalls nur dank Maschinen überlebte. Wie in einem Schattenreich gleitet er im Roman durch Raum und Zeit, Lüscher selbst spricht mit Deleuze und Guattari von einem "rhizomatischen Gewebe", weiß Radisch. Die Ironie der vorherigen Bücher ist verschwunden, die Gelehrsamkeit des Autors erschlägt mitunter, findet die Kritikerin. Dafür besticht dieser "radikal verwilderte" Roman unter anderem mit Rasanz, so Radisch, Und dass ganz am Ende in all der oft menschenfeindlichen Maschinenwelt und bei all den Nahtoderfahrungen doch ein bisschen menschliche Hoffnung blüht, gefällt der insgesamt sehr angetanen Rezensentin ebenfalls.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.01.2025

Wie ein "Donnerschlag" tönt dieser Roman für Rezensent Andreas Platthaus in der Welt der Literatur. Der Kritiker ist froh, endlich mal wieder etwas von Jonas Lüscher zu lesen - und dann gleich so: Über Jahrhunderte hinweg erzählt der Autor, klassische Erzählmuster unterlaufend, über die "Grenzen der Glücksverheißungen des Lebens". Sein Ich-Erzähler weist dabei für den Rezensenten deutliche Parallelen zu Lüscher selbst auf. Wir folgen diesem Erzähler über "verschlungene" erzählerische Pfade, es geht um das Leben eines algerischen Soldaten, den Schrifsteller Peter Weiss und nicht zuletzt um Cyborgs. Das  "Kernstück" des Romans bildet laut Kritiker ein Besuch in Neu-Kairo im Jahr 2023, eine Episode, der Platthaus eine "szenischen Virtuosität" attestiert, wie er sie selten gelesen hat. Auch das Auftauchen der Cyborg-Frau Kate, die gleichzeitig Maschinenstürmerin ist, kann den Kritiker überzeugen und lässt ihn an eine weibliche Version von Voltaires "Candide" denken. Lüscher wird sowohl politischen als auch literarischen und sprachlichen Leseransprüchen mehr als gerecht, versichert Platthaus abschließend.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 29.01.2025

Vom Tod erzählend und doch vor Lebendigkeit glühend: Zwischen diesen beiden Polen menschlicher Erfahrung sieht die Rezensentin Judith von Sternburg den neuen Roman von Jonas Lüscher, der ihr sehr gut gefallen hat. Doch wenn es um Tod und Leben als Konstanten menschlicher Erfahrung geht, macht Lüscher einen Sprung darüber hinaus. Er schreibe zunächst über Menschen und Maschinen, über ihre Erfinder und über Momente der Mensch-Maschine-Begegnung wie das Treffen einer Komödiantin in Kairo mit der Androidin Kate. Lüscher verarbeite hier auch die Erfahrungen, während einer schweren Corona-Erkrankung von einer Maschine am Leben gehalten zu werden, und erzähle "eindrucksvoll" von seinem eigenen Dasein als "Cyborg". Auch sein Erzähler ist gezeichnet von den Nachwirkungen der Krankheit, erzählt aber dennoch von zahlreichen Begegnungen, Reisen, und Personen, oder "lässt andere erzählen, was ihnen erzählt worden ist" - da muss man schon am Ball bleiben, meint Sternburg, um die Feinheiten nicht zu versäumen. Sie attestiert Lüschers Text etwas "Traumwandlerisches", und schätzt, wie sich nicht nur die Handlung, sondern selbst die Grammatik des Buches als etwas Organisches, aus sich selbst heraus entwickeln.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 28.01.2025

Rezensent Paul Jandl liest Jonas Lüschers Roman auch als Logbuch des Autors, der nach einem wochenlangen Koma während der Corona-Zeit wieder zum Leben erwachte. Darüber hinaus bietet der Band laut Jandl ein "Schaubild lebendig gewordener Gestalten" von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs bis in unsere Gegenwart und sogar darüber hinaus. Cyborgs kommen vor und Soldaten im Schützengraben. Entstanden ist laut Jandl ein Gegenwartsglossar aus Traumsequenzen, Reportageelementen und Erinnerungen und ein existenzielles Stück Prosa mit reflexivem Ton, in dem es um die Erschütterung von Wahrheiten geht. Darauf muss man sich einlassen, rät Jandl.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 25.01.2025

Schwer beeindruckt zeigt sich Rezensent Lothar Müller in seiner dichten, ausführlichen Besprechung von Jonas Lüschers Buch. Lüscher begibt sich auf die Spuren des Schriftstellers und Malers Peter Weiss und stellt insbesondere zwei Episoden in dessen Leben ins Zentrum, zum einen die Flucht vor den Nazis in jungen Jahren, zum anderen ein Besuch in einem Nest bei Lyon, das Weiss 1960 aufsuchte, um ein Bauwerk des Außenseiterkünstlers Ferdinand Cheval zu besichtigen. Lüscher selbst, dessen eigene Biografie ebenfalls in den Roman hinein spielt, besichtigt dieses Kunstwerk namens "Palais idéal", ein von den Surrealisten bewundertes Bauwerk, das zahllose kulturgeschichtliche Einflüsse vereint. Weiss' Bewunderung kann Lüscher jedoch nicht nachvollziehen, es erscheint ihm als Kleinbürgerfantasie. Das zentrale Thema des Romans ist laut Müller allerdings ein anderes: Lüscher denkt hier über das Verhältnis von Mensch und Maschine nach, unter anderem in der genauen Beschreibung eines Weiss-Gemäldes zum diesem Thema. Wie überhaupt der Text viele Beschreibungen enthält und außerdem in einer Sprache verfasst ist, die von langen, komplexen Sätzen, aber auch von einer einnehmenden Rhythmik geprägt ist. Wichtig für das Buch ist nicht zuletzt Lüschers eigene Coronaerkrankung, die fast tödlich verlaufen wäre - gerettet wurde der Autor durch die moderne Technik, was im Buch ein interessanter Gegenpol zur gelegentlich anklingenden Technikkritik ist, erkennt der Rezensent. Auch nach Böhmen und Ägypten geht es noch in diesem außergewöhnlichen Buch, erfahren wir außerdem. Insgesamt, resümiert Müller, ist das hier jedenfalls ganz große Literatur.

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